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Die Stunde der Totentänzer

von Andreas Wicke

Göttingen, 15. Dezember 2012. Laute Beats, vier Stühle, vier Personen auf der kargen Bühne. Vom Seeblick ist nichts geblieben als das leuchtende Wort auf der kahlen, schwarzen Wand. Die zwei Paare unterhalten sich, aber sie können nicht miteinander reden, schauen sich nicht an. Die Kommunikation ist gestört, Sätze werden abgebrochen, Vortragsmodus: staccato. Die Stühle dienen nicht als Sitzmöbel, sondern werden über die Bühne getragen, Gemütlichkeit sieht anders aus.

Dann noch der scheinbar nebensächliche Aufdruck auf Eddies T-Shirt: "4.48". Der durch Sarah Kane sensibilisierte Theatergeher ergänzt: Psychose, Selbstmord. Von Anfang an ist klar, dass sich hier kein fröhliches Zusammensein, keine Partystimmung entfalten wird. Wieder könnte man ergänzen, geübte Theaterbesucher wissen ohnehin, dass zwei Paare auf einer Bühne – egal ob bei Edward Albee oder Yasmina Reza oder ... – sich niemals gut unterhalten, sondern nach und nach zerfleischen werden. Bei Dea Loher allerdings findet man Anspielungsreichtum, Verweisdichte und Sprachsuggestion in einem Maß, das bisweilen vergessen lässt, dass diese Idee nicht einmalig ist.

Alptraumbegegnung zweier Paare

Die beiden Paare in "Am Schwarzen See" treffen sich zum ersten Mal seit vier Jahren, und erst sehr allmählich wird klar, dass ihre beiden Kinder Fritz und Nina sich damals zusammen umgebracht haben. Wojtek Klemms Göttinger Inszenierung, die zweite nach der Berliner Uraufführung am 26. Oktober dieses Jahres, sucht nach einer Sprache für das, was jenseits der Sprache passiert, und findet sie in der Bewegung, im Tanz der Darsteller. Vom Schmuseblues bis zur Ekstase zeigen Else und Johnny sowie Cleo und Eddie, was sie nicht sagen können und eigentlich auch nicht sagen wollen. "Da reden wir nicht so / nee / das ist anders geregelt", definiert Eddie (s)eine Ehe.

Und wenn über die Vergangenheit, die kurze Liebe der beiden Kinder, ihren 15. Geburtstag, den Abschiedsbrief oder den Selbstmord im Schwarzen See gesprochen wird, dann im Modus des Traumes. Tanzen und Träumen sind in dieser Inszenierung die Möglichkeiten der Verständigung, allerdings wird der Tanz zum Totentanz und der Traum zum Alptraum. "DAS HIER IST NICHT SCHÖN", hatten die Kinder in ihrem Abschiedsbrief geschrieben und durch die Großschreibung offen gelassen, ob es sich um "das Hier" oder "das hier" handelt.

amschwarzen-see-06-1 560 thomas mueller uBlueser: Andreas Jeßing, Nadine Nollau, Andrea Strube und Meinolf Steiner © Thomas Müller

Hand in Hand in den Tod

Während sich der Text im Laufe seiner hundert Seiten immer stärker verdichtet und verdüstert, gelingt das auf der Bühne nicht in gleichem Maße. Am Anfang wird die Verlegenheit der Beteiligten von einer klaren Figurenregie begleitet, komische Momente kämpfen an gegen die dunkle Stimmung, schnell überträgt sich die Unbehaglichkeit der Situation, ohne dass man wüsste, worauf dieses Treffen hinausläuft. Doch in der Folge führen zu viel Bewegung, zu viel Tanz, zu viel und vor allem zu unterschiedliche Musik dazu, dass die Produktion nur ansatzweise in ihren Bann zieht, dass die tragische und mit Romantizismen spielende Geschichte der zwei liebenden Kinder, die gemeinsam Hand in Hand den Tod im Wasser suchen, nur bedingt berührt.

