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Der Burn-out-Staat

von Friederike Felbeck

Dortmund, 3. Mai 2014. Die schwarz-rot-goldenen Blumengestecke, die die Bühne säumen, lassen nichts Gutes ahnen. Dazu das Deutschlandlied von einer einzelnen Geige geächzt. Zwei aalglatte Moderatoren verleihen den "Autsch 2014", und der einzige Preisträger ist das Land Deutschland. Ihre ans Publikum gerichteten Fragen sind ein Kanon aller Sorgen und Nöte unserer Wohlstandsgesellschaft, die an der eigenen Effizienz krankt.

Fahne auf Halbmast

Die Wohlfühlwerbeplakate, die pausenlos auf eine Videoleinwand projiziert werden, sind mit knallharten Sprüchen untertitelt ("Aus Liebe zum Leben – die Chemotherapie"). Dann löst sich die Gala zunehmend auf: Der goldene Teppich verschwindet, es regnet schwarze Luftballons, die Deutschlandfahne wird abmontiert, und der Regisseur lässt schon mal den Eisernen Vorhang auf Halbmast setzen – eine opulent inszenierte Bildstörung, in der am Ende zwei Heinzelmännchen mit einer Maß Bier in der Hand vom Druck der Arbeit singen, während im Hintergrund Bilder von Schlössern und Atommeilern vorbeiziehen.

Der Dramatiker Fred Hundt, ein Pseudonym des Regisseurs Marcus Lobbes, unterzieht sein Publikum einem Stresstest. Seine feiste Parodie auf eine Oscarpreisverleihung eröffnet den Doppelabend mit dem "Revisor" von Nicolai Gogol, gefolgt von Sarah Kanes "4.48 Psychose". Die beiden Regisseure, Marcus Lobbes und Kay Voges, schaffen es mit einfachen musikalischen und visuellen Betonungen, Brücken zwischen den beiden Abenden zu schlagen, die zunächst nur einmalig bei der Premiere in Folge gezeigt werden.

Revisor im Ruhrgebiet

Im "Revisor" ist es die "schönste Stadt des Ruhrgebiets", die einer umfassenden Betriebsprüfung unterzogen werden soll. Sechs Schauspieler, die in karierten Flanellhosen und goldenen Jacken auf 70er Jahre Plastikstühlen hocken und sich mondförmige Stabmasken vor das Gesicht halten, sind allesamt Ressortleiter. Sie bilden einen Sprechchor der Angst, der sich angesichts der Ankündigung des Revisors in vorauseilendem Gehorsam übt. Ihnen gegenüber steht, für das Publikum zunächst unsichtbar, der vielköpfige Dortmunder Sprechchor auf der Empore, der mit Verve und Tempo in einen Wechselgesang einsteigt.

revisor1 560 birgit hupfeld uGut gelaunt, bald nackt gemacht beim Warten auf den "Revisor" © Birgit Hupfeld

Abwechselnd mimen die sechs Schauspieler den "falschen" Revisor, der die Provinzler mit dreisten Geschichten aus der Hauptstadt blendet. Die fast statische Inszenierung und das chorische Element verleihen Gogols Text Wirkung, Brisanz und Wortwitz, die den Verlust der schrägen Individuen des Stücks verschmerzen lassen. Je mehr Geld der Betrüger von den Bürgern der Stadt verlangt, desto mehr entkleiden sie sich. Bis sie buchstäblich ihr letztes Hemd an den Fremden gegeben haben, der sich damit aus dem Staub macht. Dann lässt Lobbes den schwarz gekleideten Chor von der Galerie steigen und gemeinsam den Brief verlesen, der die Ankunft des tatsächlichen Revisors bekannt gibt.

Körpereigene Signale

Im Studio des Theater Dortmund ist ein mit Gaze ausstaffierter Kubus aufgebaut, um den die Zuschauer im Kreis sitzen. Sechs mit langen schwarzen Metzgerschürzen bekleidete Gestalten stehen hinter einer eindrucksvollen Reihe von Computern, die über dicke bunte Kabel mit den drei Schauspielern im Kubus verbunden sind. Auf den Rücken der Schauspieler prangen gleich mehrere Messgeräte und Sender, deren Funktionsleuchten im Dunkeln blau und rot blinken – "Psychose 4.48" ist bereits die vierte Zusammenarbeit mit dem Chaostreff Dortmund e.V. und den Software-Ingenieuren Stefan Kögl und Lucas Pleß.

