"Bernarda Albas Haus" vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg - Der Shorty zum Gastspiel beim Berliner Theatertreffen 2025
Willkommen im Abgrund
3. Mai 2025. Zur feierlichen Eröffnung des Theatertreffens wurden von den Redner*innen Galgenhumor und Teamspirit versprüht, eine scheidende Kulturstaatsministerin verteilte Danksagungen – und Katie Mitchells Inszenierung "Bernarda Albas Haus" vom Hamburger Schauspielhaus führte sich selbst in den Kitsch.
Von Christian Rakow
Im Kummerlook: Die Bewohnerinnen von "Bernarda Albas Haus" vom Schauspielhaus Hamburg © Thomas Aurin
3. Mai 2025. "Herzlich willkommen im Abgrund!" Mit diesen Worten begrüßt Matthias Pees das Publikum zur Eröffnung des 62. Theatertreffens, in seiner bislang mitreißendsten Rede als Chef der Berliner Festspiele. Es ist der Tag des Rücktritts des Berliner Kultursenators Joe Chialo, inmitten heftiger Spardebatten, vor allem aber der Tag der Einstufung der AfD als rechtsextreme Partei durch den Verfassungsschutz. Mit Schaudern denkt man daran, dass jüngst erst Spitzenpolitiker der bald im Bund regierenden CDU damit liebäugelten, das Verhältnis zu ebendiesen Rechtsextremen zu "entkrampfen".
Pees nimmt kein Blatt vor den Mund, beschwört das widerständige Theater und seine Rolle in der Offenen Gesellschaft, fordert das Einstehen für die Rechte der LGBTQI-Communities auch abseits der Metropolen, fixt uns mit einem Volksbühnenmotto von Bert Neumann an ("No Fear") und versprüht die nötige Portion Galgenhumor: "Wer im Abgrund lebt, hat das Gröbste schon hinter sich!"
Es schließt sich an: Claudia Roth auf ihrer Abschiedstournee als Kulturstaatsministerin mit einem ausholenden Adieu und gefühlten einhundert Danksagungen an die Kultur, an alle Demokraten, an das Theater und überhaupt. Theatertreffenleiterin Nora Hertlein-Hull speist noch etwas Teamspirit ein. Und dann endlich blicken wir in den versprochenen Abgrund.
Klösterlich interniert
Regisseurin Katie Mitchell hat im Verbund mit Autorin Alice Birch die Frauentragödie "Bernarda Albas Haus" von Federico García Lorca (aus dem Jahr 1936) neu eingerichtet. In einem kolossalen Haus – oben sieben zellenartige Einzelzimmer, unten Küche und Essstube (Bühne: Alex Eales) – führt die Witwe Bernarda Alba (Julia Wieninger) ein strenges Regime. "Ich lasse eure Leinen noch zu locker / ich sollte euch in euren Träumen heimsuchen", drangsaliert sie ihre fünf Töchter, die sie klösterlich interniert und immer wieder auch körperlich züchtigt.
Die Mädchen dürstet es nach Freiheit, aber nur zwei von ihnen leben diese Sehnsucht halbwegs aus: Angustias (Eva Maria Nikolaus), die von ihrem Vater ein Erbe erhalten hat und nun als "gute Partie" vor der Heirat mit dem Schönling des Dorfes Peter steht. Und die jüngste Tochter Adela (Linn Reusse), die sich in diesen Peter ebenfalls verliebt und mit wachsender Leidenschaft gegen den Käfig der Matriarchin anrennt.
Ausgenüchterter Realismus
Das karge Haus und der betont biedere Look der Mädchen rufen die 30er Jahre Lorcas auf, während das ein oder andere Utensil (Handy, Geschirrspüler) ebenso wie die minimalistische Musik und das sphärische Sound Design von Paul Clark und Melanie Wilson in Richtung Gegenwart winken. Das Tableau der geknechteten Frauen will mehr als ein historisches Zeugnis sein. Aber das klappt so doch nicht. Dafür steht das Handlungsgerüst zu stabil bei Lorca, in einer Wirklichkeit vor der Antibaby-Pille, vor der feministischen Selbstermächtigung. Für mehr Reibung zwischen den Zeithorizonten hätte es eine kraftvolle Aktualisierung nach Art von Simon Stone gebraucht (an dessen "Hotel Strindberg" das mehrstöckige Bühnenhaus ein wenig denken lässt).
Katie Mitchell ist in Berlin bekannt für ihre minutiös getakteten Livefilm-Abende wie "Wunschkonzert" (Theatertreffen 2008). "Bernarda Albas Haus" richtet sie ganz ohne Kameras und doch wie einen Spielfilm ein. Das Ensemble überzeugt mit ausgenüchtertem Realismus: unbewegt hohe Wangen, tiefe Augenringe, Kummer drückt die Schultern, Mikroports stützen den wispernden Ton. Mitunter werden Szenen ineinander geschnitten, sind Dialoge parallel gesetzt. Manches läuft in Zeitlupe verlangsamt.
Seichter Grund
In den besten Momenten, wenn sich das Spiel maximal reduziert, erinnert es an die klaustrophobische Enge von Michael Hanekes "Das weiße Band". In den schlechteren, die gegen Ende zunehmen, verliert es sich im Kitsch: Da fabulieren sich die Töchter mit profanster Herzensprosa um Kopf und Kragen ("Er liebt mich / er vögelt mich"), bevor die Tragödie anhebt, Mutter mit der Flinte umherstreift und Adela mit scharfer Klinge und Kunstblutspritzern aus dem Leben scheidet. Angustias verschwindet in den Keller, Mutter verteilt Giftkapseln, und alle entschlafen. Das ist nicht mehr der tiefe Abgrund widerständiger Kunst, sondern der seichte Grund der Kunstfertigkeit. Der Applaus fiel in schlanken fünf Minuten entsprechend freundlich endenwollend aus.
