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Where is the Love im Biergarten Eden?

von Sascha Ehlert

Berlin, 15. April 2016. Drei Männer, nicht irgendwelche Männer: ein Syrer, ein Israeli, ein Russe. Sie haben Sex vor der Video-Projektion einer Straße. Die Straße sieht zwar nach Nordamerika aus, eigentlich sind wir aber in Berlin-Mitte, im Maxim Gorki-Theater natürlich.

Es beginnt mit griechischer Mythologie und mit ihr endet es auch. Einsprengsel aus Ovids Metamorphosen geben dem neuen Stück von Sasha Marianna Salzmann einen Rahmen, der gar nicht nötig erscheint, bietet doch bereits die Handlung an sich genug Stoff: Da ist Roy, wie er selbst sagt, ein aus Damaskus Ausgereister, der gleich zu Beginn großspurig verkündet: "Wir sind die Zukunft, wir sind die neue Welt, das neue Deutschland." Ein neues Deutschland, in dem die Geschlechtergrenzen endgültig gesprengt wurden: ein Jude und ein Moslem, eine lesbische Türkin mit schwarzer Hautfarbe und ein blonder Transsexueller, diese vier bekommen gemeinsam ein Baby und leben dann glücklich miteinander happily ever after. So lautet zumindest der Plan, die Utopie, die Mehmet Ateşçi als Roy von der Rampe aus ins Publikum hinein proklamiert.

meteoriten1 560 Ute Langkafel uSie haben einen Traum: Thomas Wodianka, Mehmet Ateşçi, Thelma Buabeng, Mareike Beykirch
© Ute Langkafel

Das Bühnenbild in seinem Rücken ist improvisationstüchtig zusammengezimmert. Metall und Beton und Euro-Paletten bilden ein dreistöckiges Etwas, das den Videospiel-geprägten Kritiker an das Uralt-Arcade Game Donkey Kong erinnert. Das nächste Level aber bleibt für die Protagonisten von Meteoriten unerreichbar. Die hübsche Utopie fällt in sich zusammen: Cato, von Mareike Beykirch famos performt als geschlechtsloser Schlacks, will per Hormontherapie er selbst, ein Mann also, werden. Seine Partnerin Üzüm (Thelma Buabeng) fühlt sich verraten und malt sich mit Bio-Farbe eine Deutschland-Fahne auf die Backe, es ist immerhin Fußball-Weltmeisterschaft (aber dazu später). Serösha (Dimitrij Schaad) ist vorgeblich Hetero mit gelegentlichen homophoben Anwandlungen, tatsächlich aber: schwul, noch ohne Coming-out. Auch er schläft mit Cato, in diesem Fall mit dem femininen Part seines/ihres Ich. Klar, dass diese Konstellation nur ins Unglück führen kann. Familienglück zu viert, adé!

Ein Plot wie aus "Sturm der Liebe"

Das verschachtelte Liebesspiel verbal zu entzerren, ist ähnlich herausfordernd, wie die Figuren-Konstellation von "Sturm der Liebe" zu erklären: Serösha lässt sich von Roy und seinem Lover Udi (Thomas Wodianka) in einer Bar abschleppen, als er eigentlich zur Beerdigung seines Großvaters fliegen sollte. Doch auch das sexuelle Abenteuer kann deren Beziehung nicht retten: Roy will Freiheit, Udi ein Kind. Soap-haft ist die Handlung, aber das ist nicht schlimm, weil Hakan Savas Mican das romantische Kuddelmuddel so charmant und wortwitzig in Szene setzt, dass man bis zum Schluss bei der Stange bleibt.

Die Querness wird von den Schauspielern höchstens ein, zwei mal ein Stück zu tacky akzentuiert. Ansonsten performt das Ensemble ihr Abweichen von der sogenannten Norm so souverän und selbstverständlich, wie man das anno 2016 auch von jedem anderen Theater erwarten möchte. In den Kontext dieses Hauses passt "Meteoriten" wie maßgeschneidert, was allerdings auch bedeutet: Obwohl das alles großartig unterhält, fehlt der letzte Funken, vielleicht ein klein wenig Dissens, der diesen Abend endgültig zum Fliegen bringen könnte.

meteoriten4 560 Ute Langkafel uSie werden Weltmeister und bleiben doch allein: Thomas Wodianka, Thelma Buabeng, Mehmet Ateşçi © Ute Langkafel

Ein Kind als Rettung?

Es hilft nicht mal, dass Deutschland dann auch noch Weltmeister wird, wir also plötzlich in den Biergarten Eden geworfen werden, also in jenes Sommermärchen, kurz bevor die Gesamtlage anfing, immer und immer beschissener zu werden. Üzum ertränkt ihre Trauer darüber, von Cato endgültig verlassen worden zu sein, in tumbem Sieger-Taumel. Am Final-Abend trifft sie Udi, ebenfalls verlassen und nunmehr nur noch ein trauriges Etwas. Was bleibt den beiden? Natürlich: Liebe (machen). Üzüm glaubt, nur ein Kind könne sie und Udi vor der Großstadt-Vereinzelung retten. Als sie kurz vor Vollzug von Roy, auch der trägt derweil Schwarz-Rot-Gold im Gesicht, überrascht werden, liegen sie sich wenig später alle drei in den Armen, während hinter der Bühne Schatten beginnen, das Bühnenbild rückzubauen.

