altKacke und Kapital

von Nikolaus Merck

Berlin, 14. Juni 2012. Da ist er wieder. Gott sei Dank. Ungebrochen ganz und gar. Martin Wuttke tippelt, Martin Wuttke hüpft, Martin Wuttke raunzt und reibt die Worte samten weich aus der Kehle herauf. Wuttke duckt sich, Wuttke reckt sich, einmal hängt er oben am Holzpaneel und strampelt mit den Beinen: "Mein Geld, meine Kassette, ich muss nach meiner Kassette schauen." Letzte Woche hatte der Divo die Premiere von "Der Geizige" absagen müssen, fünf Minuten vor. Anstatt zum Theater war er direkten Wegs zum Arzt gefahren. Akuter Erschöpfungszustand. Den fünfstündigen Platonov am Burgtheater spielen, Der eingebildete Kranke an der Volksbühne spielen, den "Geizigen" proben – das war sogar für einen Schleef-Wilson-Castorf-Arturo-Ui-Marathonmann zuviel gewesen. Zwei Tage ausgeschlafen, dann war die Sache ausgestanden. Allem Anschein nach. Puh. Drei Kreuze.

"Spannung halten!", befiehlt Harpagon-Wuttke den Jungen, wenn er Tür auf, Tür zu, von der aus dem "Eingebildeten Kranken" übernommenen Bühne geht (diesmal allerdings nicht in Schwarzweiß, sondern in Eiche). Die tun, wie ihnen geheißen. Lilith Stangenberg ist Elise, die Harpagon-Tochter, Maximilian Brauer ist Valère, der Elise-Geliebte und Haushofmeister. Franz Beil spielt den Sohn, Cleante. Die Männer im Molière-Perückenlook, mit braunen Strumpfhosen, Stiefelchen und wilden Gary Glitter-Jacken, dazu Pantalons, gebauschte Turnhöschen, so was, die werden schlüpfermäßig runtergezogen, um Haufen auf Papas Lieblingssessel zu setzen. Ein fäkalischer Kampf der Jungen gegen den Alten. Der unterragt sie alle um zwei Köppe und überragt sie naturgemäß, wenn er sich selber von der Leine lässt. Und die Leine hat der Mann im kleinen Schwarzen, unvorteilhaftest ausgestopft um Bauch und Gemächt, unter weißer Lockenperücke, mit kinderkurzem Fliegercape von Anfang an zu Hause gelassen. Dafür gibt er seinem Schauspielaffen Zucker. Pfundweise. Ein watschelnder Tiefflieger, als eine Art dämonischer Hans Moser reckt er durchgeknallt die gichtigen Krallen. Der Hitler brüllt, Ui macht sein Hakenkreuz, mit Schlappen bewaffnet. Derweil die Jungen die Spannung halten.  

850 geizige2 560 thomas aurin uDie Jungen spielen, was die Alten berühmt gemacht hat: "Der Geizige" © Thomas AurinIm ersten Teil, hundert Minuten, rumpelt das Volkstheater. Angetrieben von den Jungen, die tun, was das Haus berühmt gemacht hat. Augen rollen und Sätze fauchen, schnarren, toben, fallen und rennen, kein Fackeln, kein Flackern, nur Brennen mit voller Flamme. Derweil Wuttke regiert und Sophie Rois und Kathrin Angerer sich fürs Erste bedeckt halten. Es reicht ja, wenn sie auf der Bühne erscheinen. Ein merkwürdiger, aber wirksamer Effekt. Die Jungen spielen, was die Älteren einst selber spielten, die verbreiten jetzt nur noch Aura.

Schleppnetz ausgestellter Zitate

Der Text dazu ist von Molière, kompromisslos. Geradeaus. "Ich liebe Sie", "ich kann Sie nicht kriegen, der Vater ist dagegen". Der sorgt sich, kränkt sich, panikifiziert sich wegen seines Geldes. Dann will er selber freien, die Freundin des Sohnes. Welche sollen kuppeln, andere sollen's hindern. Für die Knete verkauft Papa selbst seine Kinder. Damit hat er kein Problem. Und dennoch: Wenn Wuttke einmal, zweimal am Abend dem Sohn beteuert "Ich liebe dich doch", werden die wild wogenden Wellen plötzlich, für ein paar Worte, still und glatt und man glaubt, in eine Tiefe zu sehen. Im Nu ist das vorbei.

