altNichts als ein Sommerdialog

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 15. Mai 2012. Sie kann einem wirklich leid tun, die Frau, die keinen Namen, aber Erinnerung in Fülle in sich trägt. Nach etwa anderthalb Stunden sucht sie endlich von sich aus die Nähe jenes Mannes, mit dem sie bis dahin "einen Sommerdialog" eher auf Distanz geführt hat. Sie rückt ihm körperlich ganz nahe, auf eine Weise, die beide den sprichwörtlichen Atem des anderen spüren lassen sollte. Der unsensibelste Kerl müsste ein Prickeln spüren – doch bei diesem Typ sind Hopfen und Malz verloren. Er läuft nur verbal zur Hochform auf und hebt an zu einer Vorlesung über die aus den königlichen Küchenbeeten von Aranjuez entfleuchte Saat, über Pflanzen, die draußen weiterleben und mutieren. Tiefgründige Betrachtungen über das Wesen der Johannisbeere statt einer Umarmung oder gar einem filmtauglichen Kuss...

Hätte man nicht schon viel früher jede Hoffnung aufgegeben, jetzt wäre es jedem sonnenklar: Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen. Wie lange braucht ein Poet wie Peter Handke, um diese Botschaft zu transportieren? Etwa siebzig Seiten gedruckten Text, den Luc Bondy mutig zusammengestrichen und mit Dörte Lyssewski und Jens Harzer auf die Bühne des Akademietheaters gehievt hat. Die Uraufführung der "Schönen Tage von Aranjuez" ist der Beitrag der Burg zu den Wiener Festwochen heuer.

Formschön zurechtgedrechselt

Mann und Frau im "Sommerdialog" also, will heißen: in einer entspannten Atmosphäre, leichtfüßig. Ganz so leicht im Schritt dann doch nicht, denn es wurden "Spielregeln" ausgehandelt (welche genau, erfahren wir nicht). Er fragt, sie antwortet. Das Thema: Die Lieben der Frau, ihre Erfahrungen, Beweggründe, und natürlich auch ihre Empfindungen. "Das erste Mal du mit einem Mann, wie ist das gewesen?" Ein einsilbiges Ja oder Nein gilt nicht, die Regeln sehen offenbar Ausführlicheres vor. Ob Hingabe oder Distanz, ob Vertrauen oder verborgene Rachegefühle – die Befindlichkeiten werden durchdekliniert.

aranjuez 280h ruthwalz uDie schönen Tage von A. sind schon vorbei, nurmehr der Klappstuhl zeugt noch davon: Dörte Lyssewski und Jens Harzer. © Ruth WalzGanz leicht hat Peter Handke es nicht mit sich selbst, auf seinem Weg der Selbststilisierung als Dichterfürst schlechthin. Jedes Wort ist formschön zurechtgedrechselt mit dem durch reife Weltsicht extra fein geschärften Werkzeug. Möglichst jeder Satz soll taugen für die Zitaten-Schatzkiste. Da könnte doch glatt jemand kommen und die Sache als etwas selbstverliebt abtun. Pegasus hebt das Bein und setzt gar viele Duftmarken.

Schaumgebremste Vitalität

Handkes Tochter Amina hat den Spielort gestaltet. Eine Bühne aus Schauspieler-Perspektive, im Hintergrund der Vorhang. Ein Klapptisch und zwei Klappsessel. Kulissenteile stehen herum. Zuerst trägt die Frau ein schwarzes Kleid – vielleicht hat sie eben die Eboli gespielt. Der Mann taucht durch die Bodenklappe auf, in Unterhose und mit langen Strümpfen, den spanischen Kragen hat er noch um den Hals. Don Carlos? "Die schönen Tage von Aranjuez sind nun zu Ende", heißt es dort. Bei Peter Handke sind sie auch vorbei (aber nicht im Titel). Sie werden aber herbeigeredet, hinterfragt. Nicht plump nachgespielt, da seien der Regisseur und sein Darsteller-Dreamteam vor.

