logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Gib dem Jahrmarkt-Paar Zucker

von Martin Pesl

Reichenau, 10. August 2017. "Konzentrieren wir uns bitte auf mich, wo ich doch wichtig bin." Sätze wie dieser, die wir nur zu gerne aussprechen würden: Mario Wurmitzer, Jahrgang 1992, sammelt sie und bestückt mit ihnen heiter hysterische Theaterstücke. Anna Maria Krassnigg schenkt dem österreichischen Autor nun erstmals die Uraufführung eines seiner Texte, "Werbung Liebe Zuckerwatte". Der Aufwand, mit dem sie das tut, ist beachtlich. An einem Stadttheater wäre so ein neues Dialogstück wohl als leidlich inszenierte Skizze uraufgeführt worden. Nicht so bei Krassnigg, die zusammen mit Christian Mair unter dem Label Salon5 seit 2015 das Festival am Thalhof in Reichenau/Rax bestreitet.

Sie wendet auf den Text das von ihr schon öfter erprobte Konzept der "Kinobühnenschau" an, und für beides, Konzept wie Text, erweist sich die Allianz als überaus fruchtbar. Das Stück wirkt wie dafür geschrieben, denn es wechselt zwischen zwei Zeitebenen. So kann die Vergangenheit als Film in fast kitschig satten Farben stattfinden, den die beteiligten Personen in der Gegenwart live ansehen und reflektieren.

Terror im Vergnügungspark

Der echte, strahlend schön ins Bild gesetzte Wiener Prater vom "Damals" der Leinwand spiegelt sich im "Heute" der Bühne durch vier höhenverstellbare Drehstühle innerhalb einer comichaft degenerierten Schießbude. Hier hat das Ensemble von Anfang an Platz genommen, dreht sich abwechselnd zur Leinwand, zum Publikum, zueinander. Im Film sieht man, wie der junge Franz seine Freundin Marie nach fröhlichen Vergnügungspark-Aktivitäten in einen Privatwaggon des Riesenrades einlädt (das geht wirklich, kostet 349 Euro). Hier droht jedoch so etwas wie ein diffuser Anschlag, denn eine "Stimme des Terrors" erklingt mit warnenden Durchsagen, während die "Stimme des Rechts" beschwichtigt. Mangels Heldenhaftigkeit auf Franzens Seite distanziert sich Marie von ihm. Den Verlobungsring, den er für sie zückt, wirft sie nach vermeintlichen Terroristen.

ThalhofFestival WerbungLiebeZuckerwatte 01 560 ChristianMair uZuckerwatte mal anders: Mario Wurmitzers Stück Thalhof-Festival  © Christian Mair

Mit diesem aus der Zeit gefallenen Jahrmarkt-Paar und seiner – freilich modernen, durch mit Gurken bezahlte Praktika und Cat-Video-Marketing überbrückten – Arbeitslosigkeit träumt sich der Autor offensichtlich ins Universum Ödön von Horváths hinein. Während jedoch Kasimir, Karoline & Co. sich schlecht ausdrücken konnten und daher ins Pathos verfielen, ist die große sprachliche Geste hier eher Ausdruck übermäßiger Reflexion. "Weil ich schön und klug bin, muss ich kompliziert sein", weiß etwa Marie.

Gioa Osthoff und Daniel F. Kamen sind hier schon physisch herrlich besetzt: sie Typ aufsässiges "süßes Mädel", er schmächtiger Romantiker, dem immer wieder einfach so das Wort "Seele" entfleucht. Krassnigg gestattet ihnen auf der Leinwand ein gerade nicht ganz natürliches Spiel, das ebenso theatral ist wie jenes auf der Bühne. Das erinnert bisweilen an das poetisch Befremdliche von Fassbinder-Filmen und überrascht immer wieder mit Humor.

PR-Aktion einer neuen Partei

Apropos Humor: Der ganze Anschlag erweist sich als besoffene PR-Aktion eines besoffenen Politikers, um seine "sehr neue und sehr lustige Partei" zu bewerben. Und tatsächlich ist Martin Schwanda als Möchtegern-Populist sehr lustig: ein verschwitzter, anlassiger Widerling, der sein fast authentisches Prolo-Wienerisch pflegt, um volksnäher zu erscheinen. Wenn in den Szenen live auf der Bühne zwei Jahre nach dem Nicht-Anschlag alle wieder zusammenkommen, wird hauptsächlich beredet, wie er diesen in seine Fake-Biografie einbauen und Kapital daraus schlagen könnte.

Die Vierte im Bunde wirkt inmitten der hier wie da durchaus punktgenau inszenierten Schlagabtäusche etwas spannungsarm: Maxi Blaha spielt die Polizistin, die – aus "Liebe" – dem Parteivorsitzenden bei seiner "Werbung" half. Irgendwie schafft auch sie es in den Waggon, um das Auffliegen und Scheitern der Aktion zu verkünden: "Alle Terroristen, also alle Schauspieler, werden noch festgehalten", berichtet sie. Und später: "Niemand von den Wählern hat die Idee verstanden oder gut gefunden."

Post-Meta-Horváth mit Gaga-Charme

Nein, ernst zu nehmen sind diese Figuren alle nicht. Dass sie dramatisch überdrehte Fantasien sind, hätte man auch erkannt, wären in den Film nicht Schwarz-Weiß-Bilder mit einem tippenden Autor hineingeschnitten worden. Aber die Sätze, die sie sagen, setzen Gedanken über Gefühle in Zeiten des Polit-Bla-Blas in Gang. So gelingt Wurmitzer ein schräger Post-Meta-Horváth mit Gaga-Charme. Am Thalhof hochwertig, geradezu in Hochglanz umgesetzt, schwebt er über manch zeitgeistigem Thema wie eine Riesenradgondel über Wien. Und auch dort wünscht man sich ja oft, nie wieder am Boden anzukommen.

 

Werbung Liebe Zuckerwatte
von Mario Wurmitzer
Uraufführung
Regie: Anna Maria Krassnigg, Regie- und Dramaturgiemitarbeit: Jérôme Junod, Dramaturgische Begleitung: Karl Baratta, Drehbuch und Fassung der Kinobühnenschau: Anna Maria Krassnigg, Bühne: Lydia Hofmann, Kostüme: Antoaneta Stereva, Kamera, Filmschnitt und Musik: Christian Mair, Licht: Lukas Kaltenbäck.
Mit: Maxi Blaha, Daniel F. Kamen, Gioa Osthoff, Martin Schwanda und nur im Video Mario Wurmitzer.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.salon5.at

 

Kritikenrundschau

"Wurmitzer beweist großes Sprachgefühl, er hat Esprit", findet Norbert Meyer in der Presse (12.8.2017),  auch wenn der mit dem Absurden kokettierende Text sich gelegentlich in Wiederholungsmustern zu verlieren drohe. Maria Krassnigg habe für eine straffe, schlüssige Inszenierung gesorgt, das Quartett auf der Bühne beweise Souveränität in schwarzer Komödie.

Einen "erratischen Abend" hat wiederum Margarete Affenzeller erlebt, "der in einer Rotation des Immergleichen versinkt", wie sie im Standard (12.8.2017) darlegt. "Mario Wurmitzer schreibt akkurate Dialoge, deren Spuren, kaum gesprochen, schon wieder verwischt sind, die aber in ihrer Unverschämtheit und Ungeschöntheit vital und zeitgenössisch sind. Nichts ist überkandidelt, aber auch nichts zu wenig." Allerdings habe sich Anna Maria Krassnigg "allzu bürokratisch" den verschiedenen Realitätsebenen des Textes angenommen.