Kein schöner Tag in der WG

12. Februar 2024. Wenn selbst der Paketbote nur weiteren Schmerz liefert, horchen René Pollesch und Fabian Hinrichs einmal mehr am kranken Herz der Gegenwart. Ihre jüngste Zusammenarbeit handelt in den Ruinen des Boulevardtheaters von der Zerrissenheit des Selbst im Zivilisationsprozess. Zum Weinen komisch und zum Lachen traurig. Ein besonderer Abend.

Von Christian Rakow

"ja nichts ist ok" von René Pollesch und Fabian Hinrichs in der Berliner Volksbühne © Thomas Aurin

12. Februar 2024. Wo beginnen mit diesem Abend, der vor rund 560 Millionen Jahren abhebt und mitten im Heute landet? Vielleicht mit dem allerersten Schrei, der gleich ein Urschrei ist und eigentlich schon alles enthält: "Hilfe!" 

Der Vorhang hebt sich und in Shorts und weißem Unterhemd sehen wir ihn, taumelnd, kauernd. Er brüllt "Sag es! – Was denn? – Sag es! – Was denn?" und stürzt sich in ein Wasserbassin vor einem sommerlichen Bungalow. Aus den Lautsprechern wüten die Punker von Slime "Zu kalt!". Und er ritzt sich mit einem Messer die Arme und die Brust auf, blutet, krümmt sich, wildharrend in der furchtbaren Pose, dass man meint, der leibhaftige Alexander Scheer sei wieder in der Volksbühne erschienen und martere sich.

Erst bunt, dann dunkel und noch dunkler

Aber es ist der leibhaftige Fabian Hinrichs. Und wenn er dieses Wahnsinnssolo zum Auftakt hinter sich lässt, dann merkt man das natürlich auch. Weil es niemanden auf den Bühnen unserer Tage gibt, der in gleicher Weise zwischen Schwerem und Leichtem zu balancieren vermag, der alles Pathos mit einem Schmunzeln einfängt und es in seiner Brust wie in einer kostbaren Schatulle versenkt. Und wenn er sie wieder öffnet, flattert ein Schmetterling heraus und fliegt auf, erst bunt noch, dann bald dunkler, dann dunkler und noch dunkler.

"ja nichts ist ok" heißt die neue Kreation des Duos René Pollesch und Fabian Hinrichs. Ein bezwingender Titel, halb maulig hingeschlenzt – "ja" –, aber halb das definitive Statement für unsere Gegenwart: "nichts ist ok". Fürwahr.

Und schillernd wie der Titel ist der ganze Abend, scheinbar lapidar, doch unter der Oberfläche abgründig, aufwühlend und bitterlich wahr. Vor ziemlich genau zwei Jahren, am langen Ende von Corona und im Echoraum des beginnenden Ukraine-Krieges, hatten Hinrichs/Pollesch mit "Geht es dir gut" eine Schmerzens-Revue für das desintegrierte und desorientierte Ich entworfen. Das neue Werk ist ganz ähnlich gelagert, ist selbstredend auch wieder ein Solo, stößt sich aber bei einem ganz anderen Genre ab: der Boulevardkomödie.

Unbehaust zwischen KI-Külschränken

Wir sind zu Gast in einer desaströsen Wohngemeinschaft, in der angeblich vier Leute zusammenleben (oder sollte man sagen: hausen), von denen allerdings nur drei in Erscheinung treten: Paul, Claudia und der Misanthrop Stefan. Hinrichs spielt sie alle selbst, mit hinreißend umständlichen Figurenwechseln, legt sich einen Wollpulli über, wenn er Claudia spricht, setzt sich eine Brille auf die Nase, wenn Stefan dran ist. Mitunter kommt er nicht hinterher, das macht aber auch nichts. Im Fernseher, dessen Bilder per Beamer auf die Wände des von Anna Viebrock entworfenen Bungalows projiziert werden, flackern Kriegsberichte aus Nahost. Und wenn die WG-Genoss*innen nicht gerade über ihre verpassten Arzt-Termine lamentieren oder sich ihre Unordnung vorhalten, dann streiten sie auch mal, ob es ein "Kriegsverbrechen" ist, "schwere Bomben auf Wohngebiete" zu werfen. Bis es Stefan zu viel wird und er aus DHL-Paketen eine Mauer im Wohnzimmer hochzieht.

