Bernarda Albas Haus - Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Terror im Fünf-Mäderlhaus
3. November 2024. Schon bei Federico García Lorca ist "Bernarda Albas Haus" ein ziemlich unangenehmer Ort. Alice Birch hat ihn nicht wirtlicher gemacht. Regisseurin Katie Mitchell inszeniert diese Neufassung als klaustrophobe Dystopie.
Von Andreas Schnell
Katie Michell mit "Bernarda Albas Haus" von Alice Birch nach Federico García Lorca in Hamburg © Thomas Aurin
3. November 2024. Der Patriarch ist tot. Es lebe die Matriarchin! Aber statt in Frauenfreiheit aufzubrechen, versinkt das Haus der Bernarda Alba in einem Strudel aus Gewalt. Auch wenn der Vater, der offenbar seine Stieftochter missbraucht hat, unter der Erde liegt, bleiben die patriachalen Werte und Strukturen intakt. Mutter Bernarda scheut bei ihrer Bewahrung keine Mittel.
Wo García Lorca sein Drama noch klar im spanischen Andalusien verortet, ist der Dramatikerin Alice Birch in ihrer Neufassung des Klassikers offenbar an einer universelleren Lesart gelegen. Lediglich der Rüffel, in der Kirche habe eine junge Frau keinen Mann anzusehen, es sei denn, er trage einen Priesterrock, lässt noch an katholisch geprägte Regionen denken. Ökonomisch deuten sowohl die Größe des Hauses Alba als auch das Vorhandensein von Pferden einen gewissen Wohlstand an. Ansonsten erfahren wir nicht viel über den konkreten Ort der Geschichte, die Ulrike Syha in ein kunstvoll direktes, glasklares Deutsch übersetzt hat.
Düsterer Realismus
Immer wieder verdichtet Birch die Interaktionen, indem sie parallele Gespräche verschneidet. Nicht immer ist dem leicht zu folgen. Was durch das Bühnenbild von Alex Eales noch verstärkt wird, das gar nicht so weit weg ist von Merle Hensels Arbeit für die Londoner Uraufführung vor knapp zwei Jahren. Die Bühne erinnert auch architektonisch an ein Gefängnis: oben eine Reihe kleiner Kammern, in denen die Töchter, die Großmutter und die Matriarchin leben, unten ein großes Esszimmer, eine Küche und ein Stück Hof mit Tor, dahinter die Freiheit – im Dunkeln.
Katie Mitchell inszeniert in Hamburg die hermetisch geschlossene Welt, in der Mutter Alba (von Julia Wieninger gespielt) die patriarchalen Strukturen betoniert statt sie aufzubrechen, in einem konsequent düsteren Realismus. Präzise choreografierte Zeitlupen illustrieren Zeitsprünge. Was an Humor bei Birch noch angelegt sein mag – hier bleibt so gut wie nichts davon übrig. Das Ensemble bewältigt die komplexe Spielsituation mit bewundernswerter Präzision, zumal es auch ansonsten immer viel zu tun gibt.
Frauen unterdrücken Frauen: Sachiko Hara (die Angestellte Clara), Mayla Häuser (Tochter Amanda) und Josefine Israel (Tochter Magda) © Thomas Aurin
Mal ruft die Mutter zur Familienversammlung oder schickt die Töchter ins Bett, mal eilen sie alle zu den Fenstern, weil Peter kommt, um Angustias zu besuchen. Vielleicht kommt es auch gar nicht so sehr darauf an, hier immer auf der Höhe des grausigen Geschehens zu sein. Die Wahnhaftigkeit, die sich in der klaustrophoben Atmosphäre entwickelt, ist plastisch genug, zumal Melanie Wilson ein sich in heftige Spitzen steigerndes Klangbild geschaffen hat.