- Hier die Nachtkritik der Premiere von "Bernarda Albas Haus" im November 2024 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Täglich Neues vom Berliner Theatertreffen gibt es in unserem Theatertreffen-Liveblog.
1. Gute Rede von Matthias Pees, der wie zur "Reflexe & Reflexionen"-Eröffnung vom März mit Hölderlin einsteigt, es aber diesmal stringent weiterführt und sich nicht bei Schelling & Hegel verheddert.
2. Technisch/atmosphärisch ist der Abend eindrucksvoll. Katie Mitchell entwickelt ihre Parallel-Montage-Technik konsequent weiter. Ein eingespieltes Team mit Karin Beier (die vierte gemeinsame tt-Einladung des Duos Mitchell/Beier aus Köln und HH) und Julia Wieninger als Matriarchin mit der Empathie eine Drill Instructors in ihrer bereits 12. TT-Einladung, wenn ich richtig gezählt habe.
3. Inhaltlich wirken diese 90 Minuten "Virgin Suicides" von der Waterkant zwischen Zeitlupen-Bewegungen und "In yer Face"-Brüllduellen zu plakativ.
4. Die beiden einzigen amüsanten Momente des depressiven Eröffnungsabends hat Christian Rakow verschwiegen. Claudia Roth giftete in ihrer großen Abschieds-Umarmung gegen Uli Seidlers Berliner Zeitungs-Diss zurück und begrüßte die "lieben Demokratinnen und Demokraten" besonders demonstrativ. "Theater des Jahres"-Intendantin Karin Beier verzichtete auf den ganzen Trubel und kümmerte sich um ihre Hündin und die fünf neugeborenen Welpen. Herzlichen Glückwunsch. Diese Abwesenheits-Entschuldigung wird in den kommenden zwei Wochen nicht zu toppen sein.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/05/03/bernarda-albas-haus-eroeffnung-theatertreffen-kritik/
Das Grundproblem scheint mir aber, warum braucht es diese Inszenierung 2025? Worin liegt das Neue, das Zwingende, um den fast hundert Jahre alten Text heute zu zeigen? So sind es ziemlich lange 90 Minuten, die mich schulterzuckend zurücklassen.
Es gab 2015 mit dem türkischen Spielfilm „Mustang“ eine filmische Adaption des Stoffes, der lief auch hier im Kino. Sehr zu empfehlen.
Es ist diese Ambivalenz, diese Uneindeutigkeit, die die scheidende Kulturstaatsministerin Claudia Roth bei der Eröffnung betonte, die diesen Abend so schwer erträglich macht. Denn jeder Ausbruch ist auch ein Dolchstoß, wie jeder Zusammenhalt einen Suizidpakt darstellt. In einer auf Unterdrückung und Gehorsam aufgebauten Welt, gibt es für die unten kaum einen richtigen Weg. Der des gemeinsamen Aufbegehrens wurde ihnen längst abtrainiert. Und so bewegen sie sich zeitlupenartig, begleitet vom unentrinnbaren Dräuen von Melanie Wilsons und Paul Clarks düsteren Klangwelten wie Untote durch dieses Haus, das ein Grab ist, die Lebenslichter schon zu Beginn ausgelöscht, ihre längst entschiedene Geschichte nacherzählend. „Willkommen im Abgrund!“: So hatte Matthias Pees, Intendant der Berliner Festspiele, seine Eröffnungsrede, begonnen. Am Ende dieses Abends stehen auch wir, das Publikum, darin, waten metertief durch Blut und suchen einen Weg hinaus. Dieser intensive und erschütternde Abend mag das Tor verschlossen haben. Aber womöglich lohnt es sich doch, daran zu rütteln.
Komplette Rezension: https://stagescreen.wordpress.com/2025/05/03/ausgeloscht/
eine Art pubertärer Widerstand mit Aussicht, vom Mann direkt ins erwachsene Gattungsleben hineinbefreit zu werden. Dieser Infantilismus wird durch Bettina Stuckys Bernardamutter auch noch einmal gedoppelt zudem ! Ich fasse die Inszenierung aber auch garnicht als Überschreibung auf und finde deswegen auch Forderungen nach einem stringenteren Zugriff in diese Richtung verfehlt; was der Abend meineserachtens versucht, ist durchaus zumutend, nämlich Bernardas Entwurf als Utopie zu befragen, was ua. auch zur Frage führt, ob und wo wir besagte Strukturen noch finden können.
Jetzt die Gesichter der einzelnen Darsteller:innen ganz nah. Auch der Typ war, dank Kamera, mal so recht zu erkennen.
Keinerlei Schwierigkeiten, den einzelnen, parallel laufenden Szenen zu folgen - dank der technischen Bild-Umsetzung. Das nämlich war im Zuschauerraum, ziemlich weit hinten, schwierig, anstrengend und infolgedessen oftmals frustrierend.
Also dann besser gleich als Film?!
Aber dann auch wieder bei so genauer (An-)Sicht : die 'Großmutter' nicht einen Tag älter als die 'Mutter'... die 'älteste Tochter' eher eine der jüngsten...
Und warum diese 'Handy Mädchen' derart kuschen vor so einer durchgeknallten Mutter - die ein bisschen zu oft "Scheiße" sagt, warum?? - ist auch nicht nachvollziebar.
Die Wucht, die dieses Stück - im Original hat - blieb leider, leider aus.