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Männer spielen Nazis, Frauen gehen ab

von Steffen Becker

Mannheim, 9. Juni 2018. Auf dem Traumschiff oder im Nazibunker? Nehmen wir an, Sie wären Schauspieler*in. Wo sähen Sie sich lieber? Was würde Ihrer Karriere eher nutzen? Die Autorin Theresia Walser und ihr Regie-Symbiot Burkhard C. Kosminski verweben für die Ergründung dieser Frage zwei Stücke: "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" war Walsers erstes Werk in Mannheim, unzählige Male gespielt, in Mannheim und anderswo. Alternde Hitler-Darsteller unterhalten sich darüber, ob man so eine Figur überhaupt spielen darf (aber eigentlich, wer es besser hinbekommen hat).

Zwölf Jahre später zeigt Kosminski bei seiner letzten Arbeit als Schauspieldirektor am Nationaltheater Mannheim eine Frau, die nach 36 Jahren Abschied von ihrer Rolle als "Traumschiff"- bzw., wie es hier heißt, "Glücksschiff"-Stewardess nimmt, und eine Kollegin vom ernsten Fach, die ihr das madig machen will. "Nach der Ruhe vor dem Sturm" heißt das neue Werk. Klingt ähnlich wie der Vorgänger, spielt in den gleichen Kulissen (roter Vorhang, Tisch, Stühle) mit ähnlich raumfüllende Egos, verschiebt aber den Schwerpunkt gendermäßig total.

"Der Mensch hat seine Tragik vergessen"

Die Eingangsfrage war nur theoretisch offen – praktisch entscheidet das biologische Geschlecht über die Rollenwahl. Männer spielen Nazis, Frauen gehen ab. Aber nicht nur das. Die Männer im Hitler-Stück sind abgehalftert – aber aus eigener Entscheidung, in der Pose des Staatsschauspielers geistig und körperlich zu erstarren.

ruhe sturm 1 560 Hans Joerg Michel uAlles kaputt, Bühnenleben und Tisch: Sven Prietz, Ragna Pitoll, Anke Schubert in "Nach der Ruhe vor dem Sturm" © Hans Jörg Michel

Die Frauen sind erledigt, weil sie alt sind. "Der Mensch hat seine Tragik vergessen", sagt Anke Schubert als Bühnenveteranin Liz Hansen. Autorin Theresia Walser hat das nicht. Die Tragik der Frauen wird im Vergleich überaus deutlich. Während die Männer sich noch aktiv lächerlich machen dürfen, sind alte Schauspielerinnen per se Auslaufmodelle.

Regisseur Kosminski kostümiert sie als eine Art Puffmutter (Schubert) beziehungsweise Over-the-top-Version einer Diva mit weißer Fransenschleppe (Ragna Pitoll als "Glücksschiff"-Aussteigerin Irm König). Da sie im Herzen wissen, dass sie nichts mehr zu verlieren haben, können sie sich umso hemmungsloser angiften. Zwischen Schubert und Pitoli fliegen die Pfeile in der Frequenz einer Dart-WM – und sind auch so gut platziert.

Wider die Pimmelperspektiven

Aber die Damen haben auch Momente, in denen sie die wahren Feinde benennen. Sie diskutieren über "Pimmelperspektiven", Schubert fordert immer wieder neue Männerrollen. Schließlich platzt aus ihr heraus, warum es nicht mehr vorangeht (mit ihr): "Haufenweise schwache Männer (…), Ohnmachtsbrüller, paranoide Machtdeppen. Heerscharen blasser, pubertätsbeschädigter Männerbübchen, die sich mit ihrem Weltekel in ihre Kapuzenpullis kuscheln (…)". Eine Suada – und ein Schlaglicht auf die konservativen Verhältnisse im vermeintlich so progressiven Bühnenmilieu. "Nach der Ruhe vor dem Sturm" ist der Faustschlag aufs Auge aktueller Theaterdiskussionen.

ruhe sturm 2 560 Hans Joerg Michel uWer kann Nazis besser? Ralf Dittrich, Sven Prietz und Thorsten Danner in "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" © Hans Jörg Michel

Das "Vorgänger"-Hitler-Stück "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" wirkt naturgemäß weniger frisch. Netter formuliert: Der Vergleich zeigt die Entwicklung, die Walser als Autorin genommen hat. Der ältere Text ist gespickt mit Insider-Gags, die Dramaturgen verstehen und über die das Publikum dank ausdrucksstarkem Minenspiel lachen kann. Kosminski inszeniert ihn allerdings auch als Vorstufe zur folgenden Uraufführung. An dieser richtet er sich aus – da bleibt kein Spielraum, historische Problematisierungen bis hin zum "Vogelschiss" auch nur anzureißen.

