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Öffnungs-Szenarien dringend gesucht

Interview mit Marc Grandmontagne von Simone Kaempf und Elena Philipp

24. April 2020. Die Corona-Pandemie hat das deutsche Theatersystem hart getroffen. Vielen Privattheatern droht schon jetzt das finanzielle Aus, freie Künstler*innen bangen um ihre berufliche Existenz. Und die fatalsten Auswirkungen der Krise könnten erst noch anstehen. Wie geht es weiter? Marc Grandmontagne, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins, spricht sich für eine baldige Wiedereröffnung aus und sagt: es muss geprobt werden, es muss in irgendeiner Weise wieder gearbeitet werden können.

Der Bühnenverein forderte in einer Stellungnahme am 22. April von der Politik klare Perspektiven und Planungssicherheit für die Theater und Orchester. Macht diese Forderung in der derzeitigen Situation, in der die weiteren Entwicklungen rund um das Corona-Virus unabsehbar sind, überhaupt Sinn?

Ja, deswegen haben wir's verschickt. Dass die Theater den Vorstellungsbetrieb aussetzen und die Häuser schließen mussten, dass weltweit alles ins Bremsen kommt, ist zutiefst verstörend, verunsichernd, und bringt natürlich auch Not und Perspektivlosigkeit mit sich. Jetzt ist der Punkt einer gewissen Stillstandsroutine erreicht. Und die muss genutzt werden. Wenn wir unseren künstlerischen Stand halten wollen, muss in irgendeiner Weise gearbeitet werden. Es muss geprobt werden. Insofern finde ich die Forderung nach Planungssicherheit richtig. Wir brauchen klare Perspektiven, und die haben wir bisher nicht in allen Bundesländern bekommen.

Theatermacher*innen müssen immer noch mit unterschiedlichen Wiederöffnungs-Szenarien arbeiten. Welchen Umgang mit der Unklarheit schlägt der Bühnenverein vor?

Dazu müsste man erst mal die Rahmenbedingungen haben. Aber alles, was wir haben, ist der Satz: Großveranstaltungen sind nicht möglich bis Ende August. Was eine Großveranstaltung ist, entscheiden die Länder. Unser Ratschlag ist, dass die einzelnen Häuser sich mit ihrer Politik vor Ort jetzt gemeinsam an einen Tisch setzen und sagen: Wir brauchen ein Konzept, und zwar eins, das gesundheitspolitisch machbar ist. Das fängt an beim Mindestabstand bis zur Maskenpflicht und hat mit der maximalen Personenanzahl auf bestimmten Quadratmetern zu tun. Für ein großes Orchester und einen kleinen Chor wird es schwierig. Aber vielleicht kann man kleinere Projekte angehen. Liederabende oder Oper am Klavier und kleinere Schauspielformate.

Monika Grütters hat den Vorschlag gemacht, die Theater unter Abstandswahrung wiederzueröffnen. Gibt es konkrete Szenarien der Wiedereröffnung, die der Bühnenverein entwickelt hat? Handreichungen mit Vorschlägen, wie man das umsetzen könnte?

Nein, die kann es noch nicht geben. Aber wir stehen gerade auf verschiedenen Ebenen in Kontakt mit Hygiene-Experten und Medizinern, um einigermaßen klare Rahmenbedingungen zu erarbeiten. Auf deren Grundlage würden wir dann allgemeine Empfehlungen aussprechen. Aber ich habe natürlich noch kein Papier, das wäre unrealistisch. Das steht in den nächsten Tagen und Wochen an. Man kann nicht einfach sagen: Na ja, jede zweite Reihe und jeder zweite Platz, und das war's. Das kann Teil eines möglichen Konzepts sein. Aber das muss nicht für jedes Haus oder jede Spielstätte gangbar sein.

Apollo als abstandsicherer Raum1 c 560 Morgenthal FotografieGeht doch: Das Apollo Theater Siegen als abstandssichere Bühne, eingerichtet auf Basis aktueller Informationen der Bundesregierung und des Robert-Koch-Instituts © Morgenthal Fotografie

Die Stellungnahme vor drei Tagen war das erste öffentliche Lebenszeichen des Bühnenvereins seit Mitte März. Wie haben Sie als Institution in der Zwischenzeit agiert?