Ob Wahres berichtet oder Fiktion entworfen wird, ob man Lebensbeichten abgelegt oder Lebensentwürfe behauptet, also: ob Gedankenspiel oder Aufarbeitung von miteinander Erlebtem? Das bleibt so offen wie die tatsächliche Beziehung zwischen ihr und ihm. Der Mann stellt zwar Fragen, aber dann bewundert und beschreibt er lieber die imaginären Vögel und die Pflanzen.

Den Schmerz, "zugleich lebendig und allein zu sein" – den lässt Dörte Lyssewski denkbar eindringlich spüren: die schaumgebremste Vitalität, die sich in so vielen Gesten und Bewegungen Bahn bricht. Sie hat so unendlich viel Papierenes von sich zu geben ("Jemand ohne Silhouette verheißt nichts"), aber sie sagt es, dass man gerne zuhört. Leise, sehr leise spricht sie, als ob sie sich selbst das Verblasste erst wieder vergegenwärtigen muss. Das spanische Kostüm wechselt sie bald mit einem leichten, einfärbigen Sommerkleid. Darin kann man sich nicht verstecken, da muss man echt sein. Zwischen Zerbrechlichkeit und Selbstbestimmtheit pendelt diese schwer zu ergründende Figur.

Rabenschwarze Diagnose

Jens Harzer ist der Mann, der in viele unterschiedliche Gewänder steigt und ebenso viele Charaktere einnimmt oder parodiert. Wenn die Frau erzählt, dann ist er manchmal genau dieses erinnerte Gegenüber von damals – oder er ist es gerade nicht. Die Ungewissheit hat Methode, schließlich ist von vorneherein nicht auszuschließen, dass hier ein Paar eine Art Selbsttherapie unternimmt und die eigene Biographie etwas verquerer Zweisamkeit aufarbeitet. Wenn's so ist, dann ist sie die stärkere, er aber der bestimmende in der Beziehung.

aranjuez1 560 ruthwaltz uBeim sommerlichen Schweigen: Dörte Lyssewski und Jens Harzer © Ruth Walz

Handkes Diagnose ist rabenschwarz. "Die Gegenwart eines Mannes war nie eine Lösung." Damit macht er sich auch in Feministinnenkreisen zitierbar. Mehrmals versucht sich die Frau nach hinten davon zu machen, immer wieder wird sie vom Mann ohne Gewalt, aber bestimmt an der Hand zurückgeführt. Zuletzt geht er ihr nicht mehr nach – aber sie kommt freiwillig. Wortlos, mit gesenkten Blicken sitzen die beiden einander gegenüber, wie ein altes Ehepaar, das sich nichts mehr zu sagen hat. Das ist ein stärkeres Bild als alle Sprach-Bilder zuvor.

Wenn ein neuer Handke zur Disposition steht, ist Beifall angesagt. Im Akademietheater ist er artig, aber herzlich un-beherzt ausgefallen. Versprengte Bravo-Rufer haben ihn nur unwesentlich aufpeppen können. Offenbar ist Handkes Botschaft vom Aneinander-vorbei-L(i)eben nicht so recht angekommen.


Die schönen Tage von Aranjuez
von Peter Handke
Regie: Luc Bondy, Bühne: Amina Handke, Kostüme: Eva Dessecker, Dramaturgie: Klaus Missbach.
Mit: Dörte Lyssewski und Jens Harzer.

www.festwochen.at
www.burgtheater.at


Kritikenrundschau

"Nicht, dass man Schauspielern vom Kaliber eines Harzer und einer Lyssewski bei ihrem Versuch, auch abseits des Texts etwas zu finden, grundsätzlich ungern zusehen würde. Allein: Das reicht nicht unbedingt für einen fast zweistündigen Abend", sagt Sophia Felbermair im ORF (16.5.2012). Die Inszenierung kommt für die Kritikerin nicht recht in Fahrt, "sei es, weil der Text szenisch nicht viel hergibt, sei es, weil die Inszenierung versucht, das mit aller Macht (bei gleichzeitiger Unentschlossenheit) trotzdem herauszuholen".

