Hoffnung ist das Schlüsselwort

13. November 2023. Kurz vor dem Überfall der Hamas gewann er als Dramatiker den Preis des wichtigsten israelischen Freie-Szene-Festivals. Bis dahin war Ala Dakka vor allem als Schauspieler bekannt: am Cameri Theater in Tel Aviv und in der israelischen Netflix-Serie "Fauda" etwa. Wie schaut er, in Israel als Kind muslimischer Eltern geboren, auf die Lage?

Interview von Esther Slevogt

Der Schauspieler und Dramatiker Ala Dakka © Avigal Sneor Zorea

13. November 2023. Am 4. Oktober ging das Akko Fringe Festival zu Ende, das jährlich in der israelischen Küstenstadt Akko kurz vor den Sukkot-Feiertagen stattfindet und die besten Arbeiten der Freien Szene des Landes präsentiert. In diesem Jahr gewann ein junger Dramatiker mit einer Komödie den Preis des Festivals: Ala Dakka, der sich zuvor schon einen Namen als Schauspieler an Israels führenden Theatern machte. International bekannt wurde er durch seine Mitwirkung in der 3. Staffel der Netflix-Serie "Fauda".

Ala Dakka wurde 1994 als Kind muslimischer Eltern in Beer Sheva geboren und wuchs in einer jüdisch geprägten Umgebung auf. Die komplexe Art und Weise, in der er als Muslim in der jüdischen Gesellschaft aufgewuchs, sei immer eine Inspiration für seine Arbeit gewesen, ist auf seiner Webseite zu lesen. Wie blickt er auf die Ereignisse, den Überfall der Hamas, den Krieg und natürlich das Theater? Eine Liveschaltung zwischen Tel Aviv-Jafo, wo Dakka lebt, und Berlin kam per Zoom zustande. Das Gespräch wurde in englischer Sprache geführt und anschließend übersetzt.

Was man in diesen Zeiten ja zuallererst fragen muss: Ist Ihre Familie, sind Ihre Freunde unversehrt?

Ala Dakka: Anders als bei früheren Anschlägen und Kriegen kam diesmal alles auf sehr schlimme Weise nah. Tatsächlich sind einige Freunde, Bekannte und Familienmitglieder betroffen. Die Enkeltochter unserer Nachbarn, mit denen wir wirklich seit über zwanzig Jahren Tür an Tür lebten, ist tot. Wir sind zusammen aufgewachsen und standen uns sehr nahe. Sie starb in ihrer Militärbasis, die angegriffen wurde. Eine andere Person, die ich gut kannte, wurde im Kibbutz Be’eri ermordet. Auch habe ich Verwandte in Gaza, eine große Familie, die ich zwar nicht kenne, weil es keinen Kontakt zu ihnen gab, ich aber von ihnen weiß. Aus dieser erweiterten Familie sind inzwischen neunzehn Menschen bei den Bombardements ums Leben gekommen.

Wie haben Sie den 7. Oktober erlebt?

Ich war für das Wochenende nach Beer Sheva zu meinen Eltern gefahren. Morgens um 6.30 Uhr gab es plötzlich Alarm. Das ist man in Israel gewöhnt und deshalb war das erstmal kein Schock. Aber dann kam Alarm auf Alam auf Alarm und es hörte nicht mehr auf – und plötzlich wurde uns klar, dass etwas nicht stimmte. Wir machten den Fernseher an und sahen, dass es einen Angriff auf das Land gab. Nicht nur auf seine Grenzen, sondern von innen! Die Angreifer waren im Land! Wir sahen traumatische Bilder und es war furchtbar. Es fühlte sich an, als würde das Land untergehen. Es fühlte sich an, als wären wir erobert worden. Sie waren kaum 20 Kilometer von mir und meiner Familie entfernt! Sie gingen in die Häuser! Ich hatte Angst. Beer Sheva liegt im Süden Israels, nicht weit von einigen der Städte, wo es jetzt Kämpfe gab. Ich habe mich dann entschlossen, sofort nach Tel Aviv zurückzufahren. Der Weg dauerte vier Stunden, weil alle in Panik die Gegend verließen und es ein Verkehrschaos gab. Normalerweise ist es eine dreiviertel Stunde Autofahrt. Zuhause bin ich sofort krank geworden, ich konnte mich nicht mehr bewegen.