Dann ist Pause. Weiter geht's im Dunklen. Wuttke wirft Schlagschatten, die anderen hört man, zu sehen sind sie nicht. Der Komik folgt der Ernst. Was schon da war, wird weiter ausformuliert. Es ist, als würde der gesamte Spielapparat selbstreflexiv. Ein Schleppnetz voller ausgestellter Zitate. Und Erinnerungen. Natürlich ist "Der eingebildete Kranke" mit Klistier und Brustkatarrh im Spiel, "Arturo Ui" spukt und spuckt, die Späße der Marx Brothers funktionieren forever, die Kacke im Vatersessel am Anfang kam aus John Gabriel Borkman und die Bühne ist auch nichts anders als ein in die Pubertät gekommenes Pollesch-Spielzimmer. Aus dem sich das Spiel jetzt zusehends zurückzieht und hinter die Bühne verlagert. Die Handkamera kommt zum Einsatz, Frank Castorfs Dramaturgenfaust fährt herab.

Pseudoideologischer Qualm

"Der Geizige", so las man es zuvor, wird am Rosa-Luxemburg-Platz als früher Bürger begriffen. Der Kapitaleigner in nuce. Geiz als ursprüngliche Akkumulation. Die Begleitumstände sind sexueller Natur. "Jetzt geht das schon wieder los wie damals!", kreischt Lilith Stangenberg, wenn Wuttke-Harpagon ihr unters grotesk gebauschte, weiß-rot gestreifte Markisenkleid fährt. Der angedeutete Missbrauch wird radikalisiert im ausführlichen Marquis-de-Sade-Zitat. Gesprochen immer, nie gespielt. Auch die Volksbühne hat ihren Schambereich, der wird auch gewahrt, wenn Irina Kastrinidis als Cleantes Feinsliebchen Marianne in der Badewanne planscht. In Strumpfhose und BH. Nackte Frauen bleiben, entgegen der Mär, hier eher Mangelware.

847 geizige2 560 thomas aurin uCastorf, der Filmregisseur: "Der Geizige" © Thomas AurinEine Wanne weiter hockt der Revolutionstheoretiker Marat über seinen Papieren. Sehr ernst und prononciert referiert Wuttke über die ungerechte Verteilung von Grund und Boden als Quelle allen kapitalistischen Übels und Stumpfsinns. Eh klar, oder? Molière, Frooonkreiiiisch, de Sade, französische Revolution – so etwa funktioniert die Assoziationskette, die Dramaturgenfaust greift ins inhaltlich Wolkige. Pseudoideologischer Qualm.

Drei TV-Kommissare auf der Suche nach dem Geld

Aber Andreas Deinerts und Jens Crulls Videobilder sind berückend. Hochglänzende Großaufnahmen, ungeschnittene Portraitlandschaften. Auf den Bildern tauchen neue Figuren auf, mit bekannten Gesichtern. Um den wieder zu Kräften gekommenen Lippenschauspieler Volker Spengler als vermisster Vater ex machina glüht der Nachschein einer Schauspielerbiographie, die von Kortner über Fassbinder und Schleef ins Heute führte. Nach dem verschwundenen Molière-Harpagon-Geld – "Meine Kassette, Diebsgesindel überall" – forschen zuletzt, mit Ansage, damit jeder es verstehe, die drei volksbühneneigenen Fernseh-KommissarInnen Rois, Angerer, Wuttke. Atemberaubend die Rollen- und Spielweisenwechsel, von der hochgetunten Krächzerei zum coolen Understatement-Spiel: "War die Spusi schon da?", nein, die Leipziger Spusi spielt diesmal nicht mit. Dafür verdient sich Frank Castorf neue Meriten als Filmregisseur, während sich die Kamera langsam aber sicher ins de Sade-Delirium schraubt.

