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Wie wollen wir leben?

Von Falk Schreiber

Bremen, 8. März 2019. Hey, ho, Kasatschok. Mit dem ersten Bild von Tolstois "Auferstehung" hat Alize Zandwijk alle gängigen Russland-Bilder abgearbeitet. Beppe Costa spielt einen wilden Rhythmus auf der Mandoline, jemand tanzt, jemand schwankt, der Alkohol fließt in Strömen. So sentimental, leidenschaftlich und tränenreich geht es zu, hinter dem Ural. Und dann beginnt Annemaaike Bakker, mit sektschwerer Zunge zu erzählen: von der Magd Jekatarina, die einst vom jungen Fürsten Nechljudow verführt wurde. Jemand wirft ein, dass es sich wohl eher um eine Vergewaltigung gehandelt habe. Das ist nicht so ganz klar, jedenfalls sei sie schwanger geworden, habe das Kind verloren und sei auf die schiefe Bahn geraten. Wahllose Männerbekanntschaften, Prostitution, und jetzt stünde sie vor Gericht, einen Freier habe sie ermordet.

Und das Bremer Ensemble wirft sich die Bälle zu, jemand erzählt einen Teil der Geschichte, und jemand anders übernimmt, korrigiert, modifiziert. Eine Geschichte, die eigentlich alle kennen, und die man sich wieder in Erinnerung ruft – hieß die Frau damals nun Jekatarina oder Katjuscha? Wie das hier im Theater am Goetheplatz gemacht wird, ist jedenfalls sehr geschickt inszeniert. Zumal das Publikum so elegant auf Stand gebracht werden kann, angesichts von Tolstois nicht unkompliziert konstruiertem Roman aus dem Jahr 1899.

Sibirien als utopischer Diskursraum

Zandwijk also lässt die gesamte Vorgeschichte als Erzählung einer halb betrunkenen, halb melancholischen Wirtshausgemeinschaft ablaufen. Um fortan jegliches Klischee zu ignorieren: kein Wodka, kein Birkenwäldchen, kein Samowar. Thomas Ruperts Bühne zeigt einen durch Verzerrung ins Surreale überhöhten Salon, der im Grunde überall und jederzeit verortbar wäre, und nur der Ausblick auf eine trostlose Schneelandschaft deutet an, dass man sich nicht in den Tropen befindet. Das Thema, das hier verhandelt wird, ist kein russisches Thema, es ist ein Thema, das einen überall und immer beschäftigt: Wie wollen wir leben?

Auferstehung 20 560 Joerg Landsberg uDer Fürst und eine erste Frau: Mirjam Rast, Manolo Bertling, Nihan Devecioğlu © Jörg Landsberg

Nechljudow (Manolo Bertling) ist Geschworener vor Gericht und erkennt in der Angeklagten (Fania Sorel) sein einstiges Opfer wieder. Worauf sich sein Gewissen meldet – dass sie schuldig gesprochen und nach Sibirien verbannt wird, kann er nicht verhindern, aber er kann ihr folgen. Die gewünschte Absolution erhält er dabei zwar nicht, dafür findet er sich selbst, in einem Umfeld jenseits der überzivilisierten Petersburger Adelsgesellschaft. Das ist einiges an Stoff, der bei Tolstoi zudem mit religiös motiviertem Sozialutopismus aufgeladen ist – ein Strang, den die kluge, heutige Dramatisierung von Armin Petras nur anreißt und als eine Alternative von vielen andeutet. Insbesondere die Straflager-Szenen nach der Pause werden so zur Darstellung eines Möglichkeitsfeldes: Das Sibirien von Petras ist in erster Linie ein diskursiver Raum, in dem verschiedene Utopien wieder und wieder durchdiskutiert werden, gesellschaftliches Engagement vielleicht, Glaube, innere Emigration. Und kurz bevor jemand die radikale Kraft der Kunst beschwört, bricht die Diskussion ab, und die Verbannten verlieren sich in einer Schneeballschlacht, spielerisch, lustvoll, leicht.

