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"Vielleicht interessieren sie sich für ein anderes Theater?"

5. Januar 2019. Der Kulturchef des Mannheimer Morgen Stefan Dettlinger spricht mit dem Intendanten des Mannheimer Nationaltheater Christian Holtzhauer über dessen erste 100 Tage an der Spitze des "größten Vier-Sparten-Theaters der Welt".

Über den "ersten Hausautor" Friedrich Schiller

Man könne heute nicht mehr davon ausgehen, so Holtzhauer, dass Schillers Stücke alle noch bekannt seien "und etwas über unsere Zeit erzählen". Immer wieder müsse das Theater "neu herausfinden", ob die Stücke "uns noch etwas zu sagen haben". Er, Holtzhauer, sei nicht sicher, ob Schiller, wie etwa Shakespeare, "zeitlos" sei, aber immerhin gehöre er als "erster Hausautor" zur "DNA des Nationaltheaters".

Über Werktreue

Auf die Frage: "Kann man einen Text nicht in Ruhe lassen und spielen?" antwortet Holtzhauer: Nein, das ginge nicht, sei noch nie gegangen. "Man kann nicht einfach etwas so spielen, weil Sie immer eine Fülle von ästhetischen Entscheidungen treffen müssen." Das gehe bei der Besetzung los. Theater sei nicht "in erster Linie Text". Theater fange damit an, "wenn der Schauspieler die Bühne betritt und vor unseren Augen beginnt, sich zu einem Text ins Verhältnis zu setzen. Wenn das Ensemble versucht, den Geist eines Stückes spielerisch zu erfassen."

Wenn man schaue, wie Shakespeare oder Schiller zu ihrer Zeit gespielt wurden, würde man feststellen, "dass die selten so aufgeführt wurden, wie sie heute geschrieben stehen".  Weil die Stücke immer "dem verfügbaren Ensemble, den Bedingungen der jeweiligen Bühne" angepasst worden seien. Und: weil Autoren wie Shakespeare oder Schiller "immer über ihre eigene Zeit geschrieben haben". Egal, in welcher Zeit die Stücke angesiedelt worden seien. Das müsse das Theater heute auch schaffen. Die Zuschauer müssten das Gefühl haben: "Das Stück, das sich vor unseren Augen auf der Bühne abspielt, ist eine Aussage über unsere Zeit." - "Theater ist immer absolute Gegenwart. Und es ist nicht Literatur. Theater ist Theater."

Über die "Räuber", inszeniert von Christian Weise 

Die "Räuber"-Inszenierung von Christian Weise, habe sich besonders mit zwei Motiven auseinandergesetzt: Zum einen mit der Zuschreibung, dass "Die Räuber" ein Stück über das Jung-Sein seien, zum anderen mit der Behauptung, dass es sich um ein Stück deutschen Kulturguts handele. Das Team hätte sich daher entschieden, "eine Gruppe von merkwürdig aus der Zeit gefallenen alten Menschen zu zeigen, die sich an einem entlegenen Winkel der Welt ein letztes Mal selbst 'Die Räuber' vorspielen."

Trotz der "kritischen Rezeption der Aufführung in der Presse" verkauften sich die Vorstellungen sehr gut insbesondere beim jungen Publikum. Und auch interessant sei, dass die Menschen nach den "Fremdtexten" in der Inszenierung gefragt hätten, dabei sei das alles Original Schiller.

Neue Zuschauergruppen gewinnen

In Zukunft ginge es darum, auch Zuschauer zu erreichen, die nicht schon immer ins Theater kommen. "Über die, die nicht kommen, wissen wir sehr wenig. Das heißt ja nicht, dass diese Menschen sich nicht fürs Theater interessieren. Vielleicht interessieren sie sich für ein anderes Theater. Das müssen wir rauskriegen."

(jnm)