"Blutbuch" vom Theater Magdeburg - Der Shorty zum Gastspiel beim Berliner Theatertreffen
Die Wurzeln und die Wunden
4. Mai 2025. Kim de l'Horizons Roman "Blutbuch" schildert ergreifend eine Suche nach Identität, dem eigenen Körper, nach Sex – und einer Sprache dafür. Jan Friedrichs gefeierte Magdeburger Inszenierung traf nun in Berlin auf ein begeistertes Publikum.
Von Tobias Gerosa
"Blutbuch" von Kim de l'Horizon, von Jan Friedrich am Theater Magdeburg inszeniert © Kerstin Schomburg
4. Mai 2025. Grau steht sie beim Einlass schon auf der Bühne, wie eine Versteinerung: Die "Grossmeer", die Grossmutter der Erzählerfigur Kim, an deren und damit der eigenen Geschichte sie ihre Identität sucht. Sie steht da, als wäre sie in eine Buchpräsentation von Kim de l’Horizons Blutbuch geraten – sofort erkennt man in der einprägsamen Blau-Rot-Kombi das Buchcover wieder.
Was Regisseur Jan Friedrich am Theater Magdeburg gemacht hat und nun beim Theatertreffen präsentiert, ist aber weit mehr: Eine pralle, kluge, theatrale und berührende Version, die die sagen wir zerklüfteten Form des Romans keineswegs glättet, aber ihr doch einen klaren theatralen Bogen gibt.
Biografische Lesart
Nicht zufällig steht da zuerst die Grossmeer: Sie (Iris Albrecht) ist Dreh- und Angelpunkt (neben ihr ist nur noch die Mutter als Figur präsent, Julia Buchmann spricht sie konsequent auf Schweizerdeutsch), um die gleich sieben Kims kreisen, spüren, dass da Tabu-Themen sind. Die sieben Kims sind alle ausgestattet wie Kim de l’Horizon bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises und legen so natürlich eine biografische Lesart nahe.
Wo bei der Lektüre und auch den Theaterversionen in Bern als Monolog oder in Zürich, bei der Autorperson Kim de l’Horizon selber mitspielte, daher stark die non-binäre, queere Selbstfindung der autofiktionalen Figur und seine auch sexuelle Selbstfindung im Zentrum stand, fokussiert Friedrich mehr auf die Familiengeschichte (ganz ohne den Hexen-Strang), die natürlich einer der zentralen Referenzpunkt ist und in seiner ganzen Drastik doch präsent bleibt.
Das Sichtbare und ds Unsichtbare
Einerseits schafft die Regie also Distanz, auch in dem sie die Kims die Geschichte oft einfach erzählen lassen, allerdings in immer wieder neuer Art, dass das urtheatrealisch wird, auch wenn kaum Dialoge entstehen – oder nur mit sich selber. Man erzählt ins Mikro oder unverstärkt, allein oder zu mehrt, viele Szenen werden live gefilmt (oder teilweise vorproduziert?), vom Himmel wächst die Blutbuche mit Wurzeln wie Spieße: Woraus das Sichtbare gewachsen ist, das bleibt als Gefahr präsent.
Das spürt man in dieser Inszenierung selbst da, wo sie sich (mit der Vorlage) selbstironisch gibt und am Schluss dann auch den englisch geschriebenen letzten Romanteil als schlüssige Zusammenfassung und Appell einbaut. Während die Publikumsreaktion beim Eröffnungsabend im Haus der Berliner Festspiele eher kühl blieb, feierte nun ein berührtes Publikum im gastgebenden Deutschen Theater das von dieser Aufnahme sichtlich bewegte Ensemble samt Regieteam.
- Hier die Nachtkritik zur Premiere im Januar 2024
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Eigentlich sollte Jan Friedrich wieder eine seiner Klassikerüberschreibungen inszenieren, demnächst ist auch seine Tschechow-Bearbeitung „Onkel Werner“ bei den Autorentheatertagen zu sehen. Bei einer Wiederaufnahme-Probe kaufte der Regisseur das „Blutbuch“ von Kim de l´Horizon, das mit dem Deutschen und Schweizer Buchpreis ausgezeichnet war und in Berliner Buchhandlungen vergriffen war. In Magdeburg konnte sich Friedrich ein Exemplar vom Stapel nehmen und war schnell begeistert. Er erzählte Schauspieldirektor Bastian Lomsché davon, sah aber kaum eine Chance, dass sich das Theater Magdeburg die Rechte sichern könnte. Der Direktor fragte dennoch beim Verlag an und bekam den Zuschlag. So erzählten sie es beim gestrigen TT-Nachtgespräch.
Der Rest ist Geschichte: „Blutbuch“ ist eine berührende Geschichte, die quer über Generationen und Lebensstile funktioniert. Explizit tauchen der Roman und seine Theaterfassung in das queere Sex-Leben mit kinky Partys der autofiktionalen, nonbinären Hauptfigur in Zürich und Berlin ein. Aber auch für das Magdeburger Stadttheater-Stammpublikum funktioniert der Abend als Mehrgenerationendrama über den Bildungsaufstieg und Selbstfindungsprozess von Kim, über das schwierige Verhältnis zur Meer (=Mutter) hinter ihrem Eishexen-Panzer und über das Verhältnis zur von ihrem langen Arbeitsleben gezeichneten, in die Demenz abgleitenden Großmeer (Bernerdeutsch für Großmutter).
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/05/05/magdeburger-blutbuch-beim-theatertreffen/