Montag, 20. Oktober 2014

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Das normale Leben – Das Wiener Theater Drachengasse zeigt Christian Lollike

Die innere Stasi

von Patrick Holzapfel

Wien, 4. März 2013. Die Bühne ist eingepfercht zwischen zwei schräg gegenüberstehenden Sitzreihen. Wer sie betritt, muss sich eigentlich beobachtet fühlen. In der Mitte stehen drei rote Sessel, an der Decke schwebt bedrohlich eine gespiegelte Salatschüssel. Die Rückwand besteht aus drei weißen Flächen, die durch zwei verzerrende Spiegel verbunden sind. Die Flächen werden später bemalt und dienen als Fenster in eine versperrte Welt. Selten hat die Enge der Bühne im Theater Drachengasse so sehr auf den Stoff gepasst: Christian Lollikes Stück "Das normale Leben", das sich mit dem Belügen des eigenen Ichs auseinandersetzt. Einer Normalität, die geprägt von Angst und Kontrolle ist.

Aufsicht für seelische Angelegenheiten

In Hans-Peter Kellners österreichischer Erstaufführung entfaltet sich eine fragmentarische Reflexion über die moderne Gesellschaft zwischen Arbeit, Familie und den eigenen Idealen. Immer wieder wird der Versuch eine normale Geschichte zu erzählen von vorne beginnen; immer wieder wird er scheitern. Der Grund dafür: ein paranoides Gefühl der Verfolgung. Die Figuren versuchen herauszufinden, wer oder was sie da verfolgt. Die Antwort kristallisiert sich schon früh heraus: Es ist die innere Stasi. Eine Aufsicht für seelische Angelegenheiten, die von einer inneren Kontrollsucht regiert wird und deren Motor die Angst vor dem eigenen Versagen ist. Körper, Karriere und Familie. Alles unterliegt einer Selbstkontrolle, die ihren Ursprung in einem medial und genetisch eingeimpften Verfolgungswahn hat.

dasnormaleleben 560a andreasfriess picturedesk xBin ich schön?  © Andreas Friess | Picturedesk
Abwechselnd wird dieser innere Kontrollzwang anhand einer modernen Familie auf zwei Ebenen beleuchtet. Einmal unterhalten sich dabei eher undefinierte Figuren über die innere Stasi und dieses unbestimmte Gefühl, verfolgt zu werden – verhandeln also das Thema theoretisch. Dann wieder werden fragmentarische Szenen einer Beziehung gezeigt, die unterschiedliche Ausprägungen der inneren Eigenüberwachung praktisch vorführen. Dabei schlüpfen Karin Yoko Jochum, Katrin Grumeth und Thomas Groß in verschiedene Rollen, die alle immer zugleich individuell und doch allgemeingültig wirken. Und das ist eine Folge der inneren Stasi und zugleich ihr Wesen: "Es ist normal individuell sein zu wollen," heißt es später und die grauen Töne des Kostüms fügen sich perfekt in dieses Konzept.

Den eigenen Körper bewerten

Zwei Versäumnisse trüben den ansonsten positiven Gesamteindruck. Zum einen bewegt sich das Stück oft im Bereich von 30-Something-Klischees. Der Griff zum Klischee ist ja nicht unbedingt verkehrt bei der Darstellung von Normalität. Allerdings wirkt beispielsweise die besondere Betonung des Themas Körperfett etwas unmotiviert, da es medial derart überstrapaziert ist, dass es sofort zur bloßen Komik verkommt. Da rennt eine Frau lange Zeit im Kreis und muss einer dicken Dame beim Essen zusehen, da zerbricht eine andere Frau, weil sie einer Torte nicht widerstehen konnte. Natürlich mag der unterdrückte Drang nach Essen ein gutes Bild für die erzwungene Disziplinierung sein. Aber in einer einfallsreichen Passage liefern die Figuren selbst andere Themenvorschläge, denen man auch ausführlicher hätte folgen können. Abwechselnd wird da beschrien, was man nicht vergessen darf: Zahnseide, schädliche Stoffe in Nahrungsmitteln, Wasser trinken und so weiter. Die innere Stasi tritt bei viel mehr als nur Ernährung auf den Plan, doch das Essen passt wohl zu gut in die Derbheit der Worte und des Humors, um es ignorieren zu können.

