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Klüngeln für eine bessere Welt!

von Felizitas Stilleke

15. April 2020. Ich bin ursprünglich mal eingeladen worden, um über die Zukunft von Festivals zu sprechen. Weil ich Kuratorin bin, nehme ich an. Und was ich jetzt sage, könnte meine Zukunft als Kuratorin im Feld der Freien Darstellenden Künste sofort beenden. Noch schlimmer, was ich jetzt sage, kann und wird gegen mich verwendet werden - vor allem jetzt, wo es im virtuellen Raum gebannt ist für eine undefinierte Ewigkeit.

Egal, ich sage es jetzt einfach, weil es die – oder zumindest meine – Wahrheit ist und diese Wahrheit für mich auch die Zukunft von Festivals und Kuratieren in der heutigen Zeit bedeutet: ICH KURATIERE EINZIG UND ALLEIN MEINE FREUNDE! (und benutze das Wort und seine Bedeutung hier universell). Die Arbeiten, die ich einlade, sind das Werk meiner Freunde. Alle von mir eingeladenen KünstlerInnen, sind meine Freunde. Alle meine kuratorischen Entscheidungen basieren auf Freundschaft. Alle und ausschließlich. Immer. Ausnahmslos.

Ich wiederhole: ICH KURATIERE EINZIG UND ALLEIN MEINE FREUNDE!
Nicht weil ich sie schätze oder die Arbeiten einem Zeitgeist entsprechen.
Nicht weil ich häufig ihre Namen höre oder sie auf jeder Gästeliste stehen.
Nicht weil ich sie verehre und ein Selfie mit ihnen machen möchte.
Nein, ich lade sie ein, weil sie meine Freunde sind.
Ich arbeite mit ihnen, weil sie meine Freunde sind.

Zeit-Genoss*innen im Vertrauen

Ich kuratiere einzig und allein meine Freunde. Weil es meine Freunde sind.
Weil ich sie schätze und ihre Arbeiten unser Hier & Jetzt reflektieren und sie in diesem Sinne "Zeit-Genoss*innen" sind.

Weil ich häufig ihre Namen sage und sie bei keinem Schritt fehlen dürfen.
Weil ich sie liebe und mich an den Selfies immer wieder Unserer vergewissere.
Weil sie durch die Arbeit meine Freunde werden und nicht schon seit Kindertagen sind.

Eigentlich ist es ganz einfach: ich arbeite nur mit Menschen zusammen, mit denen ich mich auch mal in einer Kneipe hemmungslos betrinken kann oder die mir ohne mit der Wimper zu zucken Geld leihen würden oder Selbiges unhinterfragt von mir annehmen könnten. Die bereit sind vor mir eine Maske fallen zu lassen und die es vertragenkönnen, wenn auch mir mal was verrutscht in der gerahmten Konversation. Wenn Vertrauen die Szenerie bestimmt und die Verwertungslogik unseres Kunstmarktes zumindest mal für eine Zeit auf Flugmodus geschaltet wird.

Freundschaft ist freiwillig

Damit ihr mich richtig versteht. Es geht nicht um Peinlichkeiten, ein anderes Wort für Abhängigkeitsverhältnisse oder sich voreinander entblößen zu müssen, aber es geht um Bedingungslosigkeiten, die nur der private Raum der Freundschaft zulässt. Wie sollte ich mich mit meiner Arbeit als Kuratorin sonst vor die Welt stellen und sagen können "diese und jene Arbeit müsst ihr sehen", "diesen Menschen Gehör und eure Zeit schenken", "euch auf das Spiel mit dieser Gruppe einlassen" oder "vertraut mir, ich hab da was für euch", wenn ich nicht weiß, ob vielleicht die Angepriesenen anschließend die Zeche prellen, das Hotelzimmer verwüsten, hinter meinem Rücken schlecht über mich reden oder gar nicht wissen, was ich mir für diese Anpreisung noch werde anhören müssen?

