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Mehr Opfer!

von Willi Spatz

Augsburg, 12. Mai 2018. Als großer Verdienst der Dramaturgie in der ersten Spielzeit André Bückers als Augsburger Intendant zeichnet sich die Präsentation hierzulande unbekannter, in ihrer Heimat aber bedeutender Stückeschreiber ab. Nach dem israelischen Autor Hanoch Levin und seinem Das Kind träumt im Januar ist nun Turgay Nars 1001-Nacht-Überschreibung "Das Spiel der Schahrazad" zu entdecken. Der 1961 geborene Turgay Nar ist sowohl Dramatiker, Lyriker als auch Drehbuchautor.

Ferdi Değirmencioğlu, der Regisseur dieser deutschsprachigen Erstaufführung, hat das vorliegende Stück, das aus dem Jahr 1996 stammt, aus dem Türkischen übersetzt. Der Autor bring mit seinem Stück auch seine spezifische Art mit, Geschichten zu erzählen. Hier liegt der Akzent eindeutig auf den dunklen, scheußlichen Aspekten der Märchensammlung und ihrer Rahmenhandlung.

Leichensäcke schweben am Haken

Noch bevor das erste Wort gesprochen wurde, werden wir Zeugen einer brutalen Vergewaltigung. Eine Jungfrau pro Nacht verlangt der Herrscher. Nach dem Akt kommt der Diener, richtet das Mädchen hin und hängt die Tote an einem Fleischerhaken auf. Über der Bühne von Mitra Nadjmabadi schweben mehrere Leichensäcke als düster-makabres Unheilszeichen. Aus dem Brunnen am rechten Bühnenrand strömt rotes Wasser. Wenn der Herrscher sich das Blut der Jungfrau abwaschen will, verschmiert er sich nur noch mehr.

spiel der schahzarad1 560 jan pieter fuhr uNoch denkt der Herrscher, es sei sein Spiel: Anatol Käbisch und Linda Elsner in der Schahrazad-Inszenierung in Augsburg © Jan-Pieter Fuhr

Sein Vertrauter und Berater Berehut teilt ihm mit, dass die Sklaven nun begonnen haben, ihre eigenen Kinder zu töten und das Blut ins Wasser des Palasts zu schütten, um dem grausamen König wenigstens die Herrschaft über den Tod ihrer Kinder zu entziehen. Der schreit nach neuen Opfern. Wenn die Sklaven tot sind, dann will er nun die Jungfrauen aus dem Volk. Anatol Käbisch spielt diesen Herrscher Schahriyar als trotzig-jähzornigen Kindskopf, ein ADHS-Patient, dem man dringend sein Ritalin verabreichen sollte.

Klaus Müller als Berehut ist sein geduldig ertragender Gegenpol. Ein falsches Wort und der Tyrann könnte explodieren und weitere Köpfe rollen sehen wollen. Dazwischen wuselt und wurschtelt Thomas Prazak als der Diener Bizeban zwischen zunächst rätselhaften Aktenschränken herum. Dieser vervollkommnt glatzköpfig das Gruselkabinett. Er hat nur noch Stümpfe, wo seine Hände waren und auch die Zunge wurde ihm herausgerissen, so dass er nur noch grunzen kann. Keine Spur also von einer orientalisch märchenhaften Kulisse, sondern eine Horrorfolterkammer, die nun Schahrazad betritt.

Schicksalhaftes Wort-Duell 

Sie ist die Tochter von Berehut, eine ehemalige Spielgefährtin des Königs und soll nun das erste Opfer aus dem Volk werden. Ihr Vater will, dass sie flieht. Sie weist das von sich. "Vater, wie kannst du mir in so einer Zeit zur Flucht raten?" Das klingt zwar stark, und stolz erhobenen Hauptes tritt sie dem Schicksal entgegen, aber sie wusste ja die ganze Zeit von den psychopathischen Marotten ihres Kindergartenfreundes. Relativ spät ergreift sie also die Initiative und erweist sich so als weit unheroischer als die Original-Schahrazad aus "1000 und eine Nacht".