Aus der Tiefe der Bühne scheint ein Lichtkegel und dem geht das Schauspieler-Ensemble nun entgegen. Zurück bleibt nur Cato als moderner Hermaphrodit, unentschlossen zwischen Mann und Frau. Ein letztes Mal ruft sie Ovid herbei, um von der Liebe zu erzählen. Am Ende sei es dieses einzige wahrlich verbindende Gefühl, das uns Individuen retten könnte. Genau deshalb fürchten wir stets, haben wir die Liebe denn einmal gefunden, sie wieder zu verlieren, denn dann müssten wir wieder einfach wir selbst sein. So plakativ, so kitschig, so Gorki, aber egal, weil gut. Ob homo, ob hetero, ob Mann, ob Frau, ob dazwischen – am Ende wollen wir doch nur jene zweite Hälfte wiederfinden, die uns in der griechischen Antike verloren ging, so Hermaphrodit. Armes Menschengeschlecht.

 

Meteoriten
von Sasha Marianna Salzmann
Regie: Hakan Savaş Mican, Bühne: Magda Willi, Kostüme: Miriam Marto, Musik: Michelle Gurevich, Video: Guillaume Cailleau, Licht: Jan Langebartels, Dramaturgie: Jens Hillje.
Mit: Mehmet Ateşçi, Mareike Beykirch, Thelma Buabeng, Dimitrij Schaad, Thomas Wodianka.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

"Anstrengend!", ruft Ute Büsing zum Ende ihres Beitrags für den rbb (16.4.2016). "Ähnlich wie im Vorgänger 'Wir Zöpfe' hat Hausautorin Salzmann wieder ein reichlich verwirrendes Berlin-Potpourri aufgelegt." Zwar bemerkt Büsing, dass "Dramaturg Jens Hillje und Regisseur Hakan Savas Mican zusammen mit dem tollen Ensemble zu gewisser Verständlichkeit" geglättet haben, dennoch würde man nicht so richtig warm mit den "randständigen Figuren und ihren Schieflagen".

"Es ist ein typischer Gorki-Abend", findet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (16.4.2016): "Großstadtthema, locker und selbstbewusst präsentiert, Schauspieler, die sich wohlfühlen auf der Bühne, schnell gespielt, intelligent, witzig." Schaper findet aber ebenso: "Man könnte den Salzmann-Text viel fieser, brutaler in Szene setzen. Das ist bei Salzmann angelegt, der Text schwankt zwischen Harmoniebedürfnis und erbarmungsloser Härte." "Ein bisschen zu clean", findet er die Inszenierung auch. "Trotzdem kommt man gut gelaunt aus dem Theater."

In die Konstruktion des Stücks sprengsle Salzmann "geschickt weitere zuschreibunspflichtige Klischees" ein, lasse sie miteinander reagieren und aufbrechen, schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (17.4.2016). Die von unmittelbaren Schnitten getrennten Szenen der Vorlage wisse Hakan Savas Mican gut zu sortieren. "Die Schauspieler nehmen die Eskalation der Konflikte mit erotischem Schwung und mit wütiger Hingabe, die auch aus der Eitelkeit und dem leiblichen Genuss ihrer Jugend gespeist sind und bestens zur Leidenschaft der Figuren passen."

Aus Salzmanns Versatzstücken entstünden "weder Figuren noch eine Geschichte und erst recht kein Theaterstück, sondern nur ein Pappkameraden-Potpourri", findet Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (19.4.2016) in einer Kurzrezension. "Weil hier sämtliche Identitätskonstruktionen variabel sind, vielleicht auch nur zwecks kulturhistorischer Aufwertung und bildungsbürgerlicher Referenzrahmenerweiterung, sind den Beziehungs-, Selbstfindungs- und Geschlechterwirrnissen locker umgedichtete Passagen aus Ovids 'Metamorphosen' zwischengeschaltet, aber auch das kann den von Hakan Savaș Mican redlich inszenierten Abend nicht retten."

Salzmann blockiere sich in ihrem neuen Stück "in einer Privatheit, die sich schrecklich müht, politisch zu werden, aber nie über den eigenen Nabel als finalen Erfahrungshorizont gelangt", so Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.4.2016). "Meinen die das alles ironisch oder macht sich die Autorin über sie lustig?" Weder noch, so Bazingers Antwort. Hakan Savaş Mican lasse das vergnügt aufspielende Ensemble "auch den schlimmsten Emotionalquatsch mit lauterer Überzeugtheitssauce servieren".