Konferenz "Theater und Netz"

9. Mai 2013. Am Himmelfahrtstag fand in der Heinrich Böll Stiftung zu Berlin, direkt gegenüber vom Deutschen Theater in einem Niedrigenergiehaus beheimatet, die Konferenz "Theater und Netz" statt. Veranstalter: die Heinrich Böll Stiftung und nachtkritik.de, unterstützt von der Bundeszentrale für Politische Bildung. Einige Bilder und Sätze aus der Konferenz ...

Eröffnung – Netzkultur trifft Theaterkultur

"Sie gehen an Ihren Computer, und ich geh in mein Theater"
(Claus Peymann zu Marina Weisband)

peymannweisband 560 mweigel uMarina Weisband und CLaus Peymann, dazwischen Moderator Albert Eckert © Matthias Weigel

Internet habe in seinem Leben bisher keine Rolle gespielt, und das werde wohl auch so bleiben, sagt Claus Peymann. Für Marina Weisband hat "das Theater schon immer eine große Rolle gespielt". Es wird also im Folgenden nicht angetastet, und auch sonst ist man sich meistens einig. Nur dazu, sich wirklich ehrlich für das Netz zu interessieren, kann Weisband Peymann nicht bringen. Obwohl er einräumt, dass er sich eigentlich dafür interessieren müsste.

Claus Peymann: "Internet ist das Kommunikationssystem der Einsamkeit."

Marina Weisband: "Was die Bildung angeht, ist das Theater gefragt."

 

Eröffnungsdiskussion - Die Netzgesellschaft

podium1 560 luxkappeskaegiwerner mweigel uJoachim Lux (Intendant Thalia Theater Hamburg), Christoph Kappes (Publizist, Internetunternehmer), Stefan Kaegi (Rimini Protokoll), Carsten Werner (Die Grünen, Mitglied der Bremischen Bürgerschaft), Moderation: Nikolaus Merck (nachtkritik.de) © Matthias Weigel

Christoph Kappes rast durch seine Thesen (Wege des internetgetriebenen Theaters, Dehnung, Streckung, Remix von Live-Veränderung von Aufführung), Joachim Lux bekennt: "Das Theater muss sich selbst aussetzen. Es verändert sich und bleibt sich gleich." Er sieht eine Gegenentwicklung zur Partizipation, wie sie Rimini Protokoll zum Beispiel angeht. Seine These: Es gibt ein Bedürfnis nach Kunsttheater ("Frontalunterricht"), es wird immer bleiben.

Christoph Kappes: "Hört auf, die Technik gegen den Menschen zu verwenden. Die Frage, ob das Internet die Menschen verändert, ist in sich schon falsch. Die Technik ist vom Menschen gemacht und wird von Menschen angewendet."

Joachim Lux: "Das Internet ist nicht mehr oder weniger eine technische Neuerung. Mich erinnert das an den Futurismus, Faszination für das Neue, aber dann setzt als Gegenbewegung die Kritik ein."

Stefan Kaegi: "Darstellendes Spiel ist auch unser Auftrag, aber es oft führt es zur Vereinfachung. Das ist auch das Problem. Man vereinfacht Inhalte, um den Spielern den Umgang mit dem Material zu emöglichen."

Carsten Werner: "Bekommt das Theater nicht auch eine andere Rolle? Als Blattmacher ist es mir nie gelungen, Probleme in solcher journalistischen Qualität und Tiefe darzustellen, wie ich es bei Hans-Werner Kroesinger oder Gintersdorfer/Klaaßen gesehen habe." 

 

Panel 1 – Theater in der Netzgesellschaft:

Partizipative Politik und Ästhetik

panel1-pilzschulzpfurtschellerurbachmichaelsen 560 mweigel uDirk Pilz (nachtkritik.de, Moderation), Wilfried Schulz (Intendant, Staatsschauspiel Dresden), Torsten Michaelsen, (Ligna, im weißen Hemd), Hannah Pfurtscheller (künstlerische Leiterin transeuropa 2012, Uni Hildesheim), Stephan Urbach (Netzaktivist, verdeckt) © Matthias Weigel

"Das Netz ist nicht virtuell", sagt Stephan Urbach, und das Theater kein frei zugänglicher Ort – weil es kostet. Und sonst noch?

Wilfried Schulz: "Wir sollten uns nicht mit Vorurteilen begegnen. Selbst ich alter Zausel bewege mich im Netz."

Stephan Urbach: Wenn ich zu Hause vor dem Theater-Livestream sitze, habe ich das Raumgefühl nicht, aber Thesen, die gesagt werden, verstehe ich sehr wohl."

