Krise, welche Krise?

von Andrew Haydon

London, 24. Oktober 2013. In Großbritannien war zuletzt viel von einer Krise der Theaterkritik die Rede. Aus mehreren Gründen: Bekanntlich steckt die Zeitungsbranche in schwerwiegenden finanziellen Schwierigkeiten. Die Blätter haben ihre Personaldecke erheblich ausgedünnt und die Gehälter gekürzt. Zugleich wurde von den Journalisten erwartet, dass sie ihr Arbeitspensum erhöhen und – im Zuge der Ausbreitung neuer Medien – auf immer mehr Plattformen aktiv werden. Bis vor Kurzem machte sich all das in der Theaterkritik ledglich durch schrumpfende Honorare und schrumpfende Berichterstattung bemerkbar – und durch immer weniger Möglichkeiten für freie Autoren, als Theaterkritiker bei etablierten Medien einen Fuß in die Tür zu bekommen. Nachdem jetzt allerdings der Independent on Sunday seine komplette Kritikerriege entlassen und ihre Berichterstattung durch eine Kritikenrundschau aus dem täglich erscheinenden Independent-Schwesterblatt, einigen anderen Blättern und Twitter-Kommentaren ersetzt hat, ist doch manch einer in Panik geraten.

Es gibt jedoch gute Gründe, den Independent on Sunday nicht als Präzedenzfall für die Dinge zu betrachten, die auf uns zukommen: Die Relevanz des Blattes in der britischen Zeitungslandschaft ist gering, seine Leserschaft klein und seine Website quasi unbenutzbar. Überdies steckt das Blatt schon seit Langem in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten, weshalb diese Sparmaßnahme keine Überraschung war. Es sieht bisher nicht so aus, dass andere Zeitungen auch nur im entferntesten daran dächten, sich von ihren Kritikern zu trennen.

Kein Theater der Zeit, kein Theater heute, kein nachtkritik.de

Dennoch ist die Lage der britische Zeitungen einigermaßen ungemütlich. Als ich kürzlich meinen Kollegen Alexander Menden von der Süddeutschen Zeitung traf und erfuhr, dass er – als einer von vier Londoner Korrespondenten der SZ – die Kulturberichterstattung aus London besorgt, während der Guardian gerade mal einen einzigen festangestellten Journalisten beschäftigt, der über Politik, Kultur, Sport und bizarrerweise auch über die Türkei berichtet, schien mir dies Bände über die Unterschiede zwischen den Zeitungslandschaften unserer beider Länder zu sprechen.

Um zu verstehen, warum die Zeitungen eine so zentrale Rolle in der Debatte um die Theaterkritik in Großbritannien spielen und warum Printmedien hier einen weit größeren Einfluss auf die Theaterberichterstattung haben als in Deutschland, muss man sich vor Augen führen, dass sich – mit wenigen Ausnahmen – die gesamte britische Theaterkritik immer in den Tageszeitungen abgespielt hat – bis etwa 2007, als im Internet die Theater-Blogs aufkamen. Es gab in den späten 1960ern bis in die 1970er Jahre das Fachmagazin Plays and Players. Heute veröffentlichen Nachrichtenmagazine wie The Spectator und The New Statesman gelegentlich noch Theaterkritiken. Fachmagazine wie Theater der Zeit, Theater heute oder ein Äquivalent zu nachtkritik.de gibt es jedoch nicht. Höchstens das Onlinemagazin Exeunt, das noch am ehesten mit nachtkritik.de vergleichbar wäre, hätte das Potenzial, die Theaterberichterstattung in Großbritannien von Grund auf zu erneuern. Dafür jedoch müsste es zunächst interne Organisations- und Redaktionsfragen klären und seine Einnahmensituation verbessern. (Zurzeit erzielt Exeunt geringe Werbeeinnahmen, die aber nicht ausreichen, um die Autoren zu bezahlen).

