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Gott bewahre uns vor Eröffnungsreden

Von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 11. August 2009. Daniel Kehlmann hatte in den vergangenen zwei Wochen ja ausreichend Gelegenheit zum Einüben von unverbindlichen Antworten, die er nun auch im Abschluss-Pressegespräch der Reihe "Dichter zu Gast" bei den Salzburger Festspielen hören ließ. Jovial und geschmeidig, wie er eben ist.

Im Grunde, so ließ er alsbald wissen, wolle er ja gar nicht mehr reden über die Eröffnungs-Festrede, für die er nun seit zwei Wochen im Feuilleton zerrissen und von manchen Seiten eben auch gelobt wird. Und wie geht er denn mit dem Lob um, das womöglich aus der falschen Ecke kommt? Das sieht er, wie alles andere auch, entspannt.

Vernünftiges und Hysterisches

Es sei ähnlich wie beim Schreiben, erklärt Kehlmann: "Nicht alle Leute, denen ein Buch gefällt, wird man zu seinen Freunden zählen wollen." Im Übrigen, so fügt er an, habe er jede Menge von positiven Reaktionen bekommen "von Leuten, die man keineswegs ins reaktionäre Eck stellen würde". Es habe "einige vernünftige und nachvollziehbare Stellungnahmen im Feuilleton" gegeben, aber "eine Unmenge" von "hysterischen und grellen" Statements. Warum hat er keine Namen genannt? "Weil ich in der Eröffnungsrede keine Theaterkritik betreibe". Und zum Vorwurf, er kenne die Theatersituation gar nicht, über die er redete, meint er, Dramaturgen hätten sinngemäß gesagt: "Wer uns kritisiert, kann nicht ins Theater gehen."

Wenn man Kehlmann so reden und ausweichen hört, festigt sich der Eindruck, dass die ganze Aufregung eigentlich nicht hätte sein sollen. Zu unverbindlich die Argumente, zu klein der Horizont. Auch wenn Thomas Oberender, der Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele von der Eröffnungsfestrede jetzt als einem "Plädoyer für Scheuklappenlosigkeit" spricht. Wie elegant er das zu formulieren weiß!

Kaum geboren, schon ein Showmann

Kehlmann kann's besser, denn was er ist, das ließ ihm Schriftsteller-Kollege Peter Handke ja gerade heute via Interview in den Salzburger Nachrichten ausrichten: "Der ist ja fast dafür geboren, aus dem Mutterleib geschlüpft und war schon ein kleiner Showmann." Ob Handke das Wort "klein" ein klein wenig betont hat? Der kleine Showman Kehlmann ist sich jedenfalls jetzt der großen Aufgabe doppelt bewusst: Wenn man die Einladung zu einer solchen Rede annehme, laufe man in Gefahr, in den Tonfall "Lasst uns jetzt der großen Kunst huldigen" abzudriften.

Da sei es wichtig – Kehlmann weiß, wonach die Geisteswelt lechzt –, "dass man sich nicht im Weihedienst verliert". Aber zu der Gelegenheit dürfe man "eben nicht über den Ausstieg aus der Atomenergie reden, sondern schon zum Kontext", denn: "Gott bewahre uns vor Eröffnungsreden, die den hohen Ton der fünfziger Jahre weitertragen!"

Thomas Oberender wiederum kalmiert auf Teufel-komm-raus. Bei allem Dissens sei "die Sache eine, die zu debattieren gut tut". "Ich kann gut leben mit der Rede", versichert Oberender jedenfalls, weil er selbst "einige Theaterstücke geschrieben und Regisseure verflucht habe". Aber oft seien Regisseure eben auch "Retter".

Der Zufall führt Regie

Oberender erwähnte allerdings auch, dass nicht er die Einladung an Kehlmann zur Eröffnungsrede ausgesprochen habe. Das ist bekanntlich Sache der Salzburger Landesregierung. Die hat sich der Einfachheit halber für den diesjährigen "Dichter zu Gast" der Festspiele entschieden. Auf wen das Eröffnungsrede-Glück fällt, ist ja tatsächlich Jahr für Jahr überraschend. Vom Dalai Lama bis zu Elke Heidenreich reichte die Palette schon. Boris Beckers Wäschekammer-G'spusi Ermakova und die Hochglanz-Stripperin Dita von Teese waren heuer ganz obenauf in den Promi-Schlagzeilen. Vielleicht macht ja eine von den beiden nächstes Jahr das Rennen.

Sprich: Wer hinter der Festredner-Kür System vermutet, im Fall von Kehlmann also eine ideologische Meinungsmache, liegt völlig falsch. Was die Salzburger Eröffnungs-Festreden anlangt, führt eher der Zufall Regie. Hauptsache, es fällt überhaupt irgendwem irgendwer ein. Die öffentliche Aufmerksamkeit für Teese und Ermakova rund um die Festspiele haben übrigens auch den kleinen Showman Daniel Kehlmann verwundert und er ortet da eine "merkwürdig parallel laufende Welt". Ein Stoff für weiteres Schreiben? "Alles, was einem als Schriftsteller zustößt, sollte ein literarisches Nachspiel haben."

Wir warten also gespannt auf ein Buch über Ermakova, von Teese und das Regietheater. Es darf auch ein Bühnenstück sein.

Hier lesen Sie eine Zusammenfassung der öffentlichen Reaktionen auf Kehlmanns Eröffnungsrede.
Und hier die anderen nachtkritik-Texte zur Kehlmann-Debatte:
Kommentar zur Eröffnungsrede
(27.7.09)
Redaktionsblog über das Mediengemurmel (4.8.09)