In die Gegenwart gegriffen

10. Mai 2025. Als historisches Dokument präsentiert Luise Voigt Brechts Pazifismus-Studie "Die Gewehre der Frau Carrar" – das in heutigen Kriegslagen zentrale Fragen aufwirft. Im zweiten Teil des Gastspiels vom Residenztheater München lässt dann Björn SC Deigner die Gegenstände sprechen, unter anderem ein Lindenblatt und ein Maschinengewehr.

Der Shorty von Esther Slevogt

"Die Gewehre der Frau Carrar / Würgendes Blei" vom Residenztheater München © Sandra Then

10. Mai 2025. Zunächst fragt man sich, woher diese Stimmen kommen. Sind die live oder kommen sie aus irgendeiner Konserve? Dieses rollende R, wie es Leute in alten Filmen, auf alten Schallplatten und auch in Theateraufzeichnungen machen. Ist es am Ende gar die Stimme von Helene Weigel selbst, die wir aus dem Körper der Schauspielerin Barbara Horvath dringen hören, die hier nun die Rolle der Frau Carrar spielt – jener verwitweten spanischen Fischersfrau in den 1930er Jahren, die hofft, durch Pazifismus das Leben ihrer Söhne (und vielleicht sogar die Welt) retten zu können. Derweil der Generalissimo Franco und seine faschistischen Armeen brutal das Land und seine Leute plattmachen. 

Es ist ein toller Kunstgriff von Luise Voigt und ihrem Team, dem alten, im Pariser Exil 1937 (mit Helene Weigel in der Titelrolle) uraufgeführten Lehrstück von Bertolt Brecht in Bild und Ton die Patina alter Film- und Tonaufnahmen zu verpassen, so dass zunächst der Eindruck entsteht, alles kommt von ganz weit her und aus der Tiefe der Geschichte. Dann aber greift Brechts mit mathematisch genauer Kaltblütigkeit konstruierter Konflikt, in den er die Frau Carrar stürzt, mitten in unsere Zeit und ihre Kriege – und wirft die Frage auf, ob Kriege auch gerechte Kriege sein können oder in jedem Fall zu verhindern und zu verdammen sind. Ob Pazifismus am Ende nicht auch heißt: Mörder morden zu lassen, statt gegen sie aufzubegehren.

Treffer – versenkt

Es ist ein Stück der Stunde, das dem Münchner Residenztheater hier gelungen ist, eins, das in der Kühle und Kühnheit der Konstruktion seines unausweichlichen Konflikts von Minute eins an durchschüttelt und ergreift. Und einen Höhepunkt erreicht, wenn Barbara Horvath das vierte von Brecht/Eisslers "Wiegenliedern für Arbeitermütter" singt. Als so exemplarisches wie künstlerisch herausragend gearbeitetes Zeitdokument hat diese Arbeit ganz klar einen Platz in dieser Zehnerauswahl verdient.

Leider aber stürzt der Abend dann auf der Hälfte ab und versinkt in den wabernden poetischen Zonen eines Textes von Björn SC Deigner. Fast animististisch wird Brechts Text für ein Lindenblatt und andere nicht mehr unbedingt als Individuen identifizierbare Sprecher*innenpositionen fortgeschrieben. Am Ende spricht auch ein Maschinengewehr zu uns. Und es bleibt zwar nicht ohne Wirkung, wenn wir die ganze furchterregende Palette moderner Waffensysteme aufgelistet bekommen. Die entscheidende, von Brecht angesichts der faschistischen Bedrohung so luzide formulierte Frage, ob es so etwas wie gerechte Kriege geben kann und muss, verflüssigt sich allerdings im Ungefähren.

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