Der Zyklus des Tötens

15. Dezember 2024. Im Münchner Residenztheater inszeniert Luise Voigt mit Bertolt Brechts "Die Gewehre der Frau Carrar" ein Stück, das von heute sein könnte. Björn SC Deigner liefert mit "Würgendes Blei" das Sequel dazu.

Von Martin Jost

"Die Gewehre der Frau Carrar" / "Würgendes Blei" am Residenztheater München © Sandra Then

15. Dezember 2024. Was gibt es da zu aktualisieren? Was an Frau Carrars Küchentisch besprochen wird, könnte auch bei Caren Miosga oder "Hart aber Fair" diskutiert werden. Soll man Waffen liefern, um Frieden zu sichern? Kann man gegenüber Gewalttätern neutral sein? Sind Pazifisten Komplizen? Bertolt Brecht schrieb sein kurzes Stück "Die Gewehre der Frau Carrar" 1937 tagesaktuell über den Spanischen Bürgerkrieg. Es könnte auch eine Parabel über Russlands Überfall auf die Ukraine sein.

Der Feind naht

Die Faschisten stehen kurz vor dem Durchbruch, der Kanonendonner ist der Generalbass der Nacht. Die Nachbarn sind alle an der Front und inzwischen ziehen sogar die Frauen in den Kampf. Nur die arme Kriegswitwe Teresa Carrar (Barbara Horvath) lässt ihre todesmutigen Söhne nicht aus dem Haus. Das Dorf verurteilt sie und jetzt kreuzt auch noch ihr Bruder Pedro (Oliver Stokowski) in ihrer Küche auf. Der hat es auf die drei Gewehre abgesehen, die die Carrar unter den Dielen versteckt.

Kinder aus dem Dorf, ein Verwundeter (Volodymyr Melnykov), die alte Nachbarin (Evelyne Gugolz) sowie die Freundin des Sohnes (Naffie Janha) kommen vorbei und lassen ein paar Argumente da. Einen Verbündeten hat Frau Carrar lediglich im Pfarrer (Florian Jahr), aber der ist Pedro nicht gewachsen. Der Feind ist böse, sagt der Bruder. Die Angreifer versprechen, jene zu verschonen, die keinen Widerstand leisten, sagt Teresa Carrar. Das Gegenteil beweist das Massaker von Málaga, bei dem die Faschisten mehrere Tausend zivile Flüchtlinge erschossen. Frau Carrar glaubt lieber, dass das Fake News sind. Erst als die Franquisten grundlos ihren älteren Sohn ermorden, zieht sie mit dem 15-jährigen José (Pujan Sadri) und Pedro in den Krieg.

Gewehre Carrar 1 CSandra Then uUnbequemer Verwandtenbesuch: Oliver Stokowski, Pujan Sadri, Barbara Horvath © Sandra Then

"Nach ca. 50 Minuten gibt es eine laute Bühnenverwandlung", warnt der Programmtext vorsichtshalber. Frau Carrars Küche stürzt ein. Wir lernen, dass die Holzplanken, aus denen die schuhkartonförmige Kate gezimmert ist, massiv sind (Bühne: Fabian Wendling) und es poltert gewaltig, wenn sie von der Decke fallen. Der Einsturz markiert den Schluss von Brecht und den Beginn des neuen Stücks, "Würgendes Blei". Björn SC Deigner hat im Auftrag des Residenztheaters Brecht fortgeschrieben. Wir treffen Frau Carrar wieder, inzwischen als gebrochene Soldatin im Feld, und wir ahnen, was aus Pedro und José geworden ist.

"Die Gewehre der Frau Carrar" ist rhetorisch, "Würgendes Blei" dagegen lyrisch. Brecht schreibt Prosarede, Deigner schreibt Verse. Auf einmal geht Rhythmus über Verständlichkeit. Das könnte auch antike Dichtung sein, immerhin gibt es nun einen Chor wie in der griechischen Tragödie. Deigner nutzt die Sprache als Mittel der Verfremdung. Der Handlung zu folgen, erfordert nun einige Anstrengung.