Hartmut Krug schreibt auf der Webseite des Deutschlandfunks (16.5.2012) über das Stück: "... was "Nichts als ein Sommerdialog" sein soll, entwickelt sich im Mann-Frau-Befragungsspiel zur grundsätzlichen und pessimistischen Beschreibung einer allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung". Der "Sommerdialog" steigere sich "mit existenziell-kulturkritischen Befunden zur traurigen Kritik einer zerstörten Welt, in der gelungene Beziehungen unmöglich werden". In Bondys Inszenierung werde all "dies Grundsätzliche unterspielt". Jens Harzers Bartkleberei und Bondys "beherzte Kürzungen" unterminierten das "tief gründende Befragungsspiel der beiden Protagonisten". Bondy setze mehr auf "ein Beziehungsgespräch zwischen Mann und Frau". Das gebe dem Text "spielerische Leichtigkeit" und den "beiden souveränen Schauspielern" gelänge es, das Publikum mit "unangestrengtem Spiel über längere Zeit der eindreiviertelstündigen Aufführung ordentlich zu unterhalten".

Handkes Sommerdialoge über die Liebe begegnen einem "als letzte Sehnsuchtsphantasie vor der großen Ernüchterung, die der heraufziehende Herbst (des Lebens) mit sich bringt", schreibt Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (18.5.2012). "Dass sich das Theater mit diesem sich ihm spreizend entziehenden Text schwer tun würde, war klar." Doch Luc Bondy beweise geradezu erstaunlich "wenig Zutrauen zu diesem Texte", umbaue ihn mit "Theater-Theater", liefere eine "Art Workshop zum Stück", mit "ganz viel Impro-Aktionismus und Requisiten-Bohei" und Ironie. "Bondy will mehr Action als Ahnung. Und so inszeniert er das auch: als aufgesetzt künstlichen, von allen frischen Luftgeistern verlassenen Budenzauber." Wobei sich die "so schöne wie klare" Dörte Lyssewski Handkes "Innerlichkeit und seinen hohen poetischen Ton" mit "bewundernswerter Selbstverständlichkeit" regelrecht "zu eigen zu machen weiß". Während Jens Harzer als "spitzfindiger Clown" und "Pathosvernichter" im Auftrage der Regie gegen die Vorgaben des Autors agiere.

"Theatertheater" hat auch Gerhard Stadelmaier von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.5.2012) erlebt, genauer: "Theater der Feiglinge – vor dem Theater". Handkes Figuren seien "mehr Poesie als Fleisch. Deshalb auch haben sie Anspruch auf jedwede Peinlichkeitsentlastung. Zwei Verdichtete. Sie ganz Seele. Er ganz Auge. Beide ganz Sprache." Eigentlich müsste Bondy, dem "Meisters derartiger Zwischenmenschenseelentöne", das Werk mit seinen "eifersuchtsschwirrenden Untertöne(n)" liegen. Doch Bondy erlebe ein "Debakel". Er häufe "Verlegenheiten, szenisch hilflose Beschäftigungsmaßnahmen". Und Dörte Lyssewski und Jens Harzer agierten, "als ob beide sich etwas schämten für das, wozu Bondy sie hier missbraucht".

Luc Bondy habe ein "Wunderding an Verdichtung" geschaffen und eine "ziemlich unspielbar wirkende Vorlage" in der Uraufführung als "gefundenes Schauspielerfressen" angerichtet, schreibt Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (18.5.2012). Lyssewski und Harzer "halten sie sich (abgesehen von Kürzungen) brav an den Text, doch über- oder unterspielen sie ihn mit Haltungen, Gesten, Tonfällen, welche eine eigene Story erzählen. Handkes Ausführungen über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Paars an sich katapultieren sie in die Bahnen eigenwillig-individueller Charaktere". In diesem Geschlechterzusammenspiel "findet Bondy einen verhaltenspsychologischen Subtext, der von vorsichtiger Annäherung weiß – und bei aller Leichtigkeit klar mehr Gewicht erhält als Handkes auch in der theatralischen Ironisierung noch reichlich schwerfällige Großbuchstabenpoesie".

