Donald Duck im atomaren Endlager

von Christian Baron

Jena, 14. März 2012. Kann Komik ernsthafte Inhalte vermitteln? Wer das turbulente Treiben auf der Großen Bühne des Theaterhauses Jena in Niklaus Helblings als "radioaktive Roadshow" apostrophierter Inszenierung mit dem Titel "Fall Out Girl" erlebt, kann gar nicht anders, als diese Frage heftig zu bejahen. Mit allerlei Songs, diversen Videos und reichlich verqueren Stories im Gepäck zieht die titelgebende Heldin (Antonia Labs) hier durchs Thüringer Land. In Ihrem Schlepptau befindet sich stets der abgehalfterte Comichändler Bartleby (Johannes Geißer).

fog-1 280 joachim dette uDas seltsame Paar und der Special Ghost
Fotos: Joachim Dette
Sie selbst hält sich für Marie Jane Watson, die Freundin der legendären "Spiderman"-Inkorporation Peter Parker. Bartleby soll ihr helfen, den verlorenen Heros aufzuspüren innerhalb einer Welt, die immer weiter durch menschlich erzeugte radioaktive Abfälle verseucht wird. Die Suche führt die beiden ins Kyffhäuser-Gebirge, das als Atommüll-Endlager dient. Dort trifft die Protagonistin auf Donald Duck, den Geißer mit der erwartbaren Quieck-Stimme spielt und der den zu einer Spinne mutierten Spiderman in einem Glas aufbewahrt.

Verzweifelte Suche

Hier kann der rein narrative Pfad schon verlassen werden, denn die Handlung zwischen Anfang und Ende ist absolut randständig. Viel wichtiger sind jene zahlreichen Einfälle, die diese famose Darbietung offenbart. Da taucht auf der Videowall etwa Orson Welles (Jonas Zipf) als "Special Ghost" auf und philosophiert darüber, ob es die Menschheit wohl schaffen mag, ihren Planeten unbewohnbar zu machen, bevor ihr ein Asteroid aus dem All die Arbeit abnimmt. Mit Marie Curie (Eva-Maria Pichler) hat auch die Entdeckerin von Polonium und Radium ihren Platz in der Show. Allerdings nur als Seelentrösterin für das Fall Out Girl auf der verzweifelten Suche nach ihrem vermeintlichen Geliebten.

Antonia Labs und Johannes Geißer verkörpern ihre Rollen mit solcher Inbrunst, dass man hier wahrhaftig den Prototyp des längst zum künstlerischen Universalzitat avancierten "seltsamen Paares" vor sich glaubt. Fall Out Girl ist als quirliges Dummchen gezeichnet, das völlig auf das eine Ziel fixiert ist, den Mann ihrer Träume (wieder?) zu finden, während Geißer den totalen Gegenpart mimt: zurückhaltend, abwägend und stets skeptisch. Wie die beiden interagieren, ja in ihrer Verschiedenheit harmonieren, ist derart komisch, dass es sogar flachere Pointen zu retten vermag. So ist Bartleby nicht umsonst eine Entlehnung aus einer Erzählung Herman Melvilles, dessen gleichnamige Figur die Vorgesetzten mit dem legendären Satz "I would prefer not to" in den Wahnsinn treibt.

Fiese Mutanten auf Zelluloid

Untermalt werden die vielen, sozial höchst relevanten Absurditäten immer wieder durch von Johannes Geißer selbst komponierte, eingängige Lieder, deren Stil von Hardrock bis Hip Hop die gesamte Palette populärer Musik abdeckt. Auf der Bühne finden sich neben den E-Gitarren und Mikrophonen ein Pappaufsteller, der als multifunktionale Requisite und Videoprojektionsfläche dient sowie einige abstruse Utensilien (eine aufblasbare Pokemon-Figur, bunte Fantasie-Schwerter, notdürftig konstruierte Waffen). Was den knallig und brav zugleich anmutenden Charakter der Performance gemeinsam mit den klug, weil sparsam eingesetzten Lichteffekten und der Atomstrahlen implizierenden Wand nur unterstreicht.

fog-2 280 joachim dette uEingebaut wird – und das darf als wesentliche Schwäche des Textes betrachtet werden – auch eine Firma, die den "bösen Kapitalismus" symbolisieren soll: Das Unternehmen "Netix" hat sich Spidermans Fähigkeiten einverleibt und stellt mit künstlich gewonnener Spinnenseide kriegstaugliches Material her. Mitarbeiter des Konzerns werden als fiese Mutanten auf Zelluloid gebannt dem Publikum vorgeführt. Ein verzeihlicher Ausrutscher ins Oberflächlich-klischeehafte, denn es bleibt der Einzige. Was schwer verwundert, denn der Abend ist gänzlich angelegt als Nonsens, der eine eindeutig subversive Haltung transportiert.