Befleckte Familienehre
Nach dem Tod des Vaters hat die Mutter ihre fünf Töchter zu ausgedehnter Trauer verdonnert, während derer sie das Haus nicht verlassen dürfen. Acht Jahre lang! Das ist freilich viel verlangt von den allesamt jungen Erwachsenen, deren nicht nur sexuelle Sehnsüchte aufbegehren gegen das strenge Regime der Mutter, die vor physischer Gewalt nicht zurückschreckt. Zumindest nicht sehr lange. Einerseits setzen sich patriarchalische Ordnungsvorstellungen fort: Die Ehre der Kleinfamilie darf nicht durch Verstöße gegen die gute Sitte befleckt werden. Und die Männer: sie schweigen ja nicht nur. Peter, der nachts regelmäßig am Tor erscheint, um seine Verlobte Angustias zu treffen, die er mit deren Schwester betrügt, klettert auch einmal über diese Barriere. Und eine Bande von drei Männern bricht in das Haus ein, ohne allerdings die schlimmsten Befürchtungen einzulösen.
Parabel auf den Faschismus
Aber so ganz geht die feministische Zuspitzung des Stoffs nicht auf. Die Abschottung gegen eine nach innen als feindlich propagierte Welt (mit vergewaltigenden Männern) lässt sich durchaus auch als Parabel auf den Faschismus lesen. Womöglich muss man sich auch gar nicht für eine Lesart entscheiden. Lorcas bösen Schluss, in dem sich eine Tochter das Leben nimmt, treibt Birch noch weiter in die Katastrophe. Verraten sei nur so viel: Hoffnung gibt es wenig. Die demente Großmutter entflieht diesem Horrorhaus in eine innere Welt, während immerhin Angustia (gespielt von Eva Maria Nikolaus) in die Freiheit geht. Es sind neunzig intensive, auf mehreren Ebenen allerdings nicht immer einfach zu verfolgende Minuten.
Bernarda Albas Haus
von Alice Birch nach Federico García Lorca
Übersetzung: Ulrike Syha
Regie: Katie Mitchell, Bühne: Alex Eales, Kostüme: Sussie Juhlin-Wallén, Licht: James Farncombe, Komposition: Paul Clark, Melanie Wilson: Sound Design: Melanie Wilson, Dramaturgie: Sybille Meier.
Mit: Julia Wieninger, Bettina Stucky, Eva Maria Nikolaus, Henni Jörissen, Josefine Israel, Mayla Häuser, Linn Reusse, Luisa Taraz, Sachiko Hara, Eva Maurischat, Joël Schnabel, Heinke Andresen, Thomas Geiger, Mathias Baumann, Alexej Mir.
Premiere am 2. November 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.schauspielhaus.de
Kritikenrundschau
Katie Mitchell und Alice Birch gelinge mit ihrer Fassung von "Bernarda Albas Haus" ein "fast schon unheimlich dichter, zwischen den Zeiten schwingender Abend", sagt Katja Weise auf NDR Kultur (3.11.2024). "Mitchell ist eine Meisterin der präzisen Choreographie und kann sich auf ihr tolles Ensemble verlassen." Auf platte Aktualisierungen verzichte die Inszenierung, "und doch schwingt das Heute immer mit. So entsteht ein technisch hoch virtuoser Abend - anspruchsvoll, anstrengend und anregend."
"Durch die Parallelmontage der Szenen im Hamburger Bühnenbild gewinnt das Werk eine faszinierende situative Präsenz, durch die großartigen Darstellerinnen eine zwingende Plausibilität. Katie Mitchell ist eine spektakulär überzeugende Inszenierung gelungen", schreibt Irene Bazinger in der FAZ (3.11.2024).
"Technisch ist der Abend hochvirtuos inszeniert. Mit viel Gespür für Präzision meistert das Ensemble die Herausforderung der exakten Choreografie. Für das Publikum ist die nicht ohne Anstrengung. Die ineinander geschnittenen Dialoge verlangen einiges an Konzentration ab. Sie eröffnet aber auch starke Momente der Poesie", schreibt Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (4.11.2024). "Gemeinsam mit dem überzeugend sanft modernisierten Text entsteht ein zum Nachdenken anregender, bemerkenswerter Abend."
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"Du Opfer") vorgehalten wurde -vor allem in der RBB-Kritik von Herrn Göpfert-.