Duelle der Schauspielgranden

Das "Hitler"-Stück lebt in dieser Inszenierung davon, dass die Hausautorin es "ihren" Schauspielern auf den Leib geschrieben hat. Ralf Dittrich brilliert als Klassiker zitierender Bruno Ganz-Wiedergänger. Thorsten Danner bringt die Konversationskomödie mit passiv-aggressiver Nonchalance in Schwung. Einen geschickten Griff hat Kosminski mit Sven Prietz als Bindeglied getan. In Stück eins wird er untergebuttert, weil er als junger Dritter in der Runde nur eine Goebbels-Rolle vorzuweisen hat. Naiv (und herrlich treu-doof gespielt) stellt er im pseudo-intellektuellen Strom der anderen die richtigen Fragen: Wer Hitler nicht als Mensch spielt, spielt ihn als was? Aber diese Fragen zählen nicht, wenn sich Staatsschauspieler duellieren – das kommt darin zum Ausdruck, dass Prietz meist verdammt ist, den wackligen Tisch zu halten.

In Stück zwei dagegen darf er die Requisiten den Schauspielerinnen quasi unter dem Hintern wegziehen, sie sind ja ausgespielt. Obwohl er in "Nach der Ruhe vor dem Sturm" als zufällig in die Szenerie geratener Kollege weniger in die Geschichte involviert ist, dominiert er sie dort doch mehr. Sodass sich die Schauspielerinnen auf der Meta-Ebene unterhalten, wie sie ihn in der Aufmerksamkeit des Publikums kleinhalten können. Vergeblich: Autorin Walser rollt Prietz zum Schluss den roten Teppich aus und lässt ihn urkomisch deklamierend einen Schlussmonolog halten. Beim jungen Kollegen scheint der Knoten geplatzt, den alten Schachteln bleibt nur noch der Abgang ins Dunkel.

 

Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm / Nach der Ruhe vor dem Sturm (UA)
von Theresia Walser
Regie: Burkhard C. Kosminski, Bühne: Florian Etti, Kostüme: Sabine Blickenstorfer (für: Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm), Kostüme Ute Lindenberg (für: Nach der Ruhe vor dem Sturm), Licht: Nicole Berry, Dramaturgie: Ingoh Brux.
Mit: Ralf Dittrich, Thorsten Danner, Sven Prietz (in: Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm) und Ragna Pitoll, Anke Schubert, Sven Prietz (in: Nach der Ruhe vor dem Sturm).
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

Theresia Walser habe ein Stück von einer geradezu Thomas-Bernhardschen Boshaftigkeit und gnadenlosen Entlarvung menschlicher Schwächen geschrieben. Und das Ensemble habe von der ersten bis zur letzten Minute des handlungsarmen, aber wortreichen Stücks das Publikum zu fesseln verstanden, schreibt Hans-Ulrich Fechler in der Rheinpfalz (11.6.2018).

"Welches Theater wollen wir, was ist ein Schauspieler, was ist überhaupt abbildbar?" Walser sei eine Meisterin darin, diese sie und das Theater betreffenden Fragen unterhaltsam bühnenreif zu machen, schreibt Ralf-Carl Langhals im Mannheimer Morgen (11.6.2018). Dennoch wird der Kritiker mit der Uraufführung nicht warm. Allzu viel Regie habe der scheidende Hausherr Kosminski nicht geführt. "Spritziger und bösartiger hätte dieser allzu muntere, harmlose Abend sein können." Schade sei auch, dass Branchen-Warheiten durch Ute Lindenbergs überzogene Diven-Kostüme denunziert würden.

Theresia Walser orientiere sich ungeniert an den schönen Bösartigkeiten in Thomas Bernhards 'Theatermacher'. "Gut abzukupfern verlangt auch eine große Portion Talent", schreibt Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (11.06.2018). "Insidergag folgt auf Insidergag." Der Schauspieler-Schlagabtausch sorge für glückliche Zuschauer.

Adrienne Braun schreibt in der Süddeutschen Zeitung (13.6.2018): Die Yvonne von Theresia Walser sei eine Parodie auf Heide Keller. Zum Jahreswechsel habe die Chefhostess das ZDF-"Traumschiff" verlassen. Die Figur diene Theresia Walser "als Vorlage für ein fulminantes Minidrama". Ein "durch und durch gelungener Schlusspunkt der Amtszeit" des Schauspielintendanten Burkhard C. Kosminski. Mit "Nach der Ruhe vor dem Sturm" gelänge Walser eine "formal schlüssige Fortsetzung" ihres alten Dramas. Sie schreibe die Debatte auch inhaltlich fort: Jetzt gehe es "um Bühne contra Fernsehen, Kunst und Entertainment". Im ersten Teil persifliere Walser das Theater, im zweiten das Fernsehen. Kosminski habe sich als Regisseur zurückgehalten. Grad so, als wolle er beweisen, dass er keiner dieser "Regie führenden Radikalbuben" sei, die Walser aufs Korn nimmt.

Dieser Mannheimer "Schlussakkord" sei "heiter, gescheit" und "erzählt uneitel von Eitelkeiten", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (13.6.2018). "Man sieht noch einmal Kosminskis Mannheim." Der Schauspielleiter lasse die Herren "etwas weniger aufdrehen als die noch dazu von Ute Lindenberg divenhaft eingekleideten Frauen. Die Mitwirkenden, auch dies nach gegenwärtiger Mannheimer Art, sind Fischlein im Wasser der Worte und der herrlich anstrengenden Gruppendynamik."