Ein Zugriff mit Sonderstellung

In dieser Szene wird deutlich, wie gut Zandwijk Massenszenen inszenieren kann: mit einem Gespür für Details, das nahe an der Choreografie liegt und das sich schon im alkoholschwangeren Tanz zum Einstieg angedeutet hatte. Die Anlage der Inszenierung kommt dem entgegen: Außer Sorel und Bertling (deren Die-Hure-und-der-Fürst-Handlungsstrang sich ziemlich schnell als der uninteressanteste Aspekt von "Auferstehung" entpuppt) läuft das übrige Ensemble unter "diverse Rollen", was heißt, dass Ferdinand Lehmann mal einen politischen Häftling, mal einen gelangweilten Richter spielt. Oder dass Bakker eine in ihrer körperlichen Intensität berührende Ziehmutter Jekatarinas performt, um im Anschluss sofort wieder ins Glied zurückzukehren. Das funktioniert, weil Zandwijk Petras’ Vorlage sicher im Griff hat, in erster Linie, indem sie sie als Text ernst nimmt.

Auferstehung 04 560 Joerg Landsberg uDer Fürst mit nun fünf Frauen: Mirjam Rast, Annemaaike Bakker, Manolo Bertling (vorne), Deniz Orta, Nihan Devecioğlu, Fania Sorel © Jörg Landsberg

Dieses Ernstnehmen hat freilich zur Folge, dass die Inszenierung kaum Möglichkeiten zur Distanzierung findet. Das Theater Zandwijks mag virtuos sein, es mag auch eine ganz eigene Ästhetik besitzen, zwischen der Freiheit und Sinnlichkeit der Choreografie einerseits, der Treue zur Literatur andererseits, es mag nicht zuletzt mit der Verweigerung einer Läuterung durch Jekatarina ein spannendes Frauenbild verhandeln. Es ist aber auch ein Theater, das keinerlei Humor im Umgang mit seinem Stoff kennt. Stattdessen: Schwere des Themas, herzzerreißende Musik, Grenzen sprengender Gesang (Nihan Devecioglu).

Das ist alles nicht verwerflich, innerhalb einer ironiegesättigten Theaterwelt (für die nicht zuletzt das Bremer Haus steht) aber nimmt der bitterernste, literaturnahe Zugriff Zandwijks eine verstörende Sonderstellung ein. "Mein Gott, verstehen Sie überhaupt keinen Spaß?" fährt Nechljudow Jekatarina einmal an. Und sie: "Ihren nicht." Was diese eigenartige, vielstimmige, schöne Inszenierung ziemlich hübsch auf den Punkt bringt.

 

Auferstehung
nach dem Roman von Leo N. Tolstoi, Bearbeitung: Armin Petras
Regie: Alize Zandwijk, Bühne: Thomas Rupert, Kostüme: Regine Standfuss, Licht: Mark Van Denesse, Musik: Beppe Costa, Nihan Devecioglu, Dramaturgie: Akin Emanuel Sipal
Mit: Fania Sorel, Manolo Bertling, Annemaaike Bakker, Alexander Swoboda, Bastian Hagen, Ferdinand Lehmann, Deniz Orta, Mirjam Rast
Uraufführung am 8. März 2019
Dauer: 2 Stunden 55 Minuten, eine Pause

www.theaterbremen.de

 

Kritikenrundschau

Armin Petras Fassung behalte etliche epische Elemente aus der Vorlage bei und bleibe "doch dramatisch, lies: zugespitzt genug ist, um hinreichend spielbares Material für eine Dauer von drei Stunden abzuwerfen", schreibt Hendrik Werner vom Weser-Kurier (9.3.2019). "Thomas Rupert hat einen enormen Raum geschaffen, einen gediegenen Salon, dessen Höhe überlebensgroße Portale unterstreichen, die so sehr ins Surreale und Numinose streben wie die Inszenierung mit zunehmender Dauer." Flüssig sei das Spiel, passagenweise gar virtuos. "Das Publikum bedankt sich für die poetische, bildmächtige und gravitätische Inszenierung."