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The Tod must go on

von Wolfgang Behrens

Berlin, 13. November 2014. Das erste Mal seit langem wieder im Gorki Theater gewesen. Irgendeine Repertoirevorstellung. Auf dem Programm steht "Mr. Sloane". Soll vor ewigen Zeiten mal ein Skandalstück gewesen sein. Der Zuschauerraum gähnend leer, ungefähr vier Reihen sind besetzt. Auf der Bühne spielen sie Boulevard, vom Skandal von einst ist nichts, aber auch gar nichts zu sehen. Man amüsiert sich ein wenig, zusammen mit ein paar Unentwegten, die gekommen sind und in den Sitzen lümmeln, und fragt sich, ob das Gorki Theater nicht vielleicht doch das nächste Haus sein wird, das Berlins Kultursenator zum Abschuss freigeben wird.

Wie sich die Zeiten ändern!

Ja, so war das damals, als das letzte Mal "Seid nett zu Mr. Sloane" (Entertaining Mr. Sloane) von Joe Orton in Berlin gespielt wurde, fast 20 Jahre ist es her. Bernd Wilms war Intendant und hat das Gorki in der Folge recht konsequent in Richtung Boulevardisierung getrieben, was das Theater möglicherweise sogar gerettet und seinem Leiter später den Intendantenposten am Deutschen Theater eingetragen hat.

Wie anders steht das Gorki Theater jetzt da! Mit der Intendantin Shermin Langhoff hat es sich zum Diskurstheater Nr. 1 gemausert, auf allen Werbemitteln prangt das von der Zeitschrift Theater heute verliehene Prädikat "Theater des Jahres 2014", und mit dem Berliner Senat gerät man vorerst nur noch in Clinch, weil gerade ein vom Haus unterstütztes Künstlerkollektiv in seiner Auslegung des Kunstbegriffs recht weit ging. Und in dieser Situation spielen sie am Gorki tatsächlich wieder "Mr. Sloane"? Wie verrückt ist das denn!

mr sloane1 560 ute langkafel uNymphomane Songromantik: mit Mareike Beykirch und Jerry Hoffmann © Ute Langkafel

Natürlich war das Ding vor 50 Jahren bei seiner Londoner Uraufführung und der deutschen Erstaufführung in Hamburg ein absoluter Schocker. Nymphomanin, 40, verführt blutjungen Untermieter. Ihr Bruder ("der sozusagen ein warmer ist", wie der Theater heute-Mitbegründer Ernst Wendt 1964 schrieb) verführt ihn ebenfalls. Und zum Dank haut der Untermieter mal eben auf den Vater der beiden drauf, bis der tot ist (noch einmal Ernst Wendt: "Abnormes also, zur Belustigung ausgestellt"). Was einst wie ein monströser und verstörender Plot daher kam, hat sich mittlerweile freilich abgeschliffen – übrig geblieben ist nur das well-made-play: Scharfzüngige Dialoge, aus der Wohlbürgerlichkeit ins Aberwitzige abgleitende Situationen.

Nurkan Erpulat, Regisseur mit Faible für Boulevardkomödien

Hausregisseur Nurkan Erpulat, der ja durchaus ein Faible für böse Boulevardkomödien hat (Herr Kolpert und – ähm, ja, warum nicht: Der Kirschgarten), hat sich in seiner Neuinszenierung aus dem well-made-play vor allem das "made" herausgegriffen. Alles auf der Bühne präsentiert sich von Beginn an als Gemachtes: An der vieltürigen Klipp-Klapp-Wohnzimmerschrankwand, die das Hauptelement von Magda Willis Bühne bildet, stehen am Anfang alle Türen offen, so dass man durch sie hindurch die Bühnentechniker sieht, die später hinter die jeweiligen Klappen die passenden (und witzigerweise ständig wechselnden) Schrankinhalte fahren werden. Im Vordergrund bauen sich die Schauspieler zu ihren Figuren um.

mr sloane3 560 ute langkafel uKurz vor dem aktuell größten Bühnentod Berlins: Jerry Hoffmann und Thomas Wodianka.
© Ute Langkafel

Und dann treiben sie dem Stück den Boulevard aus – indem sie ihn übererfüllen. Verlegenheiten, Begierden, Aggressionen: Alles wird so überdeutlich ausagiert, als wäre man im Comedy-Impro-Workshop. Jerry Hoffmann als Mieter und sexuelle Projektionsfläche Mr. Sloane hält seine Hände fast durchgehend in ostentativer Bescheidenheit an den Hosennähten, Mareike Beykirch spielt ihre hysterisch-lüsterne Kathy mit einer mühsam gewahrten und um so offensiver ausgestellten Befangenheitsoberfläche (hochgezogene Schultern, einwärts gedrehte Füße), und Aleksandar Radenković gibt den öligen und unter Hochdruck stehenden Großkotz-Bruder Ed mit durchaus brillanter Übertreibung. Diese Figuren sind nicht schräg, sie zelebrieren ihre Schrägheit – und für den, der das noch nicht mitgekriegt hat, greifen sie immer mal wieder zum zufällig sich im weißen Zottelteppich verbergenden Mikro und schmettern kurze Einschübe aus Musicalsongs wie "There's no business like show business" oder "Who am I anyway?".

