logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Die radikalste Revolution heißt Vernichtung

von Andreas Thamm

Coburg, 12. Januar 2019. Zunächst hört das Publikum nur seinen Herzschlag, dann die Stimmen der Ärzte aus dem Off. Der Mann, der da in einem Krankenhausbett liegt, heißt Herr Meisner und ist der viertreichste Mensch der Welt, ein nicht konkreter definierter Unternehmer.

Was wäre wenn?

Die erste Frage, die Stephan Kaluza in seinem Stück "30 Keller" aufwirft, ist aber nicht die nach der Identität. Sondern nach dem Ort. Meisners Umgebung ist leer, im Hintergrund droht ein enormer Gitterwürfel. Erst der schneidige, schwarzgekleidete Mann mit Decknamen Ronaldo bringt Aufklärung: Meisner befindet sich in einem Keller, einem Versteck, einem von 30 dieser Art.

MasseMenschMacht 3 560 SebastianBuff uDer Würfel bleibt verschlossen: Bernhard Leute, Nils Liebscher © Sebastian Buff

Kaluzas Text ist zuerst als Kriminalroman erschienen. In Coburg sollte daraus eine Hälfte des Doppelabends "Mensch Masse Macht" werden. Die zweite Hälfte, Kaluzas 2012 in Stuttgart uraufgeführtes "3D", fiel jedoch den Kürzungen im Produktionsprozess zum Opfer. Das Stück über familiären Missbrauch erfordere äußerste Sensibilität, so die Pressemitteilung, die Umsetzung des Experiments habe nicht den Erwartungen entsprochen.

"30 Keller" ist dennoch kein halbes Stück, wenn auch ein minimalistisches. Es basiert auf einer gedanklichen Versuchsanordnung: Was würde wohl geschehen, wenn die 30 reichsten Erdenbewohner entführt würden, man jedem zehn Milliarden Dollar in bar abnähme und die Scheine durch Abwurf über dem Ozean vernichtete?

Täter und Opfer? So eindeutig ist das nicht

Das durchführende Gegenüber des Entführungsopfers Meisner, dieser Ronaldo, muss also, so tollkühn und eben undurchführbar wie das alles nun mal ist, unangreifbar sein in seinem Tun. Ronaldo brilliert durch Geschmeidigkeit, übertriebene Höflichkeit, Unberührbarkeit. Er kleidet sein Opfer in dessen weißen Anzug und schafft damit eine eindeutige Symbolik von Täter und Opfer, die so eindeutig natürlich nicht ist.

Die Szenen der Zweisamkeit dieser beiden Männer unterbricht Kaluza, der auch Regie führt, durch nächtliche Traumsequenzen Meisners. In der ersten erschießt man ihn. "Sie sind in Sicherheit", verspricht Ronaldo dem erwachten Gefangenen und deckt mit erschreckender Akkuratesse jeder Bewegung und in quälender Langsamkeit den Tisch, den er soeben auf die Bühne gerollt hat. Eine Szene, in der jeder Schritt und jedes Armbeugen von Nils Liebscher so präzise daherkommt, dass auch die schön-seltsame Surrealität seiner Figur deutlich wird.  Es gibt gebratene Zucchini mit Trüffelschaum – die Vorspeise, die Meisner zuletzt mit seiner Geliebten genossen hat. Ronaldo weiß alles über ihn.

Dieses System? Oder Anarchie?

In der folgenden Stunde entspinnt sich ein argumentatives Duell, das Schritt für Schritt aufdeckt, was hier gespielt wird. Kaluza legt Ronaldo dafür teils eine poetische Sprache in den Mund: "Ihre Scheine haben eine lange Reise des Sterbens vor sich." Während der andere sich nicht anders erwehren kann als mit Geschrei: "Sie sind krank! Schwein!" Er soll in seiner aufgezwungenen Machtlosigkeit einsehen, dass seine Macht, die des Geldes, auf der Ohnmacht der vielen beruht. Ronaldos schattenbleibende Organisation will dieses System durch Vernichtung korrigieren. Während Liebschers Ronaldo mephistotelisch schillert, bleibt Bernhard Leutes Meisner lange holzschnittartig, ein überholter Bonze alter Tage, was auch dem Text geschuldet ist. Mit der Dauer des Abends gewinnt er aber an Tiefe, ein Mensch, der einfach nicht begreift. 