ja nichts ist ok1 65027m c thomas aurin uTrägt das Leid mit Leichtigkeit: Fabian Hinrichs im Bühnenbild von Anna Viebrock © Thomas Aurin

Der allegorische WG-Raum, in dem sich wohlstandsgesellschaftlicher Konsummüll mit schweren Zeichen aus aktuellen Krisenherden mischt (bei der Paketmauer muss man unweigerlich an die Mauern im Westjordanland denken), wird seitlich von einem Stapel aus findlingshaften Felsbrocken überragt. Ein quasi paläontologisches Symbol. Denn Pollesch/Hinrichs geht es nicht nur um die zerrüttete Gegenwart, sondern ums Leiden am Menschen schlechthin. Der Mensch, der sich heute seine Wohnungen mit "Knautschlackledercouchen" vollstellt und für Seelenfrieden und praktische Erleichterungen sogar sprechende KI-Kühlschränke entworfen hat, und der doch nicht aus seiner transzendentalen "Unbehaustheit" herausgekommen ist, er steht infrage.

In seinen schlaglichtartigen Assoziationen zur Erd- und Menschheitsgeschichte steht der Abend durchaus nah an Hinrichs' Künstler-Metaphysik in seiner eigenen Lord-Byron-Aneignung "Sardanapal". Die lange Spur humaner Konflikte, die Zerrissenheit des Selbst im fortschreitenden Zivilisationsprozess und die Fragmentierung von Gemeinschaft – all das ist immer mitgemeint, wenn die drei WG-Pomeranzen diskursiv übereinander herfallen. "Die wenigsten Menschen sind für das 21. Jahrhundert geeignet", heißt es einmal. Wie für alle Jahrhunderte zuvor, mag man ergänzen.

"Ist es ein Verbrechen, fröhlich zu sein?"

Es ist ungemein reizvoll, den ungelösten Widerstreit der intellektuellen Suchbewegungen wie auch der Atmosphären und künstlerischen Mittel an diesem Abend zu erleben. Den Kampf zwischen Klamotte und Erkenntnisbegehren. Da wird man mal in kindische Witze aus Grabbelkisten-Büchern gestoßen, dann wieder versuchen die Figuren, eine tastende theoretische Sprache für ihr instabiles Weltverhältnis zu finden. "Ist es ein Verbrechen, fröhlich zu sein?", fragt Hinrichs, als sich der lange unschöne WG-Tag zur Nacht bettet und er in der Rolle des Stefan unter dem Leuchten des Vollmonds über sich und die Verhältnisse nachdenkt. Man weiß nie, ob man lachen oder weinen soll.

Das Ende, in dem ein großer Statist*innen-Chor eine Rolle spielt, soll nicht verraten werden. Wohl aber, dass man Abende wie diesen selten sieht, sehr selten. So bitter und süß und gallig und großartig. Pollesch/Hinrichs machen sich durchlässig für die Stimmungen unserer Zeit. Während an den Universitäten Stellvertretergefechte für Nahost ausgetragen werden, während im Hamburger Bahnhof just an diesem Sonntag eine Hannah-Arendt-Performance unter propalästinensischen Protesten abgebrochen werden muss, stehen sie erschüttert in ihrem Weltvertrauen, ringen sie um die Komödie, die ihnen immer ein Halt war, zeigen sie die Scherben unserer Gewissheiten her. "Vor 560 Millionen Jahren war das Leben noch gewaltfrei", sagen sie. Bei den "Gliederfüßlern" nämlich. "Wie kann dieser Friedensprozess wiederbelebt werden?"