448psychose2 560 edi szekely uMenschlicher Code: "4.48 Psychose" © Edi Szekely

Kanes Text wird von den Schauspielern im Wechsel gesprochen. Zeitgleich entstehen auf ihre Körper und in den Raum projizierte Bilder, die aus Elektroimpulsen und körpereigenen Signalen wie Puls, Temperatur oder Atemfrequenz generiert werden. Voges stülpt so die implodierende Poesie von Kanes Abgesang auf ihre eigene psychische Erkrankung und die Vorwegnahme ihres Freitodes nach außen.

Was technisch machbar ist

"Depression ist Zorn", sagt Kane selbst, und so schreien und kämpfen die drei, bis sie am Ende blutüberströmt Kniebeugen üben, während eine Stimme aus dem Off Erfolgsrezepte und Glücksformeln herunterrattert. Voges' Inszenierung ist eine gelungene Performance, die von ihrem installativen Charakter und starken abwechslungsreichen Bildern lebt, die alles auskosten, was technisch machbar war. Den ein oder anderen Abzweig in die Abgründe eines der wohl kostbarsten Texte des vergangenen Jahrzehnts verpasst der Abend jedoch.

Indes, der Schulterschluss geht auf: Drei Stücke, die unterschiedlicher nicht sein könnten, fragen nach der Verkettung von Globalisierung und Burn-out, von Freiheit und Depression und erzählen von einer grassierenden Angst in diesem Land, in der Stadt und in uns selbst.

 

Autschland d'Amour (UA)/Der Revisor
von Fred Hundt / Nikolai Gogol
Regie und Bühne: Marcus Lobbes, Mitarbeit Regie und Bühne: Frank de Buhr, Kostüme: Mona Ulrich, Video-Artist: Michael Deeg, Chorleitung (Der Revisor): Andreas Beck, Licht: Sibylle Stuck, Dramaturgie: Michael Eickhoff.
Mit: Ekkehard Freye, Julia Schubert, Bettina Lieder, Carlos Lobo, Eva Verena Müller, Uwe Schneider und dem Dortmunder Sprechchor.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

4.48 Psychose
von Sarah Kane
Regie: Kay Voges, Bühne: Jan Brandt, Kay Voges, Kostüme: Mona Ulrich, Videoart: Mario Simon, Komposition und Arrangement: Tommy Finke, Coding und Engineering: Stefan Kögl, Lucas Pleß, Licht: Rolf Giese, Ton: Gertfried Lammersdorf, Chris Sauer, Andreas Sülberg, Dramaturgie: AK Schulz.
Mit: Björn Gabriel, Uwe Rohbeck, Merle Wasmuth.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.theaterdo.de

 

 

Kritikenrundschau

Arnold Hohmann schreibt auf Der Westen, dem Internetportal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (4.5.2014), das Stücke-Triptychon frage nach "den Zusammenhängen von Globalisierung und Burn-out" und versuche einer "grassierenden Angst" nachspüren, die vor allem beim Stadtmenschen immer stärker zu registrieren sei. Die drei Inszenierungen hätten nicht unterschiedlicher ausfallen können. Marcus Lobbes "Sprechoper" "Autschlandd'Amour" bleibe einer "endlosen Frageform" verhaftet, in der der Zuschauer "allmählich innerlich wegzappe". Dass Lobbes ein "ausgezeichneter Regisseur" sein könne, zeige er bei Gogols "Der Revisor". Er lasse den Revisor immer wieder aus der Mitte der Ressortleiter eines Rathauses "gebären". Der Kontrolleur könnte so die Ausgeburt sein "ihres kollektiven schlechten Gewissens angesichts von Korruption, Geldverschwendung". In Kay Voges' Inszenierung von "4.48 Psychose" behaupteten sich die drei verkabelten Schauspieler, deren "Körperwerte" ständig in "Zahlenkolumnen" erschienen, "gegen ihre Puls- oder Atemfrequenzen und den Herzschlag". "Sie schreien, kämpfen und verstümmeln sich derart, dass die Qual der Autorin ständig spürbar bleibt."

Auf Ruhrnachrichten.de schreibt Britta Helmbold (4.5.2014), "Autschland d'amour" sei "inszeniert als Parodie auf eine Oscar-Verleihung". Am Schluss nuschelten die beiden Darsteller in niedlichen Zwergkostümen sich was von Überforderung und Angst in ihren Bart. "Ziemlich redundant". "Der Revisor" als Sprechoper sei eine hübsche Idee von Lobbes, "die auch wunderbar funktioniert". Allerdings seien knapp 90 Minuten "Chorsprech, wenn auch wunderbar von den sechs Schauspielern gemeistert", ziemlich ermüdend. Der "Premieren-Marathon" ende mit einem Verzweiflungsschrei. In Kay Voges´ "technik-affiner Performance" von "4.48 Psychose" würden "Angstzustände nachfühlbar", ein "intensiver Abschluss".