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Patiarchat am Ende

von Elena Philipp

Berlin, 22. Mai 2021. 14 Grad und Nieselregeln: Erstmals eine relevante Info rund um eine Premiere am DT, denn erstmals findet eine solche draußen statt. Vor dem dreiflügeligen klassizistischen Gebäude ist eine Tribüne errichtet. Knapp 120 auf Abstand gesetzte Zuschauer*innen frieren bei der Wiederaufnahme des Berliner Theaterbetriebs unter Decken und Regenumhängen. Gespielt wird auf den zur Bühne verlängerten Treppenstufen des Großen Hauses. Bis ins Foyer hinein reicht der Blick. Mit seinen Säulen und Kronleuchtern wirkt es wie eine barocke Kulisse und passt damit bestens zu Molière, dessen "Tartuffe" Jan Bosse in der Fassung von PeterLicht inszeniert.

Komödien-Klipp-Klapp auf der Metaebene

Molières Figuren treten auf, auch die Handlung ist bei PeterLicht weitgehend originalgetreu: Betrüger kapert Familienleben aka höfische Gesellschaft. Doch Tonfall und Themen sind heutig. Kreisen die Familienmitglieder um Vater Orgon wie um einen Sonnenkönig, kann man ihr Innenleben als spätkapitalistisch verstehen. Optisch spiegeln Kathrin Plaths Kostüme das Hybride wieder: Über bunten Ganzkörpertrikots tragen die Spieler*innen historisierende Kostümteile wie Reifröcke, hohe Perücken, Stulpenstiefel oder pelzbesetzte Mäntel.

Tartuffe1 600 ArnoDeclair uIn barocker Outdoor-Kulisse: Moritz Grove, Linn Reusse, Božidar Kocevski, Kotbong Yang, Natali Seelig, Felix Goeser © Arno Declair

Als Höflinge drapieren sich die Spieler*innen in den ersten Szenen. Schwadroniert wird, was das Zeug hält. Im kommunikativen Leerlauf hohldrehend, verspüren die Familienmitglieder eine "Tendenz der Ungeilisierung" und ersehnen den "Zustand der Vollgeilheit". Nur "geil" gilt man in dieser Gesellschaft als satisfaktionsfähig, der Anpassungsdruck ist offenbar gewaltig. Minutenlang verhandelt Regine Zimmermann – als "Vatermutter Herr Frau Pernelle", im Outfit der "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel"-Stiefmutter per Fahrrad lässig auf die Bühne kurvend – mit Natali Seelig als Gattin Elmire, ob "Perni" nun lieber drinnen oder draußen wäre und wie der Übergang zwischen beiden Zuständen vor sich ging bzw. gehen könnte.

Komödien-Klipp-Klapp auf der Metaebene. Im Ensemble wird debattiert, ob die Familie sich gegen den Vater Orgon stellt oder ob "Orgis" Handeln gegen die Familie gerichtet ist. Hat er doch den "Tüffi" in den bislang stabilen Sozialverbund eingeführt. Seither ist die öde, aber stabile Harmonie gestört. Diese Skepsis und Kritik können geäußert werden ("Ok, versteh"), werden von Königinmutter Perni aber resolut wegorganisiert.

Im Tüffi-Reich

Ist doch geil, wenn der Orgi mal jemanden anschleppt! Felix Goesers Orgon lässt sich Zeit mit dem Auftritt, schleicht lange durch den Bildhintergrund. Prüft oben auf dem Balkon das Wetter, beobachtet seine Familie und verschwindet wieder, um etwas später an der Garderobe vorbei zu huschen. Auf der Bühne angekommen, nimmt er gleichwohl souverän den ihm zustehenden Platz ein: in der Mitte. Auf seiner Person bündeln sich zentralperspektivisch die Blicke, wie er selbstbewusst erzählt.

Orgi hat allerdings ein Veränderungsprojekt, das er in einem charmant großspurigen Monolog vorstellt, während die übrigen Figuren stumm wie Lakaien herumstehen, die Arme ihm entgegen gereckt. Statt der von ihm bislang geschätzten "Gemitteltheit" muss etwas Neues her, etwas Geileres – sowas wie der Tartuffe und dessen "Tüffi-Reich", in das Orgi seine Familie zu überführen gedenkt.

