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Endstation Daseinsflucht

von Dorothea Marcus

Köln, 7. November 2008. Pflegenotstand in Deutschland. Eine einzige Altenpflegerin, durch Zufall heißt sie Solveig, ist verantwortlich für sieben Tattergreise. Auf drei Bühnenebenen sitzen sie auf Campingliegen, in Rollstühlen und Gehwagen und röcheln, klagen, husten, während schallend die Lebensuhr tickt – gespielt von einem großartigen Ensemble mit Schlagzeugen und Marimbaphonen.

Sie machen zuweilen neben die Bettpfanne oder ziehen unmotiviert ihre Hose runter. "Ziehen Sie sich an, wir haben ihr Pimmelchen alle schon gesehen", flötet Solveig resolut, während sie Spucktücher reicht, Schminke aus dem Gesicht wischt oder unermüdlich verschütteten Kaffee nachschenkt. Beiseite ins Mikro spricht sie dann die Wahrheit: schonungslose Texte von zivildienstleistenden Pflegern. Zuweilen zieht sie ihren Kittel aus und trägt darunter ein verführerisches dunkelrotes Kleid, später wird sie zur gekonnt lasziven Sextänzerin Anitra ohne Seele (Angelika Richter ist beeindruckend wandelbar) – aber das ist vielleicht auch nur das Kopfkino ihrer Patienten.

Zukünftiges Zurückträumen im Dauerdämmer

Ibsens Stück "Peer Gynt", das dramatische Gedicht von 1867, ist eigentlich eine Art Seelenreise, der fantastische Lebensroman eines jungen Bauernsohns, der mit Lügengeschichten seine einfache Bauernkate zum Palast macht, viele Mädchen verführt und durch Trollreiche und Wüstenwelten reist auf der Suche nach sich selbst – und schließlich im Irrenhaus landet, bevor er in die Arme von Solveig heimkehrt.

Karin Beier hat das Irrenhaus von Kairo zu einem Pflegeheim in Deutschland gemacht, die Schlusssituation an den Beginn gestellt – und eröffnet so eine völlig neue Perspektive auf das schwierige Stück. Peers Lebensreise wird zum Rückblick zwischen Fantasien und Erinnerungsschüben eines Halb-Dementen. Wer weiß schon, wie er sich später einmal fühlen wird, so alt geworden, als "welker Rest", in der Dämmerung aus Wachen und Träumen, aus Lebensbildern und vergangenen Visionen. Eine grandiose Idee.

Peer Gynts Größenwahn und seine Lebensreise werden im Heim nachgespielt, weil man da ja sonst nichts mehr zu tun hat. Und so ist Mutter Aase ein urkomischer, röchelnder und klagender Thilo Nest mit Damenpumps, Albert Kitzl ein notgeiler, zittriger Migrant, Torsten Peter Schnick eine keifende Männerbraut Ingrid und das Trollmädchen ein bärtiger und äußerst vergesslicher Martin Reinke.

Inzestuöse Umarmung auf Riesenbauch

Das Trollreich setzt sich aus einem Sonnenschirm, Gartenzwergen und Plastikblumen zusammen, während der Trollkönig Josef Ostendorf trotz seiner gewaltigen Gestalt und seinem Hang zum Kalauer mit einer absurden Krone, Deckenumhang und Sauerstoffflasche auf die ihm eigene Art entrückt und fremd wirkt. Seinen Schwiegersohn Peer Gynt zieht er in einer inzestuösen Umarmung auf seinen riesigen Bauch und seine Tochter gleich mit – ein großer Swingerclub.

Und so springt die Geschichte zwischen profaner Heimrealität und Demenzfantasien hin und her. Peer Gynt fantasiert sich als Weltkönig und Frauenheld und wird von Michael Wittenborn als ewig junggebliebener Möchtegern-Dandy mit Haartolle und Künstlerjackett gespielt. Schade nur, dass sich die triste Gegenwart immer wieder zu Wort meldet und die Schwester die Fantasieausflüge brutal unterbricht.

Dann wieder schwanken sie wie auf einem echten Schiff, das Orchester rauscht und pfeift dazu, oder sie brechen in versponnene Choreografien aus. Später, an der Küste Marokkos, ist Peer Gynt nicht durch Sklavenhandel, sondern als Investmentbanker reich geworden, und die vier Herren, die ihm helfen sollen, Kaiser zu werden, tragen Cowboyhütte oder Russenkappen.

Kluges und unerbittliches Umkreisen

Karin Beier inszeniert mit einem sicheren Gefühl für Rhythmus und scheut dabei keine Längen. Ihre Bilder sind nicht spektakulär, sondern klein und unprätentiös, sie setzt auf Stille und Zeit. Da werden drei Stunden schon manchmal lang – ganz abgesehen davon, dass man die Herren aus dem Heim teilweise ärgerlich schlecht versteht und sie mit ihren Ticks sehr an Marthalers legendäre Murx-Besetzung erinnern, mit der er in der Theatergeschichte wohl ein für alle mal die Altenheimsituation definiert hat.