 

ja nichts ist ok
von René Pollesch und Fabian Hinrichs
Inszenierung: René Pollesch und Fabian Hinrichs, Text: René Pollesch, Bühne: Anna Viebrock, Kostüme: Tabea Braun, Licht: Frank Novak, Dramaturgie: Anna Heesen, Johanna Kobusch.
Mit: Fabian Hinrichs, Statist:innen: Nadine Ahlig, Farid Fleschmann, Estanislao Gonzalez, Eva Günther, Helene Hager, Kristina Hartmann, Sonja Holst, Ingeborg Koch, Marion Lanzerstorfer, Klaus Schneider, Lotte Selier, Alex Sommerfeldt, Oliver Walter.
Premiere am 11. Februar 2024
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.volksbuehne.berlin

Kritikenrundschau

"Unglaublich, wie Pollesch und Hinrichs unter dem scheinbar Leichten hier wirklich die ganze erdenschwere Welt verhandeln", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (12.2.24, €): "Ein veritabler Nullpunkt-Abend, der sich in zwingender Konsequenz aufs Basale zurückzieht, um von dort aus – irgendwann, hoffentlich – neu anfangen zu können." Der Gegenwartsanalyse, der der Abend seinen Titel verdankt – "ja nichts ist ok" – sei ja leider wenig hinzuzufügen, so die Kritikerin weiter. "Aber solange es solche Abende gibt wie diesen, (…) ist das fundamental Nicht-Okaye zumindest wesentlich besser zu ertragen."

Die Leistung des Stückes liege darin, "das Chaos der Gegenwart nicht aufzulösen, sondern es zu verschieben und neu erfahrbar zu machen", findet Felix Müller von der Berliner Morgenpost (13.2.24, €). "Mitsamt der großen Gefühle darunter, bis hin zum ergreifenden Ende, bei dem Hinrichs nicht mehr allein auf der Bühne ist und es plötzlich wieder Wärme, Nähe, Namen gibt." Das Fazit des Kritikers: "So genau, so sehnsuchtsvoll kann man sie sehen, die Gegenwart."

"Es ist ein unterhaltsamer Theaterabend", urteilt Simon Strauß in der FAZ (13.2.24). Fabian Hinrichs gebe "die Gesprächssituationen eines in die Gedankenlosigkeit geworfenen Milieus wieder, ohne sie zu imitieren", mit seiner "zögernden, fast bescheidenen Darstellungsart" stelle er seine Figuren nicht aus, sondern "als Zeugen einer beschädigten Gesellschaftsform" hin. "Nicht die Welt, wie sie wirklich ist, (…) ist das Thema dieser Monokomödie", so der Kritiker weiter, "sondern die noch aus Hinrichs’ letzter Volksbühnen-Arbeit herüberreichende Lord-Byronhafte Sehnsucht nach einem Leben im Erleben, nach Sätzen, die etwas bedeuten, nach Stunden wahrer Empfindung".

"Wenn man zuletzt immer häufiger in diesem Theater als eingeschüchtertes Fragezeichen im weltabgewandten Überbietungsbrainstorm von Hochkunstrecken saß, öffnet sich die Bühne diesmal ganz entspannt für die Identifikation", urteilt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (11.2.24, €). Klar werde man auch beschimpft, "aber nur so, dass man sich als Beschimpften wiedererkennt, als Verstoßenen, Unzureichenden, als depressiven, blutenden, puckernden Vergeblichkeitsnippel im Eissturm der Realität", so der Kritiker weiter, der sich sodann fragt: "Kann es sein, dass man sogar ein bisschen Schuld dalässt, wenn man das Theater nach der 70-Minuten-Andacht verlässt und kühn lächelnd in den Februarregen tritt? Ah, ihr Nieseltropfen, mischt euch mit Tränchen! Hier darf ich einen Moment mein mickriges Leid leiden, auch wenn es vielen so viel schlimmer geht."

