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Wer hat die Kokosnuss geklaut?

von Ralf-Carl Langhals

Heidelberg, 10. November 2007. "Die Affen rennen durch den Wald, der eine macht den andern kalt, die ganze Affenbande brüllt: Wer hat die Kokosnuss geklaut?" Wer kennt es nicht, das Kinderlied, in dem alle nur das eine wollen, die Kokosnuss, die Köstlichkeit, die Macht. Doch leider ist sie verschwunden, auch auf der Städtischen Bühne, der so schmucken wie maroden Hauptspielstätte des Heidelberger Theaters, wo Peter Spuhlers drittes schwungvolles Leitungsjahr das "Streben nach Glückseligkeit" untersucht.

Mareike Mikat, eine derzeit angesagte Absolventin der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch", hat des Sophokles "Antigone" in der Nachdichtung von Walter Jens inszeniert, was uns nicht von der Frage nach Kokosnuss und Macht befreit. Im Gegenteil. Wie ein Pendel kreist eine solche haarige Frucht über der Bühne von Maike Storf: einer offenen Sperrzone mit Projektionssegeln, Drehtür und Sperrholz-Halfpipe. Auf letzterer vergnügen sich Antigone, ihre Schwester Ismene und ihr Verlobter Haimon bereits während des Einlasses mit Klapprad und waghalsigen Sprüngen.

Alles kreist unter dem Zepter

Thebens Bestand ist auf fragwürdige, aber militärisch eindeutige Weise gesichert, die kreisende Nuss wartet als Zepter der Macht auf Zugriff. Die Brüder Polyneikes und Eteokles haben sich auf dem Schlachtfeld bereits eins auf die Nuss gegeben und sich gänzlich den Garaus gemacht. Onkel Kreon greift nun nach der Macht, wie gesagt eine haarige Angelegenheit – besonders im fluchbeladenen Hause der Labdakiden, also der hinlänglich als problematisch bekannten Ödipus-Sippe, deren Namen immer mal wieder auf Pappkreuzen aus einem Bühnendeckel geklappt werden.

Polyneikes wird, weil er angeblich auf der falschen Seite stand, das Begräbnis verweigert. Der Sonne, den Hunden und den Vögeln will Kreon den Leichnam ausgesetzt sehen. Wer gegen sein Bestattungsverbot verstößt, dem droht der Tod. Ein tyrannisches und machtbesoffenes Verbot, das Dreh- und Angelpunkt der Tragödie ist, und dem sich Titelheldin Antigone mutig widersetzt.

Nur Antigone hat den Durchblick

Die Schauspielerin Monika Wiedemer ist mehr als Antigone, sie ist ein Anti-Alles mit Pudelmütze, und damit wir auch verstehen, dass sie mit dieser Haltung die einzige Figur mit Durchblick ist, hat man ihr zwei hübsche Augen auf die Mütze gestickt. Während Ismene noch mit doofem Nerzmäntelchen und Platinblond auf den höhere Töchter-Nimbus von vorvorgestern setzt, revoluzzt Antigone aufgeweckt für Menschenwürde und gegen Onkel Kreon.

Ismene singt das Liedchen vom kleinen Spatzen, das Moritz Krämer nicht nur Antigones überangepasster Schwester, sondern auch Annett Louisan auf den Leib komponiert zu haben scheint.  Der Onkel bleibt stur, hört weder auf seinen Sohn Haimon (Björn Bonn), der ihn in einem kurzen, aber starken Auftritt die Leviten in Sachen Machtverständnis liest, noch auf den weisen Seher Teiresias. Klaus Cofalka-Adami, eine der großen Stützen des Heidelberger Ensembles, gibt den grimmen Kreon äußerst unaufgeregt als Elder Statesman in spe. Das Aufbegehren der Jugend kümmert ihn wenig, wer am Drücker sitzt, hat das Sagen: Ende der Durchsage, der Rest ist Geschichte.

Widerstand jetzt gegen die Verführbarkeit zur Macht

Die Utopie vom konsequenten Widerstand hat Mareike Mikat dennoch zum zentralen Thema ihrer Inszenierung gemacht. Antigone häkelt sich einen bunten Öko-Mantel und wird zur Kultfigur jugendlichen Aufbegehrens. Auf ihrem Wachturm hängen verulkte Spontiparolen wie "Walrecht für Aale!", "Kreon go home!" und "Schafft das Erben ab!" Antigone kann Polyneikes nicht vergessen, und schleppt ihn als schwarzen Struwwelkopf im aufgeblähten Jogginganzug über die Bühne.

