Sonntag, 20. April 2014

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Die Blackfacing-Debatte III – Man muss kein Neonazi sein, um rassistisch zu handeln

altDie Bequemlichkeit der Definitionshoheit

von Lara-Sophie Milagro

28. März 2012. Der Aufschrei ist groß unter Theatergängern, Intendanten, Schauspielern, Journalisten und Kritikern: Sie alle nehmen Weltoffenheit und antirassistisches Denken und Handeln für sich in Anspruch und sind nicht gewillt, dieses sorgsam gepflegte Selbstbild so einfach aufzugeben. So war man denn auch zu Beginn der Blackfacing-Debatte vor allem damit beschäftigt, sich gegenseitig von jedwedem Rassismus frei zu sprechen: "Es ist ebenso rassistisch, wenn Weiße keine Schwarzen spielen dürfen – und es ist gerade rassistisch, wenn Schwarze Schwarze spielen", so ein häufiges Argument. Oder: "Das Stück war ja anti-rassistisch, darum kann das darin verwendete Blackfacing ja gar nicht rassistisch sein", als ob der Zweck alle Mittel heiligen würde. Nicht minder ignorant waren die nicht enden wollenden Verweise auf die künstlerische Freiheit, den vermeintlichen ("positiven") Rassismus der Protestierenden, die Qualität einzelner Inszenierungen oder die schauspielerischen Fähigkeiten einzelner schwarzer Schauspieler.

1. THEATER UND RASSISMUS

Gleichzeitig setzte sich lange kaum einer der Verantwortlichen mit den tatsächlichen Inhalten der Protestierenden auseinander, wie sie zum Beispiel auf den Flugblättern nachzulesen waren, die im Rahmen der Aktion am Deutschen Theater gegen das Blackfacing in dem Stück Unschuld (Regie: Michael Thalheimer) verteilt wurden. Statt dessen wurden Argumente aufgeführt, die unfreiwillig bewiesen, dass die Protestler mit ihren Diskriminierungsvorwürfen recht hatten. Erfreulicherweise hat das Deutsche Theater die letzte Aufführung von "Unschuld" am 21. März ohne Black-Facing statt finden lassen und somit einen ersten Schritt in die richtige Richtung getan.

Das Einheits-Weiß deutscher Stadttheater
Erstmals entbrannte die Blackfacing-Debatte um Dieter Hallervordens Inszenierung "Ich bin nicht Rappaport". Darin verkörpert der schwarz angemalte Schauspieler Joachim Bliese eine schwarze Rolle. Von Seiten des Schlosspark-Theaters hieß es damals, man hätte keine afro-deutschen Schauspieler gefunden, weil es in deutschen Theater-Ensembles keine gäbe.

Es ist löblich, dass das Schlosspark Theater dies erkannt hat. Schade nur, dass es daraufhin nicht die nächst liegende Frage stellte: Warum gibt es diese systematische Ausgrenzung von PoC an Deutschlands Theatern? Stattdessen wurde ein augenscheinlicher Missstand als Rechtfertigung für die Notwendigkeit einer weiteren Diskriminierung, die des Blackfacing, genutzt. Verkehrte Welt.

Klickt man sich im Internet auf der Homepage deutscher Stadt- und Staatstheater durch die Fotos der Ensemble-Mitglieder so bietet sich einem tatsächlich stets dasselbe, einheitliche Bild: SchauspielerInnen mit stereotyp deutschem Erscheinungsbild, sprich: weißer Hautfarbe. Hin und wieder mal ein Nachname, der nicht urdeutsch klingt, aber zum Glück sieht man es der Trägerin kaum an. Die wenigen Ausnahmen kann man an einer Hand abzählen.

Die Uneinheitlichkeit der deutschen Gesellschaft
Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft, Deutschland ist ein Einwanderungsland. Es gibt Deutsche mit türkischen, afrikanischen, asiatischen, russischen – kurz: mit jeden nur denkbaren ethnischen und/oder kulturellen Wurzeln. Sie sind Ärztinnen, Schauspieler, Bauarbeiterinnen, Restaurantbesitzer, Studenten, Zahnarzthelfer, Juristinnen, Grafik Designer, Schriftstellerinnen, Politiker und Hartz IV-Empfänger.

Das bunte Bild auf Deutschlands Straßen weicht einem Einheits-Weiß, sobald man ein Sprechtheater betritt. Keine PoC weit und breit, Schwarze schon gar nicht. Allerhöchstens beim Kantinenpersonal, in der Verwaltung oder der Technik. Warum ist das so?

Im Jahre 2012 haben gut 18 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen einen multiethnischen Vordergrund. Rund acht Millionen von ihnen sind Deutsche, weitere sieben Millionen besitzen zwar nicht die deutsche Staatsbürgerschaft, prägen, gestalten und definieren aber durch ihren permanenten Aufenthalt hier die deutsche Kultur genauso mit. All diese Menschen werden zukünftig immer weniger bereit sein, sich damit zufrieden zu geben, dass ihre Gleichberechtigung gegenüber weißen Deutschen zwar auf dem Papier garantiert, aber in der Realität ein frommer Wunsch ist. Sie werden es nicht mehr hinnehmen, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft ihnen vorzuschreiben versucht, wann sie sich diskriminiert fühlen dürfen und wann nicht. Und dass diese Gesellschaft die Definitionshoheit darüber beansprucht, was Rassismus ist, wie ein Deutscher aussieht und wer die deutsche Kultur auf deutschen Bühnen mit seinem Gesicht zu vertreten hat.

Selbstverständlichkeit in englischsprachigen Ländern
Im Sprechtheater repräsentieren die Darsteller, in einem noch viel höheren Maße als in der Oper oder im Tanz, die Kultur des Landes durch ihr Aussehen, ihre Physiognomie. In der Oper steht die Musik im Vordergrund, beim Tanz der Körper und die Bewegung, beim Schauspiel das Gesicht (als Teil der Gesamterscheinung) und die Sprache. Wen wir in welchem Land in welchen Rollen auf der Bühne sehen, gibt also auch Aufschluss darüber, wen die jeweilige Gesellschaft als geeignet ansieht ihre Kultur in welchen Rollen zu vertreten, was wiederum offenbart, welche Länder PoC als Teil ihrer Kultur betrachten und welche nicht.

In England und Amerika zum Beispiel vertreten PoC ganz selbstverständlich die amerikanische bzw. europäische Kultur. Man findet Menschen jedweder Hautfarbe – in großer Anzahl, nicht nur vereinzelt – in den Ensembles und auf den Bühnen der großen Theater. Ein Viertel des Ensembles der Royal Shakespeare Company besteht aus PoC, das National Theatre in London wirbt derzeit mit einem Plakat, auf dem zwei schwarze (nicht angemalte) Schauspieler zu sehen sind, für ihre aktuelle Produktion der "Comedy of Errors" (ca. die Hälfte der Rollen in dieser Produktion sind dann auch tatsächlich mit Schwarzen besetzt), die amerikanisch-iranische Schauspielerin Shohreh Aghdashloo spielt Lorcas Bernada Alba am renommierten Londoner Almeida Theatre und afro-britische SchauspielerInnen wie Adjoa Andoh werden regelmäßig an großen Häusern für Hauptrollen in klassischen und modernen Stücken besetzt. Andoh spielte beispielsweise die Portia in "Julius Cäsar", die Blanche in "Endstation Sehnsucht" und Misses Saunders in Carol Churchills "Cloud Nine" – Rollen, von denen afro-deutsche SchauspielerInnen hierzulande nur träumen können.

Wer welche Rollen spielen kann und darf
Im Unterschied dazu haben in Deutschland Intendanten, Regisseure, Schauspielschulen, Vermittlungsagenturen stellvertretend für den (angeblichen) Geschmack eines überwiegend weißen Publikums entschieden, dass schwarze SchauspielerInnen – Deutsche wie Ausländer – aufgrund ihres Aussehens, insbesondere ihrer Hautfarbe (also ihrer sogenannten rassischen Merkmale wegen), nicht geeignet sind für die meisten Stücke der deutschen und europäischen Dramatik. Weiße Darsteller hingegen dürfen alles spielen, einschließlich Kleopatra, Midge ("Ich bin nicht Rappaport"), schwarze Flüchtlinge ("Unschuld") sowie ausdrücklich als schwarz deklarierte Rollen ("Clybourne Park"). Schwarze SchauspielerInnen kommen derweil für reguläre klassische und moderne Rollen nicht in Frage, nicht für das Gretchen oder den Romeo, für Jelineks "Winterreise" oder Borcherts Beckmann, für Polly Peachum ebenso wenig wie für Mackie Messer, Leonce, Lena oder die "Geschlossene Gesellschaft" – man könnte die Liste endlos fortführen. Eine solche systematische Benachteiligung aufgrund vermeintlich "rassischer" Merkmale nennt man Rassismus.

Jeder einzelne Schauspieler, Zuschauer, Theaterkritiker und Intendant an jedem einzelnen deutschen Theater kann sicherlich allerlei politisch korrekte Gründe vorbringen, warum auch im Ensemble seines Theaters (fast) keine PoC-SchauspielerInnen zu finden sind. Gerade auch in den auf nachtkritik.de geführten Debatten war sich die empörte Masse für kein Argument zu schade, um Thalheimer, Hallervorden und den gesamten deutschen Staatstheaterbetrieb stellvertretend für sich selbst von allen Rassismus-Vorwürfen frei zu sprechen.

