Redaktionsblog - Kalenderblatt zum 17. Januar 2009
Einar Schleef, Pensionär
Dieser Beitrag ist Teil des nachtkriktik.de-Archivs. Er entspricht Layout und technischem Stand vor November 2021.
Heute wäre Einar Schleef ins Rentenalter eingetreten. Schleef der Pensionist – eine seltsame Vorstellung. Aber eigentlich eine ganz richtige, denn Schleef beißt nicht mehr: Tote schlafen fest. Das einstige Dauerärgernis, der wandelnde Stein des Anstoßes, die personifizierte Zumutung ist plötzlich Everebody's Darling, jeder zimmert sich seinen eigenen Schleef zurecht: die Theatermacher berufen sich auf ihn und plagiieren ihn mitunter, die theaterwissenschaftlichen Institute stopfen ihn in ihre Theorien hinein – und siehe da! er passt vorzüglich, – die Kritiker haben ihn plötzlich alle schon immer lieb gehabt (nur Stadelmaier bleibt standhaft, er sei gelobt!), die Verlage pressen aus dem Nachlass heraus, was herauszupressen ist, und die Sangerhäuser veranstalten gemütliche Schleef-Heimatabende. So hat es die Nachwelt zuletzt also doch geschafft: Schleef ist rundgeschliffen, domestiziert, zahnlos eben. Er ist alt. Ich kann ihn mir vorstellen.
(wb)
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