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Gelungener Etikettenschwindel

von Thomas Askan Vierich

Wien, 14. April 2010. Die Ankündigung des Burgtheaters klang nach ausgemachtem Blödsinn. Intendant Hartmann probt öffentlich "Krieg und Frieden", nutzt dabei "mit seinen Schauspielern das Theater als Erkenntnisraum und lädt das Publikum ein, an diesem aufregenden Prozess teilzunehmen".

Um es gleich vorwegzunehmen: Ein ausgemachter Blödsinn war es nicht. Eher ein Etikettenschwindel. Zwar sprach Matthias Hartmann zu Beginn des Stücks zum Publikum, das sei alles noch nicht fertig, sie hätten gestern erst Texte umgestellt und die Technik könne hie und da ausfallen. Dann würde er auch eingreifen. Dazu ist es nicht gekommen.

Doch offenbar hatte der Regisseur durch seine Ansprache Druck aus dem Unternehmen herausgenommen. Plötzlich war da eine Lockerheit und Intimität. Plötzlich war dieser Anspruch auf Perfektion weg, für alle Beteiligte eine spürbare Erleichterung. Auch fürs Publikum.

Schlachtengetümmel und Erotik

Dazu trug auch der Theaterraum an sich bei. Das Kasino war früher ein Offiziersclub der österreichischen Armee. Mit seinem vollbusigen Klassizismus bietet es genau die richtige Kulisse für eine Dramatisierung von "Krieg und Frieden", wenn sich vor der Folie des Koalitionskriegs geg en Napoleon die Dekadenz der russischen Oberklasse entfalten darf. Die einfachen Soldaten verrecken an der Borodina, während ihre adligen Offiziere vom Ruhm auf dem Schlachtfeld träumen und sich die Daheimgebliebenen auf Soirees die Zeit mit Liebeständeleien, Zocken und Duellen vertreiben.

Hartmann und sein Team haben einige Schlaglichter aus Tolstois Riesenroman herausgepickt - und dabei den Schwerpunkt auf Schlachtengetümmel und Erotik gesetzt. Wobei ihnen das Schlachtengetümmel besonders gut gelingt. Vor allem akustisch.

Das Bühnenbild von Johannes Schütz besteht aus circa 50 quadratischen, graublau gestrichenen Holztischen und ebenso graublauen Stühlen. Die werden meist zu einer den ganzen sehr breiten Bühnenraum querenden Tafel zusammengerückt. Auf und an dieser Tafel findet das Geschehen statt. Und was man alles mit Stühlen und Tischen anstellen kann! Wenn die Schauspieler mit den Fingern auf die Tischplatte trommeln, klingt das, elektronisch verstärkt, tatsächlich wie in die Schlacht marschierende Soldaten. Die Schlacht selbst wird dann mit aufeinanderkrachenden Tischen akustisch simuliert. Das Ganze, vom infernalischen Gebrüll aller Beteiligten begleitet, lässt einem kalte Schauer den Rücken hinunterlaufen. Dagegen wirken einige Videoeinspielungen einfach kitschig und der wabernde Nebel, begleitet von einem diesen Nebel evozierenden Text, platt.

Im Erkenntnisraum auf den Stuhl gestiegen

Aber diese Dopplungen gehören zum Konzept dieses Abends. Immer wieder sprechen die Schauspieler, die mit spürbarer Freude in beständig wechselnden Rollen agieren, über ihre Figuren. Ignaz Kirchner sagt: "Jetzt betritt Fürst Bolkonskij die Bühne." Und dann tut er das. Oder Oliver Masucci sagt als Anatol Kuragin: "Jetzt schaut Anatol Natascha stumm an." Und genau das tut er.

An solchen Stellen wird deutlich, dass die Textvorlage eben überwiegend beschreibende Prosa ist. Besonders witzig sind diese Dopplungen, wenn sie nicht ganz stimmen. Der eher klein gewachsene Udo Samel als junger Pierre Besuchow ist alles andere als jung. Trotzdem beschreibt er sich als jung und groß. Und steigt, um das zu unterstreichen, auf einen Stuhl. Auch Stefanie Dvorak darf als Hélène Kuragina oder als Mademoiselle Bourienne immer wieder ihr blendendes Aussehen betonen. Auch wenn sie ihre Rolle als Sexsymbol natürlich ironisch anlegt. Das zeichnet den ganzen, fast vier Stunden langen Abend aus: Nicht alles ist wirklich bierernst gemeint, die Schauspieler können über sich selbst lachen.