Rebellischer Frohsinn

Diese Haltung bringt ausgerechnet Donald Duck in seinem Endlager auf den Punkt: weil das einzig bleibende Erbe der Menschheit der in Tonnen verbuddelte, strahlende Atommüll sein wird, sollten wir Erdbewohner entweder (wie Donald) in Lethargie verfallen oder aber (wie Spiderman) idealistisch bleiben – was schließlich aber mindestens genauso zwecklos scheint, wie das Schicksal des Superhelden als mutierte Spinne im Marmeladenglas demonstriert.

Gelungen ist den Gruppen "Mass & Fieber Ost" und "Theaterscheune Teutleben", die das Stück gemeinsam kreiert haben, damit ein Jahr nach Fukushima eine ebenso tiefgründig-originelle wie unterhaltsam-humorvolle Auseinandersetzung mit einem höchst relevanten Sujet, das unser aller Nachfahren noch schwer zu schaffen machen wird. Aber letztlich ist es in düster-ernsten Zeiten wie diesen wohl wirklich rebellisch, sich apokalyptisch verbrämten Menschheitsthemen mit viel Frohsinn zu widmen. Denn genau in diesem Sinne funktioniert "Fall Out Girl": substantielle Gesellschaftskritik als verstörende Party. Und davon sollte es wahrlich mehr geben an deutschen Theatern.

 

Fall Out Girl. Radioaktive Roadshow
von Brigitte Helbling
Regie: Niklaus Helbling, Komposition: Johannes Geißer, Bühne / Video: Elke Auer, Kostüme: Viktoria Behr, Art Direction: Thomas Rhyner, Mitarbeit Musik: Michael Semper, Tom Semper, Felix Huber, Produktion: Manuela Wießner, Regieassistenz: Suse Berthold.
Mit: Antonia Labs, Johannes Geißer, Special Ghost Appearances aus Oldenburg, Zürich, Jena.

www.theaterhaus-jena.de

 
Kritikenrundschau

Die Inszenierung, die sich zwischen Konzert und Performance bewege, lebe vor allem von den beiden Darstellern, schreibt Jördis Bachmann in der Ostthüringischen Zeitung (16.3.2012). "Sie verleihen den Figuren einen überzeugenden Charakter." Vor allem Antonia Labs, die vom witzigen, gelben Pokemon-Kostüm ins hautenge Minikleid wechselt, gebe der Inszenierung charmante Lebendigkeit, "man nimmt ihr das blass-blonde, neurotisch veranlagte Fall out Girl gerne ab." "Fall out Girl" sei wunderbar trashiges und schwarzhumoriges Theater - "ohne jede Bitterkeit wird hier ein hartes Thema von allen Seiten 'bestrahlt'."

In der Thüringischen Landeszeitung (16.3.2012) schreibt Marcus Schulze: "Was absurd und schrill klingen mag, ist letztlich intelligentes 'Poptheater' mit einem sehr ernsthaften Kern." Das Stück biete einen facettenreichen, niemals statisch wirkenden Stilmix, der geradezu tänzerisch zwischen Konzert und Performance agiere und mit popkultureller sowie wissenschaftlicher Intertextualität gespickt sei. Getragen werde die Inszenierung von der Vielseitigkeit der beiden Darsteller. Wer sich auf das aus Querverweisen bestehende Universum einlasse, werde seine wahre Freude haben und nebenbei noch allerlei Wissenswertes erfahren. "Bei aller aberwitzigen Darstellung und grotesk wirkender Überzeichnung, handelt es sich hierbei um ein Stück Kunst, das in seinem leicht überdrehten Wesen, dem Wahnsinn einer atomaren Bedrohung sehr gerecht wird."

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