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Phaedra Backwards – Die deutschsprachige Erstaufführung von Marina Carrs Tragödienvariation in Darmstadt

"Wir sind Tiere!"

von Grete Götze

Darmstadt, 1. März 2013. Es beginnt mit dem Ende. Anders gesagt: So wie Journalisten Texte klammern, in dem sie dasselbe Bild am Anfang und am Ende benutzen, klammert auch Patricia Benecke ihre Inszenierung des 2011 uraufgeführten Stücks der irischen Dramatikerin Marina Carr "Phaedra Backwards". Phädra, eine abgehalfterte, Champagner saufende Frau im glitzernden Kleid, redet zu Beginn des eineinhalbstündigen Abends auf einer Chaiselongue liegend mit ihrem Mann darüber, dass sein Sohn, (ihr Stiefsohn) Hippolytus, sich über die Klippen in den Selbstmord gestürzt hat und er, Theseus, Schuld daran sei. Am Ende reden beide wieder darüber, und der Zuschauer weiß jetzt, wie es dazu gekommen ist.

Entsetzliche Familie

Der Abend rekonstruiert psychologisch, warum Phädra eine von Schuld geplagte Frau ist. Während Jean Racine sich im siebzehnten Jahrhundert für Phädras Begehren ihres Stiefsohnes und ihre anschließende Rache interessiert, nachdem Hippolytus sie abgewiesen hat, interessiert sich Marina Carr für Phädras Herkunft und dafür, wie sie zu dem Menschen geworden ist, der da in Darmstadt nun mit wasserstoffblonden Haaren auf der Bühne steht.

phaedra backwards 03 560 barbara aumueller h© Barbara Aumüller

Hierfür muss sie die Geschichte umschreiben, und sie braucht ein paar mehr Figuren, als der von Euripides zuerst gestaltete Stoff hergibt. Zum Beispiel Phädras Mutter, die Ehebrecherin Pasiphae, die sich der Sage zufolge in einen kretischen Stier verliebte und mit ihm den Stiermensch Minotaurus zeugte. Dieser Bruder Phädras ist entsetzlich, er stinkt, hat etliche Mädchen gefressen, ist Natur, nicht Kultur. Die Phädra, die der Zuschauer auf der Bühne des kleinen Hauses in Darmstadt sieht, hat keine menschliche Sozialisation erfahren, und sie wird von ihrer Vergangenheit eingeholt. Diese Vergangenheit ist in Beneckes Inszenierung schwarz-weiß. Auf die Rückwand der Bühne wird immer wieder ein Video mit Wellen projiziert.

Narzisstischer Prototyp

Das ist ein einfaches, aber schönes Bild. Denn es bringt auf den Punkt, was auch der Abend zeigt: dass sich alles wiederholt in dieser unheilvollen Familie, dass die Vergangenheit immer wieder in die Gegenwart hineingespült wird. Auf und hinter der Leinwand lauern die Schatten von Phädras Geschwistern Ariadne und Minotaurus. Die Gegenwart ist in dieser Inszenierung bunt und außer den beiden Mädchen, die Phädra und Ariadne als Kind zeigen, sind die Figuren auf der dreigeteilten, hinansteigenden Bühne vulgär und narzisstisch.

Pasiphae reitet im weißen Satinkleid auf einem riesigen Stier, kriecht in ihn hinein. Und Theseus, einer der Helden der griechischen Mythologie, ist bei Carr der Prototyp des Narzissten. Uwe Zerwer setzt den Mann, der einst Phädras Bruder Minotaurus erschlagen hat, breitbeinig auf die Bühne. Er schlägt zwei Eier in ein Glas, gießt Whisky darüber, trinkt das potent machende Gesöff aus. Erzählt mit zurückgegelten Haaren, dass er mit dreitausendundelf Frauen geschlafen hat. Leckt in aller Ruhe einen Joghurt-Deckel ab. Immer wieder eine neue Frau. "Wie Du lebst, das nennst Du menschlich? Die Leidenschaften der Zweibeiner menschlich? Wir sind Tiere", sagt Phädra zu dem Mann, der auch für den Selbstmord seines Sohnes verantwortlich ist.