Auch was gerade in Gaza passiert, ist furchtbar! Aber als Bürger dieses Landes muss ich Ihnen sagen: Die Leute auf der Welt sind wirklich blind, wenn sie das Ausmaß des Schocks nicht begreifen, den diese Ereignisse hier bewirkt haben – ich meine: Kein Land würde sich so etwas gefallen lassen, nicht in den wildesten Träumen! Kein Land auf der Welt würde akzeptieren, dass 1400 seiner Bürger an einem einzigen Tag brutal ermordet werden. An einem einzigen Tag! Und dann sollen sie an die Leiden der Palästinenser denken und mit Nachsicht reagieren? Als ein Palästinenser, der hier lebt, sage ich Ihnen: Das Trauma, das diese Ereignisse ausgelöst haben, ist enorm. Mir scheint, dass die internationalen Medien blind dafür sind. Aber ich erlebe auch die Blindheit eines Teils der jüdischen Gesellschaft hier gegenüber dem, was gerade in Gaza passiert. Gaza ist jetzt ein Schlachthaus. Es ist brutal. Es ist schrecklich. Es ist unbeschreiblich!

Wie würden Sie Ihre gegenwärtige Verfassung beschreiben? 

Die Ereignisse haben in Israel und Palästina ein mentales Erdbeben ausgelöst. Die Dinge ändern sich in einer Geschwindigkeit wie seit zwanzig, fünfundzwanzig Jahren nicht mehr – seit dem Beginn der 2. Intifada. Ich bin nicht mal sicher, dass es diesmal nicht noch schlimmer wird. Die Einstellung der Leute ändert sich gerade im Zeitraffer. Die Menschen sind in Panik, werden immer misstrauischer, wütender, feindseliger. Ich verstehe die Angst und die Panik. Aber dadurch entsteht ein beängstigender Kreislauf. Auch, weil es Kreise gibt, die diese Panik schüren statt zu beruhigen. Das kann für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft sehr gefährlich werden. Und weil es am 7. Oktober so lange gedauert hat, bis Polizei und Armee überhaupt eingegriffen haben, gibt es jetzt Rufe nach Bewaffnung von Zivilisten. Das aber würde die Situation noch unberechenbarer machen. Ich habe die große Sorge, dass dieser Prozess schwer wieder umzukehren sein wird. Wenn ich ehrlich bin, habe ich gerade sogar ziemliche Angst und denke über einen Plan B für mein Leben nach – ob ich das Land für eine Weile verlassen soll. Meine Eltern sind dagegen, aber ich bin gerade in Sorge um meine Zukunft.

Ihre Eltern sind Muslime und Sie wurden in Beer Sheva geboren, einer Stadt im Süden Israels, deren Bewohner, wenn ich richtig informiert bin, zu 90 Prozent jüdisch sind. Wie war das für Sie?

Ich glaube, es waren viel weniger als zehn Prozent Muslime. Gefühlt lebten nur etwa hundert muslimische Familien in Beer Sheva. Vielleicht sogar noch weniger. Wie das war für mich als Kind? Ich musste früh lernen, eine Art Politiker zu sein. Ich musste früh lernen, dass man dauernd Kompromisse schließen muss, zwischen dem, was man ist und worauf man stolz sein möchte, und dem, was die anderen denken, was man ist. Weil die Gesellschaft um dich herum nicht nur NICHT wirklich stolz auf das ist, was du bist, sondern tendenziell sogar dagegen. So habe ich immer versucht, nie mit jemanden in Konfrontation zu geraten. Ich hatte sehr viele Freunde. Ich bin sehr witzig und damit bin ich immer ziemlich gut durchgekommen. Mein Humor hat mir auch geholfen, Verletzendes besser wegzustecken. Ich war immer der einzige muslimische Junge in meiner Clique und auch in meiner Klasse. Erst in der neunten oder zehnten Klasse sind noch ein oder zwei muslimische Jungs dazugekommen.