Theaterblogs – von Postdramatik bis Eiscreme

Interessanterweise fällt die derzeitige "Krise" mit dem wohl größten und schnellsten Wachstum der Theaterkritik seit dem Aufkommen der preiswerten Stadtmagazine wie Time Out (seit 1968) und City Limits (1981–1993) zusammen. (Time Out hat seine Theaterberichterstattung in den letzten zwei Jahren allerdings drastisch heruntergefahren.) Durch freie Publikationsmöglichkeiten im Internet jedoch hat sich das Theater-Bloggen in kürzester Zeit zu einem enormen Wachstumssektor entwickelt (für einige Beispiele siehe die Blog-Roll unten).

guardian-blog-ii 280hEarly Adopter – das Theatre Blog des "Guardian"
wurde bereits 2006 ins Leben gerufen.
Von den meisten der etablierten Theaterkritiker wurden diese Blogs, die zum großen Teil ohne Entlohnung geschrieben werden, ursprünglich argwöhnisch beäugt und lösten zahlreiche fadenscheinige Auseinandersetzungen der Marke "Blogger versus Kritiker" aus. Schon 2007 schrieb Michael Billington (der Chefkritiker des Guardian) in einem komplett sinnfreien, in sich widersprüchlichen Text, Blogs ähnelten "eher einem formlosen Brief". Eine Kritik hingegen, schrieb er, "muss, falls sie irgendeine Wirkung entfalten will, eine klar definierbare Struktur haben. Der Kritiker hat im Gegensatz zum Blogger die Pflicht, Stücke und Aufführungen in ihren historischen Kontext zu setzen." Ironischerweise schrieb Billington diesen Text für das Theatre Blog des Guardian.

Tatsächlich hatte der Guardian bereits 2006 erkannt, dass die Zukunft des Journalismus im Onlinebereich liegt, und daher eine Reihe lockerer, kommentierbarer Blogs, darunter eben auch ein Theater-Blog, eingerichtet. Eine Zeitlang lud man hier herausragende Blogger ein, Themen des zeitgenössischen britischen Theaters zu diskutieren – von der Rezeption des Standardwerks "Postdramatisches Theater" von Hans-Thies Lehmann bis zu erhellenden Betrachtungen über Preis und Qualität von Eiscreme im West End. 2011/12 ging das Geld für solche Gastbeiträge aus, und heute schreibt in diesem Blog nur noch die (immer noch vorzügliche) feste Theaterkritikerin des Guardian Lyn Gardner.

Krise des Geschmacks – tote, weiße Männer

Lange vor dem Aufstieg der Blogger-Szene erlebte die Britische Theaterkritik übrigens eine ganz andere "Krise": nämlich eine Krise des Geschmacks und der Repräsentation. Die meisten "Großkritiker" waren alt, weiß, männlich und trugen ihren zutiefst konservativen Geschmack als Gewohnheitsrecht vor sich her. Dementsprechend wurden einige der besten Theaterarbeiten, die in Großbritannien herauskamen, niemals positiv besprochen. Das hatte nicht zuletzt handfeste Probleme für progressive Theaterleiter zur Folge – und für Kompagnien, die Stücke abseits der sozialrealistischen Tradition der "Spülbecken"-Dramen der 1960er Jahre ("Kitchen Sink Realism") oder der texttreuen Umsetzung von Klassikern zeigen wollten. So kommt es nicht von ungefähr, dass auch nur wenige deutsche Arbeiten – die hierzulande als verstiegen "experimentell" gelten – in Großbritannien zu sehen waren.

Im Zuge der Ausbreitung von Blogs und unabhängigen Theaterkritik-Websites löste sich dieser Würgegriff eines halben Dutzends "toter, weißer Männer" (ein Ausdruck, den der Intendant des National Theatres London Nicholas Hytner prägte). Während sich Guardian-Kritiker Michael Billington gegen die Blogs wandte, fanden sie in Lyn Gardener, der anderen festen Kritikerin des Blatts, eine vehemente Unterstützerin, die Bloggern regelmäßig Rat und Aufträge gab und Karrieren beförderte. Sie gewann die besten Autoren unter ihnen für den Guardian, was im Gegenzug das Profil der Blogger stärkte und ihre Blogs zu einem kulturellen Kapital aufwertete. Diese stille Revolution vollzog sich zwischen 2007 und 2012, in eben jener Zeit, in der die Printmedien die Auswirkungen der globalen ökonomischen Krise und die massenhafte Abwanderung der Zeitungskäufer zu spüren bekamen.

Kurzkritiken, Sternchenbewertung – Niedergang?

Die Kernfrage in der aktuellen "Krise" lautet nun: Wenn die professionelle Kritik aus den Zeitungen verschwindet – und viele würden behaupten, dass sie bei Kurzkritiken von 350 Wörtern und notorischer Sternchenbewertung längst im Niedergang begriffen ist –, wo wird sie fortleben? Und wie sollen die bezahlt werden, die die Kritiken schreiben?

