Kontakthof - Echoes of '78 vom Tanztheater Wuppertal
Vignetten des Vergehens
14. Mai 2025. Was bedeutet die Sprache der Körper und Zeichen, in die Pina Bausch 1978 die Geschlechterverhältnisse für ihren legendären Tanzttheaterabend "Kontakthof" übersetzte, heute? Welche Fragen provoziert dieses spektakuläre Reenactment in der Gegenwart?
Von Elena Philipp
Kontakthof - Echoes Of '79 vom Tanztheater Wuppertal Pina Bausch © Ursula Kaufmann
14. Mai 2025. Tanz ist flüchtiger noch als Theater, er lebt allein in den Körpern der Tänzer*innen. Ein Glücksfall ist daher die Reinszenierung von Pina Bauschs "Kontakthof", diesem Szenenreigen um einen Tanzsaal als Begegnungsstätte verlorener Seelen, die Meryl Tankard mit den Interpret*innen der ursprünglichen Inszenierung neu einstudiert hat.
Elegant wie vor 47 Jahren schreitet das Ensemble auf den Diagonalen, die Arme wie in Trance mit den fließenden Gesten befasst, die ein Markenzeichen Pina Bauschs sind, die Oberkörper in die Bewegung gelehnt. Zu Paaren geordnet, wie es die Etikette verlangt, wird eng getanzt, geohrfeigt und gekitzelt. Kieksend rennt Meryl Tankard, inzwischen 69 Jahre alt, quer durch den Raum, welchen Bauschs Lebensgefährte und Bühnenbildner Rolf Borzik 1978 in Anlehnung an die Lichtburg gestaltet hat, das ehemalige Kino, in dem Bausch und ihre Wuppertaler Kompanie damals probten. Eine junge Frau im Körper einer älteren Dame, gejagt von einem etwas hüftsteifen Kollegen.
Bewahrtes Erbe
In den schummerig schwarz-weißen Filmaufnahmen, die Rolf Borzik 1978 aufgenommen hat – von der Pina Bausch Foundation aufwändig digitalisiert, von der Tänzerin, Choreographin und Filmemacherin Meryl Tankard editiert und auf eine Gaze vor der Bühne projiziert –, sieht man die Szenen von damals. Und bemerkt die Lücken, ach, diese entsetzlichen Lücken: In den Reihen fehlen so viele. Nur neun von ursprünglich 20 Tänzer*innen stehen hier noch auf der Bühne. Im Paartanz fehlt das Gegenüber, der eine spricht einen leeren Stuhl an, die andere setzt sich auf keinen Schoß.
"Kontakthof – Echoes of ’78" ist ein Reigen mit den Geistern der Vergangenheit: Wie bewahren wir das Tanzerbe, wenn die Mitwirkenden verstorben sind? Am Tanztheater Wuppertal werden Bauschs Stücke lang schon von einer Generation an die nächste weitergegeben, seit dem Tod der Choreographin 2009 von ihren Tänzer*innen; aber Bauschs Arbeiten sind so tief in den Biographien der Mitwirkenden verwurzelt, dass sie, aufgeführt von jemand anderem, einen wesentlichen Teil ihrer Verankerung verlieren. Und die prägende Generation von Tänzer*innen ist mittlerweile zwischen 70 und 80 Jahren alt. In dieser Konstellation sieht man Elisabeth Clarke, Josephine Ann Endicott, Lutz Förster, John Giffin, Ed Kortlandt, Beatrice Libonati, Anne Martin, Arthur Rosenfeld und Meryl Tankard vermutlich zum letzten Mal.
Rampenseliger Schwung
"Kontakthof – Echoes of ’78" ist eine Zeitkapsel. Nicht nur, weil mit der Originalbesetzung auch die ursprüngliche Intention wieder auflebt oder man unmittelbar begreift, wie zentral die Tänzerin Jo Ann Endicott, die so heiter hüpfen und so untröstlich schluchzen kann, mit ihrer aufmüpfigen Präsenz und ihrem rampenseligen Schwung im Ensemble war und ist. Sondern auch, weil die Zeit über das Stück hinweg gegangen ist und sich manches verändert hat.
