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Fragen ohne Aufschub

von Christian Rakow

26. Mai 2021. 24 mächtige grönländische Eis-Blöcke platzierte das Künstlerduo Olafur Eliasson und Minik Rosing im Dezember 2018 vor der Tate Modern in London. Für die Produktion Ice Watch, zum Jahrestag des Pariser Klima-Abkommens. Die Klötze schmolzen dahin, wie das Eis in Grönland selbst. Ein starkes Symbol für die Folgen der Erderwärmung. Um es herzustellen, wurden 55 Tonnen Treibhausgase (CO2-Äquivalente) in die Luft geblasen. So ließen es sich Eliasson/Rosing von der Umweltagentur Julie's Bicycle errechnen. Das Gros der Umweltlast (82%) entstammte dem Schiffstransport und der Kühlung des Eises, etwa 16 % machten die Flugreisen des Teams aus. Für dieselben Emissionen hätte man zwei Schulklassen von London nach Grönland und zurück fliegen können, kalkulieren Julie's Bicycle. An der Tate sahen tausende Menschen die Installation, über die mediale Verbreitung noch zehntausende mehr. Eine gute Kosten-Nutzen-Balance?

IceWatcchLondon2018 1000 JustinSutcliff OlafEliassonNet Die Kunstaktion "Ice Watch" vor dem Londoner Museum Tate Modern  © Justin Sutcliff / olafueliasson.net

Das Beispiel "Ice Watch" entstammt der Broschüre Klimabilanzen in Kulturinstitutionen, die die Kulturstiftung des Bundes (KSB) heute zum Abschluss ihres gleichnamigen Pilotprojekts präsentiert. 19 Museen, Bibliotheken, Theater und Konzerthäuser haben auf Einladung der KSB die Wintermonate genutzt, um ihre Treibhausgasemissionen des Jahres 2019 zu ermitteln – betreut von der Hamburger Nachhaltigkeitsökonomin Annett Baumast. Die Energie- und Wärmekosten der Betriebe wurden beleuchtet, Abfall, Papierverbrauch, die Mobilität von Mitarbeiter*innen und Besucher*innen (um nur einige Bereiche zu nennen).

Im Schnitt bilanzierten die Häuser 1073 Tonnen Treibhausgasausstoß fürs Jahr. Auf die Gebäudegröße berechnet, variieren die Emissionen zwischen 22 und 118 kg CO2-Äquivalent je Quadratmeter. Wer die größten Klimasünder sind, sagt die Broschüre nicht. Um Druck aus der Sache zu nehmen, listet sie nur Durchschnittswerte. "Wir wollen keine Konkurrenzsituation herstellen, sondern die Idee ist: dass sich ein Haus an sich selbst misst und von Jahr zu Jahr besser wird", sagt KSB-Leiterin Hortensia Völckers. Die Aufgabe ihrer Institution sieht sie darin, mit gezielten Aktionen "Transformationsprozesse" anzustoßen.

KSB KlimaPilotDas Maximum des Möglichen

Mithin geht es im Pilotprojekt "Klimabilanzen" darum, die Nachhaltigkeitsperspektive in der Betriebspraxis zu implementieren und mit einem entsprechenden Bilanzierungswissen zu unterfüttern. Die vorgelegten Ergebnisse sind einstweilen rudimentär, die absoluten Zahlen wenig aussagekräftig.

Das Produktionshaus Kampnagel in Hamburg etwa hat – in der Kürze des Projektzeitraums – keine Erhebungen zur überregionalen und internationalen Mobilität seiner Gastkünstler*innen liefern können. Genau diese Lasten des Tourneebetriebs (Flüge, Bahnreisen, LKW-Transporte, Hotelübernachtungen) machen aber einen signifikanten Anteil der Emissionen an einem weit vernetzten, freien Produktionshaus aus.

Auf Kampnagel steht aktuell die Generalsanierung der Spielstätten an, die sich ausdrücklich Nachhaltigkeitszielen verpflichtet. Aber die baulichen Gegebenheiten und der Denkmalschutz setzen einen engen Rahmen. Eine Außendämmung, die die Fassade der alten Industriehallen verändert, verbietet sich, erzählt Intendantin Amelie Deuflhard beim Gespräch über das Pilotprojekt. Über natürliche Belüftung anstelle von Klimaanlagen denke man nach, sagt Deuflhard und ruft im selben Atemzug die Arbeit des Schlingensief-Architekten Francis Kéré am Operndorf in Burkina Faso in Erinnerung, der dort ebensolche Belüftungssysteme entworfen hat. Aber noch ist offen, inwieweit so etwas realisierbar ist. "Es wird schwer sein, zum Emissionsausstoß Null zu kommen. Aber man sollte halt das Maximum des Möglichen erreichen. Unter diesen Rahmenbedingungen funktioniert nur 'intelligentes Sanieren', wie es der Architekt Jean Philippe Vassal vom von uns präferierten Büro Lacaton & Vassal kürzlich formuliert hat", so Deuflhard.

In Gebäudefragen hängen die Theater in der Regel vom städtischen oder staatlichen Immobilienmanagement ab. Nicht einmal auf Ökostrom können sie in Eigenregie umstellen, erläutert Joachim Klement, der Intendant des Staatsschauspiels Dresden. Dresden hat in seiner Klimabilanz einen hohen Anteil an Mitarbeiter- und Besuchermobilität identifiziert, wie es die Broschüre darlegt. "Wer soll hier für den Ausgleich sorgen?", fragt Klement in unserem Gespräch. In diesen Belangen sei die Politik in der Pflicht. "Wir haben ausgerechnet, dass wir für jeden Besucher eigentlich 1,50 Euro in einer Klimabilanz aufwenden müssten, um diese Emissionen auf Null zu stellen." Bei einer Besucher*innenzahl von 208.000 (in der Saison 2018/2019) kommt da schnell eine beträchtliche Summe zusammen. Aber die Corona-Krise belastet Theater wie die öffentliche Hand im Ganzen; das Geld wird in der kommenden Zeit nicht locker sitzen.