Von einem "Abgesang auf den Menschen des 21. Jahrhunderts" und einem "Abend der großen Ratlosigkeit", der über weite Strecken eine "sehr düstere Angelegenheit" sei, berichtet Barbara Behrendt in der Sendung Fazit auf DLF Kultur (11.2.24). Der "sehr pessimistische Befund", der hier erstellt werde, wirkt auf die Kritikerin "wie ein Nachklapp" zum Vorgänger-Abend des Duos "Geht es dir gut?" vor zwei Jahren. Die aktuelle Produktion komme nun "an einem Endpunkt" an. Fakt sei allerdings auch: Mit "Ironie" und "Augenzwinkern" komme man der Welt nicht mehr bei: "Der Regisseur wirkt mit seinen Mitteln ratlos und vielleicht sogar ein bisschen haltungslos".

Es gehe an diesem Abend "über weite Strecken um den Nahost-Krieg – oder genauer: um dessen Auswirkungen auf unser Zusammenleben", so Michael Wolf im nd (14.2.24). Auf der Bühne grassiere "Bekenntniszwang", die Forderung, Stellung zu beziehen, vergifte das Klima, "da alle nur noch als Thesenträger auftreten und nicht mehr als Menschen". Diese Botschaft könne man "dem Abend entnehmen und durchaus auch vorwerfen", findet der Kritiker. "Denn ist es wirklich das, was man über den Krieg in Gaza sagen möchte? Dass er den Leuten in Europa ihre Beziehungen kaputtmacht?"

"'ja nichts ist ok' ist ein großer, aber auch ein rätselhafter Abend, den man nach 80 Minuten ohne Sachbuch- und Therapieempfehlung, dafür auf eigenartige Weise angeregt und beseelt verlässt", schreibt Jakob Hayner in der Welt (15.2.2024).

"Mag der Abend noch so viel Publikumsheiterkeit erzeugen, so ist er doch ein Vorstoß ins Herz der Schwermut - in bittere Wahrheiten und in die Eiseskälte, die sich in menschlichen Beziehungslabyrinthen breitgemacht hat", schreibt Dorion Weickmann in der Süddeutschen Zeitung (17.2.2024) "Man muss sich erholen von diesem bewegenden Abend. Von vier traumatischen Figuren, die ein einziger - und einzigartiger - Schauspieler zum Leben erweckt."