Wenn Meryl Tankard, auf dem Boden sitzend, dem aufrecht gehenden Ed Kortlandt nachrobbt, der ihr stets ausweicht, denkt man unweigerlich an die Hausfrauenehe in der BRD, an der auch die 68er nicht wesentlich gerüttelt hatten. Wenn im Film zu sehen ist, wie Tankard von zwei Dutzend Männerhänden betatscht wird als sei sie ein unbelebtes Ding, muss man sich in Erinnerung rufen, dass Vergewaltigung in der Ehe bis 1997 legal war. Manches ist nicht gut gealtert in Pina Bauschs Werk, #MeToo hat den Blick verändert – und man begreift, dass es für eine westdeutsche Frau der späten 1970er keinen Platz gab, an dem sie als eigenständiges Individuum galt.
Bundesdeutsche Mentalitätsgeschichte
In den Schlagern, die "Kontakthof" untermalen, als "süßes Fräulein" besungen, auf der Bühne unterm Stuhl liegen gelassen wie ein Stück Abfall, wird sie in "Kontakthof" als Opfer einer brutalen Geschlechterhierarchie ansichtig, gerade in diesem Ballsaal-Setting mit seinen Anzügen und Satin-Kleidern, die das damalige Wuppertaler Publikum gespiegelt haben dürften. Wie provokant waren die inszenierten Übergriffe 1978? Damals wurde Bausch, anfangs angefeindet, bereits gefeiert; 1981 war sie erstmals zum Theatertreffen eingeladen.
Heute ist manches peinsam – bei aller (Selbst-)Ironie haben die schräg gelegten Köpfe und koketten Gesten, die Schleifen im Haar und die Hemdchen, mit denen Endicott und Tankard ein Duett der bezaubernden Gören tanzen, etwas verstaubt Stereotypisierendes. Wie sieht eine genderfluide junge Person diese Aufführung?, frage ich mich. Transportiert sich hier der Geist der Entstehungszeit oder sind diese Routinen einer sexualisierten Weiblichkeit unerträglich überholt?
"Kontakthof – Echoes of ’78" ist eine praktische Lehrstunde in bundesdeutscher Mentalitätsgeschichte. Und eine wunderbare Begegnung mit neun der prägendsten Tänzer*innen des 20. Jahrhunderts.
Kontakthof – Echoes of ’78
von Pina Bausch und Meryl Tankard
Konzeption, Inszenierung und Video: Meryl Tankard, Video-Editor: Kenny Ang, Design Projektionen: YeastCulture, Lichtdesign: Ryan Joseph Stafford, Sounddesign: David McEwan, Künstlerische Assistentin der Regisseurin (Kreation): Cristiana Morganti, Künstlerische Mitarbeit (Kreation): Bénédicte Billiet, Probenassistenz und Probentänzerin (Kreation): Sophia Otto, Probenleitung (Tournee): Scott Jennings, Outside Eye (Theatertreffen): Felicitas Willems.
Mit: Elisabeth Clarke, Josephine Ann Endicott, Lutz Förster, John Giffin, Ed Kortlandt, Beatrice Libonati, Anne Martin, Arthur Rosenfeld und Meryl Tankard.
Premiere am 26. November 2024 (Uraufführung "Kontakthof" am 9. Dezember 1978)
Dauer: 2 Stunden, eine Pause
www.pina-bausch.de
Hier geht es zum Theatertreffenliveblog.
Dennoch hinterlässt diese beim Theatertreffen bejubelte Produktion der Pina Bausch Foundation und des britischen Tanzhauses Sadler´s Wells zwiespältige Gefühle. Zu viel Patina hat das Werk angesetzt, zu betulich wirken die Tanzstunden-Szenen zu Schlagermusik in mehr als zweistündiger Endlosschleife. Zu viel bundesrepublikanische Spießigkeit schwingt hier mit, so dass „Kontakthof – Echoes of ´78“ aus der Zeit gefallen wirkt.