Und irgendwie, nach vier Stunden 15 zwischen Wachen und Träumen, endet dieser kinoselige Teufelsritt in einem der hierorts üblichen Wimmelbilder. Im Durchgang hinten drängelt und knubbelt sich das Personal zur Coda. Noch einmal gibt es einen oder einen anderen wundervoll unmotivierten Gang, Spenglers rettender Papa übernimmt die Zeche, dann ist Schluss und Jubel beim verbliebenen Publikum. Spätestens jetzt, mit dieser Inszenierung des Klassikers Molière, ist die Volksbühne klassizistisch geworden.

 

Der Geizige
von Jean Baptiste Poquelin, genannt Molière, deutsch von Wolf Graf Baudissin
Regie: Frank Castorf, Bühne und Kostüme: Bert Neumann, Licht: Lothar Baumgarte, Kamera: Andreas Deinert, Musikalische Einrichtung: Wolfgang Urzendowsky, Video: Jens Crull, Dramaturgie: Sebastian Kaiser.
Mit: Martin Wuttke, Lilith Stangenberg, Franz Beil, Maximilian Brauer, Irina Kastrinidis, Volker Spengler, Kathrin Angerer, Sophie Rois.
Dauer: 4 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.volksbuehne-berlin.de

 

Kritikenrundschau

Castorfs "Geiziger" mute "statt amüsant (…) bald reichlich infantil an", meint Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen (16.6.2012). Die ganze Inszenierung strenge sich verzweifelt an, "leicht und locker und fidel zu wirken" und "verkrampft und verbiegt und verläppert" sich dabei. Martin Wuttke zeige den Harpagon "mit höchstem körperlichen wie stimmlichen Einsatz als autoritären, neurotischen, von bizarren Zärtlichkeitsschüben zu seinen beiden Kindern gejagten Choleriker." Doch auch dieser "deregulierte Egotrip" helfe "der Komödie trotz aller technischen Fertigkeiten nicht auf die Sprünge".

"Mit leichten Schwindelgefühlen" ist Peter Laudenbach, wie er in der Süddeutschen Zeitung berichtet (16.6.2012), kurz vor Mitternacht aus dem Theater gewankt. Denn Castorfs Sadismus gelte "nicht nur Molières Figuren. Auch das Publikum kommt in diesen Genuss, wenn in der gut vierstündigen Aufführung Szenen so endlos zerdehnt werden, dass ihr Anblick nicht mehr komisch, sondern nur noch quälend ist – und auch genau das sein soll." Wie Wuttke Molières "genuss-unfähige Lebensfeinde" (neben dem Harpagon auch den Argan im "Eingebildeten Kranken") spiele, gleiche "einer höhnischen Hinrichtung seiner Figuren. Nicht Einfühlung, sondern Groteske, also ein Ineinander von Komik und Schrecken, Grimasse und Überzeichnung sind seine mit Hochleistungsvirtuosität abgerufenen Stilmittel."

Bis zur Pause sei das Glück "von reinster, kindischster Freude" gewesen, schreibt Ulrich Seidler in der Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung (16.6.2012). Martin Wuttke sei als Geiziger "im Einer-Gegen-Alle-Modus" und pariere "das Ensemble aus Volksbühnen-Veteranen und Neuzugängen, die einander auf das Köstlichste hochschaukeln". Getrübt wurde das Glück "lediglich durch die sich recht bald einschleichende und in der Pause immer gewisser werdende Ahnung, dass es (…) mit Lachen, Spaßen, Rumsauen, Fröhlichsein nicht einfach immer weiter gehen kann, wenn Vater Castorf Regie führt". Und so gehe es nach der Pause "langsam und unterspannt" ins "Sozialkritisch-Kulturpessimistische" über. Der Zuschauer werde "in den Dämmerzustand gezwungen und dann vorübergehend wieder wachgeschrien".

"Ein Spiel vom Generationenkonflikt" sei versprochen worden, "zwischen gierigen Alten und verstörten Nachgeborenen", weiß Elmar Krekeler in der Welt (16.6.2012) zu berichten."Der Geiz der Väter zerstört den Geist der Kinder. Das hat man nach einer halben wuttkelosen Stunde auch prima begriffen." Mit Wuttke werde "alles besser. Wuttke ist der Motor der Clownerie, die sich zunehmend von Molière verabschiedet. Er springteufelt durch die Tonlagen, hängt am Schrank, gichtfingert durch Text und Raum." Es werde "klistiert, grimassiert, die Lautstärke ist groß, der Effekt klein. Eine Schauspielerressourcenverschwendung erster Güte". Tot lache "sich trotzdem keiner. Zum Leben gibt's zu viel, zum Sterben zu wenig Witz."

