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Das Selbst und sein Double

von Willibald Spatz

München, 26. Oktober 2007. Stefan Hunstein spielt an sich herum, er wagt zwar zuerst nicht, sich zu berühren oder sich anzusprechen. Doch dann geht was: Er tippt sich mit dem Finger auf den Bauch und zuckt daraufhin zusammen. Stefan Hunstein hat ein Double und eine Puppe, die ihn darstellt, mit auf der Bühne: Er kann also eine Menge mit sich anstellen.

Die Bühne steht im Haus der Kunst und schließt bald. Sie ist noch eine Nebenspielstätte des Bayerischen Staatsschauspiels, auf der einige schöne, etwas ausgefallenere Geschichten aufgeführt wurden. Eine der schönsten war vor vier Jahren die bizarre und verstörende Einrichtung des Sorokin-Textes "Ein Monat in Dachau" durch Stefan Hunstein.

Trauer, Pferdegewieher und Gedankenspalterei

Jetzt arbeitet er sich für die letzte Premiere im Haus der Kunst an Samuel Becketts "Gesellschaft" ab, was ihm ebenso gelungen ist wie der "Monat in Dachau". Weshalb man jetzt schon ein bisschen trauern soll um diese schöne Bühne und darüber, dass sie München nur noch gute zwei Monate erhalten bleibt.

Der Raum ist ziemlich groß und hat an den Wänden überdimensionale Spiegel. Unter einem ohrenbetäubenden Lärm, in dem man Pferdegewieher identifizieren kann, tragen Bühnenarbeiter von außen das Double Hunsteins, das in Wirklichkeit Ulrich Diehl ist, in die Mitte auf ein schwarzes rundes Podest. Darum stehen vier Fernseher. Aus ihnen hören die Zuschauer Text, eine halbe Stunde lang, während der nur wenig zu sehen ist. Sie hören eine Selbstvergewisserung und eine Selbstspaltung. Eine Stimme spricht den auf dem Podest Liegenden an und versichert sich, dass der, der da liegt, auch der Angesprochene ist und der Sprecher der Sprecher und beide doch dieselbe Person. Das ist verwirrend und faszinierend, es zwingt einen, sich voll auf das Wort einzulassen, und begeistert einen für Becketts Gedankenspaltereien.

Vodoo und Video

Darüber hinaus gibt es Rückblenden: Erinnerungen an Spaziergänge im Schnee oder an die eigene Geburt. Diese Passagen werden nun akustisch illustriert. Zu der Schilderung eines Nachmittagskaffees klappern zum Beispiel die Tassen. Dazu wird der übergroße Kopf des Sprechers an die Rückwand projiziert. Dadurch bekommt das Bild etwas Sakrales, es erinnert an einen Opferaltar. Stefan Hunstein hat eine gewisse Schwäche für Bombast, was der Veranstaltung in ihrer sonstigen Kargheit immer wieder gut tut.

Er selbst kommt unter dem Podest hervor und setzt sich mit dem Liegenden auseinander. Er lächelt über dessen Reglosigkeit, rät ihm, doch mal die Beine übereinander zu schlagen, und erschrickt, als der, der da liegt, es tatsächlich macht, als ob da ein Leben in ihm wäre, von dem er gar nichts weiß. Er redet von einer Ratte oder einer Fliege, die ihn für tot halten und ihn daher aufsuchen könnte. "Was für ein Beitrag zu Gesellschaft das wäre!", ruft er aus.

Er probiert verschiedene Arten möglicher Fortbewegung aus, umkriecht sich oder krabbelt den Spiegel an, was sehr lustig aussieht. Dann holt er ein Miniatur-Modell der Bühne hinzu und erklärt seine Lage anhand jener Voodoo-Puppe, die auf Berührung den echten Mann in der Mitte zum Zucken bringt. Auch hier blitzt mächtig Ironie auf, die durchaus in dem Text steckt.