Eine "fragwürdige Zeitdiagnose" stelle Handkes "schönes Stückchen" in Bezug auf das Geschlechterverhältnis aus, schreibt Peter Michalzik in der Berliner Zeitung (18.5.2012). "Aber, wie so oft bei Handke, geht es mindestens genauso um die Gegengeschichte hinter dem Geschehen, das verpasste Leben, die verschütteten Möglichkeiten. Mit ihnen taumelt das Stück bedenkenlos in die Poesie hinein, da ist Handke der Poet, der der Sprache Töne und Bilder entlockt, die nicht einmal sie selbst sich hatte träumen lassen." Die Uraufführung durch Luc Bondy empfindet der Kritiker als "höchst problematisch und wunderbar geglückt zugleich". Das Theater-im-Theater-Bühnenbild sei "selten dämlich"; das Geplänkel um "Männer, Frauen, Emanzipation und Rache" träufele einem erst "Schlafperlen ins Gemüt, auch wenn sich Harzer mit Sekt-Zauberei sehr um Unterhaltung müht". Nach einem Kuss der beiden Protagonisten aber beginnt die Aufführung den Kritiker zu faszinieren: "Je länger es dauert, desto mehr umspielen sich Lyssewski und Harzer. Am Ende wird es keinesfalls dramatisch, am Ende ist das, ganz im Sinne dieses anspielungsreichen Stücks, Anspielungs- statt Durchführungstheater", und zwar "eine Unbedachtheit, eine wunderbare Bagatelle, die so leicht-sinnig daherkommt, grillenhaft torkelnd, wie eine beschwipste Libelle auf Hochzeitsreise".

Dieser neue Text sei eine "kleine, melancholisch leichte und leicht melancholische Summe von Peter Handkes Spätwerk, mit einer Unzahl von Verweisen auf sich selbst, aber vor allem auch auf andere", schreibt Ulrich Weinzierl in der Welt (18.5.2012). Dabei wage Handkes Sprache "das Pathos, wagt lyrische Momente, fühlt sich im Bezirk gravitätischer Grazie pudelwohl. Weil derlei freilich nicht ohne augenzwinkernden Bezug auf handkesche Vorlieben und Marotten vonstattengeht, die Feierlichkeit mit einer Prise Selbstironie gewürzt ist, wird der Leser beschwingt statt beschwert." Demgegenüber sei Bondys Inzenierung nicht weniger als "ein Missverständnis und eine Enttäuschung". Das Bühnebild treibe die Arbeit in den "programmatischen Unernst" und Bondy "veranstaltet lauter szenische Ablenkungsmanöver, kennt kein Innehalten und kein Ausruhen, verdammt den schlenkerschlaksigen Harzer zu einem Übermaß an sinnfreiem Aktionismus".

Handkes neuer Text sei ein "elegischer Abgesang", schreibt Norbert Mayer auf der Webseite der Presse (17.5.2012) unter der Überschrift "Peter Handkes stille Tage im schönen Klischee". Bondy habe daraus "eindreiviertel Stunden gemacht, die leider nicht aufwühlen, sondern rasch ermüden". Allenfalls "ein nett gemeinter Versuch, die hehre Sprache des Dichterfreundes in bunten Bildern umzusetzen", sei hier zu beobachten. "Viel zu überhastet wird inszeniert. Anstatt Worte zum Klingen zu bringen, weist Bondy Dörte Lyssewski und Jens Harzer zu absurden Handlungen in schrägen Verkleidungen an".

Handkes Text sei ein "vages und wehes Nacht-Stück" und "steckt voller Anspielungen und blasser Rätsel", schreibt Roland Pohl im Standard (18.5.2012). "Die großen Dramen sind verklungen, und für die neuen, erst zu schreibenden Stücke ist die passende Bühne noch nicht gefunden". In dieser Problemlage "eignete sich" für Handkes Text "am ehesten ein Begriff, der anderweitig längst vergeben ist: derjenige der Postdramatik". Bondy habe dem Stück in der Uraufführung "ein hübsches, szenisches Postskriptum" geschaffen. Keinesfalls mehr. Der Abend komme "trotz aller Kostbarkeiten kaum vom Fleck. Die beiden Darsteller strampeln und hantieren nebeneinander her".

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