Wie kamen Sie zum Theater?

Mein Vater wollte, dass ich wie er Rechtsanwalt werde. Ich war 19 Jahre alt und wollte Musiker werden. Ich bin sogar schon im Fernsehen als Sänger aufgetreten. Eines Tages habe ich in Beer Sheva eine Schauspielschule entdeckt. Ein Freund wollte da vorsprechen und ich bin mitgegangen, weil ich dachte, ich kann dann da vielleicht Musik machen. Dann habe ich auch vorgesprochen und wurde genommen! Nach der Ausbildung war ich fünf Jahre im Theater von Beer Sheva engagiert. Zusätzlich habe ich viel für Film und Fernsehen gemacht. Dann gehörte ich zwei Jahre lang zum Ensemble des Habima Theaters in Tel Aviv. Seit zwei Jahren bin ich Mitglied im Ensemble des Cameri Theaters in Tel Aviv.

Wie reagiert Israels Theaterszene auf die Ereignisse?

Alles steht gerade ziemlich still. Die Theater sind wegen des Krieges geschlossen und alle warten. Manche sagen, dass die Theater am 15. November wieder eröffnen – aber das glaube ich nicht. Und selbst wenn alles weitergehen sollte, wissen die Leute nicht, was eigentlich weitergehen wird, wohin sie zurückkehren oder woran sie anknüpfen können. Was die Leute jetzt überhaupt noch sehen wollen.

Ala Dakkas Arbeitsplatz: Das Cameri Theater in Tel Aviv © David Shay CC BY-SA 4.0

Denn es wäre doch merkwürdig, wenn die Leute auf der Bühne jetzt noch von einem schönen Leben reden oder singen und tanzen würden. Ich glaube, dass die Theater mit den Menschen jetzt DARÜBER reden müssen, über den Einbruch dieser Brutalität in das Leben, über diesen lebensverändernden Überfall auf das Land, das Trauma, die Tragödie. Die Menschen müssen mental wiederhergestellt werden und das Theater muss sie dabei unterstützen.

Wie könnte das konkret gehen?

Ich glaube, die Leute brauchen jetzt harte Stoffe. Zumindest bei mir ist das so. Als jemand, der nicht nur Theater macht, sondern auch ins Theater geht, brauche ich die Bühne jetzt, um zu sehen, was ich durchgemacht habe. Ich brauche die Bühne, damit sie das wieder wegnimmt von mir. Ich brauche sie, damit sie mich als Individuum anspricht, nicht nur als Menge im Zuschauerraum. Dass sie in mein Inneres schaut, in das Innere einer Person also, die Brutalitäten in einem bisher nicht gekannten Ausmaß erlebt hat. 

Haben Sie aktuell Kontakt mit jüdischen Kolleginnen und Kollegen?

Natürlich! Viele meiner Kollegen haben Freunde oder Angehörige verloren. Ich kenne Kollegen, deren halbe Familie sich unter den Geiseln in Gaza befindet. Ich kenne Leute in Beer Sheva, Beduinen, die ihre Familien verloren haben. Ich kenne jemanden, der bei der Party als Sanitäter gearbeitet hat und umgebracht wurde, ein Muslim. Es sind ja bei diesen Ereignissen auch sehr viele arabische Israelis ermordet worden. Diese Tragödie betrifft uns alle hier. Ich wünschte, das Bewusstsein dafür wäre hier etwas ausgeprägter. Wir alle sind betroffen. Deshalb glaube ich aber, dass in der Bewältigung dieses Traumas auch die Chance besteht, die Dinge neu zu sehen und zu gestalten.

Haben sich die Ereignisse auf ihr Arbeitsumfeld ausgewirkt?

