Das Wasser bis zum Hals

11. Oktober 2023. Mit den Folgen von Tarifsteigerungen und Kostenexplosionen haben zurzeit viele Theaterbühnen zu kämpfen. In Sachsen stellt sich die Lage jedoch noch einmal besonders dar. Von Bedeutung ist dabei auch ein Sonderweg in der Kulturfinanzierung.

Von Michael Bartsch

Zuschauerraum der Dresdener Sempeoper, Leuchtturmbühne der sächsischen Theaterlandschaft © Klaus Gigga | Semperoper

11. Oktober 2023. Wenn der Vorhang aufgeht, fällt es derzeit schwer, nicht sorgenvoll auch an die Maschinerie zu denken, die die Hebel in Gang setzt: An die ökonomische Ausstattung der Schauspielhäuser. Aktuell kämpfen viele Bühnen und Orchester in Deutschland mit den Folgen von Tarifsteigerungen und Kostenexplosionen.

In Sachsen stellt sich die prekäre Lage noch einmal besonders dar. Oft sind die Theater in den Regionen wichtige Anker einer nicht eben üppig ausgestatteten zivilgesellschaftlichen Struktur. Hier droht nun weiterer Aderlass. In Görlitz und Zittau zum Beispiel.

Krise trotz Ausstrahlung

Als Ende August am dortigen Gerhart-Hauptmann-Theater (GHT) immer noch kein Spielplan für die neue Saison vorlag, schüttelte man an der Neiße bedenklich den Kopf. Mancher erinnerte sich an die Warnungen des Intendanten Daniel Morgenroth im Mai vor einer drohenden Insolvenz. Hauptursache für die Planungsverzögerung war allerdings die Suche nach Ausweichspielstätten. Im November des Vorjahres hatte die Sprinkleranlage des Haupthauses in Görlitz ihre Schutzaufgabe spontan ins Gegenteil verkehrt und die Bühne während einer Probe geflutet.

Schon oft stand den beiden Bühnen im nicht gerade reichen Landkreis Görlitz auch im sprichwörtlichen Sinn das Wasser bis zum Hals. Die Segnungen der Deutschen Einheit überlebte Zittau zwei Jahre lang nur als ABM-Theater, also mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Trennungen und Fusionen wechselten, bis in die jüngste Vergangenheit hinein tauchen Gutachten auf, die von vier Sparten am liebsten fünf abbauen wollen.

Dabei bestreitet niemand die Ausstrahlung des Doppeltheaters, vor allem nach Osten. Das jährliche Dreiländer-Jugendtheaterfestival JOS in Zittau steht exemplarisch für Kooperationen mit den tschechischen und polnischen Nachbarn. Etwa jeder zehnte Besucher kommt von der anderen Seite der Grenze. In der warmen Jahreszeit bespielt das GHT die stimmungsvolle Waldbühne Jonsdorf. Aus der Wassernot hat man eine Tugend gemacht und neue Spielstätten erschlossen, voran den alten Güterbahnhof mit dem spektakulären immersiven Stück Malfi. Über die künftige Rolle des Theaters in der vom Kohleabschied bestimmten Lausitz mit überdurchschnittlich vielen AfD-Wählern wird derzeit diskutiert.

 MittelsaechsischesTheaterfreiberg MSF"Die Kunst gehört dem Volke": Das Mittelsächsische Theater in Freiberg © Mittelsächsisches Theater

Intendant Sergio Raonic Lukovic in Freiberg nennt sein an neun Spielstätten agierendes Mittelsächsisches Theater eine "Mittelsächsische Landesbühne". Als es im späten Frühjahr im Stadtrat um die drastischen Kostenexplosionen ging, saß Oberbürgermeister Sven Krüger dabei und bestätigte die Bedeutung des Theaters für Freiberg, Döbeln und die gesamte Region. Doch was helfen solche Bekenntnisse konkret?

Erosion trotz Kulturraumgesetz

Dazu muss man wissen, dass in Sachsen die Kulturfinanzierung etwas anders als im Rest der Republik organisiert ist: Hier regelt das Sächsische Kulturraumgesetz wichtige Teile der Finanzierung. Dieses Kulturraumgesetz war 1994 die sächsische Antwort auf das Auslaufen der vierjährigen Übergangsfinanzierung des Bundes für den Osten nach dem Beitritt. Anfangs als Theater- und Orchestergesetz tituliert, sollte es tatsächlich der "Hochkultur" jenseits der direkt vom Freistaat getragenen Einrichtungen eine Basis bieten. Zugleich spielte der Erhalt von Flächenstrukturen, das Prinzip dezentraler Kulturangebote die entscheidende Rolle.