Brecht wäre nicht Brecht ohne Verfremdung

In der brechtschen ersten Hälfte des Abends hat Regisseurin Luise Voigt alle anderen Mittel des Theaters zur Verfremdung genutzt. Die Kulisse besteht aus Fichten-Beige als einzigem Farbton. Stark heben sich die schwarzen Kostüme (Maria Strauch) von diesem Hintergrund ab. Über allem liegt ein projiziertes Bildrauschen wie von Körnung und Kratzern auf Zelluloid. Die Stimmen sind elektronisch übersteuert und höhenlastig verzerrt. Das große Fenster zeigt ein animiertes Meer im Stil eines expressionistischen Holzschnitts (Video: Stefan Bischoff). Die Schauspieler*innen bewegen sich tänzelnd und sprechen dauernd mit Zungen-R. Alles zusammen wirkt wie ein schnarrender Schwarz-Weiß-Film aus den Dreißigerjahren. Brecht regte seinerzeit an, dass man die "Gewehre" neben einem Propagandafilm zeige. Im Marstall zeigt Luise Voigt beides in einem.

Gewehre Carrar 3 CSandra Then uDer Krieg dräut: Florian Jahr, Volodymyr Melnykov, Evelyne Gugolz, Pujan Sadri, Naffie Janha, Barbara Horvath © Sandra Then

Im Angesicht des Bösen ist ein Leben ohne Parteinahme nicht möglich. Wir würden lieber nicht kämpfen müssen, aber falsch verstandener Pazifismus ist unterlassene Hilfeleistung. Diesen Umschwung ihrer Überzeugung vollzieht Frau Carrar ganz am Schluss von "Gewehre". Davor darf Barbara Horvath überwältigend "Mein Sohn, was immer auch aus dir werde" von Brecht/Eisler singen. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Björn SC Deigners Fortschreibung fügt nochmal 40 Minuten Text hinzu. Die Bühne ist ein Trümmerfeld, die Sprache schwülstig. Dafür ist das Licht nun farblos, die weiße Schminke abgewischt, die Stimmen sind natürlich und die "R"s nicht mehr gerollt. Zu den Figuren, die aus der ersten Hälfte überlebt haben oder als Halluzination wiederkehren, kommen der Chor, der unter anderem Spielanweisungen spricht, ein Lindenblatt (Naffie Janha) und ein Maschinengewehr. Wir erfahren, dass Krieg entsetzlich ist und dass das Töten auch die Seele der Schützin verletzt.

Das letzte Wort hat das Maschinengewehr

Eine Erkenntnis, die "Würgendes Blei" liefert: Menschen, die den Krieg erleben, glauben, dass nie wieder jemand Krieg zulassen wird. Und dann fangen Menschen, die den Krieg nicht erlebt haben, einen neuen Krieg an: "Eine Granate begräbt die Toten in der Erde, / die nächste reißt sie wieder heraus."

Das letzte Wort hat das Maschinengewehr (Florian Jahr bei einer Tasse Tee). Wie der Kriegstreiber, der sich als Angegriffener geriert, erklärt es sich zum Opfer: "Ich verschluck mich am Blei / und verbieg mich / in der Hitze meiner eigenen Salven." Niemand fragt das Maschinengewehr, ob es nicht lieber eine Bratpfanne geworden wäre oder ein Gartentor. "Verflucht sei der Geist, / der mich gebar." Die fiese Pointe ist, dass wir uns auf dem Weg aus dem Theater ermahnen müssen, mit den Angegriffenen mitzufühlen und nicht mit den Maschinengewehren dieser Welt.

 

Die Gewehre der Frau Carrar / Würgendes Blei
von Bertolt Brecht / eine Fortschreibung von Björn SC Deigner
Inszenierung: Luise Voigt, Bühne: Fabian Wendling, Kostüme: Maria Strauch, Musik: Friederike Bernhardt, Licht: Barbara Westernach, Choreografie: Tony De Maeyer, Video: Stefan Bischoff, Dramaturgie: Ewald Palmetshofer.
Mit: Barbara Horvath, Pujan Sadri, Oliver Stokowski, Volodymyr Melnykov, Naffie Janha, Florian Jahr, Evelyne Gugolz.
Premiere am 14. Dezember 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.residenztheater.de