Am Anfang hatte ich große Angst, dass das passieren würde. Gerade probiere ich im Cameri-Theater in Tel Aviv "Yerma" in der Bearbeitung von Simon Stone – eine israelische Version. Ich spiele den Victor. Der Regisseur ist Gadi Roll. Die Proben begannen am 5. Oktober, also zwei Tage vor den Ereignissen und erst hatte ich große Sorge, dass das die Arbeit beeinträchtigen würde. Aber dann hat mir die Kollegin, die die Yerma spielt, Michal Uziel, bei den Proben gesagt: Lasst uns über alles offen reden, wir dürfen uns nicht voreinander verstecken. Damit hat sie für alle die Tür zu einem gesunden Dialog geöffnet. Das hat mich als Muslim bei den Proben in diesem Moment wirklich gerettet. Wir brauchen diesen Dialog, diese Offenheit, die alle Sichtweisen gelten lässt. Deshalb fühle ich mich bei der Arbeit sicher. Wir sind ein kleines Team, nur sechs Schauspieler. Das ermöglicht uns gesunde Beziehungen mitten in dieser furchtbaren Zeit.

Als Schauspieler sind Sie durch Ihre Mitwirkung in der israelischen Serie "Fauda" international bekannt geworden.

Ich spiele da einen jungen Mann, einen Boxer, der, ohne es zu wollen, in den Strudel des Nahost-Konflikts gerät. Und zwar, als er feststellt, dass sein Trainer nicht wirklich sein Trainer ist, sondern ein Shabak- bzw. Mossad-Agent – der sein Vertrauen missbraucht, um an Informationen über sein Umfeld zu kommen. Bis dahin hat er zu diesem Trainer wie zu einem Idol aufgeschaut, wollte so werden wie er.

Screenshot von Ala Dakkas Instagram-Account

Jetzt bricht für Bashar, so heißt er, eine Welt zusammen und er will Rache nehmen. Und was tut er: Er kidnappt zwei Leute und bringt sie nach Gaza. Das ist eigentlich der Wahnsinn. Er bringt sie nach Gaza – und der Shabak befreit sie dort. Als wir das damals drehten, hätte ich nie für möglich gehalten, dass so etwas wirklich passieren könnte.

Wie hat Ihr Umfeld auf die Serie reagiert?

Bei "Fauda" mitzuspielen war ein großes Abenteuer. Ich bekam die Chance, an etwas mitzuwirken, das die ganze Welt sieht. Ich bin viel herumgekommen, Paris, Berlin, London, New York. Das war stark. Die besten Leute der Branche sind dabei und ich konnte Teil davon sein. Trotzdem gibt es auch andere Sichtweisen. Es gibt Stimmen, vor allem palästinensische Stimmen, die der Meinung sind, dass die Serie den Konflikt missbraucht, um Geld zu verdienen oder die Palästinenser schlecht aussehen zu lassen. Es ist schwierig. So sehen manche in mir auch einen Verräter, weil ich da mitgespielt habe. Denn natürlich verlieren die Palästinenser immer und ich muss mich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, dass ich dieses Bild unterstütze. Und jetzt, wo dieser Konflikt einen nie dagewesenen Höhepunkt erreicht hat, nehme ich in mir sehr widersprüchliche Gefühle wahr, was diese Serie betrifft. 

Sie sind nicht nur Schauspieler, sondern auch Dramatiker. Dieses Jahr haben Sie den Preis des israelischen Fringe Festivals in Akko erhalten. Was ist das für ein Stück?

Das Stück heißt "A Mangalian Passport. A Pathetic Satire of the Prom'ass'ed Land“ und handelt von dem jungen Araber Wattan (arabisch für "Heimat"), der einen Pass für ein neues Land namens Mangalia gewinnt. Aber um diesen Pass wirklich zu erhalten, muss er seine Mutter demütigen (er soll ihr in den Hintern treten), und das per Video aufzeichnen. Und je länger er darüber nachdenkt, desto klarer wird ihm, dass er das tatsächlich tun muss, und alles wird für ihn schlimmer und schlimmer.