Tanzhistorisch und als Meditation über das Alter hat der Abend seinen Reiz. Statt der 10er Auswahl des Theatertreffens, zu dem Pina Bausch und viele der Veteran*innen dieses Abends drei Mal (1980/81/85) eingeladen waren, wäre die Performing Arts Season der Berliner Festspiele der bessere Rahmen gewesen.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/05/14/kontakthof-echoes-of-78-tanz-kritik/
Es ist dieses Spiel mit der Abwesenheit, dieser Versuch, mit dem Vermissten und Verlorenen klarzukommen, dem der Abend einen Großteil seines wehmütig-resilienten Zaubers verdankt. Im Zusammenspiel mit der eigenen Jugend und der Abwesenheit der anderen entspinnt sich eine körperliche Lyrik, die berührt, zuweilen amüsiert, nie kalt lässt. Eine Meditation über das Altern, den Tod, das nicht Zurückholbare, aber auch das Weitermachen, die Resilienz, das trotzige Fortbestehen und die Lust am fortgeschrittenen Leben. Spöttisch wird das Nachspielen zuweilen unterbrochen, etwa weil zwei Spielende Erschöpfung performen oder die unermüdliche Josephine Ann Endicott ihren Partner Arthur Rosenfeld damit aufzieht, dass sein Hüftschwung noch schlechter geworden sei als ohnehin schon. Umspült von vergessenen – und ein überkommenes Frauenbild feiernden – Schlagern der 1920er-Jahre wächst die Widerständigkeit und das Selbstbewusstsein.
Das gipfelt in einem Perspektivwechsel: Vor der Pause sitzen die acht an der Rampe und erzählen: von sich, ihrer Herkunft, ihrem Alter, ihren Wünschen und den alltäglichen Tätigkeiten. Sie emanzipieren sich von ihrer Vergangenheit, von der Abhängigkeit vom jugendlichen Elan und den Erfolgen aus längst vergangener Zeit. Hier sitzen sie, frei von Filtern und Scham, selbstverständlich in ihrem fortgeschrittenen Alter, ihrer Realität, ihrer Gegenwart. Und drehen den Spieß um: Nach der Pause stehen sie im Vordergrund, werden die Schwarz-weiß-aufnahmen – nun auf die Rückwand projiziert – zur Kopie, zum Nachtgedanken, zum schatten, der den ganz realen Figuren folgt. Sie führen jetzt den Reigen an, in ihrer präsenten Körperlichkeit, die mitunter etwas fragiler ist, sich dafür aber nicht entschuldigt. Wenn sich Elizabeth Clark ein paar Münzen aus dem Publikum leiht, um auf dem mechanischen Pferd zu reiten, spricht daraus ein Selbstbewusstsein, das die Lächerlichkeit nicht scheut.
Der Dialog mit der Vergangenheit wird zum Gespräch auf Augenhöhe, als dem eigenen Verschwinden widerständig ins Auge Blicken. Ohne Groll, weiser, doch noch immer albern, verständiger auch und kritischer. Ein Schlüsselmoment: Wo sie im Original von einem Dutzend Männerhänden begrabscht, getragen, bewegt wird, steht Tankard nun allein da. wie erstarrt ob der jahrhunderte weiblicher Objektifizierung und Fremdbestimmung. Hier überwindet die Neubestimmung das Ideal, wird zu einer schmerzhaften, zaghaften, verwunderten Emanzipation, einer Befreiung vom Zwang des Erwarteten, die auch eine von der eigenen Vergangenheit ist, eine Befreiung, die der auseinandersetzung bedarf. Und die Hand in Hand geht mit der Akzeptanz des Verlusts – der anderen und der bevorstehenden des eigenen Ichs. Auch das eine Befreiung, die dieser Abend kongenial verkörpert.
Komplette Rezension: https://stagescreen.wordpress.com/2025/05/16/im-dialog-mit-der-vergangenheit/