Lange Tradition
In dem Bestreben, rassistisches Denken und Handeln von sich zu weisen, offenbarten diese Rechtfertigungen allerdings eben gerade dies: Rassistisches Denken und Handeln ihrer Absender.

Rassismus erfreut sich, wie auch das Blackfacing, weltweit einer langen Tradition, nur hat er im Laufe der Geschichte immer wieder sein Gesicht verändert. Und so existiert er auch heute noch auf verschiedensten Ebenen und zeigt sich in mannigfaltigen Formen und bunten Verkleidungen, trotz Demokratie, Karneval der Kulturen und Ministern mit "Migrationshintergrund". Wie auch der Sexismus wird er dadurch aufrecht erhalten, dass eine bestimmte Gruppe, die (weiße) deutsche Mehrheitsgesellschaft nämlich, Schlüsselpositionen in Politik und Gesellschaft weiterhin unter sich aufteilt: Leitungspositionen in der Judikative, Exekutive und Legislative, Vorstandsposten in der Wirtschaft, Intendanten-Posten in der Kultur, Hauptrollen auf der Bühne. Auf diese Weise sichert sich dieselbe Gruppe (sicherlich zumeist unbewusst) die Definitionshoheit darüber, was Rassismus und was künstlerische Freiheit ist und wie Blackfacing beurteilt werden sollte.

Die Begriffe "Mehrheitsgesellschaft" und "Minderheit" bezeichnen dabei nicht in erster Linie zahlenmäßige Dominanz, sondern Machtverteilung und Repräsentanz. Es ist bundesdeutsche Realität, dass Menschen mit einer bestimmten Hautfarbe, einem bestimmten kulturellen Hintergrund oder Geschlecht, weniger (Repräsentations-)Macht haben als andere. Das mag im Einzelfall an den minderen Fähigkeiten der Individuen liegen, aber keiner wird ernsthaft behaupten wollen, dass Frauen oder Schwarze von Natur aus weniger begabt und ehrgeizig sind als Weiße oder Männer. Die systematische Ausgrenzung von PoC an deutschen Theatern ist also kein Einzelfall ist, sondern die Regel. Eine Debatte über Blackfacing ohne eine Debatte über die dort herrschenden diskriminierenden Strukturen ist daher undenkbar, denn das eine bedingt das andere.

Man muss kein Neonazi sein
Der humanistisch gebildete, Menschen verschiedenster Herkunft zu seinem Freundeskreis zählende und in Political Correctness ebenso wie in Fremdsprachen bewanderte deutsche Durchschnittsbürger unterliegt immer wieder dem grausamen Irrtum, Rassismus sei ein Phänomen, das sich ausschließlich im Denken und Handeln Keulen schwingender Neonazis und rechtsextremer NPD-Volksverhetzer offenbart. Dieser Glaube ist genauso falsch wie fatal; da sich kein zivilisierter Mensch den oben genannten Gruppen zuordnen würde, schon gar nicht als Kunstschaffender mit bildungspolitischem Auftrag, können alle folgerichtig niemals Rassisten sein. Dem zugrunde liegt der unerschütterliche Glaube, um rassistisch zu denken und zu handeln bedürfe es eines bösartigen und vor allem bewusst gefassten Entschlusses. Dem ist nicht so.

Tatsächlich sind rassistisch motivierte, verbale und handgreifliche Gewalttaten, im Vergleich zum tagtäglich praktizierten, ihre Wirkung auf allen Ebenen unserer Gesellschaft entfaltenden, strukturellen und institutionellen Rassismus, die Ausnahme. Man muss kein Neonazi sein, um rassistisch zu handeln, genauso wie man kein Frauenhasser sein muss, um Frauen zu diskriminieren. Rassistische Strukturen werden von denen, die sie geschaffen haben, als normal empfunden, genauso wie die ungleiche Behandlung von Frauen lange Zeit gesellschaftlich sanktioniert war. Das, und nur das, ist der Grund, warum struktureller und institutioneller Rassismus in diesem Land nicht auch konsequent als solcher benannt wird: weil er Normalität ist. Für Schwarze und Weiße gleichermaßen. Dieses kann bewusst oder unbewusst, in bester Absichten oder aus bösartigen Motiven heraus geschehen – im Ergebnis und in der Konsequenz ist und bleibt es für die Betroffenen: Rassismus.

Die Bequemlichkeit der Definitionsmacht
Natürlich braucht ein Umdenken Zeit. Die Demokratie in den Köpfen hinkt der auf dem Papier stets hinterher. Vielen weißen Deutschen wird es einiges abverlangen zu erkennen, dass das, was sie seit jeher als "normal", als "fremd" oder "gute alte Tradition" angesehen haben, nur deshalb diese Bezeichnungen trägt, weil sie sich untereinander darauf geeinigt haben, ohne ihre afro-, türkisch- oder asiatisch- deutschen MitbürgerInnen nach ihrer Meinung zu fragen. Deren Ansichten waren meist irrelevant, da ohne politisches Gewicht. Seit sich jedoch immer mehr PoC organisieren und öffentlich zu Wort melden, ist selbst die einst allerorts hippe sogenannte Political Correctness in Verruf geraten. Diese bezeichnet ja eigentlich nichts anderes als den Anspruch, jeder Mensch möge sich der politischen Dimension seiner Ausdrücke und Handlungen bewusst sein und dementsprechend bedachtsam damit umgehen. Doch manch einer hat gemerkt, dass diese Forderung nicht nur der eigenen geistigen Bequemlichkeit im Wege steht und den Alltag verkompliziert – plötzlich sollte man sich über die Gefühle von Leuten Gedanken machen, deren Nachnamen man noch nicht einmal aussprechen kann – sondern zudem die Aufgabe von Privilegien und das Teilen von (Definitions-) Macht bedeutet. So wird die Frage, ob Blackfacing rassistisch ist oder nicht, auch in Deutschland zukünftig nicht mehr nur von Weißen entschieden werden, sondern vor allem auch von denen, die durch Blackfacing dargestellt werden (sollen) und darin eine rassistische Diskriminierung erkennen. Weiße Deutsche werden sich daran gewöhnen müssen, dass sie die Uhren nicht mehr zurück drehen und in eine Zeit zurück kehren können, in der es ihnen möglich war, alles und jeden einfach so zu bezeichnen und darzustellen wie sie es "schon immer" getan haben. Sie werden sich ferner daran gewöhnen müssen, sich nicht mehr rassistisch verhalten zu können, ohne dass dies auch rassistisch genannt wird.

2. THEATER UND BLACKFACING

Die immer wieder vorgebrachten Argumente für das Blackfacing folgen derselben Logik wie die Rechtfertigungen rassistischer Strukturen am Theater. In beiden Fällen wird davon ausgegangen, dass die weitgehende Abwesenheit von PoC SchauspielerInnen an deutschen Theatern bzw. ein sogenanntes künstlerische Mittel – Blackfacing – nicht grundsätzlich rassistisch seien, sondern dass erst der Kontext, in dem sie auftreten, darüber entscheide, ob es sich um Diskriminierung handelt oder nicht. Gemäß dieser Logik gibt es also nichts – kein Symbol, kein Wort, kein künstlerisches Mittel, keine gesellschaftliche Realität – was grundsätzlich als rassistisch bezeichnet werden kann.

"Habt ihr's immer noch nicht kapiert?"
Statt dessen entscheidet wiederum eine weiße Mehrheitsgesellschaft, dass sie einen neuen künstlerischen Kontext geschaffen hat, in welchem, einst ebenfalls von einer weißen Mehrheitsgesellschaft geschaffene, negative Konnotationen nun nicht mehr gelten. Zwar gibt es an deutschen Theatern Blackfacing immer noch und schwarze SchauspielerInnen immer noch nicht, aber der neue künstlerische Kontext verleiht dem Ganzen eine vollkommen neue, ja sogar anti-rassistische Bedeutung. Schwarzen wird dabei wieder einmal die passive Rolle der Duldenden zugebilligt, die die jeweilige Bedeutung der Darstellung ihrer selbst zwar zur Kenntnis nehmen, aber nicht bewerten, ihr also von sich aus keine Bedeutung geben dürfen. Tun sie dies dennoch, werden sie ignoriert, lächerlich gemacht und /oder belehrt: "Habt ihr's immer noch nicht kapiert? Weiße bewerten Blackfacing doch jetzt schon lange nicht mehr als diskriminierend!"

