Angst im Nacken

Dieser Beitrag ist Teil des nachtkriktik.de-Archivs. Er entspricht Layout und technischem Stand vor November 2021.

nachtkritik Archiv Visual

Das Theatertreffen im Mai sei immer noch ein Höhepunkt im Theaterjahr, so Katrin Bettina Müller. Die diesjährige Einladungsliste verleite sie jedoch zu dem Schluss: "Es entwickelt sich gerade gar nicht weiter." Franz Wille sieht das anders. Man müsse da genauer hingucken, "das ist vielleicht nicht so offensichtlich. Gerade beim Theatertreffen, das aus guten Gründen kein scharfes inhaltliches oder formales Kriterium hat, sondern nur das berühmt schwammige 'bemerkenswert', müsse man aufpassen, dass das Programmatische nicht ideologisch wird. "Man hat sowieso immer Angst, dass man etwas Interessantes übersieht. Man muss, was die Künstler machen, ja auch erst einmal verstehen und wertschätzen. Das geht automatisch leichter bei Inszenierungen, die man schon zuordnen kann.

Deshalb ja die Angst im Nacken: Fällt etwas durch das Raster, weil meine Art zu sehen nur bestimmte Dinge wahrnimmt? Jede Jury würde ja gern etwas Neues entdecken, ein neues Format, wie damals die Pratertrilogie von Pollesch 2002. Das sind die Glücksfälle, wo auf dem Waldboden ein Pilz sprießt, den man noch nie gesehen hat. Aber ob der nun in diesem Jahr gerade sprießt oder im nächsten – das wird auch überbewertet."

Vor zwei Jahren, so eine andere Frage des Gesprächs, habe der Schauspieler Peter Kern Franz Wille in einem Text vorgeworfen, mit der Machtfülle von "Theater heute" den Theatern zu diktieren, was sie tun. Franz Wille: "Die Vorstellung, dass eine Zeitschrift oder eine Redaktion ihre Mitarbeiter zu einer Meinung bringen könnte, die sie nicht wollen, ist völlig absurd. Das würde nie klappen. Die einzige Macht, die das Theatertreffen und hoffentlich auch Theater heute hat, ist: das Theater wichtig zu machen."

(sle)

Kommentar schreiben