Die Grenzen der Körperlichkeit

Das Schauspieltrio spielt bestmöglich gegen diese Klischees an; insbesondere Thomas Groß vermag mit zunehmender Dauer der Aufführung immer mehr zu überzeugen. Eine Schlüsselszene zeigt ihn vor dem Spiegel stehend, als er seinen eigenen Körper mit Schulnoten bewertet. Dabei stellen sich zugleich die Figur, der Schauspieler und der Mensch aus. Und es wird klar, dass der Zuschauer selbst ein Beobachter ist.

Und darin liegt ein weiteres Versäumnis: Der Gefängnisturm, der alles sieht und von allen gesehen wird, ist nämlich auch im Theater präsent. Doch das Potenzial, die Beobachter-/Beobachtungsposition auch auf den Zuschauer anzuwenden, wird in der Inszenierung von Kellner nicht aufgegriffen. Stattdessen verliert die Salatschüssel, sobald sie als solche bezeichnet wurde, ihre Bedrohlichkeit, wird der Zuschauerraum abgedunkelt und man vermag sich sicher in seinem Sitz einzumummeln. Am Ende findet das Stück seinen Anker in der Normalität. Alle Auswege aus dieser Welt scheitern. Urlaub, Zeitreisen, Selbstmorde: Die innere Stasi findet dich überall. Es bleibt nur noch die Flucht in die eigene Animalität. Bis man an die Grenzen seiner Körperlichkeit stößt.

 

Das normale Leben oder: Körper und Kampfplatz
von Christian Lollike
Aus dem Dänischen von Gabriele Haefs
Regie: Hans Peter Kellner, Bühne und Kostüm: Vanessa Achilles.
Mit: Thomas Groß, Katrin Grumeth, Karin Yoko Jochum.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.drachengasse.at

 




Kommentare (1)

1. Normale Leben, Wien: Salatschüssel bei Trojanow / Zeh
"Alles unterliegt einer Selbstkontrolle, die ihren Ursprung in einem medial und genetisch eingeimpften Verfolgungswahn hat."

Lieber Herr "medialer" Nachtkritiker Patrick Holzapfel, steht der Begriff des "Verfolgungswahns" eigentlich so in Christian Lollikes Stück? Oder haben Sie den da reingelesen bzw. - wie vielleicht auch Lollike - auch nur woanders geklaut? Ich habe von diesem Begriff zum Beispiel schon mal bei Robert Pfaller ("Wofür es sich zu leben lohnt") gelesen. Oder auch bei Ilija Trojanow/Juli Zeh ("Angriff auf die Freiheit"). Das Titelfoto des letzteren Buches zeigt übrigens genau die von Ihnen so beschriebene, umgedrehte Salatschüssel.

Und geht es hier allein um psychologisierende Individualisierung, im Sinne einer Entpolitisierung, oder doch um mehr? Es gab bzw. gibt eben, wie wir ja alle wissen, auch die äussere Stasi bzw. den BND und/oder auch die selbsternannte Stasi, mein ehemaliger Nachbar zum Beispiel. Diese permanenten Versuche dagegen, Beziehungen ZWISCHEN Menschen zu verinnerlichen bzw. zu verkörperlichen, empfinde ich als redundant. Aber vielleicht ist das auch typisch für die Mehrzahl all dieser Autoren um die dreissig. Sie vermissten da ja auch etwas, ausserhalb des Klischees der "Brigitte-GQ-Frühlings-Diäten".
Inga , 05. März 2013 - 15:48 Uhr

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