Wer besitzt das (Vor-)Recht festzulegen, was in puncto Blackfacing aktueller Konsens ist? Diejenigen, die dieselbe Hautfarbe haben wie jene, welche die ursprünglich diffamierende Bedeutung etablierten? Diejenigen, die gleichzeitig behaupten, keine schwarzen Darsteller gefunden zu haben? Diejenigen, die gleichzeitig kaum einen schwarzen oder anderen PoC als Darsteller ins Ensemble holen? Diejenigen, die gleichzeitig behaupten, an deutschen Theatern gäbe es keinen Rassismus? Oder sind nicht die in erster Linie berechtigt, die dieselbe Hautfarbe haben wie jene, die damals die diffamierende Bedeutung, welche die Weißen dem Blackfacing gaben, aushalten mussten, und die nun wiederum angehalten sind hinzunehmen, dass diese Bedeutung neuerdings (für die Mehrheitsgesellschaft) nicht mehr gilt, auch wenn Schwarze weltweit tagtäglich gegenteilige Erfahrungen machen, nämlich, dass schwarz = minderwertig oder schwarz = fremd sehr wohl noch Konsens ist.

Theatermacher können sich nicht einfach außerhalb einer diskriminierenden Geschichte positionieren, die eine weiße Mehrheitsgesellschaft selbst hervor gebracht hat, die damit verbundenen negativen Gefühle einer ganzen Gruppe von Menschen ignorieren und mit dem Verweis auf künstlerische Freiheit vom Tisch wischen.

Black-Facing als Ausdruck künstlerischer Freiheit?
Für mich als afro-deutsche Zuschauerin sowie für viele andere PoC funktioniert weder ein schwarzer noch ein schwarz angemalter weißer Schauspieler als Verfremdungseffekt oder Darstellung des "Fremden an sich". Für uns sind schwarze Haut und krauses Haar oder schmale, schräg gestellte Augen oder große braune Augen in Kombination mit schwarzem Haar, braunem Teint und vollen Lippen nicht automatisch gleich fremd, weder im nationalstaatlichen noch im zwischenmenschlichen Sinn. Denn WIR sehen so aus und sind weder in Deutschland noch in Europa Fremde.

Die künstlerische Freiheit ist eine zu Recht in Deutschland hochgehaltene Errungenschaft, das den Werk- und Wirkungsbereich der Kunst schützt und es verbietet, auf Methoden und Inhalte künstlerischen Schaffens einzuwirken. Nun kollidieren durch den Gesetzgeber garantierte Freiheiten seit jeher mit den von ihm ebenso garantierten Rechten. Oft endet die Freiheit des Einen dort wo das Recht des Anderen beginnt und umgekehrt. Es gilt also Freiheiten und Rechte gegeneinander abzuwägen, zum Beispiel das Recht auf künstlerische Freiheit gegen den ebenfalls im Grundgesetz verankerten Gleichheitsgrundsatz und das darin enthaltene Diskriminierungsverbot. Dieses verbietet die Ungleichbehandlung bzw. Diskriminierung und Herabwürdigung von Personen(-gruppen) aufgrund bestimmter Merkmale – z.B. Hautfarbe, "Rasse", nationaler Herkunft oder Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit – wenn dafür keine sachliche Rechtfertigung vorliegt. Sowohl Freiheits- als auch Gleichheitsrechte sind weitläufig interpretier- und auslegbar, je nachdem wessen Freiheit bzw. wessen Recht man stärker gewichtet. Sowohl hinsichtlich der (Unter-)Repräsentation schwarzer SchauspielerInnen als auch der Darstellung schwarzer Menschen an deutschen Theatern fällt diese Gewichtung derzeit in Deutschland eindeutig und ausschließlich zugunsten der Freiheiten der Mehrheitsgesellschaft aus. Welche sachliche Rechtfertigung erklärt, dass PoC, gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung, an deutschen Theatern praktisch nicht in Erscheinung treten? Welche sachliche Rechtfertigung gibt es dafür, dass Black-Facing als künstlerisches Mittel unerlässlich und unersetzbar ist, auch wenn sich eine ganze Bevölkerungsgruppe erklärtermaßen dadurch herabgewürdigt fühlt?

Freiwillig statt Quote
An der öffentlichen Debatte um die Auslegung von Freiheiten und Rechten werden sich PoC künftig immer stärker beteiligen und eventuell zu anderen Ergebnissen kommen als ihre weißen Mitbürger. Trotzdem wird man der ungleich höheren Gewichtung künstlerischer Freiheit zu Lasten schwarzer Menschen und SchauspielerInnen rechtlich kaum beikommen können. An jedem einzelnen deutschen Theater ist es eben Ausdruck der künstlerischen Besetzung-Freiheit, keine PoC einzustellen und Blackfacing zu betreiben. Man stelle sich nur einmal vor, Frauen wären in den Ensembles kaum präsent, gleichzeitig würden Männer sämtliche Rollen spielen, weibliche Rollen inbegriffen, und hin und wieder auch mit überdimensional großen, aufgemalten Brüsten. Als sachliche Begründung kann da jedes erdenkliche Argument herhalten: Wir haben keine Schauspielerin gefunden! Der männliche Darsteller war einfach besser! Die Brüste sind ein Verfremdungseffekt!

Wer will und kann eine Quotenregelung für Theater-Ensembles fordern? So würden vielleicht Missstände beseitigt, aber auch jede Möglichkeit einer künstlerisch fruchtbaren Arbeit. Eine andere Besetzungspraxis und der freiwillige Verzicht auf rassistische Ausdrucksmittel wird wohl erst Realität werden, wenn, wie in England und den USA, PoC Schlüsselpositionen im Theaterbetrieb inne haben und damit auch die Macht, ihre Auffassung von künstlerischer Freiheit umzusetzen.

Wenn Romeo albern wird
Angesichts der Forderung, schwarze Rollen sollten besser mit Schwarzen als mit schwarz bemalten Weißen besetzt werden, gab Ulf Schmidt auf nachtkritik.de zu bedenken: "Die Konsequenz einer solchen Forderung wäre nämlich auch die Frage, wie denn überhaupt einer einen anderen 'spielen' können soll, wie die Differenz zwischen dem Spielenden und Gespielten, der durch diese Differenz die Möglichkeit hat, szenische Bedeutung zu erzeugen, überhaupt zu rechtfertigen wäre: Wie sollte ein Bürgerlicher einen König, ein Deutscher einen Dänen, wie ein Moderner einen Mittelalterlichen spielen können?" Und Theaterfreunde fragten sich besorgt: Darf jetzt der Romeo nur noch von einem Italiener und keine Frau mehr von einem Mann gespielt werden?

Abgesehen davon, dass Blackfacing-Gegner nicht die Differenz zwischen Spielendem und Gespieltem, sondern ein rassistisch konnotiertes Theater-Mittel kritisiert haben, hat Ulf Schmidt natürlich recht: alle sollten – theoretisch – alles spielen können. Gerade ein, wie auch immer gearteter, Unterschied zwischen Schauspielerin und Rolle generiert mitunter spannende Bedeutungen. Warum sollten also nicht auch Weiße Schwarze spielen, solange dies ohne die Verwendung rassistischer Stilmittel geschieht. Und natürlich, liebe Theaterfreunde, wäre es auch albern, den Romeo künftig nur noch von Italienern spielen zu lassen, mindestens genauso albern, wie ihn fast ausschließlich von weißen Deutschen spielen zu lassen, was gegenwärtig in Deutschland der Fall ist.

Bedeutungs-Festlegung nach Hautfarbe
Doch die Sache ist die: An deutschen Theatern dürfen nicht alle alles spielen. Schwarze kommen für 99 Prozent der Rollen nicht in Frage, schon gar nicht für Rollen, die ausdrücklich als weiß bezeichnet sind. Warum also kocht die Empörung hoch, wenn PoC nicht bereit sind, in einzelnen Produktionen schwarz angemalte Weiße als Darsteller für Schwarze zu akzeptieren, während die Mehrheit der Bevölkerung verständnisvoll nickt, wenn das Schlosspark-Theater verlauten lässt, dass die meisten Rollen im Repertoire der Staatstheater nicht für Schwarze geeignet seien?

Dahinter steht die Behauptung, dass bei einem schwarzen Schauspieler fast immer eine Differenz zwischen ihm und der Rolle besteht und zwar in einem so großen Ausmaß, dass es kaum eine Rolle gibt, die er spielen kann, weil er darin unglaubwürdig wäre. Während ein weißer Schauspieler jedes menschliche Wesen repräsentieren kann (Schwarze inbegriffen), wobei eine etwaige Differenz zu seiner Rolle künstlerisch wertvolle Bedeutung schafft. Weiß steht für die Menschheit schlechthin, schwarz steht nur für schwarz, und manchmal noch nicht einmal das.

Warum legen Regisseure, Intendanten, Kritiker und Zuschauer in Deutschland schwarze Haut auf einige wenige Bedeutungen fest, weiße Haut aber nicht? Das Klischee besteht doch nicht darin, dass Schwarze Flüchtlinge, Drogendealer oder Bedienstete spielen, sondern darin, dass sie fast AUSSCHLIESSLICH diese Rollen spielen. Um noch einmal das Romeo-Beispiel zu bemühen: Warum darf ein weißer Deutscher den Romeo ganz selbstverständlich spielen, ein Afro-Deutscher jedoch nicht bzw. nur als Ausnahme von der Regel? Beide sind keine Italiener. Oder ist es am Ende vollkommen egal, welche Hautfarbe oder Nationalität der Schauspieler des Romeo hat, weil es im Stück (anders als in "Clybourne Park" ) gar nicht um Hautfarben geht?

