Schule der Gelenkigkeit

26. Januar 2024. Heute wurde die Zehner-Auswahl des diesjährigen Berliner Theatertreffens verkündet. Die Saison war exzeptionell gut, das hat die Jury bestätigt. Und eine Auswahl getroffen, die Ausgewogenheit, Tollkühnheit und Schauspielfeste de luxe vereint.

Von Christian Rakow

Pressekonferenz mit der Jury und der Theatertreffen-Leiterin Nora Hertlein-Hull in der Mitte © sle

26. Januar 2024. Die Jahre, in denen man der Theatertreffen-Jury vorwarf, zu viel Konzeptkunst und zu wenig darstellerische Exzellenz heranzuschaffen, sind definitiv vorbei. Das Theatertreffen 2024 wird ein Fest der Spielerinnen: Lina Beckmann in "Anthropolis II: Laios", Valery Tscheplanowa in "Nathan der Weise", Wiebke Puls in "Die Vaterlosen" oder die französische Filmschauspielerin Adèle Haenel in "Extra Life". Da kommen Ausnahmespielerinnen in unerhörter Zahl.

Spieler natürlich auch: Dimitrij Schaad als Solist in "The Silence", Joachim Meyerhoff im Ensemble der "Vaterlosen". Mit Jens Harzer wird sogar der aktuelle Iffland-Ringträger (der diesen hochherrschaftlichen Schauspielring von Bruno Ganz übernahm) beim Theatertreffen vertreten sein. Nur unsere Oscar-Hoffnung Sandra Hüller fehlt irgendwie (sie ist derzeit in Leipzig und Bochum zu sehen). Man kann immer etwas aussetzen.

Schauspielfest de Luxe

Muss man aber nicht. Was die Theatertreffen-Jury heute Vormittag auf der Pressekonferenz in Berlin vorgestellt hat, ist an Ausgewogenheit kaum zu überbieten: große und kleine Häuser, pralle Ensemblestücke und Soli, Stadttheater de luxe, freie und kollektiv erarbeitete Produktionen. Eine tollkühne Tolkien-Vertheaterung aus Zürich wird gleich von vier Regisseur*innen verantwortet: "Riesenhaft in Mittelerde", inszeniert von Nicolas Stemann (Schauspielhaus Zürich), Stephan Stock (Theater Hora), Florian Loycke (Das Helmi) und Der Cora Frost.

Konzeptionsstark geht es bei aller Schauspielexzellenz natürlich trotzdem zu. Das Theatertreffen ist ja vor allem ein Regietreffen, die Expertise der Jury macht sich am Gespür für eigenwillige inszenatorische Perspektiven fest. Ein Klassiker wie "Macbeth" kommt denn auch nicht mit dem ganzen Figurenreichtum, den Shakespeare ihm angedacht hat, daher, sondern als Drei-Personen-Spiel (in der Regie von Johan Simons aus Bochum). Und das Publikum muss hellwach sein, um mitzukriegen, wie die Spieler in Sekundenschnelle zwischen verschiedenen Figuren hin und her wechseln. Theatertreffen als Schule der intellektuellen Gelenkigkeit, auf der Bühne wie im Publikum.

Mit dem Kollektiv Wunderbaum aus Jena sowie den Regisseurinnen Jette Steckel und Gisèle Vienne sind Theatertreffen-Neulinge dabei, wiewohl die letzteren beiden aus der Rubrik "Kann doch unmöglich eine Newcomerin sein!". Sie sind seit Jahren führende Köpfe im Stadttheater beziehungsweise in der internationalen Festivallandschaft. Rieke Süßkow, Shootingstar der Saison 2023 (mit Peter Handkes "Zwiegespräch" vom Burgtheater Wien), kann mit ihrem Nürnberger Schwab-Abend "Übergewicht, unwichtig: Unform" unmittelbar in Berlin nachlegen.

tt24 jury gruppenfoto c stefan wielandDas jährliche Gruppenfoto der Jury. Unten: Katrin Ullmann, Eva Behrendt, Janis El-Bira, Valeria Heintges, oben: Martin Pesl, Theresa Gindlstrasser (die Ende 2023 ausschied), Sascha Westphal © Stefan Wieland