Kommentare  
ja nichts ist ok, Berlin: Bitte noch mehr
Knautschlacklederdepression. Ich lach mich kaputt. Bitte noch mehr Weltschmerz-Solos.
ja nichts ist ok, Berlin: So traurig, so komisch, so merkwürdig
Ja,ja, ja! Mehr! So traurig, so komisch, so merkwürdig, so so so so fein, und so kaputt. Es ist ganz großer Sport.
ja nichts ist ok, Berlin: Wahnsinnsabend
Ich gehe voll mit Christian Rakow mit- es ist ein ganz besonderer Theaterabend und ich finde Rakows Beschreibung der ästhetischen und auch erkenntnishaften Qualitäten total treffend. Was mir ein wenig zu kurz kommt:
- ich kann mich an kein ähnliches Stück von Pollesch und Hinrichs erinnern, ich finde es ist sehr anders, sowohl was die Form angeht (Spielweise! Mikrofon, Dialoge etc), als auch Struktur und Sprache. Das finde ich beeindruckend.
- ich habe mir eben die zusammengefassten Kritiken einmal duchgelesen, gerade, weil ich den Abend als so nahe gehend empfinde in Lust und Leid. Und ich finde, selbst die Zusammenfassung der positiven Kritiken gibt nicht unbedingt den Kern der jeweiligen Kritik wieder, was mich verwundert. Der Tagesspiegel schreibt es sei unter der Komik ein "grandioser Abend, so tief, so traurig und ehrlich wie kaum ein anderer JE (!) auf dem Theater". Und das Neue Deutschland " Wie aber kommt man aus dem Politischen heraus, ohne die Menschheit in Gliederfüßer zu verwandeln? Die Antwort: Kunst. Pollesch und Hinrichs bieten ihre Inszenierung als situativen Ausweg aus den Debatten, aus der Gewalt und dem Reden über dieselbe. Und sie haben Erfolg damit. So fragwürdig einem manche intellektuelle Grundlage dieser Arbeit erscheint, so gerne sieht und hört man Hinrichs zu, so gerne lässt man sich von seinem Spiel treffen. Ein Verführer ist hier am Werk. Fein stimmt er Witz und Melancholie ab, spielt geschickt mit Intensitäten." Finde ich hier nicht so wiedergegeben, vielleicht leitet mich jetzt aber auch meine Euphorie. Ein Wahnsinnsabend, echt.
ja nichts ist ok, Berlin: Unmöglichkeit dieses Lebens
Eine Reihe von WG-Situationen werden durchgespielt, Streits über Sauberkeit, Politik, Unzuverlässigkeit, eine Eskalationsspirale Pinterschen Ausmaßes, in der sich das bürgerliche Miteinander in Miniaturen des Grauens verwandelt. Die sich aus Verzweiflung speisen. „Wenn man alle liebt, warum wird die Welt nicht besser?“, fragt Paul in seiner Nachtrede. Antworden kann nur Bixby, die Kühlschrank-AI, der letzte Dialogpartner in einer Welt, in der das Ich nur noch auf andere Ichs prallt, sie abstößt, sie als abstoßend erlebt werden, in der keine*r die*den andere*n noch ertragen kann. Pollesch und Hinrichs werfen sich ohne jeden Selbstschutz in die Unmöglichkeit dieses Lebens, die Suche nach Gemeinschaft, die, wäre sie zu finden, vollkommen unerträglich wäre, eine Spezies namens Mensch, die gelernt hat, sich selbst und alles im eigenen Weg zu zerstören. Immer schon. „Wie hat alles begonnen?“, fragt der Erzähler einmal. Mit dem Menschen, der sich aus Steinen Werkzeuge gebaut hat, später eine Behausung. Aus der jetzt die Bretter-Illusion der WG-Kulisse geworden ist. Vor dem Menschen, „Vor 560 Millionen Jahren war das Leben noch gewaltfrei“, heißt es gegen Ende. Und: „Der Mensch. Er ist gewalttätig, aber ich liebe ihn auch sehr, ich liebe den Menschen.“ Und diese Liebe flutet den Abend, in ihrer hilflosen Verzweiflung, in ihren zwangsläufigen Scheitern, ihrer Unmöglichkeit. Sie pulst durch sein Anrennen gegen die Aggression, das Wegstoßen, die Gewalt, den Hass und die Gleichgültigkeit, die Verweigerung jeder Übereinkunft.

Und vielleicht ist sie das Bekenntnis, das sich nicht aussprechen lässt, vielleicht ist sie die oder der Vierte*, der irgendwie oder zumindest hoffentlich da ist, aber verborgen bleibt, die oder den es bräuchte, um den Kreislauf – in einer besonders atemlosen Szene rennt Hinrichs immer wieder um die Bühne, ohne Anfang, Ende, Ziel – zu durchbrechen, um weiterzukommen oder zurück zum Frieden von vor 560 Millionen Jahren. Das Ende, das hier nicht verraten sei, deutet einen solchen Vierten womöglich an, berührend, albern, unmöglich, Hoffnung spendend. Hier erst hier kommt der Schmerzensmann Hinrichs zur Ruhe, kurz, flüchtig, Kinderwitze erzählend. „Fragt die eine Kerze die andere: Was machst du heute Abend? Ich gehe aus.“ Ein Aus, das vieles ist: Ende und Aufbruch, Tod und Leben, Ausweglosigkeit und Ausweg. 70 Minuten Schmerz in wenigen Worten. Am Ende ist Ruhe. Endlich.

