logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Delphi liegt in Oberbayern

von Sabine Leucht

München, 15. Juni 2020. Schwer zu sagen, wie der Gang zum Orakel gewirkt hätte, wäre die Premiere von "Oracle" wie vorgesehen Ende April gewesen. Womöglich hätte der hartgesottene Theaterbesucher die 35-minütige Tour durch Markus Selgs mit antiken Verweisen und esoterischen Farben zum Bersten gefüllte Spielräume zwischen zwei andere Veranstaltungen geschoben und als leicht gruseligen Brainwashing-Versuch abgebucht. Doch inzwischen ist ja alles anders und der Gang in ein echtes Theater ein kolossaler Nervenkitzel, der einen vor lauter maskierter Menschen (es sind mindestens sechs!) im Foyer der Kammer 2 fast den Pressetisch übersehen lässt.

Kurz: Man ist eh schon nervös, weil der realen Kunstbegegnung entwöhnt – und dann tritt man einzeln in einen wunderschönen Alptraum und Sinnesreiz-Overkill ein. Was nun folgt, ist die BETA-Version von "Oracle", an der die Künstler durch Zoom verbunden von São Paulo, Berlin und München aus gearbeitet haben. Sie hat etwas von Jahrmarkt-Labyrinth, Geisterbahn, 3D-Computerspiel, Ashram, höchst illustrem Initiationsritual und LSD-Trip.

Nach dem Menschen

Ein Reiz- und Wirkungs-Mashup, das man von Susanne Kennedy kennt, die bereits zuvor mit den Münchner Selbstmord-Schwestern und der Volksbühnen-Ultraworld die Themen Todes- und Erlösungssehnsucht und Transhumanismus ins Visier nahm. Das ist nicht meine Reise, sage ich rundheraus. Nie gewesen. Weder im Leben noch hinter der vierten Wand. Doch in dieser immersiven Installation ist man flugs on the road.Oracle 3 560 JudithBuss uAuf dem Weg zur Wahrheit © Judith Buss

Wo Gefahr ist

Ursprünglich wären immer vier Leute im Pulk von dem goldenen Auge im Eingangs-Kubus gescannt und von den drei gerade noch an Menschen erinnernden Sirenen empfangen worden. Dank Corona ist man nun mit Thomas Hauser, Ixchel Mendoza Hernandez und Marie Groothof, ihrem sardonischen Lächeln, den blechern-verzerrten Stimmen, aasigen Freundlichkeiten und morbiden Paradoxien alleine: "You have to die before you die", verkündet Hauser mit der astralen Inbrunst eines sufischen Mystikers.

Mendoza Hernandez, deren zur grimmen Maske erstarrtes Kleinmädchenlächeln hinter dem Corona-Spuck-Visier – unmaskierter waren Kennedy-Schauspieler selten – einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, warnt vor Gefahr auf dem Weg zum Orakel und zitiert den während der Pandemie zu neuer Beliebtheit gekommenen Hölderlin-Spruch: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch". Während die Dritte im Bunde allein schon durch die plastische REM-Bewegungen ihrer Augen unter den geschlossenen Lidern verwirrt, wenn sie zu dritt ihren grausigen Sirenengesang anstimmen – und dann ganz pragmatisch die Liegen desinfiziert, auf denen der Besucher seinem Bewusstsein näher zu kommen versucht.

Oracle 2 560 JudithBuss uEcken des Bewusstseins © Judith Buss

Das "Erkenne dich selbst", das auf der Schwelle zum Orakel von Delphi steht, ist das Thema, das Los- und Hinter-sich-Lassen des Ich der Weg, der mit Schmerz gepflastert ist. Und wenig überraschend hat das Orakel, das den Besucher im drittletzten Raum empfängt, nicht so viel dazu beizutragen, schon gar nichts Erhellendes. Es ist ein lernendes KI-System, das mit den Fragen der Besucher wächst und tatsächlich auf sie reagiert – ob in irgendeinem kausalen Zusammenhang dazu, lässt sich schwer sagen. Doch zumindest ist mir nach so viel Bewusstseins-Stretching und relativ ironiefreiem Geleit die Lust darauf vergangen, dem Orakel richtig blödsinnige Fragen zu stellen. Fühlt man eine Art Pflicht zum Ernst auf seinen Schultern, ist die Transformation schon halb geglückt.

Oracle 1 560 MarkusSelg uUnendliche Weiten des Selbst © Markus Selg

Und ja, auch die Ehrfurcht ist groß vor dem Aufwand, den die Kammerspiele betrieben haben, um kurz vor Spielzeit- und Matthias Lilienthals Intendanz-Ende noch für magere vier Tage hygienevorschrifts-kompatibel die Bude zu rocken: Und wie schön sind die im Farbrausch ertrinkenden oder mit psychedelisch verzerrten Schwarz-Weiß-Grimassen über und über bedeckten weichen Böden und Wände, ist der blitzende, einen wie aus Argusaugen ablichtende "Inkubator"-Raum oder das finale, einem aus mehreren Bildschirmen entgegenschauende Gesicht eines Avatars. Und allein die Liste der Robotik-, KI- und "Dialogflow"-Experten sprengt schon den Rahmen unseres Credit-Kastens. Es ist eine alptraumhafte und unendlich traurige Welt, die sie zusammen mit den Künstlern kreiert haben – auch, weil einen die Nicht-Mehr-Menschlichen aus abgrundtief müden Augen anschauen. Vor allem die Schauspieler, aber auch ihre synthetischen Kollegen.