Tartuffe2 600 ArnoDeclair uDie Leere des modernen Menschen: das Ensemble © Arno Declair

Auftritt Tartuffe. Rosa Anzug und schief abgeklebtes Gesicht, grunzt und rüsselt Božidar Kocevskis Tüffi vom Balkon auf die Unterlinge nieder, die – "Hä?" – nichts verstehen. Orgi interpretiert die animalischen Laute vorauseilend als geil und der dienstfertige Schwager Cléante (Moritz Grove) überbringt als Dolmetscher Tüffis Forderungen: Der Tartuffe sei jetzt "da" und wolle einen 1:1-Workshop mit Elmire abhalten. Entsetzt reagiert die Gruppe, fängt sich aber gleich wieder. Ist schließlich Tüffi, Orgis Protégé. Mit sanfter Gewalt drängt Orgi seine Elmi zur "Kontextualisierung", einem Sex-Stelldichein, das die Gattin nach anfänglichem Widerwillen sogar genießt. Ihr Gesicht vergräbt sie im Hintern des wie ein Aerobic-Trainer über die Bühne hüpfenden "allerwertesten" Tüffi. Die vorherigen Lockerungsübungen in der Gruppe haben angeschlagen: Im Wollen und Fühlen folgen Orgons Angehörige wie Sektenmitglieder dem externen Berater-Schamanen.

Hierarchiegläubigkeit und Gruppenzwang

Vom Orgi-Tum ins Tüffi-Reich ist es nicht weit: Ein Charismatiker ersetzt den anderen. Patriarchen sind sie beide. Orgi als feiger Galan will seine Tochter Mariane (Kotbong Yang) mit dem geilen Gast verheiraten, druckst ihr gegenüber aber verlegen herum. Tüffi ist da offensiv (und Božidar Kocevski mit vollem Körpereinsatz ein Verführer zwischen Musical- und Schlagerstar): Elmi und die anderen sollten sich einfach einlassen auf seine Worte und Gedanken, die er als penisförmig ausgestülpt imaginiert und gerne teilt – sofern man die saftigen Preise seiner "Tüffi School of Ausstülpung" zahlt. Womit Tüffi als Geschäftemacher enttarnt ist und sich verziehen muss, weil nicht nur Elmi zugehört hat, sondern, unter Tischen versteckt, auch alle anderen.

Tartuffe 560 ArnoDeclair uGeiler Gast: Božidar Kocevski ist Tüffi aka Tartuffe © Arno Declair

Eine Enttarnung als Gesellschaftskritik: In seiner Reduktion von Molières Komödie erzählt PeterLicht von Hierarchiegläubigkeit, Gruppenzwang und der inneren Leere des modernen Menschen, garniert mit Philosophismen vom Existenzialismus bis zur Kapitalismuskritik. Jan Bosse arbeitet aus dem Theatertext sehr viel deutlicher einen Bogen heraus als etwa Claudia Bauer: Das patriarchal grundierte Gesellschaftsmodell ist am Ende, die einzelne Lichtgestalt rettet niemanden mehr.

In der sich ausbreitenden Depression am Lagerfeuer entwickelt ausgerechnet die zuvor eher passive Mariane eine Utopie, die dem Geniemodell entgegensteht: In einem Traum löste sie sich auf in einem universellen Gefühl der Liebe, ohne mehr zwischen Eigenem und Gesamtem unterscheiden zu können, ein großes Glück verspürend. Es könnte eine Tüffi-Sentenz sein oder eine geile Idee. Auch die Inszenierung wirkt noch etwas unentschlossen, inwieweit sie auf die Tube drücken oder ernsthaft die Themen verhandeln soll. Wie der "Tartuffe" aussieht, wenn sich Timing und Zusammenspiel vor Publikum eingepegelt haben, können Berlins Theatergänger*innen jetzt wieder herausfinden.