Mutter und Sohn im "Prom'ass'ed Land", Szene aus Dakkas preisgekröntem Stück "Mangalia Passport" (mit Hannah Azulay Hasfari und Ala Dakka) © Gabriel Baharlia 

Ich selbst spiele den Wattan, inszeniert hat das Stück die Regisseurin Lior Zakay. Es ist ein komisches Stück, das sich über den arabisch-israelischen Konflikt lustig macht, das aber auch von dem Preis erzählt, den ein Palästinenser in der israelischen Mainstreamgesellschaft dafür zahlen muss, respektiert zu werden. Opfert er also seine Mutter, verrät er seine Herkunft oder nicht?

Könnte man sagen, dass die kritisierte Gesellschaft Ihre Kritik angenommen hat, damit, dass Sie Ihnen diesen Preis gegeben hat? Dass also die Gesellschaft bereitwillig in den Spiegel geschaut hat, den Sie ihr vorgehalten haben?

Wir haben sogar drei Preise bekommen: Für das Stück und auch zwei Preise für die beiden Hauptdarsteller - Hannah Azulay Hasfari and Roni Shtakler. Das war toll. Obwohl das ein politisches Stück war, waren die Vorstellungen schon vier Tage vor Festivalbeginn ausverkauft. Die Leute haben gelacht und die Leute haben geweint. Bis jetzt erreichen mich Nachrichten von Menschen, die mir sagen, wie sehr ich damit ins Schwarze getroffen habe. Wie ich damit Leute berühren und auch Verständnis dafür schaffen konnte, wie es sich für israelische Palästinenser anfühlt, in dieser Gesellschaft hier zu leben.

DarkonMangalia EllaBarakPlakatmotiv von "A Mangalian Passport" mit Ala Dakka © Ella Barak

Gleichzeitig konnte es auch palästinensischen Israelis vor Augen führen, wie komisch es wirkt, wenn sie immer noch die palästinensische Geschichte hochhalten. Durch mein Stück konnten alle über ihre Haltungen lachen und die Rolle, die sie in dieser Gesellschaft jeweils spielen, Juden und Palästinenser. Das hatte ich nicht erwartet. Ich dachte, die Leute würden böse werden, durchdrehen und wütend mitten in der Vorstellung weggehen, weil es ihnen zu viel ist. Aber die Leute haben gelacht – das heißt, es gab durch mein Stück plötzlich einen Konsens. Das fand ich ziemlich erstaunlich.

Die Inszenierung entstand etwa in der Zeit der Massendemonstrationen gegen die Regierung und die so genannte "Justizreform", wie haben sie das wahrgenommen?

In diesen Monaten hatte ich zum ersten Mal in meinen Leben das Gefühl, dass plötzlich eine Menge verschiedener Meinungen möglich waren. Die Leute forderten lautstark, dass die Besatzung enden müsse – das wurde sogar in den Nachrichten berichtet. Die unterschiedlichsten Meinungen begannen sich zu formulieren. Ich war ja auch bei den Protesten dabei – da waren ganz unterschiedliche Gruppen und Meinungen vertreten, die einte, dass sie alle das Gefühl hatten: Hier passiert jetzt mit dieser Änderung des Justizsystems etwas, das nicht passieren darf. Es lag eine Atmosphäre der Veränderung in der Luft, die ich so nicht mehr für möglich gehalten hatte. Es war sogar möglich, die palästinensische Tragödie anzusprechen. Aber jetzt, nach diesen schrecklichen Ereignissen, ist alles anders. Was jetzt werden wird, weiß ich nicht. 

Welchen Ausweg aus der Spirale der Gewalt kann es geben? Glauben Sie an eine friedliche Zukunft?

