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Wer im Glaskasten sitzt ...

von Geneva Moser

Bern, 22. April 2015. Rockstar werden, Drogen nehmen, daran sterben – die Lebensziele von Dave Gahan, Sänger von Depeche Mode, sind so größenwahnsinnig wie banal. Sein Leben als Rockstar changiert zwischen Heroinrausch, Groupie-Blowjob in Serie und unverhohlener Todessehnsucht: Sind die Lebensziele erst (weitestgehend) erreicht, "ist man ein bisschen orientierungslos", sagt der exhibitionistische, exzessive Storyteller. Höhepunkt der tragikomischen, fiktiven Bühnenexistenz Gahans ist der klinische Zweiminutentod – leichte Überdosis, alles ging gut. Oder schief. Das ist Ansichtssache.

Wie ein schnell geschnittenes MTV-Musikvideo präsentiert sich "Als ich einmal tot war und Martin L. Gore mich nicht besuchen kam", uraufgeführt im Schlachthaus Theater Bern und koproduziert mit den Theatern Rampe Stuttgart und Winkelwiese Zürich. Der Rockstar erzählt seine gescheiterte und gleichermaßen Markt-erfolgreiche Existenz als Aneinanderreihung mehr oder weniger glaubwürdiger Geschichten. Da ist diese Begegnung mit Britney Spears und ein gemeinsamer Joint. Da sind die düstere Erinnerung an die Kindheit und die inzwischen toten Jugendfreunde. Da sind ein ebenfalls toter Vater, ein halbernster Suizidversuch und eine äußerst gleichgültige Mutter.

Martin sagt – Martin tut – Martin meint

Da sind weiter die detailliert beschriebene Zerlegung von Hotelzimmern, der wuchernde Blasenkrebs und immer wieder Britney und die Trauer, den Klub der 27 irgendwie verpasst zu haben, noch zu leben, immer noch. Da ist aber auch der romantisch angehauchte Bezug zu Martin L. Gore, Komponist von Depeche Mode. Martin, das ist der eigentliche Ort der Obsessionen, nicht etwa die Ehefrau, die Musik, die Karriere. Das Mantra "Martin sagt – Martin tut – Martin meint" wird mit Schweigen und Kälte von Seiten des Komponisten beantwortet. Von Selbstbestimmung über Musik und Auftritt ist nicht die Rede und eigentlich würde Dave Gahan gerne Punk machen, wenn Martin ihn nur ließe.

Alsicheinmaltotwar 560 RobLewis uMonolog im Glaskasten: Dennis Schwabenland als Rockstar © Rob Lewis

Dennis Schwabenland erzählt das in einem Glaskasten monologisch, repetitiv, frei variiert, mehrstimmig und leicht verschoben. Jede der Geschichten hat unzählige Versionen und die lauernde Frage nach Wahrheit und Echtheit entpuppt sich spätestens nach zehn Minuten als völlig absurd und deplatziert. Der Rockstar Dave Gahan erfindet und vergisst sich fortwährend. Schwabenland zieht jede Karte von Popchoreografie und Sprechgesang über schamlose Selbstentblößung bis hin zu simpel-komischem Fingertheater und Schattenspiel.

Authentizität durch Show

Verzerrte Stimme, Nebel und Hall arbeiten zusätzlich an der Überinszenierung der Kunstfigur Dave Gahan. Erst nach und nach blättert die Stilisierung und Künstlichkeit: Der Rockstar träumt in Feinripp und Union-Jack-Unterhose plötzlich vom familiären, bürgerlichen Leben in der imaginierten Vorstadtidylle. Für einen Moment ist der Mensch hinter der Pose mit Echtstimme zu hören. Er guckt über den Rand des Glaskastens hinaus, nur um gleich wieder in vertrautes Terrain zurückzufallen – die Lebensziele des Dave Gahan sind erreicht und der Rockstar bleibt einigermaßen orientierungslos.

In erster Linie lebt der Abend von der Sprache, von der Erzählwut dieser Figur und des Autors, der hinter ihr steht. Daniel Mezger verbindet in seinem Text präzise Sprachformung mit einer beiläufigen und schwatzhaften Erzählweise, voller Brüche, Verschiebungen, Rausch, auch: Poesie. Marie Bues Inszenierung schifft zudem an Klamauk und allzu Reißerischem vorbei, fügt scheinbar Widersprüchliches zusammen. Manchmal wird daraus popikonisches Blabla, und manchmal ist "Als ich einmal tot war und Martin L. Gore mich nicht besuchen kam" bitterböse Satire auf die Inszenierungssucht mancher Celebrities und den gierigen Voyeurismus der Restlichen, die durch ihre Blicke den Star erst fabrizieren: Produktion durch Rezeption, Authentizität durch Show.

 

Als ich einmal tot war und Martin L. Gore mich nicht besuchen kam
von Daniel Mezger
Regie: Marie Bues, Ausstattung: Heike Mondschein Musik: Kat Kaufmann, Dramaturgie: Martina Grohmann, Lichtdesign: Tonio Finkam, Sounddesign: Joachim Budweiser.
Mit: Dennis Schwabenland.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.schlachthaus.ch

 

Kritikenrundschau

„Die Affiche liess bangen: ein achtzig­minütiger Monolog, in dem das Leben ­eines Popstars abgehandelt werden soll“, schreibt Gisela Feuz in Der Bund (24.4.2015). „Kann das gut gehen? Es kann.“ Und zwar weil das Stück von Daniel Mezger nicht den Anspruch habe, der Achterbahnfahrt eines Rockstarlebens eine universelle Weisheit abgewinnen zu wollen, sondern einfach nur gute Unterhaltung biete, so Feuz. „Mezgers Text und Dennis Schwabenlands Spiel gewinnen der grimmigen Ausgangslage sehr viel Komik ab.“