 

Panel 2 – Interaktivität als Konzept

panel2 560 rakowgatefohrsignahartmann mweigelMartin Ganteföhr (Interactive Writer, Gamedesigner, Creative Director), Signa Köstler (Künstlerkollektiv SIGNA), Sebastian Hartmann (Regisseur, Intendant Centraltheater Leipzig). Nicht im Bild: Mathias Prinz (Theaterkollektiv machina eX), Christian Rakow (nachtkritik.de, Moderation) © Matthias Weigel

Martin Ganteföhr hat beiden Theater-Games von machina eX viel über Theater und Games gelernt. Zum Beispiel: Man muss agieren. Sebastian Hartmann findet SIGNA toll und Köstler findet schade, dass sich Kommentatoren auf nachtkritik.de so anonym zum Shitstorm zusammenrotten – sie wünscht sich einen kritischen Dialog.

Martin Ganteföhr: "Beim Computerspiel ist Interaktion ein Pflichtrecht, damit es weitergeht."

Sebastian Hartmann: "Wenn ich die vorgefertigten Wege verlasse, endet die Welt nicht an der Bühnenkante."

Signa Köstler: "Sackgassen und Leerstellen interessieren mich sehr, das sind die Momente, in denen das Spiel mit dem Publikum entsteht."

Mathias Prinz:  zum Game-Theater "Man kann Sachen plausibel machen, die nicht plausibel sind."

 

Panel 3 – Theater im Netz

panel3 560 lehnigerottofritsch mweigelRobert Lehniger (Regisseur), Dr. Ulf Otto (Theaterwissenschaftler, Uni Hildesheim), Herbert Fritsch (Regisseur); nicht im Bild: Moderator Philipp Banse (Journalist, Podcaster) © Matthias Weigel

"Theater ist das Gegenteil von Copy und Paste", sagt Herbert Fritsch. Er muss es wissen: Mit "Hamlet_X" hat er vor allen mit Theaterformen im Netz experimentiert. Für Robert Lehniger sind die Formen im Netz noch nicht auserzählt.

Otto: "Das Gespräch über die Aufführung hört nicht mehr im Foyer auf, sondern geht im Netz weiter."

Lehniger: "Interaktivität ist zwar ein diffuser Wunsch der Theater, aber die Begrifflichkeiten sind noch sehr verschwommen."

Fritsch: "Theater ist das zukunftsträchtigtse Medium, mehr noch als das Internet."

 

Panel 4 – Kritik im Netz: Schreiben über Theater

panel4 560 slevogtmuellerdoessel mweigelEsther Slevogt (nachtkritik.de), Tobi Müller (freier Autor), Christine Dössel (Süddeutsche Zeitung), nicht im Bild: Christopher Balme (Theaterwissenschaftler), Moderator Ulf Schmidt. © Matthias Weigel

Hat das neue Medium Internet die Theaterkritik verändert? Oder ist bei den Tageszeitungen, in denen sie entstanden ist, alles beim Alten – und im Netz wird "herumgemeint"? Darüber gehen die Meinungen auf diesem Podium, wo mit Christine Dössel, Tobi Müller und Esther Slevogt drei Kritiker verschiedener Provenienz und mit unterschiedlichem Selbstverständnis sitzen, die Meinungen auseinander. Der vierte Diskutant, Theaterwissenschaftler Christopher Balme, sucht gemeinsam mit Moderator Ulf Schmidt zu vermitteln.

Balme: "Die Grenze zwischen Blogging und Kritik wird immer poröser."

Dössel: "Es ist schon eine Meinungssuppe im Internet."

Müller: "Die Crowd kann die Kompetenz dieser hochgezüchteten Theaterkritiker, die wir alle sind oder waren, nicht toppen."

Slevogt: "Dadurch, dass die Kritik im Netz weitergeschrieben werden kann, ergibt sich ein komplexes, multiperspektivisches Bild."