Wir haben uns öffentlich in Interviews und Statements geäußert. Genauso wichtig ist die Arbeit hinter den Kulissen. Und eine Pressemeldung geben wir nur heraus, wenn es auch etwas zu sagen gibt: Es nützt nichts, Forderungen in den leeren Raum zu senden oder "Schuldige" zu suchen, wenn noch niemand Antworten geben kann, das wäre unseriös. Erstmal haben wir uns maßgeblich um die Fragen kümmern müssen, die mit dem Stillstand zu tun haben. Plötzlich ist der Spielbetrieb zu Ende. Die Verträge können nicht mehr richtig erfüllt werden. Produktionen und Spielplanplanungen müssen gestoppt werden. Bei den privaten Einrichtungen gibt es im Moment etliche Fragen zu Kurzarbeit. Damit haben wir uns bislang nie beschäftigen müssen, Kurzarbeit gab es im Theaterbereich noch nie. Das ist alles wahnsinnig kompliziert.

Ansonsten können Sie sich vorstellen, dass bei den Theatern und Orchestern viele Irritationen, Ängste, Sorgen herrschen. Wir haben erst einmal versucht, die verschiedenen Hilfsprogramme aus den Bundesländern und vom Bund zu ordnen und unseren Mitgliedern zugänglich zu machen. Wir haben versucht, die Panik um uns herum etwas zu beruhigen und zu überlegen: Was müssen wir jetzt überhaupt machen? Wir haben uns stark für die Privattheater eingesetzt, weil denen das Wasser bis zum Hals steht. Von der bedrohten kulturellen Infrastruktur halten sie am wenigsten lange durch, weil sie auf die Einnahmen angewiesen sind, die sie nicht mehr haben. Überall besteht massiver Kommunikationsbedarf. Im Moment gibt es mehr zu tun, als wir auf die Schnelle immer leisten können. Hinzu kommt: Die Geschäftsstelle arbeitet auch nur im Notbetrieb. Wir sind alle seit Mitte März im Homeoffice.

Touchless Peking Fahrstuhl Gensler comKreative Ideen braucht es überall: kontaktlos Fahrstuhl bedienen in Peking © Gensler.com

Wie viele Leute sind denn derzeit beim Bühnenverein beschäftigt, hauptamtlich oder Teilzeit?

Da werden Sie sich wundern, wie klein das ist. Wir haben im reinen Verbandsbetrieb 20 Personen, nicht alle Vollzeitkräfte, davon fünf bis sieben in fachlicher Leitungs-Verantwortung. Das heißt, wir sind mehr oder minder eine Handvoll. Aber wir können darauf zählen, dass gerade in der Mitgliedschaft auch viel Unterstützung für Expertise und viel Fachwissen vorhanden ist.

Gibt es drei, vier Hauptpunkte, auf die Sie jetzt Ihren Fokus richten?

Als Arbeitgeberverband können wir die Frage der Kurzarbeit tatsächlich verbindlich mit den Gewerkschaften klären. Dann gibt es die Ebene, auf der wir mit Empfehlungen arbeiten. Ich kann nicht verbindlich entscheiden, wer proben darf und wer nicht. Mein Job als eine Art Generalmoderator zwischen Innen und Außen ist, die allgemeinen Fragen zu klären, so wie zum Beispiel Eckpunkte für den Probenbetrieb. Wie kann man die Politik vor Ort dazu bringen, dass sie sagt, ja, wir sind einverstanden. Das andere ist, dass wir massiv lobbyieren, für die kulturelle Infrastruktur, für die Privattheater, für die öffentlichen Theater, für die Kinder- und Jugendtheater. Es gibt deutliche Anzeichen, dass der Einbruch der kommunalen Steuereinnahmen so groß ist, dass wir im Herbst in allerschwierigste Haushaltsverhandlungen gehen. In kleineren Gemeinden und im ländlichen Raum muss die Politik einen Kahlschlag unbedingt verhindern.

Hängen diese zwei Punkte nicht zusammen, das heißt, muss man nicht durch Arbeitstätigkeit nachweisen, dass man wirksam ist, um damit auch eine bessere Position für die anstehenden Verhandlungen zu haben?

Die Gefahr ist, dass bei einem Stillstand die Hemmschwellen sinken. Es war in den vergangenen Jahren leichter, weil die Kassen gefüllt waren. Jetzt wird es definitiv eine wahnsinnig schwierige Phase geben, einen schärferen Verteilungskampf, denn wir rutschen weltweit in eine Rezession. Das, was die Theater und Orchester tun, ist eine gesellschaftliche Grundversorgung – die die Gesellschaft in Zukunft noch viel mehr braucht als früher, weil die Gefahr einer Depression besteht durch diesen momentanen Rückzug aus dem öffentlichen Raum. Und gerade deswegen müsste man die Theater als öffentliche Orte irgendwie begehbar machen.