Mit der Einladung von Jette Steckel hatte die Pressekonferenz im Haus der Berliner Festspiele einen besonderen, emotionalen Moment. Gestern ist Steckels Vater, der große Regisseur und einstige Bochumer Intendant Frank-Patrick Steckel, verstorben. Er selbst war fünf Mal zum Theatertreffen eingeladen. Das Ersteinladung seiner Tochter hat er nicht mehr erlebt, es ist bitter. Steckel wird im Mai "Die Vaterlosen" von Anton Tschechow – besser bekannt als "Platonow" – aus den Münchner Kammerspielen nach Berlin bringen. Es ist eine freie Klassikerinterpretation, in der als besonderes Special der Dramaturg und Ex-Volksbühnen-Mastermind Carl Hegemann spontane Talkrunden auf der Bühne abhält. Unter dem Label "Dad Men Talking".

Konsolidierung

Ansonsten zeigt sich das Theatertreffen nach dem gescheiterten Experiment mit vier (später drei) Leiterinnen auf dem Weg der Konsolidierung. Von einem umfangreichen Begleitprogramm mit weiteren Inszenierungen nimmt man Abstand (im letztjährigen Festival bekundete sich hier im Rahmen vor allem ein etwas verdruckstes Unbehagen an der Kritiker-Auswahl – dazu unser Liveblog zur 2023er Ausgabe). Die neue Theatertreffen-Leiterin Nora Hertlein-Hull, die bis eben noch die Hamburger Lessingtage verantwortete, will erst einmal die Kräfte bündeln und auf die etablierten Säulen wie das Internationale Forum setzen. Mit dessen neuen Leitern Aljoscha Begrich und Sima Djabar Zadegan soll in diesem Jahr ein kompakteres und eher diskursives Rahmenprogramm erarbeitet werden.

Theatertreffen ist natürlich immer auch Klagen auf höchstem Niveau. Was fehlt? Fehlt was? Die Saison war exzeptionell gut (bestätigen auch die reisenden Juror*innen, die 690 Produktionen gesichtet haben, davon 44 Prozent von weiblichen Regisseurinnen). Allein aus Berlin hätte man zwei Handvoll Stücke einladen können (sie stehen alle auf der Shortlist aus sämtlichen intensiv diskutierten Inszenierungen). Aber ein Theatertreffen mit zu viel Bekanntem will in Berlin natürlich niemand. Schon gar nicht das Publikum. Das ergreifende Musical "Bucket List" von Yael Ronen & Shlomi Shaban und die aus der norddeutschen Mittelschicht geschöpfte Eltern-Studie "The Silence" von Falk Richter sind würdige Vertreter der Hauptstadttheaterszene.

Was man vermisst

Unter den eigenwilligen Erzeugnissen der Saison vermisst man – mindestens auf der Shortlist – ein wenig die neuartige Melange aus süffigem Volkstheater und erhellendem Investigativjournalismus, die sich in den Correctiv-Abenden "Das Kraftwerk" (in Cottbus) oder in der reichweitenstarken, weil gestreamten Correctiv-Lesung "Geheimplan gegen Deutschland" (am Berliner Ensemble) manifestierte. Beides sind nicht nur Stücke, sondern Events, die das Theater weit über seinen Kunstrahmen hinaustragen und darin durchaus Beispielcharakter besitzen. Die Theatertreffen-Jury 2024 ist ihnen nicht gefolgt und hat sich in ihrer Auslegung des Einladungskriteriums "bemerkenswert" eher auf kunstimmanente, ästhetische Perspektiven verlegt. Die politischen Bewegungen unserer Tage zeichnen sich in ihrer Auswahl indirekter, diskreter ab.

Ein wenig "Event der Saison" ist trotzdem dabei. Vom Theaterhaus Jena kommt "Die Hundekot-Attacke" von Wunderbaum (Regie: Walter Bart). Es handelt sich um eine Stückentwicklung, die den ruchlosen Kritiker-Angriff des Choreographen Marco Goecke zum Anlass nimmt, um in, wie man hört, aberwitzigen Reflexionsschleifen über das Verhältnis von Kunst und Kritik, Metropole und Provinz nachzudenken. In unserer Nachtkritik heißt es dazu: "Die Jenaer beschweren sich nicht über negative Kritik, sondern verlangen, überhaupt mal die Chance zu bekommen, neben Berlin, Hamburg, Bochum und München wahrgenommen zu werden." Die Theatertreffen-Jury hat sie erhört.