Im Programmheft verraten uns Maike Storfs Skizzen, dass die Dauerpräsenz des wandelnden Leichnam ursprünglich im Affenkostüm vorgesehen war. Der Affe ist gestrichen, die Kokosnuss blieb - diesen Transfer muss man erst einmal leisten. Auch Polyneikes griff einst nach der Kokosnuss und ist jetzt allenfalls der alte Affe Angst. Die Verführbarkeit zur Macht ist ein Schreckgespenst dieser jungen milden Generation, die Machthaber alten Zuschnitts gründlich satt hat.

Zwischen Groteske und heiligem Ernst

Der Wächter (Frank Wiegard) erscheint im Verdi-Warnstreik-Outfit, der antike Chor ist ein schnauzbärtiger Rotkäppchen-Jugen(d)club – und längst verführt. Chorführer Holger Stockhaus sorgt als Borat-Parodie für Lacher, erweist sich aber als gefügiger Macht-Azubi und Leiter der angepassten Lehrlinge der Kreon-Jugend. Theben, Kasachstan und die USA sind eben überall.

Ideenreichtum, Verallgemeinerungswahn und Verulkung sind hier vielleicht das Hauptproblem von Mareike Mikat. Der Inszenierung mangelt es an nichts, was an der Hochschule "Ernst Busch" für junge Regie steht: Pappe, Sperrholz, Strickmützen, flotte Liedchen, Klappräder und aufgeklebte Bärte. In Sachen Text schwankt Mikat zwischen heiligem Ernst, Groteske und Ungerührtheit. Man hätte ja kein Problem mit einem Generationswechsel, wenn man nur wüsste, was die nächste Generation besser macht: "Schafft das Erben ab" ist vielleicht ein Anfang. Die Kokosnuss ist jedenfalls im Laufe des Abends irgendwann abhanden gekommen. Was sollen wir singen? "Wo ist die Kokosnuss", "Kinder an die Macht" oder "Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit"?


Antigone
von Sophokles, Übertragung von Walter Jens
Regie: Mareike Mikat, Ausstattung: Maike Storf, Musik: Moritz Krämer.
Mit: Ute Baggeröhr, Monika Wiedemer, Björn Bonn, Klaus Cofalka-Adami, Holger Stockhaus, Frank Wiegard.

www.theaterheidelberg.de

 

Kritikenrundschau

Unter der Überschrift "Auf dem Rummelplatz der bürgerlichen Seelen" berichtet Alfred Huber (Mannheimer Morgen, 12.11.2007) von einem "modernen Antiken-Zirkus". Das "Theater des Todes" sei bei Regisseurin Mareike Mikat auch "eine Stätte der Freude, des Tanzes und der Musik". Was aber "fröhlich und bunt" beginnt, "gewinnt auch später leider kaum an Konturen. Im Gegenteil. Die Tragödie versinkt allmählich im Fahrwasser kontextfreier Unterhaltsamkeit." Dass die Figuren "heutzutage nicht mehr Träger allgemeingültiger Wahrheiten sein können", mag der Kritiker noch teilen, doch gebe es keinen Grund, "die frei gewordenen Denkpositionen gleich mit Albernheiten und Banalitäten aus dem Reservoir lebenspraktischer Alltäglichkeiten zu besetzen". Trotz "anrührender Momente" verwandle der Abend "die Schrecken der Welt in ein schrilles Potpourri aus Zivilisationskritik, Feminismus und Komödien-Ekstatik".

Monika Frank in der Rhein-Neckar-Zeitung (12.11.2007) vermeldet das Gebotene zwar ohne innere Anteilnahme, aber auch ohne weiterführende Bedenken: "Wer hätte gedacht, dass antikes Drama so leicht zur Comedy-Maschine umfunktioniert werden kann, die Gag um Gag ausspuckt." Mareike Mikats "auf zwei Stunden Spieldauer gekürzte Strichfassung vermischt die klassischen Dialoge beherzt mit dem Spruchblasen-Jargon unserer Tage, die sprachliche Schönheit der Nachdichtung von Walter Jens (...) kommt nur beim Chor noch ungestört zur Gerldtung."  Fazit: "Fröhliches Treiben", der Laienchor agiere "alles andere als dilettantisch", Ute Baggeröhr als Ismene "singt ein rührendes Spatzen-Lied" und die "Stummfilmgestik" von Holger Stockhaus als Chorführer und Teiresias sei "virtuos".