Mit welchen Argumenten wird der Bühnenverein in diese Verhandlungen gehen? "Ich lobbyiere" klingt sehr zaghaft.

Eher beunruhigt beziehungsweise irritiert angesichts der Gesamtlage. Der Kontaktabbruch ist eine Riesen-Gefahr für eine Gesellschaft. Die Hände in den Schoß zu legen und zu sagen, wenn ein Impfstoff da ist, machen wir wieder auf, wird nicht funktionieren, weil die Welt eine andere sein wird. Einen Rückweg in den Status quo ante gibt es vermutlich nicht. Das SARS-CoV-Virus wird die Gesellschaft massiv verändern, und zwar weltweit. Es bricht in gewisser Weise eine neue Zeit an. Wir sind genau an dem Punkt, den Sie angesprochen haben: Die politische Legitimation und der Rückhalt in der Gesellschaft muss so sein, dass die Gesellschaft auch in finanziell dunkler werdenden Zeiten der Meinung ist, dass ein öffentlich finanziertes Stadttheater etwas ist, was dazu gehört. Davon kann man nicht selbstverständlich ausgehen, sondern das ist eine Aufgabe.

Der offensive erste Vorstoß für eine Öffnung kam von Dieter Hallervorden, vielleicht auch aus Verzweiflung, der in einem Offenen Brief vorschlug, wir lassen jede zweite Reihe frei und jeden zweiten Platz. Man hat das Gefühl, es bräuchte eigentlich mehr konkrete Vorstöße und offensive Ideen.

Da haben Sie Recht, aber konkrete Vorschläge können nur auf einer Grundlage von sicheren Parametern entstehen. Leider ist es nicht so einfach, wie Herr Hallervorden es geschrieben hat. Es braucht Ideen und Kreativität, aber keine Schnellschüsse, sondern durchdachte Konzepte.

Wenn wir noch einmal auf die Aussichten blicken, insbesondere finanziell, dann ergibt sich ja ein unterschiedliches Bild. Die Theater haben mittlerweile fast alle Kurzarbeit angemeldet.

Die privaten und die privatrechtlich organisierten, aber öffentlich getragenen Häuser, also zum Beispiel die GmbHs, ja. Für den Bereich der anderen öffentlich getragenen Theater, die größtenteils Regiebetriebe sind, gibt es einen Grundsatzbeschluss der Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände (VKA) mit ver.di, und der Bühnenverein ist gerade mit dem Künstler-Gewerkschaften in Verhandlungen darüber, wie dieser Beschluss auf künstlerische Tarifverträge übertragen werden kann. Bei der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) gibt es zurzeit keine Einigung auf Kurzarbeit.

Bei uns kam an, die öffentlichen Theater hätten Kurzarbeit angemeldet.

Das ist so nicht richtig. Die Verhandlungen zur Einführung der Kurzarbeit für die öffentlich getragenen Theater sind noch nicht beendet. Wir geben uns Mühe, dass es schnell geht. Die öffentlich-getragenen Häuser können erst mit einem Beschluss über die Öffnung des Tarifvertrages Kurzarbeit anmelden. Das wäre ein sinnvolles Novum, um Geld zu sparen. Jeder Cent, der jetzt gespart wird, ist wichtig für die Zeit, die kommt.

Mit Kurzarbeit werden die meisten Häuser vermutlich über den Sommer kommen, aber dann wird es finanziell gegebenenfalls auch bei den größeren Theatern eng. Die Häuser stehen auch unterschiedlich da durch unterschiedliche Abhängigkeit von direkten Einnahmen.

Da muss man differenzieren. Bei den Privaten ist die Situation schlecht, weil die Abhängigkeit von den Einnahmen relativ hoch ist. Wenn ein Privattheater keine öffentlichen Zuwendungen bekommt oder ganz wenig, ist bald Schluss. Es sei denn, es gibt eine Möglichkeit, ein Hilfsprogramm zu fahren. Kurzarbeit haben die natürlich fast alle angemeldet, weil das die einzige Möglichkeit ist, jetzt die Arbeitsplätze zu halten. Aber auch das wird nicht ewig gehen, denn wenn kein Geld reinkommt, nützt auch Kurzarbeit nichts. Die öffentlich getragenen Häuser sind sehr unterschiedlich, das reicht vom kleineren Kinder- und Jugendtheater und den Stadttheatern bis hin zu den großen Tankern. Da gibt es im Moment keine sofortige Gefährdung, allerdings nur bis zur nächsten Haushaltsverhandlung.