Absolut! Nach diesen traumatischen Ereignissen habe ich das Gefühl, die Palästinenser, aber auch die Israelis brauchen jetzt vor allem Hoffnung. Nur mit Hoffnung kann auch der islamische Fundamentalismus und das damit verbundene totalitäre Denken besiegt werden. Wenn die Leute die Perspektive haben, dass ein nicht-totalitärer, ein nicht-faschistischer Weg ihnen Arbeit, Wohlstand, Technologie und die Möglichkeit eines normalen Lebens eröffnet. Israel hat das Potenzial dazu, den Menschen diese Hoffnung zu geben. Jetzt wird die Hamas vernichtet und ich denke, damit ist der Moment gekommen, durch die Unterstützung der palästinensischen Autonomiebehörde die Situation zu normalisieren. Denn am Ende wollen die Leute doch nur ein lebenswertes Leben leben, ihre Träume verwirklichen und etwas darstellen. Es muss eine Situation geschaffen werden, dass dies auch für die Palästinenser möglich wird. Israel könnte hier sehr viel beitragen: wenn es jetzt keine Festungen baut oder noch höhere Grenzmauern, sondern das Problem auf einer tieferen Ebene angeht. Hoffnung ist das Schlüsselwort. Wenn die Palästinenser Hoffnung haben können auf Freiheit und Selbstbestimmung, dann glaube ich, dass es Frieden geben kann.

Was wäre Ihre Vision?

Meine Vision ist ein palästinensischer Staat, der auch gute Beziehungen zu Israel unterhält. Dessen Bürger hinfliegen können, wohin sie wollen, von einem israelischen Flughafen aus oder einem eigenen. Denn die Palästinenser werden dann natürlich auch einen eigenen Flughafen haben. Es wird eine U-Bahn geben von Gaza nach Ramallah, hin und zurück. Vielleicht gibt es auch eine Station in Beit Lechem. Und die Christen, die über Weihnachten nach Jerusalem kommen, hängen vielleicht noch ein paar Tage Urlaub in Ramallah dran. Auch Juden aus Israel können dann natürlich problemlos nach Ramallah fahren.

Kann das Theater etwas dazu beitragen?

Es müsste sich zu einer Haltung durchringen, beide Gesellschaften zu umarmen. Damit könnte es ihnen helfen, sich gegenseitig anzusehen. Damit die Menschen beider Gesellschaften lernen, einander einmal in die Augen zu sehen. Weil das Theater etwas kann, was Fernsehen und Kino nicht können: Es gibt den Menschen die Möglichkeit, in dem Augenblick, wenn das Licht im Saal ausgeht, sich selbst zu erkennen und mit anderen zu fühlen. Das geht nur mit Liebe und nicht, in dem man mit dem Finger auf sie zeigt. Die Menschen wollen geliebt werden. Nur dann sind sie bereit, sich zu verändern.

(Interview und Übersetzung: Esther Slevogt)

Ala Dakka,1994 in Beer Sheva/Israel geboren und aufgewachsen, ist Schauspieler, Musiker und Dramatiker. Ausbildung zum Schauspieler und Tätigkeiten u.a. am Theater Beer Sheva, Habima Tel Aviv. Aktuell gehört er dem Ensemble des Cameri-Theaters in Tel Avis an.
Autor war er u.a. für die Serie "Red-Skies" (Co-Autor) und "A Mangalian Passport" (Theater). Er arbeitet als Schauspieler auch für Film und Fernsehen. Auf Netflix ist er zu sehen in: "Fauda 3, "Image of Victory" von Avi Nesher, "Mossad 101" von Daniel Syrkin. Demnächst im Kino: "The Monkey House" von Avi Nesher. Im Theater: "Der dünne Soldat" von Hanoch Levin, "Tod eines Handlungsreisenden" von Arthur Miller, "Die Zofen" von Jean Genet. Demnächst: "Yerma" (Fassung von Simon Stone) im Cameri Theater Tel Aviv. 

aladakka.com


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Kommentare  
Interview Ala Dakka: Hoffnung
Vielen Dank für dieses wichtige und bewegende Interview!

Von Herzen hoffe ich, dass die Visionen von Ala Dakka wahr werden,

seine Worte geben Hoffnung in dunklen und erschütternden Zeiten.
Interview Ala Dakka: Hoffnung
Ja, Danke! Es bleibt nur Hoffnung!
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