Kritikenrundschau

"Björn SC Deigner wie Luise Voigt verzichten auf banale Analogien im Hier und Jetzt", berichtet Erik Zielke im nd (16.12.2024). "Nach den gut 90 Minuten im Marstall fühlt man sich dennoch gut gerüstet, um an der kriegerischen Gegenwart zu verzweifeln, weil an diesem Theaterabend jeder schlichten Vereinfachung aus dem Weg gegangen wird." Vor allem mit den Mitteln von Wsewolod Meyerholds Methode der Biomechanik verwandele die Regisseurin "das Bühnengeschehen zu einem körperbetonten, im Ausdruck artifiziellen Spiel, bei dem nichts zufällig bleibt, sondern zum Zeugnis höchster Konzentration wird" – die sich in den Zuschauersaal übertrage. "So schlägt Voigt Brecht, der mit dem Einfühlungscharakter seines eigenen Stücks haderte, ein Schnippchen."

"In expressionistischer Schwarz-weiß-Filmästhetik" treibe Luise Voigt "im gesamten ersten Teil grandios konsequent den berühmten Verfremdungseffekt" à la Brecht "auf seine überzeichnete Spitze", ist Anna Steinbauer in der Süddeutschen Zeitung (15.12.2024) angetan. In dem "minimalistischen Bühnensetting" wirkten "die Protagonisten wie historisch überspannte Figuren aus dem Brecht-Lehrbuch". Auch das "dichte Textgeflecht" von Björn SC Deigner im zweiten teil überzeugt die Kritikerin. "Etwas banal" werde es "nur zum Schluss, als das Maschinengewehr personifiziert auf der Bühne sitzt und sich beim Kaffee darüber beschwert, wie sehr es darunter leidet, dass es doch missbraucht wird und Blei würgen muss."

"Ein bis ins kleinste Detail großartiger und unvergesslicher Abend" ist dies für Ulrike Frick vom Merkur (16.12.2024). "Optisch erinnert" der Brecht-Teil des "von Luise Voigt so klug inszenierten Abends" an "frühe Inszenierungen des Stücks, besonders an den DDR-Fernsehfilm von 1953 mit Helene Weigel, Ekkehard Schall und Erwin Geschonneck". Im Anschluss lasse sie mit Deigners Text "eine in der Gegenwart angesiedelte Fortsetzung spielen" und holt "die Carrar-Figuren, die vorher durch die extreme Stilisierung den Stempel des Beispielhaften trugen, direkt in unsere Mitte".

"Der Konflikt zwischen Frieden schaffen ohne Waffen oder mehr Waffen für weniger Krieg, den Brecht mit seinem Stück diskutierte, kommt Theaterpublikum fast 80 Jahre später beklemmend aktuell vor: Soll man der Ukraine die Waffen liefern, die sie braucht, um sich gegen ein skrupellos imperialistisches Russland zu wehren? Darf Israel sich gegen Terroristen aus dem Nachbarland wehren und wie weit dürfen die Angegriffenen dabei gehen? Oder hat recht, wer angreift?" Das vermerkt Mathias Hejny in der Abendzeitung (16.12.2024). "Der visuellen und akustischen Verfremdung" bei "Carrar" folgt in "Würgendes Blei" von Björn SC Deigner "Verfremdung durch Dichtung. Deigner konterkariert den kargen Brecht-Sprech mit lyrischen Texten und lässt einen Chor auftreten."

Barbara Reitter analysiert im Donaukurier (18.12.2024): "Ein existenzielles Thema, zwei inhaltliche Ansätze: Heroismus bei Brecht, Pathos bei Deigner. Auch formal teilt Regisseurin Luise Voigt ihre stark auf emotionale Betroffenheit zielende Inszenierung. Stilisierter Realismus bei Brechts dialogisch aufgebautem Drama, eine auf mehrere Darsteller verteilte Anklage gegen den Krieg im Allgemeinen, verknüpft mit einem Abgesang auf Europa bei Deigner." Regisseurin Voigt gelinge "es überzeugend, in diesem kantig kargen Drama mit archaisierender Wucht den Einzelnen Kontur zugeben."

thea kulturklub

Kommentare  
Gewehre der Frau Carrar, München: Truman Show
Um den letzten Satz aufzufangen: Die fiese unhinterfragte Voraussetzung des obenstehenden Textes ist, dass die Welt, die bei „Caren Miosga oder ‚Hart aber Fair‘“ als „unsere Wirklichkeit“ behauptet und verhandelt wird, tatsächlich seine Welt ist. Wofür es vor Jahrzehnten Gymnastik-Sendungen gab, dafür sind heuer Talkshows da: Ihre Konsumenten fitzuhalten für den neoliberalen Dauerstress und nun auch bellizistischen Grundkonsens. Ahnt der freundliche Rezensent nicht die „Truman Show“? Wollte ihm die Inszenierung womöglich die Entdeckung schenken, dass auch an seinem Himmel ein paar Kunstlicht-Lampen hängen, dass ein hektisches Kulissenschieben alle Tage um ihn ist und ein Horizont aufgespannt? Dahinter die Welt aber erst eigentlich (wer weiß, vielleicht nicht) beginnt? Wenn ja, hat er das Geschenk, wie's scheint, nicht annehmen wollen.
Frau Carrar / Würgendes Blei, München: Autor?
Wie kommt es, dass ein so untalentierter Autor an deutschen Bühnen gespielt wird? Der zweite Teil ist die reinste Peinlichkeit, ein zu langes Gedicht ohne Inhalt, ohne Haltung, ohne irgendetwas Zwingendes. Das hätte er auch in sein Tagebuch schreiben können.
Chapeau allerdings für den ersten Teil allen Beteiligten.
Frau Carrar / Würgendes Blei, München: Brav
Ich wundere mich über diese weitgehend zustimmenden Besprechungen. Es doch weder gedanklich noch künstlerisch eine erhellende Leistung, in einem 'alten' Text gegenwärtig aktuelle Debatten wiederzufinden bzw. dies zum Ausgangspunkt einer Inszenierung zu machen (theatrale Anachronismen hier, das Heute treffende Überlegungen da). Sicher, der Abend ist im klasssichen Sinn gut gemacht, konzentriert, verzichtet auf Plattitüden etc., aber im Grunde ist er auch sehr brav und tautologisch (Brecht, Verfremdung, gerolltes 'R', Biomechanik etc.).
Gewehre der Frau Carrar, München: Doppelter V-Effekt
Ihren Brecht hat Luise Voigt sehr genau studiert. Seinen Verfremdungseffekt treibt die junge Regisseurin „grandios konsequent auf seine überzeichnete Spitze“ lobte Anna Steinbauer in der SZ. Die ersten 50 Minuten ihrer „Die Gewehre der Frau Carrar“ lassen die Herzen von Theaterwissenschaftlern höher schlagen: es knistert und knackt ständig in diesem Live-Hörspiel auf der Marstall-Bühne des Bayerischen Staatsschauspiels, die ganz in Schwarz gekleideten und aschfahl geschminkten Schauspieler lassen die „R“s rollen, als wäre man in einer NS-Wochenschau aus den 1930ern, ihre Stimmen werden verzerrt und übersteuert, auf der Fichtenholz-Rückwand verschwimmen Projektionen zu grobkörnigen Schlieren, hinter dem Fenster ziehen als Scherenschnitt die Wolken und Möwen des Fischerdorfs vorbei.

Diese ungewöhnliche Regie-Handschrift war sicher ein entscheidender Grund, warum die Jury diesen Abend von der kleinen Spielstätte in die 10er Auswahl des Theatertreffens 2025 eingeladen hat: der Nerdfaktor ist hoch, der Mut, diesen Stil so bis zum Anschlag auszureizen, in der Tat bemerkenswert.

Mit lautem Krachen fallen ihr pazifistisches Weltbild und ihre Fischer-Hütte in sich zusammen. Eigentlich sollten die Bretter zu Boden donnern. Doch bei der heutigen für 3sat aufgezeichneten Vorstellung gab es noch einen zweiten V-Effekt. Zum Verfremdungs-Effekt kam der Vorführeffekt hinzu. Einige Latten wollten einfach nicht fallen, das technische Team musste kurz nachhelfen.

Dann konnte es mit dem zweiten, etwas kürzeren Teil weitergehen: Björn SC Deigner wurde vom Residenztheater beauftragt, den Brecht-Text weiterzuschreiben: „Würgendes Blei“ ist eine chorische Verwünschung der Leiden des Krieges.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/04/24/die-gewehre-der-frau-carrar-wuergendes-blei-marstall-kritik/
Frau Carrar/Würgendes Blei, TT Berlin: Vergangenheits-Dystopie
Voigt platziert die Geschichte in einer Vergangenheits-Dystopie und holt sie genau dadurch so nah heran. Die Familiarität der Diskurse potenziert sich durch ihre weit entfernte Verortung. Was da durch den Äther des längst Vergangenen heranwabert, sind die Kernfragen unserer zeit, ist unsere Gegegenwart. Hart, unerbittlich, ungeschönt. Diese lange vergessenen Geister erzählen uns vom Heute, weil es ein Immer ist, die Grausamkeit des Menschen gegen den Menschendie Frage, wann und wie mensch sich dagegen zu wehren im Stande ist und inwiefern er dies womöglich musst. Voigt bleibt bei Brecht: seiner Haltung und klaren Antwort, aber auch der Ernsthaftigkeit der Debatte und dem Respekt vor den gestellten Fragen und der Unerträglichkeit ihrer Beantwortung. Inszenierung und Text holen die Debatte heraus aus dem schrillen Spektakel der Talkshows und der unerhrlichen Sensationslüsternheit des medialen und politischen Diskurses und bringen sie zurück, wo sie hingehört: ins Zentrum der Verhandlung, dessen, was Menschsein bedeutet und was es erfordert, Mensch zu bleiben. Und genau hier kommt sie an, wenn Barbara Horvath das vierte von Brecht/Eisslers „Wiegenliedern für Arbeitermütter“ singt. Das passt, weil Brechts Stück eben auch eines über die Macht und Ohnmacht der armen, Unterdrückten, Vergessenen ist.

Das könnte ein dichter, eindringlicher, tief ins Mark fahrender – wenn auch sehr kurzer – Theaterabend sein, würde er hier enden. Aber leider hat Regisseurin Luise Voigt anderes vor: Es braucht, so meint sie, eine Fortschreibung des Textes, von Brecht fort und über ihn hinaus, nicht ins Gegenwärtige sondern ins Universelle. Björn SC Deigner hat sie angefertigt, ein pathetisch-schwülstig-sprachmächtiges Prosagedicht, das von der klaren, harten Sprache Brechts nicht weiter entfernt sein könnte. Auf die Bühne kommt es in Monologen wie verteiltem Sprechen, auch der Chor des antiken Dramas soll hier Pate stehen. Die Gesichter und Stimmen haben ihre natürliche Farben wieder, die Hütte ist krachend eingestürzt, wir finden uns wieder in den Ruinen des Krieges. Welchen Krieges? Egal, der Text behandelt Krieg als wiedergänger, der keine Zeit kennt, keinen Ort und letztlich auch keinen Grund.

Vierzig Minuten lang erzählt uns Deigner von seinen Schrecken, von den Verhehrungen in der menschlichen Seele, aber auch der Natur – etwa über einen bizarren Perspektivwechsel vom Menschen hin zu anderen betroffenen Lebenwesen, den Voigt zu allem Überfluss auch noch mit Tiermasken-tragenden Darstellenden illustrieren zu müssen glaubt. Carrar selbst int eine gebrochene, verwirrtem verlorene Frau, Bruder und Sohn geistern, alles ist verloren, weil der Krieg es so will. Wofür und wogegen gekämpft wurde? Für Deigner ist das alles gleich und für Voigts Zombie-Figuren auch. Das ist dann nicht mehr nur sehr weit werg von Brecht – es konterkariert ihn gar, widerspricht ihm und den ersten 50 Minuten dieses Abends. Am Schluss darf gar ein Maschinengewehr zu Wort kommen, von seinem Leiden klagen, in einer letzten intellektuellen Selbstaufgabe. (...)

Komplette Rezension: https://stagescreen.wordpress.com/2025/05/11/krachend-eingesturzt/
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