Habemus Florentinam

9. Mai 2025. Weißer Rauch steigt auf über dem Vatikan: Zeit für "SANCTA", Florentina Holzingers Variation der Geschichte einer Papstwahl der eigenen Art. Gestern landete der Planet Sancta also punktgenau als Antithese zum Amtsantritt von Leo XIV. in der Volksbühne zum umjubelten Theatertreffen-Gastspiel.

Von Sophie Diesselhorst

"SANCTA" von Florentina Holzinger © Nicole Marianna Wytyczak

9. Mai 2025. Was für ein Timing! Kurz bevor die Theatertreffenpremiere von Florentina Holzingers "Sancta" in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz beginnt, steigt weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle im Vatikan auf. Habemus papam, ein neuer Papst ist gewählt, Leo XIV. – der erste US-Amerikaner in diesem Amt.

Auch in "Sancta" präsentiert sich ja ein Papst, und zwar "der erste lesbische Papst" im Körper der Darstellerin Saioa Alvarez Ruiz, die schon in mehreren Holzinger-Inszenierungen zu sehen war und stets für zentrale Momente sorgte. So auch hier, wenn sie sich in den Roboter-Arm Gottes einspannen lässt, der sie im Kreis wirbelt, vom Kopf auf die Füße und wieder zurück, was ihre statuarische Segens-Gestik keine Sekunde durcheinanderbringt.

Ihre erste Amtshandlung ist der Abriss der Sixtinischen Kapelle, jenes Orts, in dem sich gerade erst die Macht der katholischen Kirche versammelt hat. "Sancta" wird durch diese zufällige Gleichzeitigkeit noch einmal mit neuer Bedeutung aufgeladen. Eine kraftvolle queere Community stößt sich nach dem Motto "Vengeance is passion" von den sie ausschließenden patriarchalen Ritualen des Katholizismus ab, zu einer inklusiven, zärtlichen Glaubensgemeinschaft der unterschiedlichen Körper mit ihren unterschiedlichen Geschichten.

Man kann die Message inklusive Schockmomenten wie lesbischem Sex auf dem Kreuz überplakativ finden, aber sie ist an diesem Theatertreffenabend, an dem in Rom auf dem Petersplatz ein neuer alter weißer Mann als Papst gefeiert wird, so aktuell wie nie, und die Poetik der Bilder, die Holzinger und ihr künstlerisches Team auf der Suche nach der Vermittlung dieser Message erschaffen, ist sowieso immer wieder überwältigend.

Gewalt und Selbstermächtigung liegen wie stets bei Holzinger nahe beieinander, wie im Bild des kopfüber in der riesigen Glocke hängenden menschlichen Glockenschlegels. Aber es gibt auch reine Bilder der Freiheit, wie die nur mit Kopftüchern bekleideten Nonnen mit Rollschuhen, die immer wieder durch die Pipeline auf und ab sausen und mit ansteckendem Schwung dazu einladen, dieser neuen, lebendigen Glaubensgemeinschaft beizutreten – und sei es nur als Zuschauer*in.

Denn auch die werden ja gebraucht, um die unglaubliche Kunstanstrengung zu bezeugen. Und dass das Ensemble den Applaus will und braucht, macht es unmissverständlich klar, indem es das Publikum zum Schluss des Stücks direkt dazu auffordert, von den Sitzen aufzustehen – so dass die Standing Ovations bereits eingetütet sind.

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