Wuttke sei "wieder da – und zwar voll", schreibt Frederik Hanssen im Tagesspiegel (16.6.2012). "Das hier ist seine Show." Sophie Rois glänze in allen Dienerrollen und Kathrin Angerer gebe "mit entzückendem Schnütchen die chronisch klamme Kupplerin Frosine – doch viel Platz bleibt für die Mitspieler neben diesem Wuttke nicht. Er setzt die Akzente, gibt das Tempo vor." Castorfs "Geiziger" fühle sich an wie Berlin: "ein Konglomerat aus vielen kleinen Zentren, die irgendwie zusammengewuchert sind. Szenische Highlights inmitten weiträumiger Textabsonderungsphasen. Wuttke stellt in dieser theatralen Geografie natürlich Mitte dar, Sophie Rois repräsentiert Charlottenburg, Kathrin Angerer Friedrichshain. Die übrigen Mitspieler, nun ja, Lankwitz oder Friedrichshagen, Steglitz oder Köpenick."

Von Rhythmus und Timing wisse diese Inszenierung nichts, meint Hartmut Krug auf Deutschlandfunk (15.6.2012) "und von Molières schnellem Witz in dessen langen Monologen und kurzen Repliken bleibt auch nicht viel. Dafür gibt es aufgedreht tobende Brachialkomik und viel Geschrei." Die dramaturgisch hinzugebastelten "Zitierszenen" besäßen "etwas besserwisserisch Aufgesetztes, ja überflüssig Auftrumpfendes und fügen Molières Stück (…) keinen Mehrwert zu." Martin Wuttke in der Titelrolle rase "durch viele Posen, zappelt und spuckt, kreischt und springt, hampelt und zitiert sich als Arturo Ui oder Tatort-Kommissar – und kennt in allem kein Maß und keine Form." So wie sich auch der Volksbühnen-Stil im Allgemeinen "zu einer überdrehten Form entwickelt" habe, "die nichts mehr erzählt, sondern nur unerbittlich leer und oftmals unerträglich wirkt."

"Beide Inszenierungen sind aufeinander bezogen", schreibt Thomas E. Schmidt in der Zeit (21.6.2012) in einer Kritik, die sich als Doppelkritik der beiden Volksbühnen-Molières ausgibt, konkret aber nur auf den Castorf eingeht. "Sie nutzen ein ähnliches Bühnenbild und üben sich im selben Stil." Wuttke auf der Bühne sei ein HB-Männchen und sehe gleich danach wie ein verlotterter Lagerfeld aus; "er ist das Zentralgestirn dieser Lustspiele, er reißt seine Mitspieler in die Umlaufbahn, aber sie bleiben doch nur Planeten." Über Strecken nerve dieses Theater, aber es sei gut. Castorfs Harpagon sei ein eingebildeter Kranker, der entdeckt habe, was ihm wohltut: Geld. "Harpagon ist das unbesiegbare Familienmonster, ein Töchtermissbraucher und Sohneszerquetscher, er ist ein Terrorist der Renditegesinnung." Bei Castorf gebe es allerdings keinen Vatermord. Es obsiege der Alte samt seinen Schrullen. "In Castorfs Welt gibt es keinen aufrechten Gang mehr, statttdessen wollen alle nur klauen und haben." Es sei würdelos, lächserlich. "Die Nachgeborenen sind Oper, genauso sind sie Nieten, die es nicht anders verdient haben." Beide Molières seien ziemlich charakteristische Inszenierungen der Volksbühne in ihrer "Spätphase". "Ihr selbst betrachtender Anspielungsreichtum erschöpft die Sinne." Es sei ein Theater, das sich beim Spielen selbst klassisch werde, das auf sich zurückblicke und nun ins Stadium des Selbstzitats eintrete. "Alles liegt unter Firnis – doch darunter bewegt sich immerhin noch etwas."

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