Man muss die Reduktion der Autorin aushalten, wenn man diesen Text Dea Lohers auf die Bühne bringt. Nicht dass die Ideen der Regie ohne Wirkung blieben, aber der suggestive Sog des Stückes ließe sich durchaus steigern. Die quälenden Fragen nach dem Warum, die Sinnlosigkeit des Weiterlebens, die ungestillten Sehnsüchte, all das wäre vermutlich eher auf den Betrachter übergesprungen, wenn man den Text stärker zum Mittelpunkt gemacht hätte. Formulierungen wie "Ja und / Was / Waswas / Was hat das damit / Was" oder "Ich wünschte nur / wir könnten / wir hätten / wir beide" brauchen keine Regie, sie brauchen Sprache.

Zu viert, aber allein

Dennoch sind die Bilder deutlich, in denen die Darsteller vorführen, wie unterschiedlich sich vier Menschen zueinander verhalten, sich anziehen und abstoßen können und wie es möglich ist, dass man auch zu viert allein ist. Andreas Jeßing als erfolgreicher Banker Johnny ist zwanghaft beherrscht und immer kurz vorm Explodieren, seine herzkranke Frau Else, gespielt von Nadine Nollau, hingegen in permanenter Vorwurfshaltung. Meinolf Steiner gibt Eddie mal manisch, mal naiv, mal verklemmt, während Andrea Strube als seine Frau Cleo eine unnatürliche Natürlichkeit verkörpert, die durchaus hypnotische Momente hat.

Es sind vier Einzelkämpfer auf der Bühne, die nicht wissen, wie sie wirklich zueinander stehen. Das Leben ist für sie ein einziges Aushalten. "Dabei gehen wir / so schnell vorüber / von einem Moment / zum andern / ein Lidschlag / und wir sind vorbei / ein Wimpernzucken / und wir sind gewesen / Pause / So siehts aus", sagt Eddie.


Am Schwarzen See
von Dea Loher
Regie: Wojtek Klemm, Ausstattung: Mascha Mazur, Choreografie: Efrat Stempler, Musik: Micha Kaplan, Dramaturgie: Lutz Keßler.
Mit: Nadine Nollau, Andreas Jeßing, Andrea Strube, Meinolf Steiner.
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

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Das besagte Sarah-Kane-Werk 4.48 Psychose sah nachtkritik.de zuletzt in der Regie von Johan Simons an den Münchner Kammerspielen und beim Berliner Theatertreffen 2012.


Kritikenrundschau

Eine "durchdachte Inszenierung" mit "klaren Bildern" und einem "präsenten Darstellerquartett" hat Bettina Fraschke für das Onlineportal der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen Zeitung hna.de (17.12.2012) in Göttingen gesehen. Allerdings habe die Arbeit auch "einige Intensitäts-Hänger". "Überflüssiger Emotionskleister ist außerdem Micha Kaplans aufdringliche Musik." Dagegen sei die "Regie-Idee, die Suche der Figuren nach Halt in einer permanenten Bewegungschoreografie (Efrat Stempler) umzusetzen", überzeugend: "Das Leben ist ein Tanz der Verzweiflung."

Einen „ungeheuer dichten und emotionalen Abend" hat Peter Krüger-Lenz für das Göttinger Tageblatt (17.12.2012) gesehen. "Immer wieder dringt er in die Tiefe vor, dann wieder schafft er Raum zum Verschnaufen, wenn er die Figuren in kurzen Passagen artifiziell agieren lässt." Klemm warte mit "vielen einfachen, aber schlagenden Bildern auf" und zeige "viel Gespür für Rhythmik und Spannungsbögen – und für die Führung seiner Schauspieler". Fazit: "Es gehört schon eine Menge Theater-Enthusiasmus dazu, vier Menschen eineinhalb Stunden bei der Trauerbewältigung zuzuschauen – oder die Lust auf große Regiearbeit, beeindruckendes Schauspiel und die Sprachkunst Dea Lohers."

"Schonungslos offen, abgenutzt und roh – der erste Eindruck, und der wird bleiben bis zum Ende", schreibt tok in der Braunschweiger Zeitung (20.12.2012). Die Bühne sei nur Rampe, von der die Hinterbliebenen ihren bohrenden Schmerz in die Welt trügen. Das "Warum" schwebe 100 Minuten im Raum und in der letzten Konsequenz dürfe das Publikum die Antwort selbst finden. Die Wahrheit liege zwischen den Bruchstücken der Erinnerung. "Deshalb ist die Inszenierung von Klemm eben Theater für Erwachsene."