Weiße können alles spielen?
Leider sieht die Realität an deutschen Theatern derzeit so aus: Weiße spielen Rollen, die a) hinsichtlich der Hautfarbe nicht näher definiert sind, die b) ausdrücklich als weiß beschrieben sind und die c) ausdrücklich als schwarz beschrieben sind. Dies geschieht a) ohne jede Begründung b) mit der Begründung des naturalistischen bzw. historischen Korrektheit c) mit der Begründung der künstlerischen Freiheit bzw. einer gewünschten Verfremdung. Wird diese Besetzungspraxis als rassistisch bezeichnet, wird das selbstverständlich abgestritten mit der Begründung, dass es a) ausschließlich darum ginge, wer der beste Schauspieler ist (Fazit: Schwarze sind IMMER die schlechteren Schauspieler, selbst wenn es darum geht, dass sie sich selber darstellen) b) man keine schwarzen Schauspieler gefunden hätte (Fazit: es gibt keine schwarzen Schauspieler in Deutschland bzw. so wenige, dass man unsagbare Mühen auf sich nehmen muss um sie zu finden), c) es an den Ensembles keine schwarzen Schauspieler gibt und das Geld fehlt, um sie als Gäste einzustellen, d) es an den Ensembles keine schwarzen Schauspieler gibt, weil es zu wenig Rollen für sie gibt – wobei natürlich, theoretisch, jeder alles spielen können sollte und darf!, e) es rassistisch wäre, wenn Weiße, nur weil sie weiß sind, keine Schwarzen spielen dürften, f) es ebenso rassistisch wäre, ausschließlich Schwarze für als schwarz bezeichnete Rollen zu besetzen, weil man sie dadurch wiederum auf ihre Hautfarbe reduzieren würde, was aber gleichzeitig der Grund ist, warum sie für alle anderen Rollen auch nicht in Frage kommen, was jedoch nicht rassistisch ist, weil es nun mal nicht so viele Rollen für Schwarze gibt, weil sie schwarz sind. Ergebnis: Weiße können alles spielen, Schwarze nicht mal "sich selbst".

Institutioneller Rassismus gegen PoC
Natürlich bekommen auch weiße Schauspieler aufgrund äußerer Kriterien keine Rollen – zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu jung, zu alt oder schlichtweg nicht der Typ. Das Theater sortiert gnadenlos aus, nach Kriterien, die immer dann diskriminierend werden, wenn sie Schauspieler auf reine Äußerlichkeiten reduzieren und einen bestimmten Typ gegenüber anderen systematisch bevorzugen. Jeder, der sich auf diesen Beruf einlässt, muss jedoch damit rechnen, über den Typ definiert zu werden, den Theatermacher in ihm sehen.

Nun ist Schwarz-Sein aber kein Typ, kein Rollenfach, genauso wenig wie Weiß-Sein. Es ist eine Hautfarbe, die in manchen Stücken genutzt wird, um eine bestimmte Bedeutung zu generieren. Im Falle der schwarzen Haut ist es jedoch immer dieselbe, eindimensionale Bedeutung, die fast nie erwünscht ist, außer es soll Exotik oder Fremdheit generiert werden. Die Bedeutung weißer Haut hingegen ist neutral bzw. so mannigfaltig wie die Welt selbst. Auch gibt es keine systematische und tief in der Gesellschaft verankerte Diskriminierungsform, die sich ausschließlich auf Weiße bezieht. Sexismus, Homophobie oder Benachteiligung aufgrund einer körperlichen Konstitution (Gewicht, Größe) oder Einschränkung, trifft PoC genauso wie Weiße. Institutioneller Rassismus in Deutschland hingegen richtet sich ausschließlich gegen PoC. Das heißt, selbst wenn ein Schwarzer von Körperbau und Typ her dem Rollenprofil des "jugendlichen Liebhabers" entspricht, wird dies überlagert von der Bedeutung, welche die Mehrheitsgesellschaft seiner Hautfarbe zuschreibt. Also kann er, selbst wenn er alle anderen Kriterien erfüllt, nicht besetzt werden, da Theatermacher und -rezipienten nicht den Liebhaber, sondern immer in erster Linie den Schwarzen in ihm sehen (wollen). Fortwährend würde also die Frage im Raum stehen: "Ich verstehe ja, dass der Romeo verliebt ist – aber warum ist er schwarz?"

Warum nicht gleich so

Selbst da, wo ein Regisseur einfach nur das Naheliegende tut und vom Autor ausdrücklich als "weiß" oder "schwarz" beschriebene Rollen auch entsprechend besetzt, muss er sich rechtfertigen. Selbstverständlich nur für die schwarzen Darsteller.

So erging es Matthias Fontheim, Intendant des Staatstheaters Mainz und Regisseur der deutschen Uraufführung des Stückes Die Unerhörten von Bruce Norris. Fontheim hatte sich dafür entschieden, Weiße von Weißen und Schwarze von Schwarzen verkörpern zu lassen. Nicht, um einen vermeintlichen Realismus zu bedienen und dem Publikum authentische Afrikaner zu präsentieren (alle fünf schwarzen SchauspielerInnen sind übrigens Deutsche). Auch nicht, um schwarze Darsteller wieder einmal zum Sinnbild des Fremden zu machen, sondern im Gegenteil: Er wollte Schwarze wie Weiße in diesem Stück als Abbild unser aller Selbst zeigen. Schwarze sind in "Die Unerhörten" eben nicht die guten, armen, bemitleidenswerten Gebeutelten der Geschichte. Sondern sie sind genauso hilfebedürftig, böse, gut und korrupt wie die weißen Figuren. Gleichzeitig verleugnet Bruce Norris in seinem Stück aber niemals den Rassismus der Weißen gegenüber den Schwarzen und stellt damit die Situation zwischen Afrika und der westlichen Welt genau so dar, wie sie ist: widersprüchlich. Ob die schwarzen Darsteller wirklich Afrikaner und die weißen Darsteller wirklich Amerikaner sind, ist dabei vollkommen irrelevant; dass sie schwarz bzw. weiß sind, allerdings nicht. Denn so wird verdeutlicht: egal ob schwarz oder weiß, es geht um den Missbrauch von Macht und den Wert eines menschlichen Lebens.

Möglichkeiten und Wirklichkeiten der kritischen Reflexion
Nun hatte der Kritikerin Shirin Sojitrawalla die Mainzer Inszenierung nicht gefallen. Legitim. Aber anstatt sich auf Kritik an der Inszenierung oder den schauspielerischen Leistungen zu beschränken, kritisierte sie Fontheims Besetzungsentscheidung und zwar nach Kriterien der Hautfarbe (nein, das ist nicht dasselbe, was Blackfacing Gegner taten, denn sie kritisierten die rassistische Darstellungsform). Interessanterweise tat Frau Sojitrawalla dies aber ausschließlich hinsichtlich der schwarzen Darsteller. Genauso gut hätte sie Fontheim vorwerfen können, dass selbst die Besetzung der weißen Rollen mit Weißen nichts gegen die, ihrer Meinung nach, in der Inszenierung vorherrschende Künstlichkeit auszurichten vermochte. Tat sie aber nicht. Sondern sprach ausschließlich darüber, dass die schwarzen Darsteller dem einzigen Sinn, den sie ihnen in dieser Inszenierung zugestand – nämlich Authentizität zu generieren – nicht gerecht wurden und somit auch durch Weiße hätten ersetzt werden können.

Wir sind uns wohl alle einig sind, dass sich ein Deutscher nicht über seine Hautfarbe definiert, genauso wenig wie ein Amerikaner, ein Afrikaner oder ein Mensch an sich. Deshalb sollte nicht nur dann gegen eine "biologistische" Besetzung und die "Realismusfalle" protestiert werden, wenn es um die Privilegien Weißer geht. Dann bitte konsequent. Dann bitte auch mal eine Kritik mit dem Wortlaut: "Inszenierung xy war misslungen, daran konnten auch die weißen Darsteller nichts ändern. Hätte man also auch gleich schwarze Darsteller nehmen können."

Die Berliner Sängerin und Schauspielerin Lara-Sophie Milagro ist auch Dramatikerin und künstlerische Leiterin des 2010 gegründeten Berliner Ensembles Label Noir. Als Eröffnungsproduktion von "Label Noir" kam im Sommer 2010 Milagros Stück Heimat, bittersüße Heimat heraus.
Milagro ist darüber hinaus eine der fünf schwarzen SchauspielerInnen, die Matthias Fontheim in seiner Mainzer Inszenierung von Bruce Norris' Die Unerhörten besetzt hat, von der in diesem Text die Rede ist.


Hier geht es zu den Blackfacing-Debattenbeiträgen von Ulf Schmidt und Jürgen Bauer.




Kommentare (22)

1. Blackfacing-Debatte III: alles gesagt
Wir wollen hoffen, dass die Debatte hiermit als beendet gelten kann.
Steckel , 28. März 2012 - 14:53 Uhr
2. Blackfacing-Debatte III: unbedingt gelungen
Und ich dachte, dass es eben nicht der weisse, europäische Mann ist, welcher die Deutungshoheit (über die Beendigung der Debatte) hätte. Davon abgesehen, empfinde ich es als unbedingt gelungen und sehr gut nachvollziehbar, wie Lara-Sophie Milagro hier gender, race und class zusammendenkt. Danke!