 

Panel 5 – Der Kritiker in der Crowd

panel5 kritiker-crowd Nis-Momme Stockmann (Dramatiker), Sascha Krieger (Blogger), Wolfgang Behrens (nachtkritik.de), nicht im Bild: Moderator Ulf Schmidt. © Matthias Weigel

Was macht den Experten aus? Und: Muss man überhaupt noch zwischen Experte und Laie, Kritiker und Crowd trennen? Was macht das mit dem Theater, wenn die anonyme Masse unterm Strich mitdiskutiert? Blogger und nachtkritik.de-Kommentator Sascha Krieger (alias Prospero) möchte die alten Unterscheidungen über Bord werfen und hält den Schmutz, der in den Kommentaren gelegentlich zum Vorschein kommt, für "ein Nebenprodukt des Internets, mit dem wir leben müssen". Für Nachtkritiker Wolfgang Behrens ist der Kritker allein nicht in der Lage, "das hermeneutische Potential" auszuschöpfen – hier können die Kommentare produktiv werden und sich ein Diskurs um das Kunstwerk entspinnen, "ein Diskurs, der das Kunstwerk selbst immer sichtbarer macht". Nis-Momme Stockmann, Dramatiker und selbst schon Gegenstand verschiedener Kommentar-Diskussionen, hält das nur auf dem Papier für eine gute Idee, angesichts der "Welle von Hass, die über mich drüber gerollt ist". Er plädiert für eine andere Diskussionskultur und eine Diskussion darüber, wie wir miteinander diskutieren. Ja, tun wir das doch – gern an dieser Stelle!

 

Alle Diskussions-Details auf Twitter: #theaterundnetz

 

Reaktionen

dpa wusste am 9.5.2013 zu melden, und u.a. stern.de und focus.de verbreiteten es sogleich, dass Claus Peymann im Gespräch mit der Netzaktivistin und Piraten-Politikerin Marina Weisband kaum eine gemeinsame Basis gefunden habe. Auf die Erklärung Peymanns, dass Theater immer subversiv sei, habe Weisband geantwortet, dass auch das Internet eine revolutionäre Kraft habe, "die uns hilft, wenn wir beisammen sind". Das Theater, sagte Peymann, könne fast die religiöse Erfahrung eines Wandlungsprozesses bieten: " ... Das Theater kann die Menschen für diesen Augenblick verändern."

Auf dem Theatertreffen-Blog des tt13 schreibt die "Neu-Bloggerin" Eefke Kleimann (9.5.2013, 17:56 Uhr ), sie könne gut nachvollziehen, was Claus Peymann gemeint habe, als er das Internet als "Kommunikation der Einsamkeit" beschrieben habe. Oft habe sie das Gefühl, dass nicht das Theater, wie von Marina Weisband behauptet, sondern Facebook dem "unidirektionalen Konzept" gehorche. Das Theater mit "seiner Eigenheit als Live-Erlebnis, als transitorischer Prozess" sei doch immer ein "Zwiegespräch zwischen Publikum und Schauspieler". Alle seien dabei "Akteure", niemand im theatralen Raum nur passiv. Theater sei gerade keine Kunstform, in der sich der Rezipient wie Marina Weisband sagte, "im Dunkeln vier Stunden zurücklehnen" könne. Denn schließlich kommunizierten wir nicht "nur digital mit sprachlichen Zeichen, sondern auch analog, mit unserem Köper: mit Hustkonzerten, Applaus, Räuspern und unserer Bewegung im Raum." Dennoch sei das Gespräch "überraschend amüsant und unterhaltsam" gewesen.

Birgit Walter schreibt auf der Website der Berliner Zeitung (9.5.2013) und FR-Online.de (10.5.2013), dem Internet-Auftritt der Frankfurter Rundschau: Die Böll-Stiftung und das Internetportal nachtkritik.de, "von seinem Wesen her die Verbindung von Theater und Netz", haben eingeladen, "und in der Böll-Stiftung werden die Plätze knapp". Thema "Theater und Netz", mit dabei: Claus Peymann und die Piraten-Politikerin Marina Weisband, "zwei Unterhaltungsprofis". "Wen kümmert das Diskussionsergebnis bei so prominenten Zusagen?" Peymann wolle nicht langweilen, schon gar nicht sich selbst. Wobei es keine Sekunde "auf Kosten der Gesprächspartnerin" gehe. Beide blieben in einem Ausmaß "höflich, zuvorkommend, aufmerksam und nachsichtig, dass es eine Pracht" sei. "Zuhause in beiden Welten" lägen natürlich "alle Trümpfe" bei Weisband. ... "Die Frage, wer eigentlich verdient im Internet und wer re:publica bezahlt, blieben im Raum hängen."

Jamal Tuschick schreibt in der Jungen Welt (10.5.2013), zunächst habe Peymann seine "Ahnungslosigkeit im Internet" betont. Von "Koketterie keine Spur". Danach "donnerte und wetterte protestantisch daher". Er glaube, im Netz anonym bleiben zu können. Marina Weisband habe erklärt: "Wir sind im Netz beisammen", "Netzwerke" seien "super komplementär zum Theater". 