Der – unlängst auf nachtkritik.de zusammengefasste – Beitrag des jungen Digital-Predigers und Bloggers Jake Orr (und die vielen vergleichbaren Texte von Mark Shenton auf The Stage) ist aus meiner Sicht eine seltsame Mischung aus berechtigter Sorge, einem Hang zu Worst-Case-Szenarien und einer altbackenen Verbeugung vor dem Printjournalismus. Orr weist auf die kaum zu überschätzende Bedeutung hin, die Kritik hinsichtlich ihres Werbeeffekts, ihrer intellektuellen Wirkung und dokumentierenden Funktion für das Theater hat, und schlägt deshalb vor, dass Theater, künstlerische Institutionen, ja sogar der Arts Council England (der staatliche Rat der Künste) die Theaterkritik subventionieren sollten. Allerdings gab es von jeher stets nur zehn bis fünfzehn Kritiker, die vom Schreiben über das britische Theater zumindest annähernd leben konnten, wie auch Lyn Gardner in ihrer Erwiderung auf Jake Orrs Untergangsszenario schreibt.

Immerhin, zehn bis fünfzehn sind immer noch mehr als null. Und bis dato sind die Tageszeitungen so ziemlich die einzigen, die Honorare zumindest annähernd in einer Größenordnung zahlen, dass sie zum Leben reichen. (Die Situation verschärft sich dadurch, dass beinahe alle britischen Kritiker sich gezwungen fühlen, in London zu leben, wo sich ein irrwitzig hoher Prozentsatz aller Theater des Landes befindet. Und da London eine der teuersten Städte der Welt ist, wird hier auch entsprechend mehr Geld für den Lebensunterhalt benötigt.)

Wie wird die Kritik überleben? Und wie wird sie finanziert?

Natürlich ist es möglich, dass die Zeitungskritik in irgendeiner Form überlebt. Vermutlich mit weniger Arbeitsmöglichkeiten für Kritiker und zunehmend schlechteren Autoren. Auch sollte man einen jüngeren Trend nicht unerwähnt lassen: Zwar war Kritik nie ein erlernbarer Beruf, und viele britische Kritiker haben nicht einmal ein theaternahes Fach studiert. Doch in den letzten Jahren haben Herausgeber verstärkt Prominente mittleren Rangs oder einfach solche Journalisten eingestellt, die ihre (politisch meist rechts orientierten) Meinungen teilten. Das hat dem Ruf der "professionellen Kritik" unendlich viel mehr Schaden zugefügt, als es ein Blog jemals könnte.

postcardsgodsAndrew Haydon schreibt auf seinem Blog auch
über deutschsprachiges Theater.
Wenn wir in Großbritannien eine ernsthafte, populäre Theaterkritik wollen – so wie es sie Deutschland aus meiner Sicht mit nachtkritik.de (die ihre Autoren bezahlt), Theater heute und Theater der Zeit gibt –, müssen wir darüber nachdenken, wo und wie man sie finden kann und wie sie finanziert werden soll.

Optimismus statt Furcht

Wie dringlich die Problemlage ist, lässt sich schwer abschätzen. Orr behauptet, dass der gegenwärtige Zustand – mit jungen, erstklassigen Autoren, die unbezahlt über Theater berichten und allein durch Freikarten entschädigt werden – schlicht unhaltbar ist. Und es stimmt, dass wir entweder neue Fördermodelle oder einen tiefgreifenden Wandel der intellektuellen Kultur unseres Zeitungswesens brauchen, wenn wir wollen, dass diese Generation bis zur Rente weiterhin über Theater schreibt. Auf der anderen Seite wird es vielleicht nie einen Mangel an talentierten jungen Leuten geben, die dem Theater leidenschaftlich zugetan sind und brillant darüber zu schreiben vermögen. Möglicherweise wird der junge Kritiker in Zukunft nicht mehr für immer auf dem einmal eingeschlagenen Karrierepfad verbleiben, sondern – wie bereits der große britische Nachkriegskritiker Kenneth Tynan – nach zehn Jahren ins Literaturmanagement oder in die Dramaturgie abspringen.

Im Klammergriff der Rezession unterwirft man sich gern dem Denken der Krise. Doch die Situation könnte sich ebenso gut verbessern wie verschlechtern. Vor zwanzig Jahren erlebten wir in Großbritannien die "Krise der Neuen Dramatik". Nach dem Aufbruch mit Sarah Kane, Mark Ravenhill und Martin Crimp (um nur drei Dramatiker zu nennen) in den 1990ern und Simon Stephens, Dennis Kelly und zahllosen anderen im vergangenen Jahrzehnt ist die Neue Dramatik nun allerdings wirklich der letzte Anhaltspunkt für eine Krise des Theaters. Selbstredend können wir nicht sehen, was die Zukunft bringt, aber das heißt nicht, dass wir ihr mit Furcht statt mit Optimismus entgegenblicken müssen.