Komplette Rezension: https://stagescreen.wordpress.com/2024/02/11/der-unsichtbare-vierte/
ja nichts ist ok, Berlin: Falsches Narrativ
In all die Begeisterung über den Abend hat sich ein historisch falsches Narrativ in die Nachtkritik eingeschlichen: "Vor ziemlich genau zwei Jahren, am langen Ende von Corona und im Echoraum des beginnenden Ukraine-Krieges..."

Die Wahrheit benennt die Volksbühne in ihrer Ankündigung für das heutige Panel von Correctiv und Memorial: "zehn Jahre nach Kriegsbeginn und zwei Jahre nach Beginn der großen Invasion" (https://www.volksbuehne.berlin/#/de/repertoire/aggressor-russland-was-macht-die-russische-zivilgesellschaft)
ja nichts ist ok, Berlin: Unglaublicher Abend
Sorry, ich arbeite nicht in Eurer Pressestelle; aber der Abend ist so groß, dass ich denke: spread the news. Jakob Hayner (!) in der WELT: "Es ist unübertroffen, wie Pollesch und Hinrichs die zur Phrase geronnene Alltagskommunikation als Material benutzen, wie sie aus dem neurotischen Gefasel eines Milieus tatsächlich eine Conditio Humana des 21. Jahrhunderts kondensieren. "Es ist ein unglaublicher Soloabend für Hinrichs. Hat man den Eindruck bekommen, dass (Falk) Richter es vermeidet, sich ohne Deutung in dem Material zu bewegen, ist es bei Pollesch und Hinrichs das Gegenteil. „ja nichts ist ok“ ist ein großer, aber auch ein rätselhafter Abend, den man nach 80 Minuten ohne Sachbuch- und Therapieempfehlung, dafür auf eigenartige Weise angeregt und beseelt verlässt.".
ja nichts ist ok, Berlin: Moderner Klassiker
Ich schließe mich allen Kritikern an : schon jetzt ein moderner Klassiker. Die Dame vom DLF allerdings, die muss ein anderes Stück gesehen haben. Genauso gut könnte man Beckett, Bacon oder Munch Ratlosigkeit vorwerfen und Kafka eine pessimistische Weltsicht.
Das ist nun wirklich kein Niveau, das akzeptabel ist. Oder nur bei RTL 2:-), vielleicht also eine Verwechslung des Senders? Kann man hier wirklich nicht einfach nur mal begeistert sein? Nee.
ja nichts ist ok, Berlin: Playlist?
Kann man denn irgendwo rausfinden, welche Songs am Abend eingespielt wurden? Einige Stücke waren ja sehr eindringlich.
ja nichts ist ok, Berlin: Ergriffen
Ich war gestern drin und bin ergriffen. Und ich habe gelacht und gestaunt. Toll.
ja nichts ist ok, Berlin: Silbermondstille
War vorgestern ein zweites Mal mit einer seeehr rationalen, seehr kritischen Freundin drin. Ich schau' nach links und sie lacht. Wenig später schau ich wieder nach links und sie hat Tränen in den Augen. Zum ersten Mal seit wir uns kennen.
"Ich war ein fröhliches Kind", gesteht Stefan. Fünf Worte, die Fabian Hinrichs in die Silbermondstille der Bühnennacht hinausflüstert, wie einen Nekrolog. Man hält den Atem an. Jeder fühlt sich gemeint. Man muss sich erholen von diesem bewegenden Abend. Von vier traumatischen Figuren, die ein einziger - und einzigartiger - Schauspieler zum Leben erweckt." Dorion Weickmann, SZ.
Wie wahr.
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