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Die Weltmacht verschlingt ihre Helden

von Eva Maria Klinger

Wien, 6. Juni 2008. Silvio Berlusconi, Nicolas Sarkozy, Angela Merkel, José Manuel Barroso, Barack Obama oder Hillary Clinton, alle Spieler auf der politischen Weltbühne unserer Tage stehen in diesem spannenden Politkrimi unsichtbar hinter Tribunen und Tyrannen, Königinnen und Feldherren, Fädenziehern und Fallenstellern. Shakespeare hat im 16. Jahrhundert die Mechanismen der Politik ein für alle Mal aufgedeckt. Dass sein Befund als Analyse der Gegenwart durchgeht, dankt man neben Shakespeare dem belgischen Regisseur Ivo van Hove. Seine Bearbeitung der drei Römerdramen "Coriolan", "Julius Caesar", "Antonius und Cleopatra" gerät zur faszinierenden Großtat.

Die riesige Bühne ist als Lounge oder Hotel-Lobby großzügig mit Sofas, Konferenztischen, 20 Monitoren, Theken mit Speisen und Getränken eingerichtet. Ausgefeilte Video-, Sound- und Kamera-Technik sind logistisches Kernstück der Inszenierung. Das Publikum sitzt mittendrin, in den Sofas zwischen den Schauspielern, steht an der Bar oder wechselt in den Zuschauerraum. Es kann essen, trinken, den Raum verlassen, denn auch im Foyer laufen die Monitore, und natürlich wiederkommen.

Bildschirme rauschen, Schlaginstrumente verdichten

Das intensive, höchst konzentrierte Spiel der 15 Schauspieler und Schauspielerinnen, die mehrmals die Rollen wechseln, wird von Kameras live in Nahaufnahmen auf Bildschirme übertragen. Gleichzeitig erlebt man es, sofern man günstig platziert ist, hautnah.

Von aktuellen politischen Ereignissen wird in Tagesschau-Manier (Kriegsbilder aus dem Irak, Politikerinterviews) berichtet. Breaking news über historische Ereignisse (Schlacht bei Philippi, Ermordung Caesars) laufen als Spruchband. Dröhnender Schlachtenlärm vom Band wird live von zwei Musikern auf verschiedensten Schlaginstrumenten verdichtet, dazu rauschen die Bildschirme, das Licht flackert.

Ivo van Hove verschmilzt heutige Sehgewohnheiten, Bilder aus Fernsehen, Film und Theater mit Weltliteratur. Eine Shakespeareinterpretation auf der Höhe der Zeit ist das beglückende Ergebnis.

Kriege im Stil von Aufsichtsratssitzungen

Allein die dramaturgische Fassung, die die spannendsten Konflikte herausschält, ohne die Handlung zu verlieren, ist meisterhaft. Dem heutigen politischen Milieu entsprechend, sind Männerrollen wie Cassius, Cinna oder Octavian mit Frauen besetzt. Cleopatras Niederlage wird somit von der römischen Herrscherin Octavia ausgekostet – eine von vielen reizvollen Lösungen.

Kriege werden im Stil einer Aufsichtsratsitzung am gläsernen Tisch beschlossen, Geheimbündnisse in Manager-Zirkeln verhandelt. Alle Damen und Herren tragen dunkle Business-Anzüge, einzig Cleopatra räkelt sich in Seidenwäsche.

Strategien, Aufstieg und Fall, das politische Lügengeschäft bilden das dichte dramatische Geflecht. Nur einmal, gegen Schluss kommt Erotik ins Spiel, die Folgen sind genau so verheerend wie nach all den vorangegangenen Intrigen und Vertragsbrüchen: Verlust von Macht und Leben.

Atempause der Lust

Großartig, wie der weibliche Cassius die Verschwörung gegen Caesar einfädelt, atemberaubend die Gestaltung der beiden Grabreden von Brutus und Mark Anton. Die Darsteller, man möchte sie einzeln preisen, aber das Programmheft gibt sie nur im Kollektiv an.

Die letzen 130 Minuten gehören Antonius und Cleopatra. Die Lust an sexueller Erfüllung, die Lebensfreude ist ein einziges Mal stärker als die Gier nach Sieg und Macht. Aber die Welt der Politik lässt solche Atempausen nicht zu.

Der Text hält sich an Shakespeare, wiewohl gekürzt und komprimiert, orientiert sich aber auch an heutigem Sprachgebrauch. Deutsch liest man ihn auf Projektionen, gesprochen wird, das ist der einzige Nachteil der Produktion, holländisch.