Sascha Krieger, selbst Theater-Blogger und Teilnehmer der Konferenz, schreibt auf seinem Blog Stage and Screen (10.5.2013): Die Konferenz "Theater und Netz" sei zu einer Art "Blind Date zwischen Theater und Internet, Theaterszene und Netzgesellschaft" geworden. Klar sei geworden, dass manches Mitglied der "Netzgemeinde" mehr mit dem Theater anfangen kann, als andersherum. Die Konferenz habe viele Fragen gestellt, Antworten seien weitgehend ausgeblieben. Der Erfolg sei, überhaupt in Kontakt gekommen zu sein.

Auch Barbara Behrendt in der taz (10.5.2013) ist vom "alten Feuerkopf" Peymann schwer angetan. Ein "besonnener, charmanter Theatermann" sitze da auf dem Podium und berichte von einer "Revolution im Innern" nach seinem Besuch bei der Internetmesse Re:publica. Neben ihm eine Netzpolitikerin aus "gutbürgerlichem Haus, die von theatralen Erweckungserlebnissen schwärme". Respektvoll werfe man sich die Bälle zu - Peymann nicht ohne "altväterlichen Gestus". Stets "glänzender Unterhalter", erklärte er freimütig, von "all dem überhaupt keine Ahnung zu haben", während Weisband "klar und selbstbewusst argumentierte" und "nonchalant" eingeräumt habe, diese Woche selbst das erste Mal bei der Internet-Messe gewesen zu sein. Marina Weisband widerspreche, wenn Peymann vom Netz als "Einsamkeitsmedium" spricht. Während die Netzkommunikation auf dem Podium unterschiedlich beurteilt werde, blieben das Theater und seine gesellschaftliche Bedeutung unangetastet. Das Publikum habe sich bestens unterhalten gefühlt.

Jochen Stöckmann vom Deutschlandradio (9.5.2013) zappt sich für seinen ausführlichen Bericht einigermaßen chronologisch einmal durchs Konferenzgeschehen – und vermisst gegen Ende Streit und fruchtbare Auseinandersetzung. Außer bei Herbert Fritsch, dem er dann auch das letzte Wort lässt.

Stefan Bock, auf nachtkritik.de bekannt als der wirkliche Kommentator Stefan, schreibt auf seinem blog.theater-nachtgedanken.de (11.5.2013; 23:59 Uhr) über die über die Diskussion zwischen Marina Weisband und Claus Peymann. Er erlebte "zwei sichtlich gut gelaunte Diskutanten", die sich "über Schnittstellen zwischen Internet und Theater" verständigten. Alles sehr moderat, abgesehen von Peymanns Seitenhieben gegen die "unwandelbare" Kritikerschaft. Marina Weisband habe "Netzwerke" als "komplementäres Konzept für das Theater, als Orte für die Diskussion" bezeichnet. Claus Peymann sehe das Internet als "das Kommunikationssystem der Einsamkeit" an. Peymann habe von früher, Weisband vom Heute gesprochen. Bezogen auf den Arabischen Frühling meinte sie: "Die Vernetzung im Internet nehme den Menschen die Angst." Claus Peymann habe zumindest eingeehen, "dass es ohne dass Internet nicht geht". - "Aber braucht das Theater überhaupt das Internet? Die Frage blieb leider weitestgehend unbeantwortet." 

Till Führer schreibt auf livekritik.de, das Internet sei ein "Kommunikationsmonster", kein "vorgefertigter virtueller Raum", sondern ein "zunächst vollkommen wertfreies Medium". Das Netz für die "Kulturproduktion oder zumindest für den Kulturdiskurs fruchtbar zu machen", sei "die Aufgabe", die Konferenz ein nächster, wichtiger und inspirierender Schritt zu deren Bewältigung. Der "Ruf nach Partizipation auch während der Konferenz", mit mehr Raum für Fragen, offene Tweetwalls und stärkerer Einbeziehung der Crowd sei laut geworden
Kritische Reaktionen von "Bloggern und Hobbyshreibern" habe es auf die Äußerungen einer professionellen Theaterkritikerin gegeben, die den elitären Kulturdiskurs allein für ihr Medium beansprucht habe. Dass die Lanze im letzten Panel noch für "den normalen Theaterbesucher" gebrochen wurde, hätten leider nur noch wenige mitbekommen.

 

 

Zu den Videomitschnitten aller Debatten beider Konferenztagehier entlang.

 

 

 

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