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Die Realitäten anerkennen

6. November 2010. In einem dringlichen Appell hat sich der Intendant der Berliner Theater am Kurfürstendamm, Martin Woelffer, an den Vorstand der Bürgerinitiative "Rettet die Kudammbühnen" gewandt. Darin bat Woelffer die Initiative, die Realität anzuerkennen, dass nur eine der beiden Bühnen erhalten werden könne. Denn dies haben nun Verhandlungen ergeben. Erste Entwürfe, die der Architekt David Chipperfield für das Areal am Berliner Kurfürstendamm im Auftrag des britischen Investors Ballymore präsentierte, hatten noch den Abriss beider historischer Bühnen vorgesehen.

Ein Theaterbetreiber sei immer abhängig vom Vermieter, so Woelffer in dem Schreiben, da er nie die Miete zahlen könne, "die an der selben Stelle ein Kleidermarkt oder eine Coffeeshop-Kette bezahlt. Unter den gegebenen Umständen sind wir also dankbar, dass unsere Existenz an diesem Ort gesichert ist. In diesem Zusammenhang hat sich Ballymore als ein Investor erwiesen, der erkannt hat, dass es bei einem Neubau des Kudammkarrees nicht nur um Kommerz, sondern vor allem auch um Kultur gehen muss." So wichtig der Protest und das Engagement vieler Berliner Bürgerinnen und Bürger auch gewesen sei, so Woelffer weiter, so wichtig sei es nun, "den Bogen nicht zu überspannen und Realitäten anzuerkennen." Für das abgerissene Theater soll ein Neubau auf dem Dach des geplanten Shopping-Centers entstehen.

Vermutlich für immer tot
Der geplante Bürgerentscheid am 16. Januar 2011 zur Verhinderung des Abrisses, so Woelffers Befürchtung, könne alles Erreichte wieder zunichte machen, nämlich zumindest eine der historischen Bühnen zu erhalten, die in den zwanziger Jahren der Architekt Oskar Kaufmann im Auftrag Max Reinhardts errichtete, der in Berlin unter anderem auch die Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz und das Renaissance Theater entwarf. "Damit wäre das Ziel der Bürgerinitiative, nämlich die Boulevardtheater-Tradition am Kudamm zu retten, in ihr Gegenteil verkehrt: Die Boulevardtheater-Tradition am Kudamm wäre vermutlich für immer tot."

In der Berliner Morgenpost hat inzwischen der Vorsitzende der Initiative Otfried Laur die Vermutung geäußert, Woelffers Apell an ihn sei das Ergebnis einer Erpressung. Die gesamte Berliner Presse wisse, "dass Herr Woelffer nicht das sagen kann, was er gerne möchte". Wenn allerdings Ballymore eins der bestehenden Theater ins Grundbuch eintrage, werde man "schweren Herzens das andere Theater preisgeben und auf einen Bürgerentscheid verzichten." Andernfalls werde man an dem Protest festhalten.

(sle)