Doch letztlich ist das unwichtig, denn immer mehr kreist der Abend klug und unerbittlich jene finalen Feststellungen ein, um die man nicht herumkommen wird: dass das Leben, das man sich einst linear aufsteigend fantasiert hat, an einem Ort endet, von dem aus es nicht mehr weitergeht. Dass man dort zum eigenen Selbst verflucht ist, dessen Kern man immer gesucht hat. Und dass es diesen Kern, Sinn oder Inhalt womöglich gar nicht gibt und nichts übrig bleibt als die Feier dieses Nichts.

Zum Schluss tapert Peer Gynt ins Altersheim zurück, wo ihn eine greisenhafte Solveig empfängt, aber so richtig Trost spendet das nicht mehr. Das soll es jetzt gewesen sein? Dieses sternschnuppenhafte Leben – letztlich kann man es wohl wirklich nur ertragen, wenn man es schönfantasiert.


Peer Gynt. Ein dramatisches Gedicht
von Henrik Ibsen
deutsch von Frank Günther, Fassung von Karin Beier
Regie: Karin Beier, Bühne: Thomas Dreissigacker, Kostüme, Maria Roers, Choreografie: Valenti Rocamora, Musik: Jörg Gollasch. Mit: Albert Kitzl, Thilo Nest, Josef Ostendorf, Martin Reinke, Angelika Richter, Torsten Peter Schnick, Michael Weber und Michael Wittenborn. Musiker: Henning Brand, Norbert Krämer, Klaus Mages, Michael Pattmann, Yuko Suzuki.

www.schauspielkoeln.de


Mehr über Karin Beier lesen Sie in den Kritiken (und Kritikenrundschauen) zu ihrer Grillparzer-Inszenierung Das Goldene Vlies im Mai 2008 oder zu Der Menschenfeind von Molière im Januar 2008. Beides kam am Schaupiel Köln heraus.

 

Kritikenrundschau

"Das Stück spielt in einem kalten hellbraunen Männeraltersheim", schreibt Eberhard Rathgeb in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (9.11.), "alles, was jetzt passiert, sind Träume und Phantasien, vielleicht Erinnerungen eines der hier in seinem Sessel die letzten Tage verdösenden zittrigen einsamen Alten." Das sei eine konkrete Idee, so Rathgeb, "aber eine konkrete Idee reicht für ein abstraktes Gedankenexperiment mit Namen 'Peer Gynt' nicht aus." Da helfe auch nicht der beflissene Schwenk in die scheinbare Realmoral der Finanzkrise, zu völlig egoistischen Investmentbankern. Dass der alte Peer Gynt nach der phantasierten, erinnerten Fahrt durch die Welt und das Leben wie ein Häufchen Elend wieder in seinem Sessel schlafend zusammensinkt, sei noch das eindrucksvollste Bild einer an Bildern sehr armen Vorstellung. "In Köln sah man keine Zwiebel, keine Haut und keine Häutungen. Nur das Selbst kam in der gesprochenen Rede selbstredend häufig vor: Es sah sehr blass aus."

Im Gegensatz dazu ist das Ganze für Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (10.11.) ein "Theaterglücksfall" mit "fabelhaften Schauspielern". Einmal mehr beweise Beier "großes Gespür für das, was ihre Figuren an- und umtreibt und sie zu unseren Leidens- und Zeitgenossen macht". Sie habe die Fähigkeit, "Gefühle zu beschwören, ohne je prätentiös und kitschig, ja ohne einfühlungstheatralisch psychologisch zu werden" – "ein Theater der emotionalen Intelligenz". Den Ibsen "als Rückblende eines senilen, halb-dementen Mannes zu erzählen" mache "nicht nur Spaß und sehr viel Sinn", sondern eröffne "einen neuen Blick" auf das "sperrige Monumentalstationendrama". Die Frage, was von einem Leben bleibt, gewinne dadurch, dass es "es gebrechliche Alte sind, die dies verhandeln, leibhaftige Stellvertreter einer Gesellschaft im demografischen Wandel", eine "tragikomische, zutiefst anrührende Dimension". Wittenborn sei der "ideale 'reife' Partner" für dieses Konzept, "immer ein bisschen neben seiner Rolle stehend, diese befragend". Großes Lob daneben für Tilo Nest, Josef Ostendorf und Martin Reinke. Es gelängen "Szenen von bezaubernder Komik und einer poetischen Melancholie, in fließenden, musikalisch ungemein fein rhythmisierten Übergängen" – "eine Lust, dem zuzusehen". "Auch musikalisch" sei diese Inszenierung "ein Ereignis". Seit Marthaler habe wohl "keiner so ergreifend und komisch zart vom Alter und vom Stillstand der Zeit erzählt wie Karin Beier in dieser Inszenierung".