Selbstmultiplikation

War der Anfang praktisch ein Hörspiel, steigt der Grad der Bebilderung zum Ende der 75-minütigen Aufführung gewaltig an. Die Fernseher zeigen nun auch Bilder, selbstverständlich von Hunstein. Er klopft auf einen schwarzen Schirm und sieht sich, sich selbst ansummend oder auf dem Kopf stehend oder sich drehend. Er umkreist sich auf dem Podest und legt sich zu sich selbst, dabei wird er treppenartig und vielfach auf die Rückwand projiziert. Die Spiegel an der Seite helfen ihm, sich ins Unendliche zu multiplizieren und dabei die eigene Einsamkeit zu potenzieren.

"Gesellschaft" in der Hunstein-Variante ist ein schlaues Spiel mit einem Text, ein geschicktes Ausprobieren der Möglichkeiten, mit denen man Worte darstellen kann. Abgesehen davon, dass Stefan Hunstein ein toller Schauspieler ist, besitzt er ein gutes Gespür dafür, wie viel man seinem Publikum zumuten soll und darf. Das ist selten genug, und darum ist es doppelt schade um diese Bühne und diesen Abend, der mit ihr verschwinden könnte.

 

Gesellschaft
von Samuel Beckett
Deutsche Übersetzung von Elmar Tophoven
Regie: Stefan Hunstein; Bühne und Kostüme: Peter Schultze; Musik: Axel Nitz; Video: Jana Schatz.
Mit: Stefan Hunstein und Ulrich Diehl.

www.bayerischesstaatsschauspiel.de

 

Kritikenrundschau 

Bereits der Auftakt dieser "multimedialen Installation" von und mit Stefan Hunstein sei "stark", meint Gabriella Lorenz in der Münchner Abendzeitung (29.10.2007). Und wenn später die Stimme durchs "Halbdunkel" wandere und Hunstein erst nach 30 Minuten "hervorkriecht", sei dies ein "witziger Verblüffungsmoment". Dann treibt Hunstein "Becketts Aufspaltung des Denkens in Sprecher und Hörer weiter", vervielfältige sich in den Projektionen, den seitlichen Spiegelwänden, den Monitoren. Der Einsame verschaffe sich im Dialog mit sich selbst jene "Gesellschaft", von der der Text spricht. Der "kryptische Text" erfordere viel Konzentration, doch Hunsteins "facettenreiches Spiel" mache auch "das Rätselhafte zum bleibenden Eindruck".

Mit Becketts "Gesellschaft" verlasse Stefan Hunstein "die Oberfläche der Lebensrealität und bewegt sich ins Innere des Individuums", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutsche Zeitung (München Kultur, 29.10.2007). Denn dieser späte Prosatext sei der "Versuch eines Sprechers, sich über das Sprechen allein seiner selbst bewusst zu werden". Das klinge zwar "abstrakt", doch stellten sich "in der von Hunstein selbst geschaffenen Text-Installation Momente der Erkenntnis ein." Im Wechsel zwischen den von der Inszenierung entworfenen Ebenen, "obwohl von Hunstein mittels der technischen Hilfsmittel klar definiert", weiche "der Text selbst seine Struktur auf". Und "an deren Stelle tritt die Frage, was, außer dem eigenen Denken, das ja letztlich immer außerhalb einer Gesellschaft steht, das Individuum definiert. Die eigene Wahrnehmung entsteht im Dialog, und sei es mit sich selbst."

Ein "sprachgewaltiges Experiment" mit einem "harten Brocken" von Text sei Hunsteins Inszenierung, meint Georg Kasch in der tz (29.10.2007). Er setze dabei auf die "Musikalität" und "Kraft" von Becketts Sprache. Hunstein selbst trete dabei zugleich als "Gedankenzergliederer" und "Gedankenvermittler" auf: "Er illustriert, was er sagt, spricht vom Kriechen und krabbelt selbst auf allen Vieren herum." Oft gelinge es so, "den Text erlebbar zu machen". Denn Hunsteins "klangfarbenreiche Stimme" spüre den Worten nach und entdecke "unerwarteten Sprachwitz". Wer sich auf dieses Experment einlasse, werde "doppelt belohnt": mit "Denkvergnügen" und "ergreifender Schauspielkunst".