 

Tartuffe oder Das Schwein der Weisen
von PeterLicht, frei nach Molière
Regie: Jan Bosse, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Musik, Komposition & Sounddesign: Carolina Bigge, Arno Kraehahn, Licht: Marco Scherle, Dramaturgie: David Heiligers.
Mit: Regine Zimmermann, Felix Goeser, Natali Seelig, Tamer Tahan, Kotbong Yang, Moritz Grove, Linn Reusse, Božidar Kocevski, Carolina Bigge.
Premiere am 22. Mai 2021
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

"Eine euphorischere, beglückendere Rückkehr zum Live-Theater vor Publikum kann man sich kaum wünschen", ist André Mumot im Deutschlandfunk Kultur (22.5.2021) begeistert. Regisseur Jan Bosse inszeniere "einen knallbunten Molière'schen 'Tartuffe'", in dem "nicht, wie so oft im künstlerisch avancierten Gegenwartstheater, auf das Genre der Komödie und ihre Figuren herabgeschaut" werde. Stattdessen gebe das "hinreißende Ensemble" den "schrillen Karikaturen Würde" und gestalte "jeden Augenblick mit Wärme, Zuneigung und Schwung".

PeterLichts "Tartuffe" sei "in seiner elliptischen Wortwut und Kalauerseligkeit gar nicht leicht zu fassen", meint Patrick Wildermann im Tagesspiegel (23.5.2021). "Jan Bosse schafft es aber, die Textkaskaden mit einem tollen Ensemble zu verdichten und andockfähig zu machen." Das gewinne "gesteigerten Drive" auch dadurch, dass der Regisseur "sich nicht mit reinem Vorplatztheater zufrieden gibt, sondern das DT im Rücken als Schau- und Spielplatz nutzt".

Einzig das kühle Wetter machte Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (23.5.2021) etwas zu schaffen: "Zupackend, wie das 'Schwein der Weisen' nun mal ist, weiht es seinen ersten Ausstülpungsworkshop sofort mit Elmis Gesicht in seinem Hintern ein. Ein flotter Rumba wird draus, wie Jan Bosse überhaupt dem Sprechstück viel Musik, Lockerheit und Kürze beibringt. Mit der kommenden Wärme wird sicher auch die Tendenz zur Geilheit steigen."

Katrin Bettina Müller von der taz (24.5.2021) hat den ersten analogen Theaterabend 2021 "gut überstanden" und widmet sich dem Text von PeterLicht: "PeterLichts Text dreht irrsinnige Schlaufen, immer nahe am Nonsens, die sich dann doch um einige ideologische Konstruktionen drehen und dran zerren. Nicht Frömmelei und Heuchelei sind bei ihm, wie es bei Molière war, die Fehler im System, sondern Selbstoptimierungswahn, Anpassung in der Peergroup und Hedonismus als Feiheitsversprechen. Dabei nutzt er eine Sprache, die scheinbar hip ist, durchsetzt von werbenden Floskeln, frei von Nuancen."

Zugeneigt berichtet Irene Bazinger in der FAZ (25.5.2021): "Jan Bosses fröhlich beschleunigte Inszenierung dauert keine zwei Stunden, sie ist dynamisch, druckvoll und von klugem Klamauk getragen. Mit dem vortrefflichen Ensemble zeigt er PeterLichts vergnügliche Sprachkritik als anregendes Sommertheater, bei dem man herzlich kalt über andere lachen kann – und sich dabei trotzdem die so lange untätigen Applaushände wärmt."

Für die Süddeutsche Zeitung (26.5.2021) hat sich Sonja Zekri gern in den Nieselregen gesetzt: "Sanft nieseln die Achtsamkeitsfloskeln und Befindlichkeitsleerstellen herab. Während man der kunterbunten, am Ende vor Kälte zitternden Truppe bei ihrer gescheiterten Expedition ins Äußere zusieht, echten Schauspielern auf einer echten Bühne, nach all dem einsamen In-sich-Hineinhören und verstopfendem Social-Media-Konsum, da wirkt der Gedanke an ein bisschen 'Ausstülpung' gar nicht mal so schlecht, irgendwie befreiend. Aber vielleicht ist das auch nur der fast vergessene Effekt, den gutes Theater hat."

"Jan Bosses Inszenierung ist ein festlich verpacktes Paket, das einen Knallfrosch enthält. Voller Spaß und Leere. Ein Kostümfest in Mantel und Regen", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (27.5.2021). "Bosse und Licht unterlaufen die Vorfreude auf das kommende Theater, indem sie, unterstützt von tollen Schauspielerinnen und Schauspielern, das Konzept verhöhnen, man könne im Zusammenspiel mit anderen Menschen etwas erfahren, das nicht auf Niedertracht und Einsamkeit hinausläuft."