 

Medienschau

Mit dieser Theatertreffen-Auswahl "dürfte das seit Jahren anhaltende Grummeln der Unzufriedenheit über das sich phasenweise vor lauter Trendstrebertum, Insider-Esoterik und Konzept-Angeberei ins Abseits der Aufmerksamkeit lavierende Festival fürs Erste verstummen", kommentiert Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (27.1.2024). "Mit der Bekanntgabe der Auswahl weicht die schulterzuckende bis genervte Gleichgültigkeit vergangener Jahre der Vorfreude auf ein Theaterfest, mit dem das Treffen wieder das werden könnte, was es über Jahrzehnte war: schlicht das wichtigste, Maßstäbe setzende, in die Gesellschaft ausstrahlende und die Bedeutung der gottlob nicht totzukriegenden Bühnenkunst manifestierende Theaterfestival des Landes."

Kommentare  
Theatertreffenauswahl: Ballung von Schauspielfesten
Zwischenfazit nach 4/10: Die Jury macht aus meiner Sicht einen Schritt zurück aufs Publikum. Auffällig ist die von Christian Rakow und Peter Laudenbach beschriebene Ballung von Schauspielfesten mit bekannten Publikumslieblingen.

In den vergangenen Jahren fasste die Jury solche Abende oft nur mit spitzen Fingern an. Lina Beckmann fand ich in "Richard the Kid and the King" noch stärker als im "Laios", schaffte es aber erst jetzt wieder in der tt-Auswahl.

So böse und polemisch wie Peter Laudenbach möchte ich die letzten Jahrgänge nicht zusammenfassen, aber ein wahrer Kern ist schon dran: die Loop-Verliebtheit mancher Jurys führte hin und wieder zu sehr quälenden Mai-Abenden beim Theatertreffen.

Vorfreude auf einen Jahrgang, der tolle Schauspieler*innen und auch einige interessant klingende Konzepte bietet.
Theatertreffenauswahl: Frage
Warum steht "Green Corridors" aus München nicht auf der Shortlist? Das verstehe ich nicht.
Theatertreffenauswahl: Frauenquote abschaffen
Nachdem dieses Jahr nun erneut Arbeiten von bereits verdienten tt-Regisseur*innen wie Rieke Süßkow und Karin Beier unter der Quote eingeladen werden, ist es an der Zeit diese endlich abzuschaffen. Die Regisseur*innen haben das Recht, sich dem Wettbewerb mit den Männer zu stellen... und die Fähigkeiten ganz offensichtlich auch. Dass das so ist, glaubt offenbar nicht die Jury, die auch im nächsten Jahr einen Damen- und einen Herrenwettbewerb getrennt austragen will. Wie schade.
Theatertreffenauswahl: Quote + Odyssee
Man kann so viele Stücke auf der Shortlist und in der Auswahl vermissen, ich persönlich hätte mich wahnsinnig gefreut, wenn es die "Odyssee" von der Shortlist zum tt24 geschafft hätte. Eine Inszenierung, die eine neue weibliche Perspektive (die der Penelope) wählt und in ihrer zeitgenössische Lesart mit ukrainischen Spielerinnen einen Klassiker neu entdeckt.
Den Kommentar zur Quote #3 hingegen verstehe ich nicht. "Frauen haben das Recht, sich dem Wettbewerb mit Männern zu stellen"? Seriously? Schon bemerkenswert, dass manche immer noch gar nichts verstehen wollen...
Theatertreffenauswahl: Frage nach Substanz
Rakows Kommentar zum tt2024 grenzt ans Substanzlose - dieses Schwelgen in 'Schauspielfesten de luxe' lässt die Frage nach der Relevanz von Theater als kritisches oder widerständiges Medium gänzlich außen vor, und die Aufteilung des Personals im Bochumer 'Macbeth' auf drei Spieler bereits als 'konzeptionsstark' zu bezeichnen bzw. ihren sekundenschnellen Rollenwechsel als "Schule intellektueller Gelenkigkeit", diffamiert die Begriffe des Konzepts und der Intellekualität.
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