Stilleke Hauptsache onlineFelizitas Stilleke beim Eröffnungsvortrag des Festivals "Hauptsache frei!", das Anfang April online stattfand

In meinen Augen können wir das Schreckensbild eines "monopolistischen Machtkurators als Gatekeeper“ nur überwinden, wenn wir das System der Freundschaft allumfassend einführen. Sie garantiert die Augenhöhe und das Vertrauen, was die Kuration stark macht in dem, wofür wir sie eigentlich mal hinzugefügt haben: Sich Kümmern, füreinander da sein, Verbindungen schaffen. Freundschaften, wie ich sie meine, haben kein Machtgefälle, und wenn es mal asymmetrisch wird, dann gibt es ein gemeinsames Sprechen darüber und eine zeitliche Beschränkung oder ein Aushelfen. Freundschaft ist freiwillig. In Freundschaften, wie ich sie meine, reichen wenige Worte, Blicke oder auch nur eine Geste, und Welten sehen schon wieder ganz anders aus. Freundschaftliche Macht ist eine gute Macht.

Im gleichen Fahrstuhl

Ich meine das ernst! Die britische Philosophin und Feministin Nina Power hat mal gesagt, dass sie mit niemandem einen Vertrag schließen würde, von dem sie sich nicht vorstellen könnte gemeinsam im Fahrstuhl eingeschlossen zu sein. Das ist das etwas diplomatischere Bild, will aber so ziemlich auf das Gleiche hinaus: wir müssen Vertrauen und Freundschaft zur offensichtlichen Grundlage allen zwischenmenschlichen Handelns machen und somit als einzige Bedingung für das kuratorische Prinzip erheben.

Sonst sind wir verloren, an die Aasgeier des Betriebs, an die Diktatur des Verstands, an die Seelenlosigkeit der Systeme. Naja, zumindest bin ich davon überzeugt und würde mich freuen, wenn sich noch ein paar mehr um mich herum outen würden, dass sie dem Gefühl der Freundschaft mehr vertrauen als einer vermeintlichen objektiven Auswahlmatrix.

Freundschaften entstehen organisch

Und, damit das klar ist. Anders herum funktioniert es nicht. Freundschaften kann man nämlich, Gott sei Dank, nicht erzwingen. Du kriegst meine Freundschaft nicht, weil du zu meinem Festival eingeladen werden willst. Du darfst nicht mit mir ins Bett steigen, um dich am nächsten Tag räudig mit einer Nominierung aus dem Zimmer schleichen zu wollen, weil das auch meine Gefühle verletzt und damit keine Basis für irgendwas ist.

Freundschaften entstehen organisch, natürlich, wie von selbst und fühlen sich nur bei Facebook nach Fake an. In meiner Freundschaft bin ich unbestechlich und dadurch autonom – und auch ich geh da häufig leer aus, weil es eben von beiden Seiten aufkommen muss. Freundschaft greift auf Ressourcen und Antennen meiner Wahrnehmung zurück, die sich einer objektiven Diskursbetrachtung entziehen. Ich schaue mir Arbeiten an und spreche mit KünstlerInnen aus der Perspektive einer potentiellen Freund*in. Mit dem Blick der Kamerad*in und dem Ohr der Kumpanei. Als mögliche Vertraute.

Intersektionaler Feminismus

Und ich kann an dieser Stelle das Gendersternchen gar nicht deutlich genug aussprechen. Dieser Freundschaftsbegriff, den ich mir hier zurechtgebastelt habe, mit meinen Freunden, ist klar ein Bekenntnis zum intersektionalen Feminismus. Seht ihr darin nicht auch ist ein Zeichen gegen den Boys Club, den Gentlemen‘s Room und den patriarchalen Paternalismus, wenn wir uns als Vertraute auf Augenhöhe begegnen und in unseren Kollaborationen bedingungslos teilen? Natürlich macht das auch vielen Angst, zurecht! Wenn wir historische Tabus brechen und Freundschaften zwischen den Geschlechtern, Klassen und sonstigen marginalisierten Zonen hinweg knüpfen und offen preisen, dann rüttelt das ganz schön am System, zurecht! Nehmt euch in Acht, hier kommen (fünf) Freunde, die Enid Blyton noch nicht zu denken in der Lage war.

Hauptsache frei 560Treffen im Digitalen: "Hauptsache frei!" oder besser "Hauptsache online!" © Imke Lass

Und ich weiß, ihr denkt jetzt, dass ich ein Hippie bin und mir die Welt kunterbunt wie sie mir gefällt anmale. Und ja, das mache ich auch. Das ist mein gutes Recht. Aber natürlich weiß ich, dass das System so ist, wie es ist, und auch ich möchte am Ende was zusammen machen und relevant sein. Es geht auch mir um Sichtbarkeit. Aber vielleicht für andere Dinge als nur den Markt und den Austausch von Visitenkarten. Aber, um Sichtbarkeit zu erlangen und diese Perspektive spürbar zu machen, dafür braucht es Festivals wie diese. Wo wir zusammenkommen und unser Schaffen kritisch befragen.