Männer, die immer dann herangezogen bzw. benutzt/gebraucht werden, um die immergleichen tragischen und selbstmörderischen Konsequenzen zu beglaubigen, Männer die dann aber lediglich wie Traumschatten durchs Haus huschen (recht konsequenzlos im übrigen), wenn sie nicht auf Freiersfüßen am "Fensterln vor dem Tore "sind und oft nur die Hunde aufschrecken, nebst Handys in der Eröffnungsszenerie, die auch nur wie zur Beglaubigung einer bis zur Jetztzeit zu denkenden Öffnung des andalusischen Ausgangsstoffes bloßes und anknüpfungsloses Requisit bleiben, nebst beispielsweise jener seltsamen "Sterbehilfeszene", in der Bernarda schließlich die von der Meute Verfolgte, die immerhin Zuflucht, wenn auch "nur", um sich umbringen zu können, bei ihr sucht, erschießt; nebst, weil auch diese Szene geradezu rätselhaft unangebunden und ohne Konsequenz bleibt im Grunde. Die Meute wollte doch wohl kaum ohne weiteres, daß da jemand, noch dazu eine Frau, ihr die Mords- bzw. Quälarbeit abnimmt, um nur dieses Beispiel zu nennen.
Und so schnurrt die Maschine, zur dräuenden, tatsächlich überbordenden Soundkulisse, unfehlbar auf den Schluß zu, der seine Analogie zum überschwemmten Zimmer vor guten neun Jahren beibehält, wie ein Tag-Alptraum, der seinen Sog hat, wohl wahr und durch das sehr gute Ensemble; ja, das Publikum träumt sich bleischwer hinein in dieses Haus. Sind seit damals nur ein Paar Zimmer hinzugetreten ?? Am ehesten lese ich so einen Abend dann noch als "DRAMATISCHES GEDICHT" ... .
Weitere Informationsmöglichkeiten bieten die Besprechungen vom 2.11. und 3.11. im Deutschlandfunk durch Herrn Laages; wünsche allseits einen guten Rutsch in neue Jahr 2025, in dem das Stück bereits am 3.1. und 8.1. wieder zu sehen ist !
(Lieber Arkadij Zarthäuser, danke für den Hinweis, dass die Nachtkritik namentlich nicht gezeichnet war. Das war ein technischer Fehler, der nun gerichtet ist. Andreas Schnell berichtete aus Hamburg. Viele Grüße aus der Redaktion, sd)
Die Inszenierung beeindruckt durch ihre formale Präzision, emotionale Intensität und die gelungene Aktualisierung von Lorcas avantgardistischem Drama.
Alice Birch hat Lorcas Drama radikal neu geschrieben, wobei sie religiöse Bezüge reduziert und den Fokus auf die individuellen Konflikte der Frauen legt, die auf Grund von Unterdrückung - Opfer eines repressiven Systems - zu Täterinnen werden. Ihr Hunger nach Leben und Freiheit in der Enge des Hauses führt sie unausweichlich in die Katastrophe.
Während Lorcas Sprache (1936) poetisch, symbolisch und formal ist und viele Metaphern und Bilder nutzt und so subtil durch Poesie und mit Andeutungen arbeitet, ist Birchs Sprache (2020) roh, direkt, rhythmisch fast chorisch mit kurzen, fragmentarischen Sätzen und stilisierten Wiederholungen, was die Rebellion direkt und grell erscheinen lässt. Manches davon erinnert an Performance- oder Konzeptkunst. Birchs Version überträgt Lorcas Grundthemen in eine gegenwärtige, feministische Perspektive.
Mitchells Regie setzt auf filmische Ästhetik, was für die sat3 Aufzeichnung während des Berliner Theatertreffens interessant werden dürfte. Alex Eales Bühne ein zweistöckiges Haus mit engen Zimmern, das an ein Puppenhaus erinnert und eine klaustrophobische Atmosphäre erzeugt. Ein Gefängnis, eine Metapher für Isolation, gesellschaftliche Zwänge und unterdrückte Emotionen. Unterstützt wird diese Stimmung durch das Licht (J. Farncombe) und den verstörenden Sound (M. Wilson).
Mitchell choreographiert parallele Szenen, ineinander verzahnte Dialoge, Zeitlupensequenzen und Tempi-Änderungen, um die emotionale Enge und den psychischen Druck im Haus persönlich erlebbar zu machen. Mitchells Regie beeindruckt durch technische, multisensorische Virtuosität und emotionale Tiefe. So gelingt eine faszinierende Parabel über Gewalt, Macht, Unterdrückung, Hoffnungslosigkeit, Resignation, Opfer und Täter.