Kulturraeume Sachsen rdax 780x552 87Kulturräume in Sachsen: Die drei Kreisfreien Städte Chemnitz, Dresden und Leipzig bilden jeweils einen urbanen Kulturraum. Dazu kommen fünf ländliche Kulturräume, gebildet jeweils aus zwei Landkreisen. © https://www.kulturland.sachsen.de

Dafür wurden neben den kommunalen Trägern und dem Land als Zuschussgeber die Kulturräume als dritte Kategorie eingeführt. Kulturzweckverbände mit einer eigenen Kasse, die von den regionalen Nutznießern des Raumes eine solidarische Umlage erheben, eine Art Lastenausgleich.

Zyklische Verteilungskämpfe

Dieses Finanzierungsmodell konnte nach 1994 viele Zusammenbrüche von Kultureinrichtungen verhindern. Gleichwohl schrumpfte die dichteste Theaterlandschaft Deutschlands gerade in der Ära von Ministerpräsident Kurt Biedenkopf zwischen 1990 bis 2002, als sich Sachsen als das ostdeutsche Vorzeigeland präsentierte, durch Fusionen, Personal- und Spartenabbau. Auch funktionierte der Lastenausgleich nie gänzlich konfliktfrei. An die permanente Unsicherheit, die zyklischen Verteilungskämpfe der meist zweijährigen Haushaltperioden etwa hatte man sich nie wirklich gewöhnen können.

Das Kulturraumgesetz sieht außerdem keine regelmäßige Anpassung der Freistaatszuschüsse von anfangs 150 Millionen Mark an die nunmehr acht Kulturräume vor. Ihre Aufstockung zumindest in Höhe des Inflationsausgleichs war seit jeher Kernpunkt der Landtagsdebatten zum Kulturhaushalt und blieb oft jahrelang aus. Die kommunalen Träger der Stadt- und Kulturraumtheater jedoch müssen mit diesen Freistaatsgeldern stets mindestens im Verhält-nis 2:1 mitziehen.

Goerlitz GHTDas Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz © GHT Görlitz

Gut bedient werden seit jeher nur die beiden Dresdner Staatstheater Semperoper und Staatsschauspiel. So wird der Ruf nach Planungssicherheit in diesem Jahr infolge drastischer Kostensprünge lauter. Er stellt überraschend auch Teile des bislang geradezu als heilige Kuh verehrten, aber interessanterweise nie von einem anderen Bundesland kopierten Sächsischen Kulturraumgesetzes infrage. 

Mahnender Intendantenbrief an Staatsregierung und Landtag

Die neuerlichen Finanzierungsnöte hat auch eine weitere als vorbildlich geltende sächsische Besonderheit nicht kompensieren können. 2019 hatten sich Staatsregierung, Landtag und die eher widerspenstigen Kommunen auf den so genannten Kulturpakt verständigt. In einem rund 13 Millionen Euro teuren Kraftakt wurden Theater und Orchester aus der in 20 Jahren immer tiefer gegrabenen Haustariffalle geholt und an die Flächentarife angeglichen. Der Kulturpakt wurde inzwischen über das Jahr 2022 hinaus verlängert und seine Dotierung im laufenden Landeshaushalt nochmals erhöht. Auffangen kann er die Tarifsteigerungen dennoch nicht vollständig.

Im Juni schrieben die Intendanten einen mahnenden Brief an die Staatsregierung und den Landtag – offenbar mit Erfolg. Denn drei von ihnen, Daniel Morgenroth aus Görlitz/Zittau, der Chemnitzer Christoph Dittrich und der Bautzener Lutz Hillmann, zugleich Vorsitzender der Landesgruppe Sachsen im Deutschen Bühnenverein, sprachen Anfang Juli mit Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Der erwies sich seit seinem Amtsantritt Ende 2017 als kulturaffin und genießt im Kulturmanagement offenbar Vertrauen. Es fällt jedoch auf, dass zum wiederholten Male das Spitzengespräch gesucht wurde und bei Konflikten die Ebene der Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU) übersprungen wurde. Sie gilt vielen als gutwillig, aber überfordert.

2024 droht der Einbruch

Noch sind die Hilfen in Sachsen zur Schließung der überall klaffenden Finanzierungslücken nicht zugesagt und beschlossen. Aber hinter den Kulissen ist Bewegung spürbar. Die Abteilung Kunst im Kultur- und Tourismusministerium ermittelt gemeinsam mit Landkreisen und Bühnen den genauen Fehlbedarf. Hierbei sollen auch unterschiedliche Situationen der Häuser berücksichtigt werden. Ministerpräsident Kretschmer nannte im persönlichen Gespräch mit dem Autor eine Ausgleichssumme von neun Millionen Euro, die "kommen müsse".