Wie packt man's an?

Die Kernfragen reichen hinein in die künstlerische Arbeit. Dresden ist ein produzierender Repertoire-Betrieb mit umfangreichen Werkstätten. Man nutze schon lange zertifiziertes Holz, sagt Klement. "Und wir gucken auch, wo der Stahl produziert wird." Aber dann gibt er ein Beispiel aus dem aktuellen Juni-Spielplan: Für Goldonis Trilogie der Sommerfrische in der Regie von Rafael Sanchez sei eine große Menge Bade-Utensilien für das Bühnenbild vorgesehen. Die könne man in China "in einer Größenordnung von 4000 Euro bekommen", so Klement: "Aber wenn Sie sie nachhaltig wollen, liegen Sie schnell beim Vier- bis Fünffachen. Das ist jenseits des Budgets."

Genau hier liegt der springende Punkt des Pilotprojekts "Klimabilanzen": Wie packt man's an? Wird aus der Erkenntnis- eine Willensbildung folgen? Will man sich in den Produktionsabläufen womöglich auch künstlerisch einschränken, um die ökologische Last zu minimieren? Die globalen Klimafragen dulden keinen Aufschub. 420 Gigatonnen CO2-Ausstoß hat die Menschheit noch, um das Pariser Ziel von maximal 1,5 Grad Erderwärmung einzuhalten. Bei konstanten Emissionen ist dieses Budget in sieben Jahren aufgebraucht.

Konkrete verpflichtende Handlungskonsequenzen sind mit dem Projekt einstweilen nicht verbunden. Die KSB will in ihre Förderprogramme vorerst keine Auflagen zur Klimabilanzierung einbauen, sagt Völckers. "Das wird sehr schnell als Eingriff in die künstlerische Freiheit empfunden." In England etwa, von woher das Klimabilanzen-Projekt seine Inspiration bezieht, sei das anders; dort würden bei Förderungen auch Nachhaltigkeitsauflagen gemacht. "Und wenn man das, was verabredet ist, nicht einhält, gibt's eine Kürzung." Völckers bezweifelt, dass die KSB für solche Steuerungsmaßnahmen die richtige Instanz ist. Vielmehr sieht sie die "Kultur-MK" in der Pflicht, den Ableger der Kultusministerkonferenz, in der Bund und Länder kulturpolitische Fragen verhandeln. "Dort dauert es natürlich länger. Aber das wäre der richtige Ort, um einen Konsens zu verabreden."

Informierte Symbolpolitik

Im Punkt des infrastrukturellen Umbaus sehen alle Gesprächspartner*innen die Umwelt- und Wirtschaftsministerien als Adressaten und schließen sich damit der Stoßrichtung an, die auch Jacob Sylvester Bilabel vom neu gegründeten Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit vorzeichnet. Aus den Kulturetats allein werde die Transformation nicht zu bewerkstelligen sein.

Für den Moment bietet das Klimabilanzen-Projekt informierte Symbolpolitik. Man unterfüttert das aufkeimende Nachhaltigkeitsanliegen mit konkreten Betriebszahlen. Die beteiligten Häuser tauschen sich über mögliche Maßnahmen aus (eine Liste mit Handlungsempfehlungen gibt's auf Seite 25 der Broschüre). Arbeitsgruppen werden gebildet. "Ich habe selten eine so politisierte Form des Miteinanders erlebt", sagt Joachim Klement. "Wir haben auch schon vor zehn Jahren Klima-Projekte gemacht, aber sie wurden nicht so direkt auf das eigene Wirtschaften bezogen", sagt Amelie Deuflhard.

fridays for future 560 Imago xDemonstrant*innen an einem Galgen auf schmelzenden Eisblöcken am Brandenburger Tor in Berlin bei der Fridays-for-Future-Demonstration im Rahmen des weltweiten Klimastreiks im September 2019  © snapshot-photography/F.Boillot

"Practise what you preach": Lebe vor, was Du predigst – das ist die neue Messlatte. Für die Klimatheaterabende, die jetzt aus dem Boden schießen. Auch für die Bühnenpraxis im Ganzen. Gerade das Theater, das in der Kunst der kleinen Formen beschlagen ist und in seiner Minimalanforderung eigentlich nur die Spielerin und ihre Geste benötigt, um Welten zu erschaffen, sollte für die anstehenden Fragen gut gerüstet sein.

Nach aktuellem Marktpreis für CO2-Zertifikate von 52 Euro pro Tonne hätten Eliasson/Rosing für ihr megalomanes "Ice Watch" übrigens 2860 Euro Emissionskosten einstellen müssen. Bei der Großdemonstration von Fridays For Future im September 2019 gab's eine vergleichbare Geste deutlich billiger. Drei Aktivist*innen hatten sich vor dem Brandenburger Tor aufgebaut: an einem Galgen, Stricke um den Hals, unter ihren Füßen schmelzende Eisklötze. Das Bild ging als provokantes Statement zur Klimakrise um die Welt. Und kein Flieger und kein Kühlschiff wurden für die Performance bewegt.

 

Kulturstiftung des Bundes
Klimabilanzen in Kulturinstitutionen

www.kulturstiftung-des-bundes.de

 

Hier finden Sie die Broschüre Klimabilanzen in Kulturinstitutionen der Kulturstiftung des Bundes online.

Mehr Beiträge zum Thema finden Sie in unserem Dossier Theater und Klimakrise.