Ja, "Es ist den Profiteuren der aktuellen Umverteilungen gelungen, DIE ALLGEMEINEN INTERESSEN DER GESELLSCHAFT ALS BLOSSE PARTIKULARINTERESSEN DER HERRSCHENDEN KLASSEN darzustellen (z.B. Menschenrechte, Bildung, Zivilisiertheit etc. als bloß weiße, europäische, männliche, bürgerliche Angelegenheiten). Dadurch haben sie alle übrigen Klassen [und Geschlechter und Ethnien, I.] dazu gebracht, von sich aus, spontan und mit dem Gefühl der Befreiung von Heteronomie, davon Abstand zu nehmen und auf die Beute der gesellschaftlichen Kämpfe zu verzichten."
(Robert Pfaller, "Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie")

Nein, so geht es tatsächlich nicht weiter. I have a dream...
Inga , 28. März 2012 - 16:51 Uhr
3. Blackfacing-Debatte III: am Rande
Nein, Herr Steckel, Sie täuschen sich, denn bisher ging es lediglich um Allein-Stellungsmerkmale, die nach außen ablesbar sind durch eindeutige Merkmale. Die deutsche Gesellschaft benötigt seit langem eine Debatte über Außen- und mehrfache-Außenseiter, die in ihren Merkmalen nach außen nicht offensichtlich abzulesen sind. Nur so am Rande.
martin baucks , 28. März 2012 - 17:21 Uhr
4. Blackfacing-Debatte III: Mut?
ich hoffe, dass angesichts dieser unsäglich blödsinnigen und gerade unter theatermenschen völlig überflüssigen debatte, bald wieder ein theater den mut hat, weisshäutige schauspieler auch mal schwarz oder braun zu schminken, und auch schauspieler aller coleur mit migrationshintergrund zu engagieren.
anne , 28. März 2012 - 17:29 Uhr
5. Blackfacing-Debatte III: der Anschluß
Ich kann mich nur Herrn Steckel anschließen.
Stefan Schweers , 28. März 2012 - 19:29 Uhr
6. Blackfacing-Debatte III: rassistische Strukturen aufdecken
Wie, lese ich richtig, "alles gesagt" ? Und (nur als Beispiel): Hallervordens Argument sei von der empörten Masse einer strukturellen Rassismus verteidigenden nachtkritik-de.-Leserschaft verteidigt worden ??
Das stimmt so leider (bzw. zum Glück) überhaupt nicht, und so bringen die meisten Sätze des hiesigen Blackfacing III-Artikels kaum wirklich Weiterführendes, außer eine wiederum ziemlich einseitige Stützung der "Blackfacing I"-Richtung.
Ich habe für meinen Teil zu keinem Zeitpunkt behauptet (weder in Klammern noch außen vor), daß es keinen Rassismus bzw. kein auffallendes Nichtengagement von "PoC" im deutschen Stadt- und Staatstheaterbetrieb gibt, zum Teil ist sogar das Gegenteil der Fall (den Tatbestand der "Unterrepräsentation" von "PoC" sehe ich auch, habe ich auch in einem ähnlichen Fall hier schon geschrieben, aber ich bin schon auch dafür, daß man den Blick hier konkretisiert und vertieft: Ist mein Arbeitgeber, der überdurchschnittlich viele "PoC" beschäftigt, jetzt ein Vorbild (gut, Sie kennen Ihn nicht, wie sollen Sie da antworten ...??)? Was ist mit "Kontrollgruppen" (siehe Wissenschaftlichkeit der Argumente): Beim Biathlon zB. sehe ich noch weniger "PoC" als im Theater, liegt es daran, daß die Biathleten lieber unter sich blieben ?? In Ulf Schmidts Artikel teilt das rollenzentrierte Theater wohl gar mit diesem die für den Rassismus notwendigen Grundstrukturen ??? Aber, andererseits argumentiert "man" weiterhin aus einer Rolle heraus ("David gegen Goliath") und das, um sich mehr Rollen im eigentlich arg bezweifelten System zu erstreiten ???? Und verliert Schmidts Argument nicht auch an begründungstheoretischem Gewicht, wenn gezeigt werden sollte, daß es auch andere Bereiche gibt, welche Grundstrukturen mit dem rollenzuweisenden Theater teilt (bis hin zu Erkenntnisprozessen schlechthin) ????? Und, wenn ich diese Fragen stelle, habe ich dann schon etwas dagegen gesagt, wenn jemand meint, eine Deutungshoheit aufbrechen zu müssen ??????
Und so ließe sich lustig fortfahren: und möglicherweise sogar der Sinn der Protestaktion stärken ! Denn auch das könnte dem einen oder anderen Kommentatoren hier rumtreiben !.

post scriptum:
Lieber Herr Schweers, nein, ich nehme das nicht persönlich, zumal Sie es ja eigentlich sind, der hier zumeist als "Wir" gepostet hat (was ua. den Vorteil hat, daß ich es dann ohnehin nicht allzupersönlich auffassen kann). Ich gebe auch offen zu, daß ich von einigen PosterInnen und Postern einigermaßen enttäuscht bin und ich auch eine Mißlichkeit darin finde, wenn zB. sich nicht mehr Leute von den DT-Gesprächsrunden etcpp. mit konkreten Beiträgen hier zu Wort melden und stattdessen "nur" wieder ein Statement von mir auftaucht (und übergebührend Raum greift) , das wohlgar leicht subsummiert wird unter solche Stellungnahmen, die alle Mittel zusammenkratzen, um rassistische Strukturen zu decken. Ich bleibe dabei, daß ich für mich in Anspruch nehme, dieses hier nicht zu tun, indem ich an einer zumeist anonymen Internetdebatte zum "Blackfacing" teilnahm/teilnehme. Gruß aus Kiel, Ihr AZ
Arkadij Zarthäuser , 28. März 2012 - 20:22 Uhr
7. Blackfacing-Debatte III: Dank!
Danke für diesen Artikel!
Katharina Nottingham , 28. März 2012 - 20:27 Uhr
8. Blackfacing-Debatte III: Lob
Toller Artikel liebe Lara!
Wer es noch immer nicht versteht, dem ist auch nicht mehr zu helfen....
Toni , 28. März 2012 - 22:19 Uhr
9. Blackfacing-Debatte III: und die Kampffront schweigt?
übrigens sehr auffällig, dass die kampffront zu so einem text schweigt. der text ist differenziert und argumentiert, wirft aber dennoch sehr weitreichende fragen (beispiel: was ist ein "mensch an sich"??, und ist nicht der letzte satz wieder sehr rassistisch?? aber bühnenwatch schweigt. warum? sind sie an einer offenen debatte überhaupt interessiert? oder wollen sie nur rassisten "anschwärzen" (!!)??
holger männer , 29. März 2012 - 07:05 Uhr
10. Blackfacing-Debatte III: Markierung der Andersheit
Glücklicherweise ist die Debatte, anders als Steckel sich wünscht, noch nicht beendet. Der großartige Text von Lara-Sophie Milagro und der Kommentar von Arkadij haben jedenfalls meines Erachtens Gesichtspunkte geliefert, die dem Verstehen dessen, was hier passiert und dem Abschätzen von Konsequenzen enorm gedient hat.

Arkadijs vielleicht rhetorische Frage nach dem Status der Unterschied in der Erkenntnis führt einen wichtigen Schritt weiter. Natürlich hat Erkenntnis mit solchen Differenzierungen zu tun. Und zwar auch Erkenntnis, die nicht nur Naturerkenntnis ist, sondern eine – nennen wir sie mal so – Sozialerkenntnis. Vielleicht seit Menschengedenken, in jedem Falle aber in den letzten Jahrzehnten, dienen äußerliche Markierungen, bewusst gesetzt, zur erkenntnisförmigen Einordnung. Ich hatte in meinen Text en passant auf Punks und "Langhaarige" hingewiesen, die bewußt ästhetische Markierungen nutzen, um Andersheit zu bezeichnen. Und aus der Andersheit Identität oder so etwas wie Heimat abzuleiten. Kulturhistorisch könnt man darüber spekulieren, ob der geradezu explosive Gebrauch solcher Markierungen die Kompensation des Verlusts von heimatlicher Zugehörigkeit darstellt. Ob also die ortsunabhängige Anhängerschaft an einen Fussballverein, die Zugehörigkeit zu kulturellen "Szenen" und ähnliche Phänomene eine konzeptionelle Heimat und Gruppenzugehörigkeit begründen, die der nomadischen Gesellschaft abhanden gekommen ist.

