Presseschau vom 20. Juli 2010 - Christina Weiss interviewt Jürgen Flimm kurz vorm Start der Salzburger Festspiele
Eine echt uremotionale, nicht-aufgeklärte Sache
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Die Zuschauer verführe man, indem man sie wach halte, dass sie einen Blick bekommen, der an Neuem Spaß habe. "Ich verstehe die Angst vor dem Neuen nicht. Das kommt aus meiner Jugendzeit. Ich weiß noch, wie aufgeregt ich war, wenn ich ein neues Stück von Luigi Nono hören konnte." Die Vermittlungsarbeit sei schwierig, die Leute müssen erleben, dass eine starke Kraft hinter der Sache stecke.
"Die Gesellschaft funktioniert nur mit den beiden Teilen, dem aufgeklärten Teil, das nennen wir jetzt mal Computer und mit dem nicht-aufgeklärten Teil: das ist die Kunst und das braucht die Gesellschaft", sagt Flimm. Und Christina Weiss fragt nach: diese Trennung klinge problematisch, die Kunst sei doch gerade aufgeklärt. "Gut", antwortet Flimm, "aber das Theater ist eine uremotionale Angelegenheit, das Spielen haben wir alle in uns. Dass das Spielerische an der Kunst zur Aufklärung beitragen kann und es auch tut, ist eine andere Geschichte. Aber erstmal ist die Kunst eine völlig irrationale Sache. Ich freue mich und ärgere mich. Das Kind sitzt unterm Tisch, es soll herauskommen und sagt, das geht nicht, ich bin im Bergwerk. So simpel ist das."