Dreier mit Diskurspep

Erpulat hat da durchaus auch etwas im Stück entdeckt: Die Figuren erfinden sich bei Orton oft genug ihre eigenen Geschichten, um sich als Persönlichkeiten selbst zu konstruieren. In der extremen und fingerzeigenden Betonung äußerlicher Zeichen werden noch Sedimente dieser mitunter fast verzweifelten Selbstkonstruktion mitgeführt. Erpulat bleibt dabei jedoch nicht stehen: Der Diskurs zur Selbst- und Fremdkonstruktion wird gleich mitgeliefert. Mareike Beykirch etwa breitet plötzlich Gender Theory aus. Und wenn es anfangs noch gänzlich egal scheint, dass Jerry Hoffmann – der Darsteller des Mr. Sloane – Sohn eines ghanaischen Vaters ist, werden die sexuellen Zuschreibungen, denen er im Stück unterliegt, irgendwann so massiv, dass er sich in einen Text der portugiesischen Autorin Grada Kilomba flüchtet: "Das Schwarze Subjekt wird als ein der Natur näheres dargestellt. (…) Eine alte koloniale Strategie ist es, das Schwarze Subjekt als kindlich zu konstruieren."

Ein wenig aufgepappt wirkt dieser Diskurs allerdings, und man kann sich schon fragen, ob Erpulat, um diese Schauplätze aufzumachen, ausgerechnet den guten alten "Mr. Sloane" ausgraben musste. Wobei das alles ziemlich wurscht wird, wenn Thomas Wodianka zum letalen Schluss als Vater Kemp den wohl schönsten Bühnentod stirbt, den man derzeit in Berlin sehen kann. Nach seiner Strangulation mit dem Mikrofonkabel mutiert der vorher so böse karikierte Mümmelgreis zum völlig irren, "The show must go on" schmetternden Freddie-Mercury-Stehaufmännchen. Wie da einer nicht gehen kann und will, sich zäh in seinem Leben verbeißt, festsingt gewissermaßen, das ist – ob mit oder ohne Diskurs – für einen kurzen Moment einfach gnadenlos komisches, großes Theater.


Seid nett zu Mr. Sloane 
von Joe Orton 
Deutsch von Brigitte Landes 
Regie: Nurkan Erpulat, Bühne: Magda Willi, Kostüme: Bernd Schneider, Musik: Tilmann Ritter, Licht: Jens Krüger, Dramaturgie: Holger Kuhla. 
Mit: Mareike Beykirch, Jerry Hoffmann, Aleksandar Radenković, Thomas Wodianka, Tilmann Ritter.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.gorki.de


Kritikenrundschau

Dirk Pilz preist in der Berliner Zeitung (15.11.2014) die "Freddie-Mercury-Sterbenummer" von Thomas Wodianka. "Sie ist hinreißend komisch und himmelschreiend traurig zugleich, sie ist berührend selbst in den hinteren Herzkammern, sie ist herrlich schräg und doch genau richtig.“ Auch der Rest und die Praxis, "das Boulevardeske" des Stücks "nicht zu verstecken, sondern zu verdrei- und vervierfachen", gefällt dem Kritiker. Mit seiner Diskurshinzumischung kreiere Erpulat eine "Parabel über Vereinnahmung, über Selbst- und Fremdkonstruktionen, über Macht und Missbrauch, Ausgrenzung und falsches Einverständnis" und trete "ganz auf Augenhöhe mit den Ansprüchen des Gorki, die gesellschaftlichen Hintergrundkräfte sichtbar zu machen.“

"Spaß" hatte auch Patrick Wildermann vom Tagesspiegel (15.11.2014) im Gorki Theater und pointiert: "Broadway trifft Splatter-Boulevard. Die Kleinbürgerhorrorshow." Mit Blick auf die Reflexionen der Hauptfigur schreibt der Kritiker: "Geht es also um die Ausgrenzung des anderen, Fremden aus Neidmotiven? Auch. Darüber hinaus aber stellt Erpulat seine tolle Inszenierung unter das Motto 'Alles nur Show'".

Die Schauwerte dieser als "burleske Migrationskomödie" auftretenden "Farce" überzeugen auch Irene Bazinger von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.11.2014). "Gespielt wird mit Schwung und Witz, getanzt mit Spaß am Schabernack, gesungen mit viel Herz und komischem Schmerz und begleitet vom Keyboarder Tilman Ritter." In der "hysterisch-beliebigen Nummernrevue" gehe der Inszenierung ihr politischer Biss zwar verloren. Doch auch wenn "eine konsequentere Regie nicht schaden würde, passt die eitle, mittelmäßige Möchtegern-Show auf ihre Art recht gut zum höhnischen Spott dieser schrillen Gesellschaftssatire."

Im Detail gabe es "viel zu entdecken", "en gros aber nichts als Posen und Klischee, nichts als musikalisches Tingeltangel und lärmendes Gezeter, mit dem Holzhammer auf Pointe getrimmt", kritisiert Michael Laages für "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (14.11.2014) und macht seinem Ärger über die aktuellen Leistungen des Gorki Theaters Luft: "Langsam verdämmert" der "gute Ruf des kleinen Theaters mit den 'postmigrantischen' Flausen im Kopf; hinter der 'Neuen Wache' Unter den Linden gelegen, vermittelt es derzeit den Eindruck, als wolle es den Ku'damm-Boulevard von ganz früher herüber holen in die neue Mitte."

"Erpulat spielt auch nicht Ortons böse Farce, er beutet das Stück nur aus, um daraus einen Comedy-Klamauk zu zwirbeln", wettert Peter Hans Göpfer im rbb Kulturradio (14.11.2014). "Es regiert hier 110 Minuten ein gnadenloses Übertreibungs- und Überdrehungstheater. Nichts von Lebenslüge, nichts von bürgerlicher Doppelmoral. Die Schauspieler werden zu Ulktypen dressiert und gezwungen, unter ihrem eigenen darstellerischen Niveau zu agieren."