Ein anderes Thema sind die Gastkünstler*innen, deren Verträge schwach sind. Im März haben Sie den Theatern einen fairen Umgang mit Gastkünstler*innen empfohlen. Aber mittlerweile gibt es viel Kritik an unfairer Behandlung. Wie resümieren Sie die Situation?

Wir haben den Ratschlag gegeben, den Gästen kulant entgegenzukommen. Der Bühnenverein kann das aber nicht entscheiden. Darüber muss am Ende mit dem jeweiligen Geldgebern entschieden werden. Die Rechtslage ist nicht klar. Daraus ergibt sich ein sehr unterschiedliches Bild, und deswegen gibt es keine einheitliche Lösung.

Das ensemble netzwerk hat in einer Befragung von 475 freien Künstler*innen erfahren, dass nur 15 Prozent die volle Gage erhalten haben, 37 Prozent gar keine und ein breites Mittelfeld unterschiedliche Prozentanteile. Höhere Gewalt wurde immer wieder von den Theatern ins Feld geführt. Aber höhere Gewalt ist juristisch anfechtbar.

Die eine Frage ist: Ist das ein Arbeitnehmer oder ist es ein Freier? Leider sorgt ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts für eine Menge Verwirrung, weil auch jemand, der sozialversicherungspflichtig abhängig beschäftigt ist, arbeitsrechtlich als freischaffend gelten kann. Der zweite Punkt ist die Argumentation mit der höheren Gewalt. Das ist in der Tat keine ganz einfach zu beantwortende Frage. Es hängt davon ab, wie das in den Verträgen formuliert ist.

Was ist die Position des Bühnenvereins in dieser Hinsicht, die "klare Kante"?

Die klare Kante war zu sagen: Liebe Leute, das ist eine Ausnahmesituation. Wir empfehlen Kulanz, aber ihr müsst euch an Recht und Gesetz halten. Wo die Grenzen dessen sind, müsst ihr mit eurem Rechtsträger besprechen, weil es öffentliches Geld ist. Klarer ist das aus meiner Sicht nicht möglich.

ensemble netzwerk solidaritat 560 Nina GschloesslUmfrage von ensemble netzwerk: das Ergebnis wurde in diseser Woche veröffentlicht © Nina Gschlössl

Perspektivisch handelt es sich jetzt um unabsehbar viele Monate, in denen freien Künstler*innen ihre Berufsmöglichkeiten und damit ihr Lebensunterhalt wegbrechen. Wie sollten sich die Häuser dazu positionieren? Wie kann Kulanz weiterhin aussehen?

Die Theater sind für die Freien und die Gäste immer dann verantwortlich, wenn es eine vertragliche Beziehung gibt. Da die Produktionen weggebrochen sind, wird es nur noch wenige Verträge geben. Das führt zu der sehr unschönen Situation, dass viele jetzt vor Existenz-Problemen stehen. Am Anfang war es ja auch die Hoffnung der Politik, zu sagen, dass es Rettungspakete gibt. Jetzt wissen wir alle durch die Presse, das hat oft nicht funktioniert oder im Anlauf nicht richtig funktioniert. Die Empörung darüber kann ich nachvollziehen. In allen Briefen, die wir geschrieben haben, galt der erste Hinweis denjenigen, die am schutzlosesten im System sind – die Freien müssen jetzt bitte geschützt werden. Aber wir sind natürlich nicht vertretungsberechtigt für freie Künstler, sondern es gibt eigene Verbände wie den Bundesverband Freie Darstellende Künste, mit dem wir im engen Austausch stehen. Da sind die Drähte heiß gelaufen, und im Prinzip wäre das jetzt die Aufgabe des Bundes.

Wie kann man dieser insgesamt drohenden Prekarisierung der freien Kulturschaffenden, freien Schauspieler*innen, entgegenwirken?

Das ist eine gute Frage. Aus meiner Sicht muss es gelingen, die Institutionen zu schützen und zu halten, weil sie auch eine Versorgungsfunktion haben. Die Häuser brauchen auch die Freien, weil keine Produktion ohne Freie auskommt. Wir merken jetzt, wie fragil und verletzlich das dichte Netz aus Abhängigkeiten ist.

Von den Institutionen sind die Privattheater besonders gefährdet, weil ihre Einnahmemöglichkeiten wegfallen. Wie sieht denn ein Rettungsschirm für die Privattheater aus?