Das Ensemble überzeugte mit perfekten schauspielerischen Leistungen. Julia Wieninger als dominante Bernarda mit beeindruckender Präsenz, kontrollierter Rationalität und emotionaler Verzweiflung. Bettina Stucky als Bernardas Mutter mit ihrer dementen, widerständigen Sehnsucht nach Leben und Freiheit und die Darstellerinnen der Töchter. Adele (Linn Reuse) die jüngste Tochter rebelliert mit ihrem Wunsch nach Liebe, Selbstbestimmung und Freiheit gegen Bernarda und wird zur Metapher für den Kampf um Selbstbestimmung. Birchs Adela ist weniger romantisiert mit mehr Wut und weniger Hoffnung als bei Lorca und ihr Entkommen aus der Enge ist der Suizid.
Angustias (Eva M. Nikolaus) als einzige akzeptiert die bestehenden Realitäten und verlässt das Haus lebend, um ihren Weg zu gehen. Bernarda und ihre anderen Töchter Mariche (H. Jörissen), Magda (J. Israel) und Amanda (M. Häuser) entkommen der Enge nur im Suizid.
Die Inszenierung thematisiert auf eindringliche Weise patriarchale/matriarchale Strukturen und weibliche Selbstbestimmung und erschreckend ist das Ende: Suizid anstelle kollektiven Kampfes um Selbstbestimmung. Dies kann nicht die Lösung sein!
P.S.: Dies ist nicht nur Aufgabe der Frauen auch wir Männer sind gefragt!
Lieber Reiner Schmedemann, Du schreibst „Manches davon erinnert an Performance- und Konzeptkunst“. Bei mir ging diese Erinnerung tatsächlich sehr weit, was sich aus verschiedenen Quellen speiste, zu denen auch SIGNA zählt, aber auch der Umstand, daß zu verwandter Zeit auf der BE-Bühne übernachtet wurde. Die Vorstellung, in einem Bühnenhaus wie bei der Bernarda oder in „Stadt der Blinden“ zu übernachten oder sich in einer Marthaler-Kulisse zu bewegen, begleitet die Inszenierungserfahrung merkwürdig, erst recht, wenn man, wie ich, in „Das 13. Jahr“ schroff aus der Hütte verwiesen wurde, in der mir Luiza Taraz in ihrer Rolle gerade begrüßend entgegengetreten war; genau: die Haushälterin Ponchia (eben Luiza Taraz) verdient bei der Nennung des Frauenreigens der Bernarda ebenso eine Erwähnung wie Sachiko Hara als Pflegerin Clara, Luiza Taraz in ihrer unaufgeregten, geradlinigen, entschiedenen, nicht aufmüpfig-auftrumpfenden Art, die Ponchia in Szene zu setzen, Sachiko Hara als Meisterin des „Spieles ohne Ball“; diese beiden signabewährten Spielerinnen tragen meineserachtens wesentlich zu der oben zitierten Wirkung bei. Herausragend fand ich allerdings Henni Jörissen als Mariche; ihr hätte man beinahe so einen „Tismer-Nora-Coup“ wie im Spiralblog 59 erwähnt zugetraut, das heißt etwa, daß sie sich plötzlich von den Toten aufbewegt hätte, weil sie nur so tat, das Gift zu schlucken, um sich im Leben ihrer Schuld zu stellen und/oder für die Großmutter da zu sein..
Ich stimme Dir vollkommen zu. Jede Darstellerin hätte eine ausführliche Würdigung ihrer darstellerischen Leistung verdient. Sie waren alle überzeugend und präzise. Anfänglich habe ich mich über die 4000 Zeichen bei Nachtkritik geärgert. Ich hätte oft noch viel mehr zu erwähnen gehabt. Doch dann habe ich für mich daraus eine Herausforderung gemacht. Was will ich unbedingt berichten, wenn mir nur 4000 Zeichen zur Verfügung stehen. Es ist jedesmal wieder ein Kampf und mittlerweile ein geliebtes Spiel.
Bis bald Reiner
Imri Rapaport, Berlin