Egal welche Markierungen es sind: ob Bahnschaffneruniform, Motorradclubkutte, Markenklamotten oder Auto- und Zigarettenmarke, Irokesenschnitt oder Businessanzug, Springerstiefel und Glatze oder Burka, Talar, Bartwuchs – all diesen Markierungen ist gemein, dass sie souverän wechselbar sind. Wer immer diese Markierungen nutzt, um über einen ästhetischen Unterschied einen Unterschied zu begründen, der einen Unterschied macht und dadurch im Wege der Andersheit Identität stiftet, kann sie notfalls auch wieder ablegen. Sie dienen der Sozialerkenntnis, indem sie dem informierten Beobachter klarmachen, welcher Identitätsgruppe der Träger der Markierungen sich zuordnet. Sie ermöglichen aber auch den Wechsel. Der Frankfurt-Ultra trägt am Wochenende sein Outfit und markiert sich unter der Woche wieder als Bankmitarbeiter im Anzug.

Konzentriert man sich auf diese Sozialerkenntnis stiftende Kategorie der markierten Andersheit, erscheint die Praxis der Schwarzbemalung in klarerem Kontext. Wie in meinem Artikel geschrieben, eignet Menschen mit stärkerer Hautpigmentierung nicht die Möglichkeit des souveränen Umgangs mit dieser Hautfarbe. Man kann die Hautfarbe nicht wechseln wie ein Kleid. Und so muss eine antirassistische Argumentation vortragen: Wir sehen zwar anders aus als viele andere, wir sind aber nicht anders. Heißt: Es gibt einen ästhetischen Unterschied, der aber keinen Unterschied macht. Wie schwer es ist, diese Veränderung einer eingeschliffenen Sozialerkenntnis zu verwirklichen, zeigt die enorme Zeit, die es braucht, hier Fortschritte zu machen. Immer wieder steht die antirassistische Emanzipation vor Einwänden der Art "Ja aber ihr seht doch nunmal anders aus" – und trifft auf das Unverständnis, dass anderes Aussehen in diesem Fall keine grundlegende Andersheit begründet.
Während im gesellschaftlichen Kontext diese Andersheit gerade gewohnheitsmäßig durch ästhetische Markierungen kommuniziert wird. Es wird dem um soziale Erkenntnis Bemühten zugemutet, den Irokesen als Markierung der Andersheit zu verstehen, die dunklere Hautfarbe aber nicht als Andersheit zu erkennen. Diese Erkenntniszumutung ist anstrengend und jederzeit vom Rückfall in die gewohnten Denkmuster bedroht.

Um nun aufs Theater zu kommen: Der Verweis aufs Blackfacing, der die gesamte Debatte losgetreten hat, mag zwar dazu geführt haben, dass überhaupt eine Diskussion in Gang kam. Trotzdem bleibt sie – wie der nachtkritik-Beitrag von Jürgen Bauer gezeigt hat – als Bezugspunkt zwiespältig und lässt sich vielleicht sogar durch Verweis auf die Besonderheit der USA und die Vergangenheit dieser Tradition allzu leicht wegwischen. Auch die Forderung, "schwarze" Rollen durch PoC zu besetzen führt leider letztlich am Kern vorbei (auch wenn Frau Milagros Verweis auf die Vielfarbigkeit der deutschen Gegenwartsgesellschaft und die Einfarbigkeit der deutschen Bühnen meines Erachtens schlagend ist).

Ich würde gerne auf die Erkenntnisdimension eingehen und die Differenzierung als Erkenntnismittel. Wenn also gesamtgesellschaftlich das antirassistische Ziel ist, die andere Hautfarbe nicht als grundsätzliche Andersheit zu verstehen, dann ist der Einsatz von Hautfarbendifferenzen auf der Bühne als Markierung von Andersheit tatsächlich ein Rückfall. Das heißt: Wenn eine Inszenierung sich mit Andersheit und Fremdheit auseinandersetzen will, ist es fatal, auf eine Form der Markierung der Andersheit zurückzugreifen, die gesamtgesellschaftlich eben gerade überwunden werden sollte. Und dabei spielt es keine Rolle, ob man weiße Gesichter schwarz bemalt, oder PoC als Darsteller verpflichtet.

Theater stünden andere Mittel der Markierung zur Verfügung. Whitefacing ist ein, wie ich finde, eher schwacher Ausweg. Eine künstlerische oder stilisierte Markierung – etwa durch Kostüme bzw. Bekleidung (platt gesagt: weiße Anzüge – schwarze Anzüge) wäre eine Möglichkeit. Das ist szenisch nichts Neues. Die attische Tragödie stellte die Fremdheit durch stilisierte Masken her. Ob es Sinn macht, den Unterschied zwischen Capulets und Montagues durch BVB-Schals hier, Bayern München Schals dort zu markieren, durch Lederkluft hier, Anzug dort, mal dahingestellt. Möglich sind solche Markierungen – szenisch oder auch sprachlich.

Ich habs in "Sich Gesellschaft leisten" mit englischen Passagen versucht. In Lothar Kittsteins Spargelzeit finden sich polnisch gesprochene Passagen unübersetzt zwischen deutschen Texten. Eine enorm spannende weil irritierende Weise des Umgangs mit sprachlicher Andersheit. Und ein Weg hin auf die hier im Text geforderte kulturelle Vielfalt. Interessant gerade dabei ist, dass das "Verstehen" aussetzt, da die meisten Zuschauer des Polnischen nicht mächtig sind. Das eröffnet die Möglichkeit, Andersheit und Fremdheit ästhetisch zu markieren, ohne in eine vorverstandene Andersheit zurück zu fallen, die gesellschaftlich gerade überwunden werden soll.

Wenn aus der Debatte mitgenommen werden kann, dass die Auseinandersetzung mit all den Dimensionen von Andersheit für die gesellschaftliche Institution, die Theater ist, enorm wichtig ist, dass aber die ästhetische Markierung von Andersheit durch schwarze Hautbemalung oder Besetzung "schwarzer" Rollen mit PoC einen Rückschritt darstellt, wäre vielleicht etwas gewonnen. Dass Stadttheater dann aber noch immer weit von der von Lara-Sophie Milagro beschriebenen multiethnischen Gesellschaft entfernt sind, bleibt trotzdem zu konstatieren und zu bedauern.
Der Postdramatiker , 29. März 2012 - 12:21 Uhr
11. Blackfacing-Debatte: geht noch weiter
Lieber Herr Schweers - Sie sehen selbst: Es ist hoffnungslos!
Steckel , 29. März 2012 - 14:08 Uhr
12. Blackfacing-Debatte III: was ist eine menschliche Rasse?
Frau Milagro,
ich habe Ihren Text mit großem Interesse gelesen und respektiere Ihre Sichtweise. Wir alle sind geprägt und benötigen sicher die Konfrontation mit anderen Ansichten, um uns zu "bewegen". Ihre Argumentation halte ich für hilfreich, aber mit der Verwendung des Wortes Rassismus und seinen Verwandten bin ich nicht einverstanden.
Vielleicht können sie mir helfen, mich von meiner biologisch-historisch geprägten Deutung zu lösen: Was ist für sie eine menschliche Rasse? In meiner Deutung gibt es sie nicht! Was aus meiner Sicht automatisch zu anderen Begrifflichkeiten und damit zu einer deutlich weniger vergifteten Diskussion führt!
wolfgangk , 29. März 2012 - 14:15 Uhr
13. Blackfacing-Debatte III: was der Anti-Rassismus deutlich machen muss
@ Ulf Schmidt

Vielen Dank für die Fortsetzung der "Debatte" !
Es war eigentlich weniger eine rhetorische Frage als eine definitorischer Art; ich fürchte(te) ein wenig, daß hier das rollenbasierte Theater vorschnell unter theoretische Räder geraten könnte, ohne daß dann noch die Gelegenheit bestünde, späteren Widersprüchen und Schieflagen in der Debatte anders als verletzend bzw. polemisch zu begegnen, zumal die Diskussion ein wenig darunter leidet, daß hier sogleich "Blackfacing", "Hallervorden und die Besetzungsproblematiken bishin zu den Schauspielschulen","Rassismusdefinition und Hoheit darüber" und "Unschuld" am DT gewissermaßen switchend und en bloc angefaßt werden, wobei jeweils schon ein Gegenstand geeignet ist, in komplizierte Begründungs- und Argumentationsgeschäfte zu münden.
Wenn Sie hin und wieder einen Kommentar von mir lesen, dann wissen Sie vermutlich, daß ich mich lieber auf Inszenierungseinzelfälle einlasse als auf grundsätzlichere und auch einiges Sitzfleisch erfordernde (politisch ausgerichtete) Diskussionen, allerdings läßt sich das in der Tat nicht immer sauber trennen, und flugs kann es gehen, daß "man" dann doch das eine ums andere Mal ein wenig Zeit investiert, sich auf besagte "Begründungsgeschäfte"
einzulassen.
Hinsichtlich des Inszenierungsfalles "Unschuld" am DT vertrete ich schlichtweg die Meinung, daß es hier gar nicht primär um die Markierung der Andersheit im starken Sinne (so als müßte und sollte es sie geben, quasi weil es sie doch wahrhaftig gibt, weil für einige Menschen da leider tiefgreifendere Unterschiede zu sein scheinen) des Wortes geht, sondern um die Perfidie der realpolitischen Lage, daß aus Andersheit im schwachen Sinn flugs eine solche im die Situation prägenden Sinn wird.
Thalheimer betreibt nicht einfach das, was Dea Loher als "Schwarz-Malerei" gerade nicht wollte, sondern er benutzt einerseits Masken,
andererseits künstlerisch überhöhend jene fragliche und ziemlich bombastisch daherkommende Färbung der Masken. Es geht nicht "einfach" um "PoC", es geht um Flüchtlinge, die (leider erschwerend) auch dazu noch "PoC" sind, markiert wird demnach nicht ihre Andersheit als "PoC", sondern jene Andersheit von Flüchtlingen, die noch dazu "PoC" sind. Natürlich färben "PoC" nicht ab, auch mir war das Bild der beiden nicht angenehm, eher abstoßend, weil es so künstlich überhöht daherkommt (ein nicht geschminkter "Poc" hätte ganz sicher diesen Eindruck nicht gemacht), umso irritierender, wenn die Maske blättert, die Farbe verschmiert und auf andere überträgt: Thalheimer schneidet damit gerade an, daß diese "Unterschiede" eigentlich nicht verwischbar sind, und doch werden sie durch den Lauf der Dinge der sich kegelförmig zuspitzenden Globalisierung auf prekäre Weise (wie ich finde) in den Hintergrund gedrängt und verwischen dann doch irgendwie, ganz ähnlich wie es bei der Besetzung eines "schwarzen Gretchens" auch gehen mag: der Lauf der "Dinge" geht schlichtweg darüber hinweg, die Unterschiede und das Problem damit drohen in globalisierter Gleichmacherei auf ungesunde Weise (nicht bewältigte) ins zweite Glied zu rücken.
Deswegen nahm ich an anderer Stelle Bezug auf Ihr Luhmann-Zitat, da es mir fast schien, als könnte dies auch Thalheimer zu seiner Inszenierungsidee verholfen haben. Jetzt macht aber gerade das "Whitefacing" meineserachtens möglich, dieser Inszenierungsidee neu nachzugehen (um meineserachtens dieser gerechter zu werden).
Kurz noch zu Begründungsgeschäften und selbst gewählten Markierungen:

Häufig höre ich das Argument, daß dem Rassismus geradezu wissenschaftlich die Grundlage entzogen ist, da man nach gängigen Kriterien hier keine hinreichenden Merkmale für "Rassen" (wie etwa bei Hunden) auffinden könne. Man hat sofort eine Schwäche für so eine Feststellung gegen tumbe "Neonazi"-Ideologien. Allerdings stellt sich dann immer die Frage: "Was wäre denn zum Teufel, fielen diese wissenschaftlichen "Ergebnisse" anders aus ?"
Dem Anti-Rassismus droht über derlei Fragen (mindestens mittelbar)eine gewisse Falle, er muß schon auch deutlich machen, daß der Rassismus auch dann obsolet wäre, gesellschaftlich, wenn es Rassen gäbe, zumal via jeder Mensch des Menschen Wolf auch Züchtungsideale wieder ins Spiel treten könnten, die immer auf eine Zukunft gerichtet sind, so daß der Rassist fröhlich weiter behaupten kann: "Wo jetzt noch Wolf ist, soll und wird Hund werden."

Was die freiwillig gewählten Markierungen angeht, gerade diesen Teil Ihres Textes finde ich besonders spannend im übrigen, denke ich, lohnt auch der Blick auf solche, die gerade die Tendenz haben, dauerhaft und irreversibel zu sein (vom Arschgeweih bis "Zeitlos"-Piercing ...) bzw. auf eine allgemeine Tendenz zu solcherlei "härteren Markierungen": ganz so einfach wie die Ablage meines Energie Cottbus-Schals ist es dann oftmals mit den vorgenommenen Eingriffen nicht mehr, was strukturell aber eine Parallele ausmacht zur Lage eines "PoC"..

Herzliche Grüße aus Kiel, Ihr AZ
Arkadij Zarthäuser , 29. März 2012 - 14:47 Uhr
14. Blackfacing-Debatte III: Zustimmung
Sehr sehr toller Artikel. Vielen Dank.
Milad Klein , 29. März 2012 - 15:23 Uhr
15. Blackfacing-Debatte III: Solidarität die bessere Strategie
@ Toni: Wie kann ich diesen Nachsatz "dem ist auch nicht mehr zu helfen" verstehen? Das klingt leider ziemlich dogmatisch, indem man die eigenen Voraus-Setzungen in Bezug auf rassistische gesellschaftliche Strukturen quasi vorsorglich erstmal auf JEDEN weissen Bürger projiziert und dort bekämpft. Der Versuch wechselseitigen Verstehens sieht meines Erachtens etwas anders aus und schließt auch Widersprüche und komplettes Nicht-Verstehen des dem Eigenen Fremden mit ein - auf beiden Seiten.
Vielleicht sollten "wir" uns sowieso vielmehr als planetarische Zivilbürger verstehen, indem wir uns den allen gemeinsamen Kämpfen und Zielen widmen. Sprich: Politische Solidarität erscheint mir gegenüber der Abgrenzung in unterschiedliche "Lager" (Geschlechter, Ethnien, Klassen) als die bessere Strategie.
Inga , 29. März 2012 - 15:39 Uhr
16. Blackfacing-Debatte III: biologische Unterschiede sind nichtig
Sehr geehrter Herr Steckel, es scheint wirklich immer weiter zu gehen...

Nur kurz zu Ihrem Kommentar, wolfgangk: Natürlich gibt es Rassen nicht bzw. die biologischen Unterschiede sind nichtig. Aber als Vorstellung ist die Rasse leider existent. Nehmen Sie sich selbst: Als Antirassist halten sie Rassen für nicht existent, aber Sie wissen, dass es Rassismus gibt. Wenn nun Schwarze am Theater als Typen klassifiziert werden, die die üblichen Rollen nicht verkörpern können, liegt Rassismus vor. Das müssten Sie doch von ihrem Standpunkt aus nachvollziehen können. Ich glaube auch nicht, dass der Vorwurf des Rassismus die Diskussion vergiftet, sondern eher, dass eine stinkende Wunde endlich aufplatzt. Ich kann Sie nur bitten, sich nicht den Weg zu neuen Erkenntnissen zu verstellen.

Ich habe früher übrigens auch anders gedacht.
Stefan Schweers , 29. März 2012 - 18:08 Uhr
17. Blackfacing-Debatte III: deutsche Sprache umfassend missbraucht
Wirklich völlig ohne Spitze und in meinen Augen: Wenn ich das Wort Rassismus verwende, aber die Benachteiligung von Menschen nichtweisser Hautfarbe meine, schlage ich den vielen drastischen Opfern des Rassismus ins Gesicht, die es unbestritten auch in unserer Gesellschaft immer noch gibt. Die deutsche Sprache ist so umfassend und machtvoll mißbraucht worden, dabei haben Reiz- und Schlüsselworte eine so große Rolle gespielt, daß ich einfach nicht anders kann, als in diesem Fall einer so leichtgängigen Verwendung des Wortes nicht zuzustimmen. Wie an anderer Stelle schon gesagt, bin ich mir bewußt, auf einsamen Posten zu stehen.
Was die Unterrepräsentierung von nicht weissen Schauspielern in den Ensembles angeht, war ich von Anfang an auf der Seite derer, die hier eine Ungerechtigkeit sehen und beim Blackfacing und verwandten Stilmitteln glaube ich durchaus dazugelernt zu haben.

Geehrter Herr Schweers, Ihr Hinweis auf Herrn Steckel sollten sie nochmal überdenken, diese Diskussion läßt sich nicht abschliessen, da keiner im Besitz einer allgemeingültigen Wahrheit ist und diese sich auch nicht aus Blackfacing I-III zusammensetzen läßt. Aber vielleicht kommen ja trotzdem alle ein Stück vorwärts.
wolfgangk , 29. März 2012 - 20:40 Uhr
18. Blackfacing-Debatte III: bitte ein paar Zahlen
@ 7: oder sogar in ein Stück, lieber wolfgangk

Beitrag 1:

Lieber Herr Schweers und andere Diskutierende,

jetzt kann ich leider auch nicht mehr an mich halten. Bevor Sie weiter heldenhaft „stinkende Wunden" aufplatzen lassen, erklären Sie mir ungläubigem Thomas doch bitte, wie Sie zu Erkenntnis gelangt sind und zum guten Menschen bekehrt wurden und by the way of knowledge (oder besser gnosis) dann bitte auch noch, wo im deutschen Theater Schwarze als Typen klassifiziert werden. Das würde ich mir nämlich gerne ansehen, denn das wäre tatsächlich rassistisch. Ansonsten lebt das Theater seit der Antike von Typen, da es immer auch abstrahiert, verfremdet und vereinfacht, um die verschiedensten Charaktereigenschaften von Menschen darstellen zu können, unabhängig von der Hautfarbe, sieht man mal von den Minstrel Shows und anderen bewusst diffamierenden Machwerken im Dritten Reich ab. Und beim „Anschwärzen“ besteht leider auch in der europäischen Kultur eine große Tradition, über Karneval und Sternsinger will ich gar nicht erst sprechen. Mir geht es aber um die Kunstform Theater. Seit der Antike haben sich natürlich die Mittel weitgehend geändert, es sind neue dazu gekommen und man hat sich von veralteten verabschiedet.