Auch für Stefan Keim von der Frankfurter Rundschau (10.11.) "marthalert" es hier gewaltig. Die "Lust am extremen Spiel über die Geschlechtergrenzen hinweg" erinnere hingegen an Jürgen Gosch, ebenso wie die "schnellen Brüche, das Kippen von Verzweiflungsdramatik in quasi privates Nebenbeigeplapper". Manche Ideen wirkten diesmal "einfach geklaut". Alles in den Kopf des Protagonisten zu verlegen, vereinfache vieles: "Die Glaubwürdigkeitsprobleme weichen der Traumlogik, das Welttheater ist nur Hirnraserei, ein Psychotrip im Pflegeheim". Dabei gelängen "immer wieder packende Momente". Peer sei von Anfang an "eine lächerliche Figur", die niemand ernst nehme, und durch die "vielen aktuellen Anspielungen" außerdem Waffenhändler und "Hedgefonds-Heuschrecke" – "innerlich ein Nichts". Die zweite Hälfte erscheint Keim gesteigert, Beier klebe nicht am "Pflegeheimkonzept" und auch der "zuvor etwas nuschelige" Wittenborn werde stärker. "Die Lebenslüge des Egozentrikers zerbricht, sein Ich war bloß eine Einbildung" – mit dieser "harten, unversöhnlichen Botschaft für eine Gesellschaft, die Individualität zum Kult erhebt", treffe Beier am Ende "doch noch einen Nerv".

Noch einer fühlt sich an Marthaler erinnert: Andreas Rossmann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (10.11.). Das Altersheim sei "ein starker, aber auch mutwilliger Rahmen", der das Stück verenge und ihm zugleich viele Möglichkeiten der Darstellung öffne, "denn was durch den Filter der Erinnerung geht, streift die Zwänge des Realismus ab". Ausgiebig versetze "die Musik die Tattergreise zurück in ihre Jugend" und mache ihnen "noch einmal tranceartig verschleppte Tanzbeine". Allerdings nehme die Inszenierung "viele Striche in Kauf" und pulvere das Stück mit flotten Sprüchen, Anspielungen, Zitaten auf. Peers Lebensreise werde dabei "zur sozialkritischen Exkursion 'aktualisiert'". Die Inszenierung entlasse "das Schauspiel aus der Märchen-Haft", entkleide es "seiner Allegorien, Buntheit und Folklore", lege Ibsens Parabel jedoch "auch so weit flach, dass ihre Poesie verblasst". Während das Kölner Ensemble, "gelassen und gewitzt, verschroben und grotesk, wie es Spielfreude entwickelt", den "Aufwärtstrend" des Hauses bestätige, lasse sich Beier "zu weit von ihrer Konzeption einschnüren".

Ja, doch, so könne man "Peer Gynt" aufzäumen, meint Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (10.11.). Zumal Beier die Balance "zwischen nüchterner Dokumentation des Pflegenotstands und ästhetisch ansprechender Rhythmisierung des Klagekonzerts" halte. Auch für Bos "marthalert" es ein wenig, aber nicht so sehr, "dass die Musik die Menschen schlucken würde", bei denen sich Beier "fast durchweg für die kleinen, zurückgenommenen, scheinbar ärmlichen Lösungen" entscheide. Die Szenen zwischen Wittenborns Peer und Nests Aase entfalteten "so eine mitreißende emotionale Wucht, die man niemals hinbekäme, drückte man stets kräftig auf die Tube". Allerdings vermisst Bos "mitunter den wilden, impulsiven, welthaltigen Gynt". "Am gröbsten" stricke die Regisseurin, wenn sie Gynt "als zynischen Waffenhändler" schwadronieren lasse, zum Glück sei "dieser Ausflug ins Kabaretthafte" schnell beendet.

Beier konfrontiere das Publikum "mit einer keineswegs angenehmen Ästhetik der Gebrechlichkeit", schreibt Sandra Nuy in der Kölnischen Rundschau (10.11.). Die von Beier hinzugefügten Solveig-Monologe für Angelika Richter, die den Altenpflegerinnen-Alltag beschreiben, seien zwar "erschütternd", "gleichwohl überflüssig", da sie sich nicht in die von Ibsen erzählte Geschichte fügten: "Einer Geschichte nicht über den zerfallenden Körper, sondern über die menschliche Seele als ein Ensemble frei flottierender Elemente". Hingegen funktioniere das Rollenspiel, bei dem Peers Mitpatienten in sein Fantasie-Spiel willig einsteigen "(nicht nur) als Idee sehr gut". "Alles Märchenhaft-Romantische" schrumpfe dabei "konsequenterweise zum ironischen Zitat". Den Darstellern gelängen "wunderbare schauspielerische Miniaturen". Peer Gynt sei bei dem "überragenden" Wittenborn, der sich "die Erinnerungen an sein Leben aus einer Körperlichkeit" hole, "ein charmanter, doch dabei nachdenklicher Taugenichts".