"ja nichts ist ok" von der Berliner Volksbühne - Der Shorty zum Gastspiel beim Berliner Theatertreffen
Dieses wunde, verstörte Individuum
4. Mai 2025. Der Abend mit dem sprichwörtlich gewordenen Titel war René Polleschs letzte Inszenierung und eine Art Vermächtnis. Zwei Wochen nach der Premiere starb er. Aber wollen wir uns mit den Positionen dieses, mit Fabian Hinrichs erarbeiteten Überforderungs-Oratoriums wirklich zufriedengeben?
Von Elena Philipp
"ja nichts ist ok" von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz © Thomas Aurin
4. Mai 2025. Was kann man tun, wenn man sich einfach falsch fühlt? Den künstlich klugen Kühlschrank fragen! "Bigsby, ab wann geht man als Mensch durch?" Oder an die Erdgeschichte denken und sich vorstellen, dass das Leben vor 560 Millionen Jahren noch gewaltfrei verlief? (Wer das für Fakt und keinen ironischen Fake hält: mal hier schauen.)
Wenn Privates und Politisches gedanklich wie alltagspraktisch nicht mehr vereinbar sind, wenn etwa der Krieg in Gaza oder der Ukraine auf das "normale" Leben in einer WG trifft: das Unglaubliche des Sterbens und Tötens ungebremst direkt auf ein Dasein zwischen DHL-Paketen, schrankgroßen Kühlgeräten und einem Pool auf der Terrasse prallt, so dass die eigene Existenz zu zerbersten droht? Dann hilft vielleicht nur noch Klagen: "Ich hab mich satt. Ich bin scheißetraurig. Ich sterbe in Einsamkeit und Scheiße, Claudia", bricht es aus Paul heraus.
Lamento im Sperrholzbungalow
Fabian Hinrichs spielt Paul im letzten Solo, das er mit René Pollesch erdacht hat, als einen von drei Bewohner*innen einer Vierer-WG. Paul ist, anders als der slicke Stefan und die zurückhaltende Claudia, die Figur, die den fragilen Zustand unserer Gegenwart (oder unserer mitteleuropäischen Befindlichkeit?) abbildet wie eine Zeigerpflanze. Wenn die Spannung in seinem Inneren zu groß wird, hält Paul die Mitbewohnerin oder vielleicht auch Partnerin, auf jeden Fall die Person, die im Sperrholz-Bungalow mit im Schrankdoppelbett schläft, wach, mit laut raschelnder Decke und endlosem Monolog über die eigene (Wohlstands-)Verzweiflung. Er hasst alles. Andere Menschen: unerträglich. Aber vielleicht hält er sich selbst nur nicht aus? – Und auf sein Lamento scheint in der blausamtenen Nachtstimmung auf der Bühne ein eckiger Vollmond.
Zwei Tage zuvor wäre mir beim Wiedersehen mit "ja nichts ist ok" Pauls Agonie vielleicht noch ergreifend erschienen. Doch einen Verfassungsschutzbericht später denke ich beim tt-Gastspiel: Aufgeben ist keine Option. Das eigene innere Elend als Folge verheerender äußerer Vorgänge zu betrauern, ist momentweise völlig in Ordnung. Aber stürzt sich hier ein Ich nicht allzu begeistert in den Abgrund der Larmoyanz?
Bittere Komik contra Flachwitz
"Es ist ja das Schlimmste, das Leben." Soll man über solchen flachwitzelnden Existenzialismus wirklich 90 Minuten weinen und lachen? Es mag mir an dem Abend nicht gelingen. Anderen aber schon. Der Pollesch-Äquator teilt die Theaterwelt in diejenigen, die von seinen Stücken als schmerzvoll wahrhaftigem Ausdruck unserer spätkapitalistischen Seinsform zuinnerst berührt werden, und diejenigen, die sich von den unterspannten Pathosformeln nicht im Kern ihres Wesens angesprochen fühlen.
Und doch ist die letzte Szene, die mit Polleschs Tod zwei Wochen nach der Premiere als prophetisch betrachtet wurde, erneut eine Offenbarung. Wie da am Ende neun Personen auf die Bühne treten und sich gemessenen Schritts Fabian Hinrichs nähern. Ihr Begehr? "Dich zu begraben, Erzähler." Effektvoll drapieren sie sich zum lebendigen Grabmal über dem Schauspieler, der allein in allen Rollen auf der Bühne geackert hat, sich gänzlich in der Inszenierung zur Verfügung gestellt hat und ob seiner Einsamkeit schier verrückt geworden ist.
Endlich geht das wunde, verstörte Individuum in einer Gemeinschaft auf. Der Autor, der vierte Mann in der Dreier-WG, ist tot. Und der letzte Witz bitterkomisch: "Sagt eine Kerze zur anderen Kerze: Was machst Du heute Abend? – Ich? Ich gehe aus."
Mehr dazu:
- Hier eine Playlist zu "ja nichts ist ok".
- Hier die Nachtkritik zur Premiere im Februar 2024.
Täglich Neues vom Berliner Theatertreffen gibt es in unserem Theatertreffen-Liveblog.
Es ist nicht besonders zielführend, andere Meinungen einzuholen oder jemanden zu überreden, ob etwas groß oder klein ist ... sie werden schon selbst merken, ob es ihnen passt.
Nicht alle Pollesch-Stücke wirken auf mich. Dieses hier hat es – obwohl ich es zweimal sehen musste, um alles zu verstehen (sprachlich, da ich kein Muttersprachler bin).
Ich sagte zu Pollesch nach der dritten Vorstellung – wir liefen zufällig gemeinsam Richtung U2: „Gratulation! Das Stück wurde gut aufgenommen!“
(Es gab ja viel Standing Ovations, und da er seine Stücke nie selbst sah, wusste ich nicht, ob er das überhaupt mitbekommen hatte.)
Er sah mich an, in seiner merkwürdigen Lederjacke mit einem riesigen grünen Fleck, und sagte jenseits jedes moralischen Ausdrucks, mit vollkommen neutralem Gesicht:
„Sie waren heute ja gut zu uns.“
Dieser Satz ist mir ins Gedächtnis tätowiert.
Sind wir böse zueinander aus Mangel an Moral? Oder gerade, weil wir an sie glauben?
Ich weiß nur eins:
Ich vermisse Pollesch, den Älteren. Nicht nur den Regisseur. Den Menschen.
Aber ich bin im Team von Elena Philipp und störte mich auch beim zweiten Sehen an den Kalauern und Flachwitzeleien aus dem Kinderbuch.
Es war eine sichere Wette, dass „ja nichts ist ok“ eingeladen würde: als Würdigung des Vermächtnisses von René Pollesch und seiner gemeinsamen Arbeiten mit Co-Autor/Co-Regisseur Fabian Hinrichs wurden in den vergangenen Jahrzehnten zu einem prägenden Duo, an Glanzstücke wie „Kill your darlings“ (Theatertreffen 2012) reicht ihre unwiderruflich letzte Koproduktion nicht mehr heran. Zu zerrissen scheint die gemeinsame Arbeits-und Probenphase von Polleschs Krankenhausaufenthalt, zu disparat sind die Gefühlsschwankungen dieses kurzen Abends.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/05/03/ja-nichts-ist-ok-beim-theatertreffen/
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(Anm. Redaktion. Der vorherige Kommentar musste offenbar noch technische Hürden nehmen und traf offenbar verspätet ein; er ist jetzt veröffentlicht worden.)