DeutschSorbischesVolkstheaterBautzen DSVBDas Deutsch-Sorbische Volkstheater in Bautzen © Theater Bautzen

Die sächsischen Intendanten zeigen sich deshalb verhalten zuversichtlich. Sie wären aber keine Theaterleute, wenn sie die Lage nicht weiterhin als dramatisch schildern würden. "Wenn jetzt das Land nichts macht, haben wir in drei Jahren Kultur nur noch in Leipzig und Dresden!", mahnt der Görlitzer Daniel Morgenroth. Die Prognose des Bautzener Intendanten Lutz Hillmann wird daher auch von seinen Kollegen geteilt. "In 2023 werden wir uns alle noch retten können, 2024 wird es, ungeschützt gesagt, drei bis vier Theater schwer treffen, und im Jahr 2025 ist bei allen Theatern im ländlichen Raum der Riemen runter", lautet seine Einschätzung - auch mit Blick auf das von ihm geleitete Deutsch-Sorbische Volkstheater. Selbst in einem kleinen Gastspielhaus wie dem Theater Meißen mit nur zwölf Festangestellten berichtet Geschäftsführerin Ann-Kristin Böhme von einem neu gestellten Antrag an den Kulturraum. Sie bitte darin um eine deutlich erhöhte Förderung, "weil wir sonst nicht klarkommen".

Ruf nach mehr Landesverantwortung

Einerseits hängt jetzt viel von den Trägern ab. Die kommunalen Gesellschafter des Mittelsächsischen Theaters Freiberg/Döbeln haben beispielsweise schon im Juni ihre Unterstützung signalisiert. Selbst das am meisten bedrohte Gerhart-Hauptmann-Theater bekommt inzwischen ähnliche Signale zumindest aus den Kommunen Görlitz und Zittau. Doch der Landkreis hat immer noch keinen genehmigten Haushalt. Hauptadressat der Hilferufe bleibt daher das Land Sachsen. Neu ist dabei der starke Akzent auf eine mittel- und langfristige Sicherung. Die Landtagsfraktion der Bündnisgrünen möchte dies laut einem strategischen Positionspapier über die immer wieder diskutierte Dynamisierung der Landeszuschüsse an die Kulturräume im Kontext des Kulturraumgesetzes erreichen.

LutzHillmann TheaterBautzenDer Schauspieler und Regisseur Lutz Hillmann ist Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters in Bautzen © Theater Bautzen

Denn dieses im Prinzip bewährte Gesetz will niemand abschaffen oder die teuren Theater und Orchester daraus vollständig herauslösen. Aber eine ohnehin bis 2025 fällige Evaluierung könnte zu Korrekturen genutzt werden. Die Intendanten von Görlitz, Bautzen und Chemnitz etwa regen ein Nachdenken darüber an, die Konkurrenzsituation zwischen "Großverbrauchern" wie Theatern und den zahlreichen kleineren Breiteneinrichtungen im Kulturraum aufzuheben. Es klingt noch sehr neu und sehr vorsichtig, aber die Wünsche laufen auf einen Sonderstatus der Theater hinaus, der zugleich eine größere finanzielle Verantwortung des Freistaates ermöglicht. Ob das eine Rückkehr zu den guten alten Staatsverträgen wie anderswo bedeuten könnte, ist derzeit noch völlig offen.

Größtes Theaterinvestitionsprogramm seit 1990

Spürbar neidisch wird dabei auf Thüringen geblickt. Dieser Freistaat hat soeben vorfristig seinen Bühnen Garantien bis 2030 gegeben – und zwar unabhängig von der Einnahmesituation der kommunalen Träger und der Kostenentwicklung. "Das Land hat ein erhebliches Interesse daran, dass die Theater, soweit noch nicht geschehen, in den Flächentarif zurückkehren", erklärt der auch für Kultur zuständige Thüringer Staatskanzleichef Benjamin Hoff. Er lobt außerdem das bislang größte Theaterinvestitionsprogramm seit 1990 und sieht allein darin schon einen Grund, im nächsten Jahr bei den Landtagswahlen wieder die rot-rot-grüne Koalition zu wählen.

Ebenso aufmerksam wird im Freistaat Sachsen auf den Freistaat Bayern geschaut, der vier Stadttheater, und zwar in Augsburg, Würzburg, Regensburg und Nürnberg, zu Quasi-Staatstheatern mit hälftiger Landesfinanzierung hochgestuft und damit Garantieverpflichtungen übernommen hat. Auf die Frage, ob dies als ein Vorbild für Sachsen dienen könne, antwortet Lutz Hillmann im Gespräch nur lakonisch: "Ich hätte nichts dagegen."

 

Michael Bartsch, geboren in Meiningen, ist freier Journalist und Autor. Nach der Wende Landeskorrespondent der Leipziger Volkszeitung in Dresden. Seit 1993 freiberuflich tätig für verschiedene Print- und Onlinemedien und den Hörfunk, Schwerpunkte Landespolitik und Kultur, speziell Theater und Musik.

Kommentare  
Bühnen Sachsen: Danke!
Vielen Dank, das ist ein Überblick voll wichtiger, grundlegender Informationen, über die man sonst nicht so viel liest.
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