 

Sechs der besten britischen Theaterblogs:

Maddy Costastatesofdeliquescence.blogspot.co.uk – Mitgründerin des "Dialogue"-Projektes mit Jake Orr, professionelle Printkritikerin, die zur Online-Theaterkritik-Aktivistin wurde. Costas Schreiben strapaziert nicht nur die akzeptierten Grenzziehungen und Formen, wie Kritiken geschrieben sein sollten. Sie investiert auch viel Zeit in die Ausbildung junger Kritiker.

Exeunt Magazineexeuntmagazine.com – Herausgegeben von Natasha Tripney, Daniel B. Yates und Diana Damian. Exeunt bietet die beste Theaterberichterstattung, die man derzeit in Großbritannien finden kann. Herausragende Kritiker, neben den unten genannten, sind die drei Herausgeber selbst sowie Stewart Pringle und Tom Wicker.

Chris Goodebeescope.blogspot.co.uk – Derzeit ohne neue Einträge. Der über sechs Jahre betriebene Blog des genialen Autors, Regisseurs und Performers Chris Goode zeichnete den Weg für ein neues Schreiben über Theater vor, sowohl aus der Perspektive des Machers wie des Zuschauers. Er setzte Maßstäbe für das Theater-Bloggen in Großbritannien.

Dan Huttondanhutton.wordpress.com – Einer der jüngsten und zweifellos scharfsinnigsten Online-Kritiker. Huttons Jugend, seine sozialistische Haltung und sein kritischer Scharfsinn machen ihn zu einem ernsthaften Bewerber um den Titel "Der neue Kenneth Tynan".

Catherine Lovecatherinelove.co.uk – Love hat sich mit der vielleicht staatsmännischsten, würdevollsten und diplomatischsten Haltung unter allen Online-Kritikern einen Namen gemacht. Sie schreibt über die umstrittensten Aufführungen und Theaterskandale auf eine Weise, die Widerspruch weder erregt noch duldet.

Matt Truemanmatttrueman.co.uk – Der verdächtigste Crossover-Erfolg zwischen Bloggerszene und Print: Trueman begann als Kritiker der Theaterrubrik von CultureWars (damals von mir, Andrew Haydon, betreut) in einer Zeit, als er als Agent für Schauspieler arbeitete, und wurde schnell einer der produktivsten freien Autoren in den Mainstream-Printmedien.

Andrew Haydonpostcardsgods.blogspot.co.uk – "Einer der geistreichsten, einfühlsamsten und im besten Sinne des Wortes irritierendsten Kritiker unserer Tage. Er schreibt nicht nur mit einer nahezu perfekten Balance aus analytischem Scharfsinn und praller Lyrik über die interessantesten Theater in Großbritannien und Europa, sondern stellt sich auch immer wieder der Kernfrage, wie und warum wir uns in diesem Land mit Theater beschäftigen sollten, sowohl als Publikum wie auch als Theatermacher." (Chris Goode)

Aus dem Englischen übersetzt von Anne Peter und Christian Rakow. Zum englischen Originaltext.

 

andrew-haydonAndrew Haydon hat als freier Theaterkritiker u.a. für "Financial Times", "Guardian" und "Time Out" geschrieben. Von 2000-2010 war er außerdem Theaterredakteur beim Onlineportal CultureWars, wo er spannende junge Theaterkritiker entdeckte, darunter Andy Field, Matt Truemann und Miriam Gillinson. Seine Darstellung des britischen Theaters in den 2000ern ist veröffentlicht in dem Band Modern British Playwriting: 2000-2009, hrsg. von Dan Rebellato, Methuen Drama. Seine Website: postcardsgods.blogspot.co.uk

 

Mehr zum Thema Theaterkritik im Netz:

Über deutschsprachige Theaterblogs schrieb Georg Kasch (5/2013). Petra Kohse beleuchtete die Geschichte der Nachtkritik und der Theaterkritik im Internet (1/2009). Nikolaus Merck reflektierte die Theaterkritik im Internet vor dem Hintergrund einer sich verändernden Öffentlichkeit(3/2011), während Tobi Müller über die Krise der Theaterkritik in Zeiten des Web 2.0 nachdachte. Dirk Pilz schrieb anlässlich des fünften Geburtstages dieser Seite über fünf Jahre nachtkritik.de – eine kleine Zwischenbilanz (5/2012) – Noch mehr zum Thema im Lexikon.

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