Schwerer Atem

Zwischendurch geht ihr Atem schwer, ihre Lider flackern – Ist da ein Husten, die Andeutung eines Röchelns? Ist das eine Störung im System, ein Hinweis darauf, dass das Transzendenzversprechen in die Irre geht? – oder doch schlicht das Corona-Virus, das sich auch hier dazwischendrängen muss? Es ist ein wenig so, als würden die posthumanoiden Kennedys-Figuren hier ihre Zerbrechlichkeit entdecken und das glatte Oberflächen-Theater geknackt oder zumindest porös gemacht, allein dadurch, dass es der Gast auf dem fremden Terrain mit seinen Fragen und seiner Unsicherheit infiltriert.

 

Oracle
von Susanne Kennedy und Markus Selg, in Zusammenarbeit mit Rafael Steinhauser
Inszenierung, Text und Konzept: Susanne Kennedy, Bühne und Konzept: Markus Selg, Kostüme: Teresa Vergho, Soundinstallation, Komposition und Künstlerische Mitarbeit: Richard Janssen, Licht: Charlotte Marr, Video und Künstlerische Mitarbeit: Rodrik Biersteker, Dramaturgie: Helena Eckert, Robot Architect: Lucas S. Maximiano, AI / Dialogflow Architect: Anderson Peligrini, Robot Design Advisor: Jose Pallazzi, Robot Design: Centro Universitario Facens, Sorocaba, Brazil, Face-Swap Technology: RefaceAI, Voice / AI Development and Design: Anna-Katharina Rausch und Jochen Emig, Voice / AI Development: Leonid Sokolov und Graciela Fellmann, Local Assembly / Debugging: Niklas Ludwig, Technische Projektleitung: Lukas Balthasar Pank.
Mit: Marie Groothof, Thomas Hauser, Ixchel Mendoza Hernandez, Benjamin Radjaipour, Frank Willens.
Eine Produktion der Münchner Kammerspiele in Koproduktion mit Olhares Instituto Cultural und in Kooperation mit BIG PICTURE GmbH und ONSEI GmbH.
In Englischer Sprache
Einlass alle 6 Minuten in vorreservierten Slots
Premiere am 15. Juni 2020
Dauer: 35 Minuten, keine Pause.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

In Markus Selgs Rauminstallation erkennt Kritiker Christoph Leibold im Deutschlandfunk Kultur (16.6.2020) ein "schwerwiegendes Manko" dieses Abends: "Es herrscht eine derartige Reizüberflutung, dass die Reflexion und Innenschau, die die Inszenierung zu stimulier(en) vorgibt, eher verhindert als befördert werden." Leider fielen auch die Antworten des Orakels "enttäuschend" aus. Sie lauteten, "grob zusammengefasst": 'Liegt nicht die Antwort schon in Deiner Frage verborgen?' Der Verdacht beschleicht einen, dass diese Erwiderung vorkonfektioniert ist, also gekommen wäre, egal, was man fragt."

"Und wie schon bei den Arbeiten an der Berliner Volksbühne etwa hat der Künstler Markus Selg nun auch an den Münchner Kammerspielen die begehbaren Räume in psychedelische Welten verwandelt, deren Atmosphäre zwischen Drogenphantasien und Tiefenbewusstsein changiert", sagt Sven Ricklefs im Bayerischen Rundfunk (16.6.2020). Allerdings sei "trotz der durchaus überwältigenden Bilderflut und dem sehr präsenten Soundtrack innerhalb dieser kurzen Zeit nicht wirklich ein Bewusstseinszustand zu erreichen, der dann die Begegnung mit dem Fragen beantwortenden Orakel, in Gestalt einer künstlichen Intelligenz, tatsächlich zu einem Ereignis machen könnte."

Ein "einziger Sinnenrausch, ein Overkill aus Farben, Klängen, Videobildern, Stimmen, Zeichen und Verweisen, gegen dessen Eso-Kitsch man sich innerlich sträuben, aber kaum erwehren kann", hat Christine Dössel erlebt, wie sie in der Süddeutschen Zeitung (17.6.2020) schreibt. "Man muss Susanne Kennedys theatralisches Interesse am Trans- und Posthumanen, an der Überwindung des Menschen durch Tod und Technik, nicht prinzipiell gut finden, um ihrem 'Oracle' - und sei es nach anfänglicher Einfühlungsverweigerung - doch eine Suggestionskraft und Schönheit abzugewinnen."

"Kennedys theatralen Tempel mit dem Wunsch nach Eindeutigkeit aufzusuchen ist überflüssig – ihr neues Stück ist ein Ereignis voller Paradoxien und Überforderung", schreibt Lili Hering in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17.6.2020). Kennedy und Selg gingen in ihrer neusten Arbeit einen weiteren großen Schritt in Richtung Symbolismus. "Ist das Neo-Esoterik, verkleidet im Gewand einer Theaterperformance?"