Durch die großen Fragen rasen

Der moderne Mensch ist immer noch ein Tier, soll wohl der Zuschauer lernen. Das ist, in dieser Deutlichkeit ausgesprochen, eine sehr holzschnittartige Moral. Und weil die neun Schauspieler in eineinhalb Stunden die großen Fragen des Lebens geradezu durchrasen müssen, bleibt ihnen wenig Zeit, um ihren Figuren eine tragfähige Kontur zu geben. Zwar tut die Klarheit des Bühnenbildes, das durch seine Aufteilung einleuchtende Bilder für eine auf unterschiedlichen Zeitebenen spielende Inszenierung findet, dem Abend gut. Aber Carrs auf die Schuldfrage zugeschnittene Sicht dieser eigentlich doch so brutalen und furchtbaren Geschichte lässt den Zuschauer unberührt. Zu viel Holzschnitt für zu große Themen.

 

Phaedra Backwards (DEA)
von Marina Carr
Deutsch von Patricia Benecke
Regie: Patricia Benecke, Bühne und Kostüme: Gesine Kuhn, Video: Christoph Otto, Dramaturgie: Caroline Zacheiß.
Mit: Karin Klein, Uwe Zerwer, Andreas Vögler, Tom Wild, Maika Troscheit, Gerd K. Wölfle, Diana Wolf, Sonja Mustoff.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-darmstadt.de

 

 Jean Racines Version des Stoffs wurde im Januar 2013 im Berliner Renaissance-Theater mit Corinna Kirchhoff in der Hauptrolle auf die Bühne gebracht.

 

Kritikenschau

Johannes Breckner schreibt auf Echo Online, der Webpräsenz des Darmstädter Echos (4.3.2013): Obwohl Carr in "Phaedra Backwards" die Zeiten ineinanderfließen lasse, und dazu "Motive der Mythologie miteinander ins Spiel" bringe, entwickle Patricia Benecke die Geschichte "sinnfällig und ohne Hast". Allerdings auch ohne Überraschung. "Viel Bitterkeit" mische Katrin Klein in den "Schlampenton" ihrer Phädra. Andererseits aber sehne sie sich nach Kindheit und geschwisterlicher Gemeinsamkeit zurück. Wenn sich die "die Decke als Projektionsfläche für die mächtig vergrößerten Umrisse von Phädras Familie" absenke, sei dies eine von "vielen geschickten Lösungen" dieser Arbeit. Beneckes sehenswerte Inszenierung biete keine große Tragödie, sondern entwickle das "leise Verhängnis, so sauber konstruiert, dass für die verstörende Botschaft aus der mythischen Vergangenheit wahrscheinlich kein Raum mehr bleibt". Nur "matter Beifall" im "nicht sehr gut besuchten Kleinen Haus".

"Phaedra Backwards wolle alles sein: "Familientragödie mit sozialkritischem Anspruch und mythische Weltdurchdringung", so Martin Eich im Wiesbadener Kurier (4.3.2013). "Tatsächlich ist diese Produktion aber nur grandios misslungen." Alles, was diesen Stoff ausmachen könnte, werde bestenfalls angedeutet oder "vollständig auf dem Altar der zu ambitionierten Regie geopfert". Benecke korrigiere nicht die offensichtlichen Mängel der Vorlage, sondern potenziere sie, "weil auf verquaste Symbolik und penetrante Bildungshuberei gesetzt wird".

"Eine moderne Familientragödie, die zurecht überall spielen kann", urteilt hingegen Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (4.3.2013). Benecke inszeniere ihre europäischer Erstaufführung "recht text- und anweisungsgetreu". Allerdings habe sie das Stück "etwas abgekühlt und das Animalisch-Männliche weitgehend ins Schattenreich verbannt": "In Darmstadt könnte man so auch meinen, Phaedra alpträumt oder halluziniert nur, wenn die Familiengeister sie heimsuchen."

 

 




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