"Unser Deutschlandmärchen" vom Gorki Theater - Shorty zum Gastspiel beim Theatertreffen 2025
Von wegen didaktisch
11. Mai 2025. Heimspiel in Berlin hatte die Theatertreffen-Einladung "Unser Deutschlandmärchen" vom Gorki Theater. Hakan Savaş Micans Inszenierung des Romans von Dinçer Güçyeter erwies sich als packende Geschichte mit vielen Berührungspunkten.
Von Leonard Haverkamp
Sesede Terziyan in "Unser Deutschlandmärchen" © Ute Langkafel
11. Mai 2025. Sagt man das eigentlich noch, postmigrantisch?? Markiert das nicht, was mit dem Post-Vorsatz der Vergangenheit übergeben werden soll? Vielleicht hat die Einladung vom Maxim Gorki Theater eine neue Definition anzubieten. Eine sogenannte Gastarbeiter*innen(kinder)geschichte – aber vor allem eine Geschichte.
Erzählt wird sie von Dinçer, der sich den Vornamen mit dem Romanautoren Dinçer Güçyeter teilt. Der schon immer lieber schreiben wollte, als sich für Fußball und Frauen zu interessieren und die Ausbildung weiterzumachen. Der gleich zu Beginn der Geschichte seine Mutter Fatma beerdigt und ihr die Pumps auf den Sarg stellt, die er ihr als Achtjähriger vom Geld kaufte, das er beim Traktorfahren verdiente. Sie hat sie nur einmal getragen, hatte besseres zu tun, Arbeiten bis zum Umfallen zum Beispiel. Aber statt umzufallen, schmettert Sesede Terziyan in der Inszenierung von Hakan Savaş Mican türkische Lieder, die wie auch die von Taner Şahintürk (Dinçer) das Herz des TT-Gorki-Publikums zum Schmelzen bringen und perfekt mit den Sprechparts harmonieren.
Nuancierte Inszenierung eines lakonisch-poetischen Texts
Natürlich erfährt man auch von der Zerrissenheit. Vom zu weiß und weich sein, wenn wieder in der Türkei. Vom mispronounced werden in der neuen Heimat. Und doch handelt dieser Abend von so viel mehr. Von Care-Ausbeutung zum Beispiel, von "der zweiten Fremde in der Fremde" des Klassenwechsels, einer rührenden wie komplizierten Mutter-Sohn-Beziehung, patriarchalen Familienstrukturen. Auch hermetische Theaterräume und Queerness klingen an. Schwer hier keine Bezugspunkte zu finden. Schwer sich nicht berühren zu lassen.
Dass hier nun wirklich gar nichts als "zu didaktisch" abgetan werden kann, liegt auch daran, dass jeder Pinselstrich sitzt. An der wunderschön nuancierten Inszenierung eines lakonisch-poetischen Texts, der sich für Erklärungen nicht zu schade ist, ohne sie breit auszubuchstabieren. Ob es Worte wie "Krüppel" oder "Transvestit" braucht, ist eine andere Frage. Unterstrichen wird diese Ausgewogenheit von einer elegant-professionellen Liveband, die E-Oud und Grönemeyer zusammenfließen lässt, als hätten sie schon immer zusammengehört.
Natürlich bekommt auch das Theater seinen Auftritt, dem sich Dinçer zuwendet – für seine Mutter ein Verrat an Herkunft und nicht zuletzt ihr selbst. Dort würden seine neuen Freunde ihn sowieso nicht verstehen können. Ihm niemand die Hand reichen. Die Jury hat sie ergriffen. Von einer politischen Einladung kann dabei keine Rede sein. Das in diesem Jahr treffsichere Applausbarometer unterstreicht dies: beglückter Jubel.
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Den richtigen Riecher für einen spannenden Roman-Stoff hatte die Intendantin, sie schlug „Unser Deutschlandmärchen“ von Dinçer Güçyeter vor, der 2023 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. Ihre Idee, die Mutter Fatma von einem Arbeiterinnen-Chor verkörpern zu lassen, wurde schnell verworfen. Der Regisseur und seine Spieler*innen waren sich schnell einig, dass der Stoff am besten funktioniert, wenn man ihn auf wenige Protagonist*innen aufteilt, am Ende stand die Mutter-Sohn-Beziehung, die Şahintürk und Terziyan chronologisch erzählen
Bemerkenswert ist, wie dieser Stoff präsentiert wird: Savaş Mican, bekennender „Romantiker“ unter den Regisseuren, erzählt wie immer mit viel Herzblut und dem Blick für kleine Details in den Beziehungen. Der Clou ist, dass in Sprechtheaterszenen musikalische Kommentare eingewoben sind. Mit türkischen Songs sehnt sich Terziyans Fatma nach der Heimat, mit rockigen Soli klopft Şahintürks Dincer an die Türen der Gesellschaft, die sich den Migrant*innen noch versperren, da sie als billige, vorübergehende Arbeitskräfte gesehen werden. Auch hier bewährte sich wieder die familiäre Zusammenarbeit: Micans Idee, den Sohn italienische Schlager singen zu lassen, hätte sicher bei weitem nicht die Wirkung erzielt, mit der Şahintürk mit seiner eigenen Auswahl von Herbert Grönemeyer bis Sisters of Mercy in Begleitung der fünfköpfigen Liveband auftrumpfte.
Das größte komödiantische Talent im Team hat Güçyeters Mutter, die bei der Premiere am 6. April 2025 aus Nettetal nach Berlin reiste, beim Theatertreffen aber nicht dabei war. Ihr Sohn würzte das Nachtgespräch mit einigen Anekdoten, wie die theaterferne Mutter den Kultur-Betrieb damals wahrnahm und erfrischend kommentierte.
Kein Blatt vor den Mund nahm bereits am Nachmittag auch Barrie Kosky, langjähriger Intendant der Komischen Oper Berlin und dem Haus weiter als Musiktheater-Regisseur, bei seiner Wutrede auf dem „Und jetzt?“-Panel im Rahmenprogramm. Die Berliner Kulturpolitik sei in die Hände von Terroristen gefallen, die in einem suizidalen Akt genau jene Sparte kaputtsparen, die Menschen aus aller Welt anlockt, polterte er. Einziger Hoffnungsschimmer: auf den Dilettanten Joe Chialo folge nun mit der neuen Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson immerhin ein Profi.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/05/12/unser-deutschlandmaerchen-beim-theatertreffen/