Das Private ist das Politischste

Nochmal: ich spreche von meiner richtig echten und professionellen Arbeit als Kuratorin. Die Grundlage dieses Schaffens ist Freundschaft. So wie sie funktioniert – und es gibt ja viele Arten von Freundschaft und Bekanntschaft und Vertrauensverhältnis – so funktioniert auch meine Arbeit als Kuratorin. Das Private ist das Politischste, das ich habe, und das widme ich meinen Freunden. Und umgekehrt: meine politischen Entscheidungen werden von meinem privaten Umfeld getragen und unterstützt.

Und natürlich hat das objektive Abwägen und faktenbasierte Kuratieren auch seine Berechtigung und ist sicherlich immer eine Spur erfolgreicher als meine. Aber ich sage Euch, baut auf Freundschaften und die Nummer hält ewig. Wenn Du Freundschaft zur Grundlage deiner politischen Agenda machst oder zumindest auf ihr deine Kollaborationsanliegen aufbaust, dann gilt die Regel der geteilten Verantwortung – und mit der kannst du bis zum Mars fliegen und zurück.

Davon bin ich fest überzeugt. Und wenn ich daran glaube, dann geht es auch in Erfüllung. Bei jeder Zusammenkunft, bei jeder Veranstaltung, bei jedem kuratierten Moment, wird es ein Stückchen wahrer. Also, liebes Hauptsache ONLINE, eigentlich war es nie so wichtig und richtig wie heute, das zu sagen, was man eigentlich immer schon mal laut sagen wollte:

Ich glaube fest an
Chosen Family!
Wahlverwandschaften!
Die Gang, die Hood, den Kiez, das Veedel, den Block!

Kommt schon, wir glauben an
Sisterhood!
Solidarity!
An Lasst uns Freunde bleiben!
An die wahre Liebe!
Thekenkumpanei!
Die Stammkneipe!

Let us believe in das klingt nach dem Beginn einer wunderbaren Freundschaft!
Let us believe in the power of people!
Let us believe in power to the people!
In deine Freunde sind auch meine Freunde!
In die GUTEN Freunde!
In bei Geld hört die Freundschaft auf!
Lasst uns an das Wasser, das so dick ist wie Blut glauben!
An die Bedinungslosigkeit der Liebe!
An Freundschaften, die keine Klassen, Geschlechter oder sonstigen Zuschreibungen
kennt.
An Intersektionalität aus Freundschaft!
An Zusammen sind wir weniger allein!
An Klüngeln für eine bessere Welt!
An die Diversität unserer Freundschaft!
Let us believe in weareinthistogether!
In wir lassen auf dieser Mission niemanden zurück!
Let us believe in Freundschaft – ganz einfach!
Vielen Dank*


Der Text ist die (gekürzte) Verschriftlichung des Eröffnungsvortrags, den Felizitas Stilleke beim Hamburger Festival "Hauptsache frei!" gehalten hat, das aufgrund der Corona-Pandemie in diesem Jahr unter dem Titel "Hauptsache Online" ins Netz verlagert war.

felizitas stilleke 140 niklas vogt uFelizitas Stilleke ist freie Dramaturgin und Kuratorin. Sie leitet Konferenzen, wie zuletzt den Branchentreff 2019, das Bundesforum 2017 oder den RATSCHLAG DER VIELEN 2019, und übernimmt Festivaldramaturgien (Berliner Theatertreffen 2018, Impulse Theaterfestivals 2017 (unter Florian Malzacher) oder gemeinsam mit Johanna Yasirra Kluhs das Theaterfestival FAVORITEN 2014) und ist als Produktionsdramaturgin in NRW und Berlin unterwegs. Stilleke war in 2018 und 2019 für die Nachwuchsplattform "Introducing... beim Performing Arts Festival verantwortlich und ist Kuratoriumsmitglied beim Fonds DaKu sowie der Kunststiftung NRW. Sie absolvierte ihren Bachelor der Germanistik/Erziehungswisschenschaften in Bochum sowie einen Master in Kulturpoetik an der Wilhelms-Universität in Münster. 2018/19 studierte sie im Rahmen des internationalen Masterstudiums bei DAS theatre in Amsterdam "Expanded Curation".