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Wie ein herumstreunendes Tier

19. Oktober 2014. Anlässlich der aktuellen Livestream-Übertragung des Forced-Entertainment-Stücks "Speak Bitterness" (Twitter-Hashtag #FESPEAKLIVE) gibt Andreas Tobler im Tages-Anzeiger (online 17.10.2014) einen Überblick über Livestreaming-Versuche und DVD-Angebote der Theater (wobei u.a. die Info fällt, dass die Wooster Group bis zu 400 Franken für DVD-Mitschnitte ihrer Inszenierungen verlangt, woohoo).

"Trotz digitaler Gemeinschaftseffekte, die man mit den Streams animiert, werden mit den Liveübertragungen aus den Theaterhäusern in den wenigsten Fällen neue künstlerische Strategien erprobt", schreibt Tobler. Vielmehr dienten Streams als "relativ günstige Erweiterung des Marketingangebots", mit dem "die Theatermacher sich selbst und ihre Aufführungen bewerben". Wobei die Zielgruppe dafür doch eher Theaterfans seien, die das "Ritual des Theaters" kennen und per Mitschnitt "ihre erste Neugier" auf Inszenierungen in anderen Städten "befriedigen oder ihre Erinnerungen an bereits besuchte Aufführungen erneuern wollen".

Der entdemokratisierte Blick

Der Theaterkritiker ist selbst skeptisch, was die ästhetischen Möglichkeiten der digitalen Wiedergabe anbelangt: Theater sei "eine Raumerfahrung in 3-D", die "vom zweidimensionalen Videobild wohl nie eingefangen werden kann. Und während sich die Aufmerksamkeit im Theaterraum wie ein herumstreunendes Tier verhalten kann und sich an alles heften darf, was sie interessiert, wird dies mit der fixen Perspektive einer Kamera verunmöglicht." Ja, durch die Kameraführung werde das Erlebnis des Theaters "entdemokratisiert", das gerade aus dem "freien, ergo demokratischen Blick" auf die Aufführung resultiert.

(chr)


Die Debatte zum Thema Livestreaming auf nachtkritik.de eröffnete die Theater- und Medienwissenschaftlerin und Internetaktivistin Tina Lorenz: Über Livestreaming und das Theater als Router – ein Appell. Von Verlagsseite beleuchtete jüngst Bernd Schmidt (Kiepenheuer) das Thema: Livestreaming  ja, warum eigentlich nicht? Im September 2014 forderte Berlins amtierender Kulturstaatssekretär Tim Renner, dass die großen Sprechtheater und Opern der Stadt ihre Aufführungen via Livestream übertragen sollten.