Das Schwärzen der Gesichter scheint sich aber nach wie vor hartnäckig zu halten. Wir haben nun aus dem sehr interessanten Beitrag von Lara-Sophie Milagro erfahren, warum das so ist. Es sind die erstarrten weißen Machtverhältnisse an den Theatern, die die Deutungshoheit über die Kunst nicht aus der Hand geben wollen und sich daher eine Ausrede nach der anderen einfallen lassen. Der unbedarfte weiße Zuschauer goutiert das größtenteils oder macht sich keinen Kopf darum, da es ihn nicht weiter betrifft. Ausnahmen bestätigen die Regel. Hier setzt aber bei mir tatsächlich das verstärkte Nachdenken ein. Wie bekämpfe ich wirksam Ursachen, wenn ich mich vorrangig den vermeintlichen Folgeerscheinungen zuwende und sie damit zum Hauptproblem erkläre, siehe Threadüberschrift „Die Blackfacingdebatte I-III“. Der weiße Schauspieler kann auf weiß beherrschten Bühnen alles, der schwarze gar nichts spielen, ist verkürzt dargestellt die Schlussfolgerung von Frau Milagro. Das Schwärzen von Gesichtern im Theater ist natürlich immer ein Problem. Hier wird aber so getan, als ob sich die Theater künstlich und mit Vorsatz einen Misstand oder Mangel an schwarzen Schauspielern geschaffen haben, um ungestört „Blackfacing“ betreiben zu können. Oder gibt es Blackfacing wirklich nur, weil es zu wenig schwarze Schauspieler in den Ensembles gibt? Ich hätte da gerne mal ein paar aktuelle Zahlen. Hält Blackfacing wirklich Schwarze vom Theater fern und ist somit nicht nur wegen der diskriminierenden Darstellung rassistisch? Ist das nicht ein unendlicher Streit darüber, was zuerst da war, das Ei oder die Henne? Und will hier nicht gar das Ei schlauer sein als Henne. Entschuldigen Sie die Eierei, es ist ja bald Ostern und mir schien der Vergleich passend, um so kurz vorm Eierfärben noch mal auf den Knackpunkt der sehr nützlichen Debatte hinzuweisen. Wie kann ich das tatsächlich ändern?
Stefan , 29. März 2012 - 22:20 Uhr
19. Blackfacing-Debatte III: Kunst kann für Aufklärung sorgen
Beitrag Teil 2:

Es fiel kurz bei Frau Milagro der Begriff Quote. Sie hat ihn schnell wieder verworfen. Immer wenn die Gesellschaft sich nicht über ein Teilhabemodell an Machtstrukturen und Hierarchien einig ist, wird nach der Quote gerufen und sie wird genauso stark bekämpft, von beiden Seiten übrigens, auch der benachteiligten. Für die einen scheint die Quote das Allheilmittel, da man dann nicht weiter diskutieren muss, andere finden sie aus unterschiedlichsten Gründen für unwürdig oder fühlen sich dadurch gar selbst bedroht. Mehr Frauen in leitende Positionen ist der letzte Quotenvorstoß in der Politik. Dann würden sich das Klima und die Einstellung von und zu Frauen schon von selbst ändern. Auch Frau Milagro ist davon überzeugt, das Schwarze sich anders in leitenden Positionen verhalten würden. Von Frau Beier aus Köln kennen wir bereits, dass sie für kinderfreundliches Arbeitsklima ist. Ich gehe mal davon aus, dass sie das nicht nur für sich beansprucht. Parallelen zum täglichen Rassismus hatte seinerzeit auch Yoko One erkannt und John Lennon schrieb den Song dazu: „Woman Is the Nigger of the World“. Kunst kann also für Aufklärung sorgen, auch wenn oder gerade weil sie dabei provoziert, wenn man sie nicht leider immer wieder auch dafür diffamieren würde. Einsicht in eine Sache ist immer eine gute Methode, ohne Zweifel. Nur wie erlangt man Einsicht oder Erkenntnis, wie Stefan Schweers meint. Es geht nur mit reden, die andere Seite will überzeugt, nicht vorgeführt werden. Das ist ohne Frage schwierig für die sich diskriminiert Fühlenden, sie brauchen daher breite Unterstützung. Um diese muss mit guten Argumenten geworben werden. Ich bin sicher der letzte der sich lange bitten lässt, aber ein wie auch immer geartetes Watching würde ich aus persönlicher Erfahrung immer ablehnen und eine Schere lasse ich mir auch nicht mehr in den Kopf diktieren. Das bitte ich zu bedenken, wenn Sie demnächst wieder losziehen und die Kunst auf deutschen Bühnen auf ihre Korrektheit hin kontrollieren.
Stefan , 29. März 2012 - 22:21 Uhr
20. Blackfacing-Debatte III: niemand wirft Vorsatz vor
In aller Kürze:

@wolfgangk: So weit liegen wir nicht mehr auseinander, so dass ich Ihnen gar nicht mehr ausführlich widersprechen will. Ich nenne es aber weiterhin Rassismus...

@Stefan: Man kann auch als Typ mit dem Ergebnis klassifiziert werden, dass man für die meisten Rollen nicht in Betracht kommt - also eine negative Auslese erlebt. Frau Milagro hat es beschrieben. Ich zitiere mal einen Artikel aus "Der Westen", in dem der Intendant des Schauspiels Essen zu dem Thema befragt wird:

"(...)
Ein Mangel, der System hat. „Ich glaube nicht, dass unsere Gesellschaft so weit ist, einen schwarzen Faust im Theater zu akzeptieren“, sagt Christian Tombeil im Gespräch – und schiebt ein „leider“ hinterher. Wer es trotzdem wage, müsse sich darauf einstellen, dass seine Aufführung als Beitrag zur Zuwanderungsdebatte verstanden werde. Frei nach der Gretchenfrage: Nun sag, Herr Regisseur, sag, wie hast du’s mit der Integration."
(...)"

http://www.derwesten.de/staedte/essen/kultur/rassismusdebatte-um-schwarze-auf-schauspielbuehnen-id6361236.html

Theatermacher nehmen also an, dass sich das deutsche Publikum den Schwarzen nur als Fremden, Zuwanderer etc. vorstellen kann. Ich fürchte, Ähnliches gilt für Türkischstämmige, von denen es ja wesentlich mehr geben dürfte.

Niemand hat dem DT oder anderen bösartigen Vorsatz vorgeworfen, Stefan, und es wurde auch nicht "so getan". Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wurde betont, dass dem nicht so ist. Es ist wirklich ermüdend, dass immer wieder zu schreiben.

Die andere Seite will überzeugt, nicht vorgeführt werden, schreiben Sie. Gut. Leider wurde die Kritik an der Besetzungs- und Inszenierungspraxis abgeblockt, solange es mit Briefen und Presseerklärungen versucht wurde. Hier kommt das auch von Ihnen angesprochene Machtverhältnis ins Spiel. Bewegung in die Sache kam erst durch "Störaktion". Das mag traurig sein, ist aber so.

Ich weise auch zurück, dass Bühnenwatch Bühnen auf Korrektheit hin kontrolliert. Die ganze Debatte lässt sich ohne jeden Bezug auf die abgenutzten Begriffe political correctness oder incorrectness führen. Es geht nicht um Zensur, sondern darum, ein Bewusstsein zu schaffen.

Ansonsten bestreite ich nicht, dass Frau Milagro den Sachverhalt besser darstellt als ich es könnte.

Mit besten Grüßen,

S.
Stefan Schweers , 30. März 2012 - 10:33 Uhr
21. Blackfacing Debatte III: schwindene Mehrheit
hier ist man doch nur narzisstisch gekränkt, nicht der mehrheit anzugehören ...
Kloßbrühe , 31. März 2012 - 20:31 Uhr
22. Blackfacing-Debatte III: das Fremde
DAS FREMDE bezeichnet etwas, das als abweichend von Vertrauten wahrgenommen wird, das heißt aus Sicht dessen, der diesen Begriff verwendet, als etwas (angeblich) Andersartiges oder weit Entferntes.

Fremdheit kann positive Assoziationen im Sinne von Exotik oder negative Assoziationen
hervorrufen.

Menschen, die als in diesem Sinne fremd wahrgenommen werden, werden als FREMDE bezeichnet, im Gegensatz zu Bekannten und Vertrauten. Als fremd wahrgenommenen Regionen oder auch Fachbereiche werden als FREMDE, im Gegensatz zu Heimat, bezeichnet. Die Unterscheidung von Eigenem und Fremdem ist eine Grunderfahrung des Menschen, der -
parallel zur Entfaltung seines Ich - verschiedene Grade von Fremdheit bzw.
Zugehörigkeit erfährt. Definitionen des Selbst sind immer zugleich Abgrenzungen
gegen Fremdes.

Die Antike erkannte das Fremde vor allem in der Dimension der unterschiedlichen Sprachen (griechisch: barbaros, Plural barbaroi - der BARBAR ist der Fremde, der unverständlich spricht).
Das Christentum fand das Fremde in der Dimension des Religiösen
(Gegensatz von Christen und Heiden).
Das Fremde , 16. April 2012 - 15:58 Uhr

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