Vergnügen der besseren Gesellschaft

In seltenen Momenten gibt es auch Gelegenheit für ernste Töne. Wenn zum Beispiel Pierre und Andrej über den erbärmlichen Müßiggang der herrschenden Klasse streiten. Pierre möchte sich immerhin zu einem besseren Menschen aufschwingen und sogar die Bauern befreien. Was Andrej lächerlich findet. Damit würde Pierre nicht einmal den Leibeigenen selbst einen Gefallen tun. Die könnten mit ihrer Freiheit doch gar nichts anfangen und würden lediglich noch mehr saufen.

Doch das Hauptaugenmerk liegt auf den burlesken Vergnügungen dieser besseren Gesellschaft, die sich nicht einmal zu Tschechowscher Selbstzerfleischung aufraffen kann, sondern einfach nur hohl und oberflächlich ist. Auch wenn so das "Theater als Erkenntnisraum" nicht wirklich und schon gar nicht "gemeinsam mit dem Publikum" genutzt wird. Das Publikum sitzt wie üblich da und schaut zu. Aber Schwamm drüber.

Bloß eine "Probe" war das nicht wirklich. Auch wenn einmal ein Scheinwerfer effektvoll auf die Bühne krachte und sich die junge Yohanna Schwertfeger des öfteren verhaspelte, war diese "öffentliche Probe" - die Form soll bei den Aufführungen beibehalten werden - im Grunde ein ganz normaler Theaterabend. Man hat schon Langweiligeres aus dem Hause Burgtheater gesehen.

 

Krieg und Frieden
Teile aus dem Ersten Buch von Leo Tolstoi
Regie: Matthias Hartmann, Raum und Kostüm: Johannes Schütz, Dramaturgie: Amely Joana Haag, Musik: Karsten Riedel, Wolfgang Schlögl, Licht: Peter Bandl, Video: Moritz Grewenig, Hamid Reza Tavakoli, Harry Trittner.
Mit: Elisabeth Augustin, Monika Brusenbauch, Stefanie Dvorak, Sabine Haupt, Mareike Sedl, Yohanna Schwertfeger, Franz J. Csencsits, Sven Dolinski, Ignaz Kirchner, Peter Knaack, Fabian Krüger, Oliver Masucci, Rudolf Melichar, Udo Samel, Moritz Vierboom.

www.burgtheater.at

 

Mehr lesen über die Arbeit von Matthias Hartmann? Dann schauen Sie doch einfach einmal hier in unseren Glossareintrag. Zu Udo Samel hat nachtkritik.de auch ein paar Texte, und als Ignaz Kirchner Kammerschauspieler wurd' in Wien, haben wir das selbstredend gemeldet.

 

Kritikenrundschau

In der Süddeutschen Zeitung (16.4.2010) erklärt Helmut Schödel, dass er sich eine Probe nicht als Premiere anschaut und zwar schon auf dem Sprung war, sich dann aber gegen den Probenbesuch einer unfertigen Version von "Krieg und Frieden" entschieden habe. "Hartmann gehört nicht zu der Klasse von Regisseuren, deren Projektentwicklungen von so immenser Bedeutung sind. Das ist eher Selbstüberschätzung und Drückebergerei."

Ronald Pohl
berichtete für den Standard bereits vor vier Tagen (12.4.2010) von den Proben, bei denen Matthias Hartmann nicht müde wurde, "die Vorläufigkeit seiner Bemühungen zu betonen". Zwei Offiziere in grauen Armeemänteln bellen einander widersprüchliche Befehle ins Gesicht; die gerade nicht involvierten Schauspieler knallen mit Holzlatten auf den Boden, was den Eindruck unkoordinierten Musketenfeuers erweckt. "Die ganz große Weltgeschichte ist in Hartmanns Lesart die kleinere Kleinigkeit: ein heraufziehendes Chaos, mit einem blassen Gespenst als Willensträger der freien politischen Kräfte in der Türe." Hartmann halte die Probe in Balance "zwischen amüsierter Beobachtung und kritischer Verwaltung der für tauglich erachteten szenischen Lösungen".