Für die 69 Privattheater, die im Bühnenverein versammelt sind, haben wir den möglichen Schaden kalkuliert und versucht, davon den Bruchteil zu ermitteln, der notwendig wäre, um die Häuser über die nächsten Monate zu retten. Das haben wir der Politik mitgeteilt und darum gebeten, die Privattheater nicht zu vergessen. Bei den Rettungsprogrammen fehlten Rettungs-Fenster für Betriebe zwischen 11 und 250 Mitarbeitern. Jedenfalls war das so, als ich diesen Brief geschrieben habe. Das verändert sich aber schnell.

Marc Grandmontagne 280 Cornelis GollhardtMarc Grandmontagne © Cornelis GollhardtUnd wir bitten darum, dass sich Bund und Länder bemühen, etwas aufzubauen, damit diese Häuser jetzt nicht die nächsten Monate vor die Hunde gehen. Das wäre ein Wegbrechen eines ziemlich großen Teils der kulturellen Infrastruktur, an dem auch wieder viele Existenzen hängen. Das muss verhindert werden, und das kostet nicht so viel Geld. Aber es muss politisch gewollt sein, diesen Schritt zu gehen. Und da haben wir, bisher jedenfalls, noch keine klare Antwort.

Das heißt, Sie sind im Gespräch mit dem Bund, aber es gibt keine Mittelzusagen?

Wir sind mit Bund und Ländern im Gespräch, mit dem Städtetag. Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat hat ja den Vorschlag eines Kulturinfrastrukturfonds gemacht. Wenn die steuerliche Situation für die Kommunen drastisch wird, hoffe ich und halte es auch für eine Aufgabe von Bund und Ländern, dass sie die Kommunen im kulturellen Bereich handlungsfähig halten. Wenn das gelingt, haben wir einen großen Schritt getan, um ein Absterben des ganzen Künstler-Wesens zu verhindern. Das wird eine Riesenherausforderung.

Für uns zeichnet sich hier ein eigentlich sehr desaströses, ein bisschen hilfloses Bild. Es ist eine große Hoffnung, aber wenig Schlagkraft.

Ich finde die Frage offen gestanden ein bisschen merkwürdig. Kulturpolitik setzt ja vor allen Dingen auf Überzeugung, Freiwilligkeit und Gestaltung. Das ist kein Politikfach wie Verteidigungs- oder Sicherheitspolitik, wo sie gewissermaßen mit Dekreten arbeiten können. Unsere gesamte Kulturlandschaft entsteht unter dem Diktum der Freiwilligkeit und der Gestaltung der Offenheit, ohne dass der Staat Vorgaben macht. Das ist genau die föderale Vielfalt, die wir ja in Zeiten der Nicht-Pandemie für unantastbar erklärt haben. Viele haben nur jetzt in dieser Situation plötzlich die Sehnsucht, dass alles plötzlich auf einen Wink, mit einer Art Dekret der Bundesregierung funktionieren soll. Ich glaube, gerade der Austausch und die Kommunikation zwischen den Verbänden und zwischen den verschiedenen Ebenen macht es einerseits kompliziert, zeigt aber auch, dass es doch auch viel Menschlichkeit und Solidarität gibt.

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage. Bei uns kursierte das Gerücht, dass Sie Ihren Posten räumen. Stimmt das?

Ich räume nicht meinen Posten, und ich werde zu der Frage, ob ich meinen Vertrag verlängern möchte, dann zu gegebener Zeit Auskunft geben.

Was gibt es noch, das sich jetzt in die Zukunft verschiebt, wo Sie sagen, das würden Sie gern machen?

Die Pläne, die wir haben oder hatten, beschäftigen sich mit einer Fülle von Themen. Geschlechtergerechtigkeit war und ist für uns ein Thema, Fachkräftemangel, die politische Situation mit besonderem Blick auf Populismus. Für die nächste Jahreshauptversammlung, die im Juni so natürlich nicht stattfinden kann, war ein inhaltlicher Schwerpunkt und ein Workshop zum Thema Klimawandel geplant, auch mit den Auswirkungen auf den Betrieb. Es gibt dazu so viel, was man hätte machen können, aber es hat einen aus der Arbeit herausgerissen. 

 

Marc Grandmontagne, geboren 1976, hat an den Universitäten von Saarbrücken, Tübingen und Siena Jura und Politikwissenschaften studiert. Nach seiner Tätigkeit als parlamentarischer Mitarbeiter bei Jürgen Schröder in Brüssel war er von 2007 bis 2010 Leiter des Büros der Geschäftsführung der RUHR.2010 - Kulturhauptstadt Europas GmbH und anschließend Programmleiter bei der Stiftung Mercator in Essen. Von 2013 bis 2016 war er Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. in Bonn. Seit 2017 ist er Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins.