Presseschau vom 27. Juni 2013 - Die FAZ über Robert Alföldis Abschied vom ungarischen Nationaltheater Budapest
Mephistos Schatten
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Im Gespräch berichte Alföldi, "dass die Menschen jetzt anfangen zu reden, Solidarität zu zeigen. Wie glücklich ihn diese traurigen letzten Wochen an seinem Theater gemacht hätten. Für alle sei es eine einschneidende Zeit, weil sie nicht ohne klare politische Bekenntnisse auskommt." "Mephisto" aufzuführen sei so ein Bekenntnis.
Während das Publikum bei den Abschiedsvorstellungen mit minutenlangen Schlussovationen vom Nationaltheater-Ensemble Abschied nähmen, erzählt Alföldi, dass es ihn schmerze, "dass Vidnyánszky, den er als Theatermann schätzt, mittlerweile jede Kunst als feindlich empfindet, die sich nicht dem ungarischen Nationalgefühl verschreibt."
Die Proteste und die Unterstützung von deutschen Theatern seien für ihn persönlich wichtig und wohltuend gewesen. Politisch aber hätten sie ihn in die Rolle des Dissidenten gedrängt. "Das sei so weit gegangen, dass ihm von Kulturvertretern der Regierung unterstellt wurde, er hätte die Proteste selbst inszeniert und man ihm mit Konsequenzen drohte, wenn er nicht endlich damit aufhörte. Er habe in der letzten Zeit viele Angebote aus dem Ausland erhalten. Aber auf seine Nachfragen, was man von ihm gesehen habe, stellte sich oft heraus: gar nichts. Das Interesse galt also vor allem ihm als 'politisch Verfolgten', wie er es nicht ohne Ironie formuliert. Entscheidend aber sei, was er als Künstler auf der Bühne zeige."
Einen guten Weg hätten jene ungarischen Regiekollegen gefunden, "die mit ihrer freien Gruppe Kooperationen mit deutschen oder österreichischen Theatern eingegangen sind. Sie seien dadurch im eigenen Land weiterhin präsent und durch den Kooperationspartner wirtschaftlich gestützt und moralisch gestärkt."
(geka)
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