Wo immer die Toneelgroep Amsterdam mit den "Römischen Tragödien" gastiert, demnächst in Braunschweig und Avignon, man sollte dieses Erlebnis nicht versäumen. Frenetischer Jubel in Wien.

 

Romeinse tragedies – Römische Tragödien
Coriolanus / Julius Cäsar / Antonius und Cleopatra
Eine Schauspielinstallation
nach William Shakespeare, übersetzt von Tom Kleijn
Eine Produktion der Toneelgroep Amsterdam
Regie: Ivo van Hove, Bühne und Licht: Jan Versweyveld, Kostüme: Lies van Assche, Video: Tal Yarden, Komposition: Eric Sleichim.
Mit: Barry Atsma, Roeland Fernhout, Renée Fokker, Fred Goessens, Halina Reijn, Marieke Heebink, Fedja van Huêt, Hans Kesting, Hugo Koolschijn, Hadewych Minis, Chris Nietvelt, Frieda Pittoors, Alwin Pulinckx, Eelco Smits, Karina Smulders. Musiker: Bl!ndman - Ward Deketelaere, Yves Goemaere, Hannes Nieuwlaet, Christiaan Saris, Mattijs Vanderleen.

www.festwochen.at

 

Kritikenrundschau

"Das unabweisbare Gefühl von Zeitgenossenschaft" haben die "Römischen Tragödien" der niederländische Toneelgroep Ronald Pohl vom Standard (9.6.2008) vermitteln können. "Die Lust, sich von antiker Politik in den Bann ziehen zu lassen", werde hier "auf die Verantwortlichkeit des durchschnittlichen Medienkonsums heruntergebrochen" und eine Welt suggeriert, die als "eine einzige geschlossene Medienanstalt" funktioniert, in der nur das etwas wert ist, was sich medial repräsentieren lässt. Das sei zwar "einigermaßen plausibel gedacht", allerdings prelle die Veranstaltung "den guten, alten Shakespeare (...) um alle 'symbolischen' Zeichen: um die Maßlosigkeit seiner Helden, deren politische Schliche eben nicht durchkalkuliert" seien und die "häufig genug dem Reiz ihrer eigenen Suggestionen" erlägen. Was Ivo van Hove in seiner "schönen Installation" nicht zu zeigen vermöge, seien jene "'Schlacken', die schlechtes, von den Fakten überholtes Krisenmanagement ausmachen".

Norbert Mayer von der Presse (9.6.2008) hat den "Triumph" einer "perfekten Schauspieltruppe" wie eines "intelligenten Regisseurs" und damit den "bisherigen Höhepunkt der Wiener Festwochen" gesehen. In gewisser Weise sei "diese Römer-Serie trotz zeitgemäßer Inszenierung ein historischer Abend", indem sie die Aufführungspraxis des 17. Jahrhunderts berücksichtige. Dabei störe "überhaupt nicht, dass diese Römer als Heuschrecken-Manager in Business-Anzügen auftreten" – "von Anfang an" sei man "mittendrin" und zittere mit. Darin erkennt Mayer die "stundenlange Lustbarkeit" des elisabethanischen Theaters, die van Hove allerdings nicht nur nachstelle, sondern über die er hinausgehe, indem das Publikum angehalten sei, "sich frei zu bewegen" und "bis hinter die Bühne" zu wandeln. Die "mediale Ebene" – z.B. würden die großen Reden "wie alle Schlüsselszenen als TV-Auftritt inszeniert" – verleihe den sechs Stunden "Rasanz", so dass sie "wie im Nu" vergangen seien und die Zuseher "atemlos" zurückgelassen hätten.

In der ZEIT (12.6.2008) feiert Peter Kümmel die Aufführung für ihre sezierende Kälte und die Art, wie hier auf dem Theater mit den Mitteln des Fernsehens die Mechanismen der Politik freigelegt werden. Wie mit simplen theatralischen Mitteln gezeigt wird, was Öffentlichkeit mit Politikern macht und das Publikum als solche in die Inszenierung integriert ist, das überzeugt und bewegt Kümmel zutiefst. Er fühlt sich in diesem Theaterabend wie "im Innern des Staatskörpers", und siehe: "das Innere ist porös, wesenlos. Es verschlingt Leben, ohne selber welches zu besitzen".