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Kriegskinderbuchgeschichten

von Friederike Felbeck

Essen, 9. Mai 2014. Mitten in einem ungenannten Krieg setzt die eigene Mutter ihre beiden Zwillingssöhne bei der Großmutter ab. Die beiden Jungen landen in einem kleinen Ort, wo jeder jeden kennt. Die Großmutter nennt man dort nur "die Hexe", weil sie ihren Ehemann vergiftet haben soll, an dessen Grab sie täglich wacht. Die Jungen beschreiben die Topographie ihres neuen unwirtlichen Zuhauses, das ihnen alle Bequemlichkeiten der Stadt, aber auch die zärtliche Zuwendung ihrer Mutter entzieht. Bald härten sie sich selbst ab, körperlich wie mental, um die Unbill durchzustehen. Als die Schulen geschlossen werden, unterrichten sie sich im Selbststudium.

Bis der Krieg zu Ende ist, werden die beiden ihre Kindheit übersprungen haben, vor ihrer Zeit gereift und selbst zu Tätern geworden sein. Ágota Kristófs schmaler Roman, der erstmals 1986 erschien, ist das Heft, das die beiden Jungen mit ihren Erlebnissen füllen. Für "The Notebook" wird er zur Partitur eines Abends des britischen Kollektivs Forced Entertainment, das daraus im dreißigsten Jahr seines Bestehens eine minimalistische Trockenübung macht.

Akkurat in Grau wie Gilbert und George

Als Doppelgänger wie Gilbert und George in einen grauen Anzug und bordeauxfarbenen Pullover mit Rautenstrickmuster gekleidet, eine dicke Brille auf der Nase und ein Haarschnitt, der zum mit der Hand drüber fahren einlädt, präsentieren sich die beiden Performer Robin Arthur und Richard Lowdon schnörkellos und karg auf einem Rechteck aus Holzpanelen, auf dem lediglich zwei Holzstühle bereit gestellt sind. Mit der Zeit schärft sich das Auge für die Details – mal steht der eine links, mal der andere. Das Heft, das sie in den Händen halten und aus dem sie den Text vorlesen, ist aufgeschlagen oder zusammengeklappt wie ein Gesangbuch, Groschenroman oder ein Textbuch auf der Probe. Meist stehen sie nebeneinander, untrennbar wie siamesische Zwillinge, ganz auf sich allein gestellt und nur gemeinsam ein starkes Bollwerk gegen den frühen Zugriff des Lebens auf ihre kindliche Unbedarftheit.

notebook 560 probenfototimetchells uLesen aus dem Notizbuch der Zwillinge: Robin Arthur und Richard Lowdon
© Tim Etchells

Bei der debilen Nachbarstochter werden sie erstmals Zeuge eines sexuellen Akts (mit einem Hund), die Haushälterin des Dorfpfarrers steigt mit ihnen unzüchtig in die Wanne und den fremdländischen Offizier, der bei der Großmutter unter dem Dach wohnt, peitschen sie auf seinen eigenen Wunsch hin aus bis aufs Blut. Sie erleben einen Gefangenentransport, bei dem Menschen wie Tiere durch das Dorf getrieben werden, und rächen die Häme der Zaungäste mit einer selbst gebastelten Bombe. Die Mutter, die schließlich kommt, um sie zu holen, stirbt vor ihren Augen unter Artilleriebeschuss. Die Zwillinge schaufeln ihr das Grab und pflanzen Blumen. Der aus der Gefangenschaft heimkehrende Vater verendet nichts ahnend im elektrischen Grenzzaun und ermöglicht den beiden so ihre Flucht aus dem von tyrannischen Befreiern besetzten Land.

In kühler Distanz erzählt

Kristófs Erzählung ist eine Aneinanderreihung von Schocks, die die Performer von Forced Entertainment gekonnt wie Fallen in einem tiefen Wald aufstellen, in den wir uns als Zuschauer locken lassen. Ästhetisch knüpft "The Notebook" an einen Abend aus dem Jahr 2005 an, den zwei Performer der britischen Kultgruppe an zwei Tischen sitzend mit Texten der Konzeptkünstlerin Sophie Calle bestritten. "Exquisite Pain" hieß der Wechselgesang um das Ende einer Affäre, das der weibliche Part in einem Hotelzimmer in Indien neben einem Telefon erlebte, das nicht mehr klingelte. Wie damals steht auch bei "The Notebook" der Text mit all seiner Last und Schönheit im Zentrum. Die englische Sprache und die leicht verständlichen knappen Sätze von Ágota Kristóf schaffen eine kühle Distanz, die vom feinen Humor der beiden Performer noch unterstrichen wird wie sie andeutungsweise in die Rollen der hemdsärmeligen Jungs und ausgebufften Überlebenskünstler schlüpfen.

Dem Regisseur Tim Etchells gelingt es von Beginn an, einen luftleeren Raum entstehen zu lassen, der Kristófs Text behutsam mit aktuellen Ereignissen apostrophiert – aus den beiden namenlosen Jungen werden syrische Flüchtlingskinder oder entführte nigerianische Mädchen. Was für Kristóf der zweite Weltkrieg und die Flucht vor den Folgen des Ungarnaufstands ist, wird hier eine zeitlose Parabel auf eine verlorene Kindheit im Angesicht des Krieges. Am Ende trennen sich die beiden Zwillinge erstmals – der eine geht über die Grenze, der andere bleibt auf dem Gehöft der Großmutter, das die beiden alleine bewirtschaftet haben. Der unendlichen Trostlosigkeit ihrer Geschichte ließ Kristóf zwei weitere Romane folgen, bei Forced Entertainment folgt die Jubiläumstour zu den europäischen Koproduzenten.


The Notebook (UA)
Performance in englischer Sprache von Forced Entertainment
nach dem Roman "Das große Heft" von Ágota Kristóf
Regie: Tim Etchells, Bühne: Richard Lowdon, Lichtdesign: Nigel Edwards, Konzept und Idee: Forced Entertainment – Robin Arthur, Tim Etchells, Richard Lowdon, Claire Marshall, Cathy Naden und Terry O'Conner.
Mit: Robin Arthur, Richard Lowdon. 
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

Eine Produktion von Forced Entertainment in Koproduktion mit PACT Zollverein (Essen) und eine "House-on-Fire"-Koproduktion mit LIFT (London), dem Kaaitheater (Brüssel), Teatro Maria Matsos (Lissabon), LIFT und Malta Festival (Poznan) mit Unterstützung des Programms "Kultur" der Europäischen Union.

www.pact-zollverein.de
www.forcedentertainment.com

 

Für eine Auseinandersetzung mit dem Werk der legendären Erzähltheatergruppe Forced Entertainment eignet sich auch Tim Etchells' Arbeitsbuch While You Are With Us Here Tonight, das Sophie Diesselhorst für nachtkritik.de besprach.


Kritikenrundschau

Ein "ein großer Wurf" sei in dieser Inszenierung gelungen, mit der Forced Entertainment der "Weltliteratur" von Agoda Kristóf "gerecht wurde", schreibt Dagmar Schenk-Güllich für das WAZ-Portal derwesten.de (14.5.2014). "Robin Arthur und Richard Lowdon offenbaren sich dabei als exzellente Darsteller. Vor dem inneren Auge sehen wir, wie sie sich schlagen, verbrennen und Schmerz zufügen, mit Übungen, die Körper und Geist abhärten sollen gegen die Grausamkeit der Welt."