 

MasseMenschMacht 4 560 SebastianBuff uTafel-Duell: Bernhard Leute als Meisner, Nils Liebscher als Ronaldo © Sebastian Buff

Stephans Kaluzas Stück gibt nicht vor, mehr zu sein, als die Durchführung eines gedanklichen Experiments. Und trotzdem ist das nicht simpel. Meisner sucht seine eigene Legitimation: dieses System oder die Anarchie. Er will das Publikum auf seiner Seite: "Ihnen in der ersten Reihe geht es doch gut! Wir wollen das!" Er ersticht den Entführer hinterrücks, aber er kann nicht fliehen: Hinaus kommen, hieße, in den Gitterwürfel hineinkommen, aber der ist plötzlich verschlossen.

Und Ronaldo stirbt nicht. Es ist schließlich nur ein Spiel. Oder, das erinnert leider ein wenig zu sehr an Schulaufsätze, ein Traum, ein letzter Film vor den Augen eines Sterbenden. Ronaldo: "Sie wurden nicht entführt. Es gibt das alles nicht. Es gibt nur Sie!"

Und trotzdem fallen die Scheine ins Meer. Und trotzdem geschieht das alles da draußen. Meisner will aber lieber im Keller bleiben und in diesem goldenen Konfettiregen stehen und Johann Strauß hören, "An der schönen blauen Donau". Ronaldo weiß, das radikalste System ist das, das sich durchsetzt. "Nichts ist radikaler als die Vernichtung." Am Ende steht die Vernichtung eines Menschen, einer Existenz, die selbst, durch die Schuld, die Reichtum heißt, für die Vernichtung der anderen steht.

 

Masse Mensch Macht
Schauspielabend basierend auf dem Theaterstück "30 Keller (Atlantic Zero)"
von Stephan Kaluza
Regie und Bühne: Stephan Kaluza, Kostüme: Ana Tasic, Lichtdesign: Thilo Schneider, Dramaturgie: Carola von Gradulewski.
Mit: Bernhard Leute, Nils Liebscher, Statisterie des Landestheaters Coburg.
Premiere am 12. Januar 2019
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.landestheater-coburg.de

 

Kritikenrundschau

"Das Schauspiel '30 Keller (Atlantic Zero)' gebärdet sich als Kammerspiel, das eine Parabel sein will – Parabel über die Krise des Kapitalismus", schreibt Jochen Berger im Coburger Tageblatt (14.1.2019). "Multi-Künstler Stephan Kaluza beweist feines Gespür dafür, wie sich Effekte arrangieren und bündeln lassen." Und weiter: "Bedeutungsvoll soll klingen, was Meisner und Ronaldo miteinander verhandeln. Doch was tatsächlich bedeutungsvoll und was nur behauptet bedeutungsschwer daher kommt – das ist an diesem Abend mit pausenlosen eineinhalb Stunden Spieldauer nicht immer genau zu trennen."

In seiner berechtigen Empörung über die Auswüchse des Kapitalismus gerieten Stephan Kaluza so manche Textstellen recht hölzern und erinnerten an ein trockenes Philosophie-Proseminar, schreibt Christine Wagner in der Neuen Presse (14.1.2019). "Dieses Manko wird durch zwei Faktoren wettgemacht: zum einen durch Kaluzas Inszenierung, in der es ihm gelingt, über die gesamte Länge einen Spannungsbogen aufzubauen und zu halten. Zum anderen durch die beiden Darsteller, die 90 Minuten Intensivtheater bieten."