Bei der Umsetzung erweist sich Regisseur Ferdi Değirmencioğlu als folgsamer Diener des Texts. Wort für Wort wird das Geschriebene umgesetzt. Obwohl manche der erzählten Ereignisse szenisch als Spiel im Spiel vorgeführt werden, handelt es sich im Wesentlichen um ein Wort-Duell zwischen Schahrazad und Schahriyar. Linda Elsner, die die Schahrazad spielt, lässt ihre Figur langsam aber stetig an ihrem Gegner wachsen und reifen. Während der immer verzweifelter wird, zu einem Geschichten-Junkie mutiert, weist sie ihn lässig auf das Ende der Nacht hin. Die Zeit sei gekommen,

Charaktere durchleuchten

Die Geschichte, die sie erzählt – es ist nur eine einzige mit 1000 Fortsetzungen – ist in Wirklichkeit natürlich seine eigene; sie endet mit einer bitteren Erkenntnis für ihn. Als Zuschauer ahnt man das schon gefühlte 501 Nächte vor Schahriyar, macht aber nichts. Turgay Nar hatte keinen Kammerspiel-Thriller mit Dutzenden überraschenden Wendungen im Sinn. Er stellt in einem quälenden, langsam vergehenden Augenblick seine Charaktere aus und durchleuchtet sie: wie sie sich zwingen müssen auszubrechen, sich aufzulehnen und ihr Schicksal in die Hand zu nehmen.

Wer damit jetzt tatsächlich gemeint ist, bleibt angenehm offen. Sind das wir alle, die wohl wissend um die Ungerechtigkeit in der Welt nichts dagegen unternehmen wollen? Oder handelt es sich um die mächtigen Despoten, die weit weg von der Realität nur noch ihre persönlichen Machtspiele treiben? Ganz dringend will man aber auf Augsburger Bühnen weitere unbekannte Autoren von anderswo kennenlernen. Sie bereichern die Sicht aufs Leben und auf die Verhältnisse ungemein.

Das Spiel der Schahrazad
von Turgay Nar, aus dem Türkischen übersetzt von Ferdi Değirmencioğlu
(Deutschsprachige Erstaufführung)
Inszenierung: Ferdi Değirmencioğlu, Bühnenbild: Mitra Nadjmabadi, Kostüme: Imme Kachel, Dramaturgie: Lutz Keßler, Kathrin Mergel.
Mit: Anatol Käbisch, Klaus Müller, Linda Elsner, Marlene Hoffmann, Thomas Prazak, Simeon Wutte, Jan-Pieter Fuhr, Franziska Rosenbaum.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theater-augsburg.de

 

Kritikenrundschau

"Trotz des Titels ist hier kein Abend in kuscheliger, orientalisch-verzauberter Märchenatmosphäre aus 1001 Nacht zu erwarten. Brutal wie ein Thriller zieht sich die Zerstörung dieser Illusion durch das Drama", schreibt Stefanie Schoene in der Augsburger Allgemeinen (13.5.2018). "Dankenswerterweise öffnet das Stück wie auch das psychologisch überzeugende Spiel der Darsteller die klischeehafte Figur des orientalischen Despoten für westlich sozialisierte, trotzige Tyrannen unserer Zeit." Ferdi Degirmencioglu liefere eine mutige, hintersinnige und ergreifende Inszenierung ab.

Michael Laages sagte in der Kulturwelt auf Bayern 2 (13.5.2018): Wir bekämen eine ganz andere Geschichte als in der Vorlage erzählt, eine "Vatersuche" nämlich. Die Frage heißt, warum einer überhaupt Macht hat, "natürlich ein Echo auf eine Zeit, die wir zur Zeit in der Türkei erleben". Es gehe um die "Rechtfertigung" und die "Struktur der Macht" und um den "Widerstand" dagegen. Nar habe eine Menge Politik von heute eingebaut. Zugleich sei der Text "aufgeladen von ganz ganz viel Poesie". Schwierig zu lernen für die Schauspieler. Die Story sei stark, der Text "extrem gewöhnungsbedürftig". Und die Inszenierung sei leider "ein bisschen von gestern". Wir blieben "ästhetisch in der Vergangenheit". Die Aktualität sei nur als "Echo im Kopf präsent".

Barbara Hordych von der Süddeutschen Zeitung (17.5.2018) sah einen "Politthriller, der das Verhältnis von Tätern und Opfern, von männlichen Ritualen und weiblichem Widerstand behandelt". Ferdi Degirmencioglu habe den Stoff "in eindringlichen Bildern inszeniert".

"Linda Elsner verkörpert die kluge, aufklärerische, mutige Schahrazad mit genau jener Poesie, die die Macht des Erzählens wunderschön aufzeigt", lobt Carina Lautenbacher vom Donaukurier (29.5.2018) die Hauptdarstellerin. Sie bemächtige sich der Sprache dieses dichten, bildhaften, deklamatorischen Textes auf sehr kunstvolle Art. "Wie unter Schahrazads Anleitung Wirklichkeit und Erzählung einander auf der Bühne begegnen, mehr noch: miteinander in Dialog treten, ist Turgay Nars, vom Regisseur (...) trefflich ins Bild gesetzte Hommage an die Kraft des Wortes."